8.1.3 Der Vorabend der Reformation

Der Bruch mit dem Mittelalter geschah nicht über Nacht. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts konnten auf eine Reihe von Vorläufern zurückgreifen, von denen einige hier vorgestellt werden sollen.

Der englische Theologe Wilhelm von Ockham (ca. 1288-1347) lehnt die Vorstellung der Theologie als Wissenschaft ab. Theologische Wahrheiten sind für ihn Glaubenssätze und keiner logischen Beweisführung zugänglich – was allerdings nicht bedeutet, dass Glaubenssätze untereinander widersprüchlich sein dürfen. Die Grundlage des Glaubens bildet die Heilige Schrift, wobei Ockham keinen generellen Widerspruch zwischen ihr und der späteren kirchlichen Lehre sieht. Er schreibt: „Wer die Bibel liest, stimmt – falls er gläubig ist – unmittelbar allem dort Überliefertem zu, weil er alles glaubt, was von Gott offenbart ist.“ Ockhams Gottesbild ist geprägt vom Glauben an die potentia Dei absoluta. Gottes Wille ist an keine Ordnung gebunden, er kann frei über Erlösung und Verdammnis entscheiden, Menschen haben gegenüber Gott keinerlei Rechtsanspruch. Auch für die Ethik gilt somit, dass es keine ewigen Gebote geben kann, die von Natur aus gut wären. Nicht hindert Gott daran, auch andere Gebote gelten zu lassen. Gut ist, was Gottes Willen entspricht.

Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber Kirche und Papst wurde Ockham der Häresie angeklagt und musste aus England fliehend. Zuflucht fand er am Hofe Kaiser Ludwigs in München. In Deutschland wurde Ockhams Theologie im folgenden Jahrhundert von Gabriel Biel (†1495) in Tübingen aufgenommen. Über Biel fand Ockhams Lehre ihren Weg zu Martin Luther, der stark von ihr beeinflusst wurde.

Ebenfalls in England wirkte John Wycliffe (1330-1384), der sich als scharfer Kritiker des Papstes hervortat. Für Wycliffe bildete die Heilige Schrift die alleinige Grundlage des Glaubens, sie soll daher auch alleinige Richtlinie der Kirche sein. Den Handel mit Ablässen und Reliquien, den die damalige Kirche praktizierte, lehnte er vehement ab. Den Papst identifizierte er als den Stellvertreter des Antichristen, das Haupt der Kirche sei allein Christus. Um die Lehre der Heiligen Schrift gegenüber den Irrlehren der Kirche zu verteidigen, wurde die Bibel unter seiner Leitung erstmals vollständig ins Englische übersetzt. Obwohl viele seiner Lehrsätze (nicht aber er als Person) als häretisch verurteilt wurden, konnte Wycliffe dank seines Rückhalts am englischen Königshof bis zu seinem Tod unbehelligt in seiner Pfarrei in Lutterworth leben und arbeiten. Erst auf dem Konzil von Konstanz wurde er 1415 posthum als Häretiker verurteilt. Auf eben diesem Konzil wurde auch Jan Hus (1370-1415) als Ketzer verbrannt. Hus war stark von Wycliffes Ideen beeinflusst und versuchte auf ihrer Grundlage eine Reform der Kirche in Böhmen. Im heutigen Tschechien wird Jan Hus als Nationalheld gefeiert, der 6. Juli (Tag der Hinrichtung) ist ein nationaler Feiertag.