9.2 Die Abschiedsreden Jesu

Jh 14-16

Die Kapitel 14-16 sind zu umfangreich, um jedes Detail zu besprechen. Es empfiehlt sich auch an dieser Stelle, nicht Vers für Vers durchzugehen, da das Material nicht stringent strukturiert ist. Viele Themen werden an mehreren Stellen angesprochen. Daher werden wir uns an dieser Stelle einige der wichtigsten Themen ansehen. 

Vom Hingang zum Vater: Ein wichtiger thematischer Handlungsbogen im Johannesevangelium ist folgende Bewegung:

  • Jesus kommt vom Vater auf die Erde
  • Jesus offenbart der Welt den Vater
  • Jesus kehrt zum Vater zurück.

Im Zeitplan sind wir jetzt kurz vor der Rückkehr zum Vater, dementsprechend nimmt dieses Thema in den letzten Kapiteln viel Raum ein. Der Gedanke, dass Jesus sie bald verlassen könnte, ist für die Jünger sicherlich unangenehm. Ihn gekreuzigt zu sehen (bzw. von seiner Kreuzigung zu hören) wird für sie ein noch tieferer Schock sein und alles, was sie über Jesus zu wissen glauben in Zweifel ziehen. Dementsprechend ist Jesus hier bemüht, die zu trösten und sie vorzubereiten und sie zu ermutigen, an ihn zu glauben. 

Zunächst betont er, dass er ihnen vorrausgeht, um Wohnungen vorzubereiten und er macht sie darauf aufmerksam, dass das nur Sinn macht, wenn er auch plant, sie zu sich zu holen. Allerdings sagt er auch, dass die Jünger den Weg bereits kennen. Darauf folgen selbstverständlich Rückfragen. Hier antwortet Jesus mit einem weiteren seiner „Ich bin“ Worte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Auf weitere Nachfrage betont er, dass jeder, der ihn gesehen hat auch den Vater gesehen hat: Jesus ist derjenige, der den Vater offenbart. Dieser Punkt ist ihm so wichtig, dass er mehrfach auf ihn zurückkommt.

Gegen Ende des Gesprächs (16,29-32) kommen die Jünger zu dem Schluss, dass sie glauben, dass er von Gott ausgegangen ist. Das scheint auch das Ziel zu sein, auf das Jesus in diesem Gespräch abgezielt hat. Mit diesem Bekenntnis in der Hand begibt Jesus sich dann nämlich zum Gebet, auf das die Verhaftung folgt.

Vom Kommen des Geistes: Jesus macht allerdings auch deutlich, dass er die Jünger nicht allein zurücklässt. Er kündigt an, dass er den Vater bitten wird, damit dieser seinen Geist sendet. Diesen Geist stellt er den Jüngern als Helfer, Tröster und Fürsprecher vor. In diesen Reden wird mehr als in allen anderen Passagen in den Evangelien deutlich, dass es sich beim Heiligen Geist um eine Person handelt. Johannes der Täufer hatte beispielsweise angekündigt, dass Jesus „in heiligem Geist“ taufen würde. Das Fehlen eines Artikels lässt dabei die Frage offen, ob es sich um eine Person, eine Kraft o. ä. handelt.

Eine weitere Aufgabe des Geistes ist es, dass er die Jünger lehrt. Jesus sagt, dass er sie in alle Wahrheit führen wird. Allerdings bespricht er die Aufgabe des Geistes nicht nur im Hinblick auf die Jünger, sondern auch auf die Menschheit als Ganzes. Er wird von Jesus Zeugnis ablegen und die Welt von Sünde und Gerechtigkeit überführen. Und er wird Jesus verherrlichen.

In vielerlei Hinsicht wird der Heilige Geist also die Rolle übernehmen, die Jesus bereits gespielt hat. Einer der Effekte davon wird sein, dass die Welt auf die Jünger so reagiert, wie sie zuvor auf Jesus reagiert hat nämlich mit Hass (mehr dazu unten). Trotzdem betont Jesus, dass es für die Jünger ein Vorteil ist, den Heiligen Geist zu empfangen, selbst wenn es bedeutet, dass Jesus sie verlässt.

Darüber hinaus betont er, dass der Geist ihnen nicht völlig fremd ist. Von Joh 14,17 existieren unterschiedliche Variationen in den antiken Manuskripten. Die Wahrscheinlichste ist aber: „er (der Geist) ist bei euch und er wird in euch sein“. Es gibt also bereits eine Beziehung zwischen den Jüngern und dem Geist. Was Jesus beschreibt klingt wie eine neue Qualität an Beziehung zwischen dem Geist und den Jüngern.

Der wahre Weinstock: Die Aussage aus Joh 15,1-8 ist sehr bekannt. Es handelt sich um das zweite „Ich bin“ Wort in diesen Reden. Das Thema Frucht bringen ist uns bereits bei Johannes dem Täufer begegnet. Es begegnet uns auch bei Jesus an vielen Stellen. Es ist allerdings davor schon in der biblischen Tradition bekannt, wo Israel mit unterschiedlichen fruchttragenden Pflanzen verglichen wird, auch mit dem Wein. Allerdings spricht das AT meist nicht vom Weinstock und seinen Reben, sondern von einem Weinberg. 

Betrachtet man diese Bibelstellen (siehe Übung in der Reflektion), erhält man fast den Eindruck, dass es sich um ein Gespräch zwischen Gott und dem Volk handelt. Das Problem war immer, dass Gott die Frucht, die er vom Volk erwartet, nicht finden konnte. Jesus liefert hier die Lösung für das Problem. Er bezeichnet sich selbst (und nicht etwa das Volk Israel) als den wahren Weinstock und macht deutlich, dass derjenige, der in ihm bleibt auch Frucht bringen wird.

Er spricht allerdings auch von der Beschneidung des Weinstocks. Im Weinbau war es damals üblich, dass Weinstöcke beschnitten werden, damit sie optimal Frucht bringen können. Diejenigen, die nicht in Jesus bleiben wird dieses Zurückschneiden angekündigt. Die Metapher lässt an die Gerichtssprache aus anderen Passagen denken. Verbunden wird das Ganze noch mit einem erstaunlichen Versprechen: Wenn die Jünger in Jesus bleiben und seine Worte in ihnen, dann verspricht er, dass sie bitten werden, was sie wollen und es wird ihnen gegeben werden.

Der Hass der Welt: Die Jünger verstehen noch nicht, was auf sie zukommt. Sie haben weder die Kreuzigung noch die Auferstehung begriffen. Was sie sehen werden ist ein Eindruck von dem Hass, den die Welt auf Jesus hat. Jesus hatte bereits versucht, sie darauf vorzubereiten, indem er ihnen gesagt hatte, dass sie Freude und Trauer erleben würden. Jetzt kündigt er ihnen an, dass auch sie dem Hass der Welt ausgesetzt werden. 

Er betont dabei, dass sie für sich selbst nichts Besseres erwarten sollen, als für ihren Meister. Die Welt hasst ihn, sie wird auch die Jünger hassen. In diesem Zusammenhang sagt er, dass sein Auftreten, zusammen mit der Botschaft und den Werken als Überführung von Sünde dienen. Weil Jesus unter ihnen war, haben sie keine Ausrede und keine Entschuldigung mehr. Dieses Werk wird der Heilige Geist durch die Jünger fortsetzen.