6.2 Von der Verklärung bis Jerusalem

Verklärung 

Mk 9,2-8

In vielerlei Hinsicht ist die Verklärung der Wendepunkt und ein erster Höhepunkt der Evangelien. Nachher macht Jesus sich auf den Weg nach Jerusalem, um dort zu sterben. Lukas platziert sie in der Mitte seines Evangeliums, bei ihm nimmt der Weg nach Jerusalem deutlich mehr Platz ein. Bei Markus und Matthäus geht es ab dieser Stelle eindeutig und zügig auf das Ende zu. 

Bisher war der Dienst von Jesus hauptsächlich von Erfolg geprägt, er wirkte unaufhaltsam. Zwar gab es an unterschiedlichen Stellen Widerstand und Menschen, die ihm nicht folgen wollten, aber ab diesem Punkt nehmen die Evangelien einen düstereren Ton an. Ab hier beginnt Jesus verstärkt, den Jüngern seinen bevorstehenden Tod anzukündigen. 

Vergleicht man die Verklärung mit der Kreuzigung, dann fallen einige Gemeinsamkeiten, aber auch einige Kontraste auf:

  • Beide Ereignisse finden auf einem Berg statt.
  • In beiden Fällen wird Jesus von zwei Männern flankiert.
  • Hier strahlt der Himmel in hellem Licht, bei der Kreuzigung verfinstert sich der Himmel
  • Hier sehen wir, dass Gott sich Jesus zuwendet. Dort ruft Jesus aus, dass Gott ihn verlassen hat.
  • Hier wird Jesus in Herrlichkeit offenbart, dort ist er bedeckt von Schande.

Die Herrlichkeit, vor der hier die Rede ist, lässt selbstverständlich an viele Punkte denken, von denen wir im Rahmen dieses Kurses bereits gesprochen haben. Am wichtigsten ist die Shekina Herrlichkeit, die Gegenwart Gottes in der Stiftshütte und im Tempel. Auch lässt die strahlende Gestalt Jesu an Mose denken, dessen Gesicht mit der Herrlichkeit Gottes strahlte. 

Die Auswahl der Begleiter Jesu ist auch kein Zufall. Mose und Elia gelten als die beiden größten Propheten des Alten Testaments. Entsprechend den Prophezeiungen wurde ein neuer Prophet, wie Mose erwartet. auch die Rückkehr Elias, der ja direkt in den Himmel aufgefahren, d.h. nicht gestorben war, wurde erwartet. Zusammen mit der Stimme aus dem Himmel könnte die Symbolik nicht deutlicher sein: Dieser Jesus ist derjenige, auf den ihr gewartet habt. Er ist der Messias.

Allerdings ist damit noch nicht geklärt, auf welche Art und Weise Jesus seiner Aufgabe als Messias nachkommen würde. Vermutlich rechneten die Jünger damit, dass Jesus von hier an immer wieder von solchen Offenbarungen von Macht und Herrlichkeit begleitet werden würde. Oder evtl. sogar, dass die Herrlichkeit Gottes dauerhaft auf ihm ruhen würde. Es ist leicht, sich vorzustellen, wie Jesus von hier an die Götter der Nationen demütigen würde, wie es bei Mose und den Plagen in Ägypten geschehen war. Und dass er ihre Anbetung abschaffen und ihre Priester ausrotten würde, wie Elia es getan hat. Und selbstverständlich, dass er die römischen Armeen besiegen und Israel zu Freiheit und Macht verhelfen würde, wie es zur Zeit Davids der Fall war. Mit Sicherheit war die Erwartung da, dass Jesus sich in dieser Herrlichkeit auch öffentlich zu erkennen geben würde. Bisher hatten nur drei der Jünger Jesu diese Ereignisse mitbekommen. Seine Mahnung, niemandem von den Ereignissen zu erzählen, war vermutlich irritierend.

Die Reaktion des Petrus Hütten zu bauen mag ein Ausdruck der Überforderung sein. Dahinter liegt vermutlich der Wunsch, diesen Moment zu verlängern, der Bau von Hütten lässt evtl. aber auch an das Laubhüttenfest denken, dass mit der Befreiung der Israeliten aus Ägypten in Verbindung gebracht wird. Die einzige Antwort, die er erhält, ist die Stimme Gottes, die ihn und seine Begleiter ermahnt, auf Jesus zu hören.

Einzug in Jerusalem

Mk 11,1-11

Auf die Verklärung folgt der zügige Marsch nach Jerusalem. Dort angekommen lässt Jesus sich von den Jüngern ein Esel besorgen, um auf ihm in die Stadt zu reiten. Auch diese Handlung ist mit Prophezeiungen von Erlösung verbunden (vergl. Sach 9,9). Dementsprechend wird Jesus auch empfangen. Das Volk hat scheinbar schon viel von ihm gehört, aber es scheint das erste Mal, dass er öffentlich nach Jerusalem kommt. 

Er wird empfangen mit Hosianna Rufen (ein Ruf nach Errettung). Auch das Reich Davids wird erwähnt. Der Ausruf „Gepriesen sei der, der kommt im Namen des Herrn“ lässt an Psalm 118 denken (Vers 26), ein Psalm, in dem Gott als Erlöser gefeiert wird. Die Bedrohung, die der Psalmist hier erwähnt, sind die Armeen feindlicher Nationen. Die oben bereits erwähnten Erwartungen scheinen auch hier deutlich durch. Während dem Volk zum Feiern zumute war, hatte Jesus beim Anblick der Stadt andere Gefühle. Lukas (19,41-44) beschreibt, wie er weint, als er die Stadt sieht und erklärt, dass die Menschen nicht erkennen, was ihnen Frieden bringen wird. Deswegen prophezeit er einen Tag, an dem die Feinde (auf deren Vernichtung die Juden ja hier warten) kommen und die Stadt zerstören werden.