8.2 Am Anfang war das Wort

Jh 1,1-18

Im Gegensatz zu den anderen Evangelien, in denen hauptsächlich erzählt wird, erlaubt sich der Autor in den Johannesevangelien immer wieder längere Passagen, in denen er die Ereignisse kommentiert. Es ist z. T. nicht leicht auszumachen, welche Aussagen von Jesus kommen und welche ein Kommentar vom Evangelisten sind (Joh 3,16 ist ein gutes Beispiel). Dieser Prolog ist ein längerer Kommentar, der als Einleitung für das Evangelium dient und dem Leser einen Rahmen gibt, anhand dessen er die Ereignisse interpretieren soll.

Vom ersten Wort an wird deutlich, dass es sich bei Jesus um jemand Außergewöhnlichen handelt. Matthäus verfolgt die Linie Jesu bis Abraham zurück, Lukas bis Adam, aber Johannes macht deutlich, dass Jesus bereits vor der Schöpfung da war und bei der Schöpfung aktiv war. Er bezeichnet Jesus als das Wort (grie: Logos). Im griechischen Denken bezeichnet das Logos die Ordnung und Struktur, nach der die Realität geordnet ist. Es ist das, was das Universum zusammenhält. Der Begriff wird auch mit dem Erforschen dieser Strukturen in Verbindung gebracht. Er wird wegen diesem Zusammenhang heute noch für Wissenschaften, die diese Welt ja erforschen, verwendet (Biologie, Theologie)

Diese Verwendungsweisen waren Johannes und seinen Lesern vermutlich bekannt, aber es ist wahrscheinlich, dass sie mit dem Begriff eher den jüdischen Gebrauch in Verbindung gebracht hätten. Gottes Wort war das Wort der Propheten, dass in der Schrift festgehalten worden war. In diesen Schriften offenbarte Gott sich selbst und seinen Willen. Wenn Jesus hier als Logos beschrieben wird, dann bezeichnet er Jesus als die fleischgewordene Offenbarung Gottes.

Im Alten Testament wird Gottes Handeln manchmal so dargestellt, dass die Weisheit oder sein Wort als seine Agenten dargestellt werden. Beide werden auch mit der Schöpfung in Verbindung gebracht (z.B. Gen 1, Spr 8). Es entsteht der Eindruck, dass Johannes diese ganze Tradition nimmt und sie mit Jesus identifiziert. Er geht allerdings noch darüber hinaus. Die Weisheit wird beispielsweise als die erste der Schöpfungen Gottes bezeichnet. Indem Johannes sagt, dass das Logos von Anfang an war und vor allem damit, dass er es Gott nennt, durchbricht er diesen Rahmen und stellt es auf eine Stufe mit Gott. Weitere Verbindungen zum Wort sind: Das Folgen von Gottes Geboten bedeutet ein ewiges (im gesetz: langes) Leben und natürlich, dass Gott durch das Wort die Welt geschaffen hat. 

Nach dieser kurzen, aber unglaublich gehaltvollen Beschreibung wird zum ersten Mal Johannes der Täufer erwähnt. Er wird als Zeuge für das Licht dargestellt und es wird deutlich gemacht, dass er selbst nicht das Licht ist. Hier beginnt ein Trend, der sich durch das Johannesevangelium zieht: Jedes Mal, wenn Johannes erwähnt wird, wird er deutlich unter Jesus untergeordnet. Während die Synoptiker die Bedeutung von Johannes dem Täufer betont haben, scheint das Johannesevangelium ihn eher herabzusetzen. Der Hintergrund ist evtl., dass es Bewegungen in der frühen Kirche gab, die sich zu viel aus Johannes gemacht haben, sodass er zu einer Art Rivale für Jesus wurde.

Johannes beschreibt, wie das Licht in die Welt kam und folgt zunächst guter, jüdischer Tradition, als er sagt, dass die Welt, d. h. die heidnischen Nationen keine Erkenntnis haben. Überraschend ist dagegen, dass auch die Juden Jesus nicht angenommen haben. Die Überraschung ist umso größer, als er sagt, dass unabhängig vom ethnischen Hintergrund nur diejenigen Kinder Gottes genannt werden dürfen, die ihn angenommen haben. Von hier aus erzählt Johannes die Geschichte weiter. Die Geschichte zeigt dabei diverse Ähnlichkeiten mit der Geschichte vom Goldenen Kalb auf, der großen Kriese, die sich beim Schluss des ersten Bundes ereignet hat. Dabei wird auch deutlich, wie Jesus über die damalige Situation hinausgeht. Die Offenbarung Gottes dreht sich dabei auch in Exodus nicht einfach nur um Gottes Glanz und seine Herrlichkeit, sondern auch um seinen Charakter. Das gilt auch hier. In der folgenden Tabelle eine Gegenüberstellung der Parallelen:

Exodus 33-34 Joh 1,14-18
Offenbarung von Gottes Wort, der Torah Offenbarung von Gottes Wort, Jesus
Gott wohnte unter seinem Volk im Tabernakel (33,10); Moses bittet Gott, dass er weiter unter dem Volk wohnt (33,14-16) Das Wort wohnt (Wörtl.: Tabernakelt) unter dem Volk
Moses sieht Gottes Herrlichtkeit Die Jünger sehen die Herrlichkeit Jesu (1,14)
Die Herrlichkeit war voll Gnade und Wahrheit (34,6) Die Herrlichkeit war voll Gnade und Wahrheit (1,14)
Das Gesetz wurde durch Mose gegeben Das Gesetz wurde durch Mose gegeben (1,17)
Niemand kann Gottes ganze Herrlichkeit sehen (33,20) Niemand kann Gottes ganze Herrlichkeit sehen, aber in Jesus ist sie vollständig geoffenbart (1,18)