7.2 Die Kreuzigung

Mk 15,21-47

Für die Kreuzigung werde ich dem Ablauf des Markusevangeliums folgen und wo es sinnvoll ist ergänzende Aspekte aus Lukas und Matthäus einbauen. Der Prozess beginnt damit, dass die Soldaten Jesus verspotten. Sie haben schon Kontakt mit anderen jüdischen Messiaskandidaten gehabt. Sie haben kämpfen müssen und einige von ihnen mussten sterben.  Jesus wird als Rebellenführer behandelt und die Soldaten nutzen ihre Gelegenheit, ihre Rache zu nehmen. Dabei ehren sie ihn im Spott als König der Juden. Für den Autoren des Evangeliums handelt es sich hier aber nicht um Spott, sondern um die Wahrheit.

In der Kreuzigung lebt Jesus viele der Werte, die er zuvor gepredigt hat, aus. Ein Vergleich mit der Bergpredigt ist gewinnbringend. Jesus wird geschlagen und schlägt nicht zurück. Er gibt seine Kleider her und er wird gezwungen, eine Meile zu gehen. Er wird auf einem Hügel erhoben, wie die Stadt, von der er Eingangs gesprochen hatte und auch er kann in seiner Demütigung nicht verborgen bleiben. Er ist, als es dann zur Kreuzigung geht schon so schwach, dass er sein Kreuz nicht mehr tragen kann.

Die Kreuzigung selbst nimmt in den Berichten erstaunlich wenig Platz ein. Die Prozedur wird nicht beschrieben: Jeder Leser damals wusste, wie eine Kreuzigung abläuft. Um zu verstehen, wie ein Gekreuzigter stirbt ist es wichtig zu wissen, dass man, wenn man einfach am Kreuz hängt, nicht atmen kann. Man muss sich also mühevoll aufrichten, um Luft zu bekommen. Der Tod kommt erst dann, wenn der Gekreuzigte keine Kraft mehr hat, sich weiter aufzurichten und erstickt. Dieser Prozess hat oft mehrere Tage gedauert.

Wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommt die Reaktion auf den gekreuzigten Jesus. Die Anklage der Römer ist auch gleichzeitig als Spott zu verstehen. Die Juden erinnern daran, dass er sich für den Messias und den Sohn Gottes gehalten hat. Auch seine Kritik am Tempel wird nochmal zur Sprache gebracht. Einige dieser Aussagen lassen uns zurück, an den Anfang des Evangeliums denken. Dort hatte der Vater bei der Taufe bestätigt: „Du bist mein geliebter Sohn…“, hier fordern die Jüdischen Leiter ihn heraus: „Wenn du der Sohn Gottes bist…“. Dabei handelt es sich um dieselbe Logik, die auch Satan während der Versuchung in der Wüste verwendet hat. In den Augen Jesu ist der Kampf aber nicht ein Kampf mit den Römern oder mit den Priestern über die Herrschaft über Israel, sondern ein Kampf mit Sünde und Tod selbst. Der Weg, den Tod zu besiegen führt mitten durch den Tod hindurch.

Sowohl Markus als auch Matthäus erwähnen, dass neben Jesus zwei weitere Verurteilte gekreuzigt werden. Lukas liefert mehr Details (Lk 23,27-43). Es ist gut möglich, dass es sich um Rebellen handelt. Die beiden Räuber stellen dabei den Kontrast zwischen den Reaktionen auf Jesus dar. Der eine spottet genau wie die Masse. Der andere erkennt aber, dass Jesus unschuldig ist und glaubt an ihn, selbst zu diesem Zeitpunkt. Er bittet Jesus, sich an ihn zu erinnern, wenn er in seine Königsherrschaft kommt. Jesus antwortet ihm, dass sie noch am selben Tag im Paradies sein werden. In Lukas wird darüber hinaus der Ausruf Jesu erwähnt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Diese außergewöhnliche Aussage gewinnt noch zusätzlich an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass Märtyrer im Judentum oft mit einem Fluch für ihre Mörder auf den Lippen gestorben sind.

Direkt vor seinem Tod (Mk 15,33-41) ruft Jesus und fragt, warum Gott ihn verlassen hat. Dabei geht es nicht nur um ein subjektives Empfinden. Die Schuld Israels und der Menschheit lastet auf Jesus. Er ist vergleichbar mit dem Sündenbock, auf den nach dem Gesetz einmal im Jahr die Schuld des Volkes geladen wurde. Er wurde dann hinausgejagt in die Wüste, um dort allein zu sterben. Sein Ruf wird von einigen als ein Ruf nach Elia missverstanden.

In dem Moment, in dem Jesus stirbt, geschehen mehrere Dinge. Die Verfinsterung der Sonne erinnert an die neunte Plage in Ägypten. Der Tod Jesu als der Tod des erstgeborenen Sohnes Gottes erinnert an die zehnte Plage, an die sich das Volk an diesem Tag, dem Passahfest, erinnert. Auch der Vorhang im Allerheiligsten reißt in zwei. Dabei wird betont, dass er von oben nach unten zerrissen wird. Das macht deutlich, dass es nicht von Menschenhand passiert. Dies wird oft interpretiert, in dem gesagt wird, dass der Weg zu Gott, ins Allerheiligste, jetzt frei ist. Es kann auch gut sein, dass dieser Gedanke mitschwingt. Mindestens genauso wichtig ist aber der: Es wird offensichtlich, dass das Allerheiligste leer ist. Der Gott, dem die Priester zu dienen glauben, ist im Tempel nicht zu finden. Es ist ausgerechnet der römische Hauptmann, der die Wahrheit erkennt und ausspricht. Die Jünger sind nicht Zeugen dieser Ereignisse, nur die Frauen, die Jesus nachfolgten, haben sie mitbekommen.

Als ein gekreuzigter Krimineller währe Jesus unter normalen Umständen nicht begraben worden. Seine Leiche währe in Gehenna d. h. auf dem Müll, gelandet. Unter diesen Umständen wäre es sehr schwer gewesen, festzustellen, ob sein Leichnam noch da war. Deswegen ist es in der Beweiskette so wichtig, zu betonen, dass Jesus begraben wurde und auch von wem, sodass man es nachvollziehen konnte. Joseph von Arimathia bittet Pilatus um den Leichnam Jesu, um ihn zu beerdigen (Mk 15,42-47). Matthäus betont noch, dass die Priester befürchteten, die Jünger würden den Leichnam stehlen. Sie forderten Pilatus dazu auf, das Grab bewachen zu lassen (Mt 27.62-66).