6.4 Die Endzeitrede

Wiederkunft Jesu oder Jüdischer Krieg?

Mk 13

Die erste Frage, die zur Endzeitrede zu besprechen ansteht, ist, ob der Titel gut gewählt ist. Sie wird oft als eine Rede darüber gelesen und gepredigt, was passieren wird, wenn Jesus zum zweiten Mal kommt. Aber der Anstoß der Rede sind die Beobachtungen der Jünger über den Tempel und die Prophezeiung Jesu, dass der Tempel zerstört wird. Die Jünger fragen nach den Zeichen für „dies alles“. Im Matthäusevangelium fragen sie nach dem Zeichen für seine Ankunft, seine Wiederkunft oder einfach sein Kommen (Grie.: Parousia).

Wir müssen also fragen, was mit dieser Ankunft gemeint ist. Was hätten die Jünger damals verstanden? Die Idee von der Wiederkunft Jesu, wie sie heute in vielen Gemeinden erwartet wird hätte für die Jünger vor der Himmelfahrt keinen Sinn gemacht. Um diese Frage zu klären ist es nötig, sich den Begriff Parousia einmal genauer anzuschauen.

Seine Grundbedeutung ist ursprünglich „Dasein“, „Anwesenheit“ oder „Gegenwart“. Es kann aber auch bedeuten zu kommen oder sich zu nähern. Die Idee einer Wiederkunft, also einer zweiten Ankunft, steckt also nicht notwendigerweise in dem Wort mit drin. Die Idee vom Kommen des Menschensohnes stammt aus Daniel 7. Dort hat Daniel eine Vision von vier Bestien, die vier Königreiche Symbolisieren, denen die Macht genommen wird. Danach kommt einer wie ein Menschensohn vor den Uralten (Gott), um von ihm Macht und Herrschaft zu erhalten.

Wenn diese Bibelstelle tatsächlich den angemessenen Verständniskontext darstellt, dann fragen die Jünger also nicht, wann Jesus nach seiner Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt zurückkommen wird, sondern wann er vor den Thron Gottes treten wird, um von Gott die Herrschaft anzunehmen. Nachdem die Jünger gesehen haben, wie dramatisch Jesus die Leiter des Volkes herausgefordert hat, ist gut nachzuvollziehen, dass sie sich fragen, wann er sie stürzen und die Herrschaft übernehmen würde. Die Jünger gehen davon aus, dass die Zerstörung des Tempels mit diesem Ereignis zusammenhängen wird.

Die Endzeitrede ist Jesu Antwort auf diese Frage.  Er redet davon, dass viele von sich sagen werden, sie seien der Messias. Er redet über Kriege und spricht von Naturkatastrophen kosmischen Ausmaßes. Er erwähnt das „Gräuel der Verwüstung“, eine Referenz auf Daniel 11,31 und 12,11. Dieses Stichwort wurde in der damaligen Auslegung mit Antiochus IV Epiphanes verbunden, der im Tempel Gottes ein Schwein an Zeus opfern ließ.

Es stellt sich die Frage, wie diese Rede zu verstehen ist. Gläubige Nachfolger Jesu haben diese Predigt zur Zeit des jüdischen Krieges auf sich bezogen und sind aus Jerusalem geflohen, als der Krieg ausbrach. Sie wurden dafür von den anderen Juden als Verräter betrachtet. Das gilt als eines der Ereignisse, der für die Trennung und wachsende Feindschaft zwischen Juden und Christen, bzw. Juden die Jesus nachfolgten, gesorgt hat.

Welche Auslegung ist hier zu bevorzugen? Geht es hier um den Jüdischen Krieg? Oder um das Ende der Welt? Für den Jüdischen Krieg spricht die Aussage Jesu, dass diese Dinge noch in dieser Generation geschehen werden. Auch die Einleitung der Rede, die sich auf die Zerstörung des Tempels bezieht, passt hier gut. Was aber über die anderen Aussagen, die Jesus über diese Zeit macht? Wie gut passt die Zeit des Jüdischen Krieges zu ihnen? Es ist mit Sicherheit zu bestätigen, dass es damals viele Kandidaten für einen Messias gab. Auch der Krieg passt gut. Aber was ist mit den Naturkatastrophen kosmischen Ausmaßes? Mit Sicherheit ist etwas Derartiges nicht passiert. Diese Sprache klingt nach dem Ende der Welt. Vergleicht man diese Rede aber mit anderer apokalyptischer Literatur, so wird deutlich, dass diese Sprache auch für politische Erschütterungen verwendet wurde. Sie könnte also symbolisch gemeint sein, ähnlich wie man über „politische Erschütterungen“ im deutschen sprechen kann. 

Wie ist diese Frage nun auszuwerten? Vieles spricht gegen eine reine „das Ende der Welt“ Auslegung. Dieser Text scheint sich in erster Linie auf die Zerstörung Jerusalems zu beziehen. Die Implikation ist, dass mit der Zerstörung der alten Ordnung (des Tempels, der Priesterschaft etc.) Jesus das Heft in die Hand genommen hat. Nur auf eine völlig andere Art und Weise, als die Jünger oder irgendjemand es erwartet haben. Möglicherweise ist hier aber ein strenges entweder – oder nicht notwendig. Betrachtet man die Prophezeiungen aus dem Alten Testament, dann wird deutlich, dass viele eine Art doppelte Bedeutung haben. Auf der einen Seite eine Bedeutung, die sie zu der Zeit, in der sie ausgesprochen wurden entfaltet haben, auf der anderen Seite aber auch eine zweite Erfüllung, die sie im Leben Jesu erhalten haben. Könnte es sich hier um einen ähnlichen Fall handeln? An dieser Stelle zwei Beispiele zur Illustration.

  • Die Rückkehr aus dem Exil selbst ist ein gutes Beispiel. Nach den Worten Jeremias sollte das Exil 70 Jahre dauern und tatsächlich sind die Juden nach etwa 70 Jahren ins Land zurückgekehrt. Auf der anderen Seite blieben viele der negativen Effekte des Exils vorhanden, wie bereits besprochen. Daniel erfährt dann, dass es bis zum Ende des Exils 7 mal 70 Jahre sein wird, was das Zeitfenster bis zu Jesus bringt.
  • Die Aussage „Die Jungfrau wird schwanger werden“ aus Jesaja 7 wird im Neuen Testament auf Jesus bezogen. In Jesaja dient diese Prophezeiung aber als Zeichen für einen König, sodass die Prophezeiung auch damals schon zu einer Entfaltung gekommen sein sollte.

Zum Abschluss soll an dieser Stelle noch die Datierung der Synoptiker diskutiert werden. Diese Frage ist ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedliche Voraussetzungen in der Theologie zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann. Jesus prophezeit hier Ereignisse, die sich etwa 30 bis 35 Jahre später ereignen. Historisch-kritische Ausleger gehen im Allgemeinen davon aus, dass es keine Prophezeiungen geben kann und schließen daher, dass diese Worte nicht von Jesus stammen, sondern ihm nach dem jüdischen Krieg in den Mund gelegt wurden. Dementsprechend können diese Evangelien nicht vor 70 n. Chr. geschrieben worden sein. Deswegen werden für die Synoptiker oft Daten um 80 – 90 n. Chr. angegeben.

Konservative Ausleger gehen im Gegensatz dazu oft davon aus, dass Jesus wirklich echte Prophezeiungen ausgesprochen hat und sind deswegen bereit zu bedenken, ob die Evangelien nicht vor 70 n. Chr. entstanden sein könnten. Sie bemerken auch, dass die Sprache hier recht allgemein gehalten ist und dass die Zerstörung des Tempels nicht vom Autor erwähnt wird. Deswegen gehen viele davon aus, dass diese Evangelien vor 70 n. Chr. geschrieben wurden. 

Jesus als Gerichtsprophet

Nachdem wir das Thema schon einige Male angeschnitten haben, ist es an dieser Stelle wichtig, dass wir auf die Thematik des Gerichts weiter eingehen. In der populären Wahrnehmung wird Jesus oft als jemand dargestellt, der ausschließlich von Gottes Liebe und Vergebung gepredigt hat. Aber nach dem, was wir bisher besprochen haben, denke ich, dass Jesus durchaus auch als ein Prediger des Gerichts betrachtet werden muss. Er ist, was das angeht, vergleichbar mit Jeremia. Zu Jeremias Zeit lebte das Volk in Sünde und hatte die Warnungen der Propheten für Generationen in den Wind geschlagen. Jeremia war der letzte Prophet, der das Volk gewarnt hat und er hat selbst miterlebt, wie die Babylonier Jerusalem und den Tempel zerstört und das Volk verschleppt haben.

Ähnlich verhält sich Jesus, vor allem in den letzten Kapiteln vor der Kreuzigung. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer sollte dabei der Kontext sein, in dem diese Verkündigung verstanden wird. Es ist für uns leicht, bei Gericht sofort an Himmel und Hölle, d. h. das Leben nach dem Tod zu denken. Das liegt unter anderem daran, dass wir aus einer Tradition kommen, die Gericht und Belohnung seit Jahrhunderten (mindestens seit dem Mittelalter) im Leben nach dem Tod verortet hat. Die Juden der damaligen Zeit hatten aber eine Hoffnung (und viele Befürchtungen), die sich in erster Linie auf das Diesseits bezogen haben. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Predigten Jesu nicht auch noch einen Horizont aufspannen, der über das diesseitige Leben hinausgeht. Dieser Aspekt scheint aber meistens im Hintergrund zu stehen. 

Mit dieser Rede und einigen anderen Prophezeiungen hängt Jesus seinen guten Ruf als Propheten daran, dass der Tempel noch in dieser Generation zerstört wird. Die Kreuzigung erweckt den Eindruck, dass Jesus im Unrecht war und die jüdischen Leiter im Recht standen. Die Auferstehung zeigt, dass sich Gott auf die Seite Jesu stellte. Die Zerstörung Jerusalems zeigt dagegen, dass die Leider des Volkes auf dem Holzweg waren.

An dieser Stelle ist ein Exkurs zum Thema Hölle angebracht. Die Hölle ist heutzutage nicht eines der beliebtesten Themen für Predigt oder Konversation. Dennoch ist es wichtig, dass wir uns in diesem Rahmen damit auseinandersetzen. Denn es ist Jesus, der über die Hölle lehrt. Sie kommt ansonsten in der Bibel selten vor. Wenn es die Predigten Jesu nicht gäbe, dann wüssten wir so gut wie nichts zu diesem Thema.

Leider ist das Bild, dass der moderne Mensch von der Hölle hat, nicht so stark durch die Bibel, sondern viel stärker durch das Mittelalter geprägt. Wenn wir heute den Begriff Hölle hören, dann denken wir vermutlich an eine Art brennende Folterkammer, in der Sünder bis in alle Ewigkeit für ihre Verbrechen bestraft werden. Dieses Bild stammt allerdings eher aus Dantes Inferno als aus der Bibel. Dante hat sich von einer Vulkanlandschaft inspirieren lassen. Die Bilder, die Jesus als Inspiration verwendet sind andere, auch wenn sie nicht viel angenehmer sind.

Das Wort, das Jesus verwendet, ist Gehenna. Dabei handelt es sich um einen Ort, ein Tal außerhalb Jerusalems. Wenn wir verstehen wollen, worüber Jesus redet, ist es wichtig, dass wir uns die Geschichte dieses Tals anschauen und verstehen, wie es in den Tagen Jesu aussah.

Eine Besonderheit an diesem Tal ist, dass es so tief liegt, dass die Sonne den Boden des Tals nie erreicht. Evtl. kommt daher auch das Motiv der Dunkelheit, dass zusammen mit dem Feuer die häufigste Beschreibung für die Hölle ist. Deswegen ist es im Sommer auch angenehm kühl und hat in der frühesten Zeit als Sommerresidenz für die Reichen Jerusalems gedient. Später, als der Götzendienst in Juda zunahm, wurde aus diesem Tal eine Kultstätte, in der fremden Göttern Opfer dargebracht wurden. Josia, einer der wenigen Könige von Juda, der Gott mit ganzem Herzen nachfolgte, wollte diesen Götzendienst ein für alle Mal beenden (Vergl 2. Kö 23). Er ließ also die Altäre zerstören. Um sicherzugehen, dass sie nie wiederaufgebaut werden würden, verunreinigte er das Land, indem er das Tal zu einer Müllkippe machte. Das war es auch zur Zeit der Evangelien noch.  

Hier war also permanent Müll am Verwesen und am Verbrennen. Daher auch die Bezeichnung Jesu: „wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt“ (Mk 9,44 zitiert aus Jes 66,24). Wenn Jesus also vom Reich Gottes predigt und dann Gehenna erwähnt, dann ist die Implikation, dass dort diejenigen landen, die nicht für das Reich Gottes zu gebrauchen sind. 

Von Jesus ergibt sich also ein Profil von einem Propheten, der sich gegen die Art und Weise stellt, in der Israel seiner Berufung nachkommt. Er predigt einen anderen Weg und geht ihn auch voran. Seinen Jüngern verspricht er großen Lohn, für diejenigen, die an ihren Wegen festhalten hat er aber deutliche Worte der Warnung.