8.1 Einführung in das Johannesevangelium

Nachdem wir uns die letzten 5 Tage mit den synoptischen Evangelien auseinandergesetzt haben, wird es jetzt Zeit, dass wir uns das Johannesevangelium ansehen. Dieses ist nicht nur das letzte Evangelium in der Reihenfolge, die wir in der Bibel finden, sondern vermutlich auch das Evangelium, dass als letztes geschrieben wurde. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Autor zumindest eines der synoptischen Evangelien kannte und sein Evangelium bewusst als eine Ergänzung zu den anderen Evangelien geschrieben hat. Viele wichtige Momente aus den anderen Evangelien kommen hier nicht vor, wie z.B. die Einsetzung des Abendmahls. Dafür wird hier allerdings von der Fußwaschung berichtet und andere Gespräche am selben Abend werden weitergegeben.

Das Buch selbst nennt den Namen seines Autors nicht. Er macht aber deutlich, dass es sich um einen der zwölf Jünger handelt, er verwendet für sich die Selbstbezeichnung: „Der Jünger, den Jesus liebte“. Die altkirchliche Tradition nennt Johannes, den Sohn des Zebedäus als den Autor. Im Text des Evangeliums selbst steht nichts, was dem widerspricht. Folgt man dieser Tradition, dann handelt es sich um einen Bericht eines der Jünger, die am engsten mit Jesus verbunden waren. Auch hier gibt es kritische Anfragen von Seiten der historisch kritischen Bibelauslegung.

Dieses Evangelium ist vermutlich sehr spät entstanden. Ein Zeitraum zwischen 80 und 100 nach Christus wird oft angenommen. Der Tradition zufolge ist Johannes sehr alt geworden und der einzige Apostel, der eines natürlichen Todes gestorben ist. Es wird für gewöhnlich angenommen, dass das Evangelium in Ephesus geschrieben wurde, was der Tradition zufolge der Aufenthaltsort von Johannes im hohen Alter war. Auch die historisch kritische Forschung sieht Ephesus als den Abfassungsort. Das Evangelium wird dort der so genannten johanneischen Schule zugeordnet.

Auch inhaltlich setzt sich das Evangelium von den anderen Evangelien ab. Johannes scheint das Verständnis davon, wer Jesus ist, vertiefen zu wollen. Darum dreht sich bereits der lange Prolog. Jesus wird in diesem Evangelium deutlicher hervorgehoben und seine Göttlichkeit wird stärker betont als in jedem anderen Evangelium. Das wird unter anderem an den Wundern gezeigt, die von Johannes als Zeichen (die also auf etwas hinweisen) beschrieben werden. Unter diesen Zeichen sind auch viele Berichte, von denen wir in den anderen Evangelien nicht lesen. Zusätzlich zu diesen Wundern kommen 7 „Ich bin“ Worte. Diese Worte sind direkt mit dem Namen Gottes verbunden, der von den Juden damals kaum (und heute gar nicht) ausgesprochen wurde. Dass Jesus solche Aussagen macht impliziert also einen außergewöhnlichen Anspruch, den er erhebt. Im Rahmen dieses Kurses werden wir uns mehrere der Zeichen und der Worte ansehen.

Die sieben Zeichen des Johannesevangeliums:

  • Verwandlung von Wasser in Wein (2,1-11)
  • Die Heilung eines Sohnes eines königlichen Beamten (4,46-54)
  • Die Heilung des Kranken am Teich (5,1-15)
  • Die Speisung der Fünftausend (6,1-14)
  • Jesus geht auf dem See (6,16-61)
  • Die Heilung eines Blindgeborenen (9,1-12)
  • Die Auferweckung des Lazarus (11,1-46)

Die sieben „Ich bin“ Worte:

  • Ich bin das Brot des Lebens (6,35)
  • Ich bin das Licht der Welt (8,12; 9,5)
  • Ich bin die Tür (10,7.9)
  • Ich bin der gute Hirte (10,11.14)
  • Ich bin die Auferstehung und das Leben (11,25)
  • Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6)
  • Ich bin der wahre Weinstock (15,1)

Wir lernen Jesus aber nicht nur verstärkt in seiner Göttlichkeit kennen, sondern auch viel menschlicher und persönlicher. In diesem Evangelium lesen wir, dass Jesus um seinen verstorbenen Freund weint. Außerdem erleben wir Jesus weniger in öffentlichen Lehr und Konfrontationssituationen und viel öfter in privaten Gesprächen (Nikodemus in Kapitel 3, die Frau am Brunnen in Kapitel 4, die Jünger in Kapitel 13-16). Wenn Markus am Leben Jesu interessiert ist und Matthäus und Lukas an der Lehre Jesu, dann zeigt Johannes ein viel stärkeres Interesse an der Person Jesu. 

Es ist aber nicht nur Jesus, der viel Aufmerksamkeit erhält, sondern auch das, was wir ansonsten über Gott lernen. Jesus bezeichnet ihn in diesem Evangelium 121 Mal als Vater. Auch der Heilige Geist bekommt besondere Aufmerksamkeit, vor allem in den Kapiteln 14-16. Hier wird er als Tröster bzw. Beistand vorgestellt.