6.2 Die Infinitive

Grundsätzliches zu den Infinitiven
Nachdem wir von den beiden »infiniten« Formen das Partizip kennengelernt haben, wollen wir nun noch mit dem Infinitiv vertraut werden. Im Bereich des griechischen Infinitivs gibt es eine ähnliche Formenvielfalt wie beim Partizip. Infinitive gibt es für Präsens, Futur, Aorist und Perfekt, und zwar jeweils mit aktiver und medio-passiver Variante. Das Deutsche hat im Grunde nur eine Infinitivform, die des »normalen« Infinitiv Präsens Aktiv (die Wörterbuchform des Verbs), z. B. »lieben«, »rufen«, »singen« usw. Durch Umschreibung lassen sich noch weitere bilden, wie nachfolgende Übersicht veranschaulicht:

Regelmäßige Bildung der Infinitive
Griechische Infinitive werden an sich nicht dekliniert: Die Infinitivform selbst bleibt unverändert. Sie kann aber dadurch substantiviert werden, dass (wie im Deutschen) der neutrische Artikel davor tritt; durch dessen Deklination können Infinitivformen an unterschiedlichen Kasusfunktionen teilhaben und auch, wie wir noch sehen werden, mit Präpositionen verbunden werden, z. B.:

Infinitive hat das Griechische überall dort, wo es auch Partizipien hat. Auch ihre Bildung erfolgt auf dieselbe Weise, nur dass natürlich andere Ausgänge dazutreten (für die Betonung siehe untere Tabelle):

Infinitive von παιδεύω

FORMEN DER STARKEN TEMPORA:
1. Die Ausgänge des Infinitivs des starken Aorist Akt. und Med. sind abgesehen von kleinen Betonungsunterschieden – wie in angedeutet – die gleichen wie die des Präsens:

2. Weder der starke Aor. Pass. noch das starke Pf. Akt. (Stämme ohne Tempuszeichen θ bzw. κ) hat für den Infinitiv besondere Ausgänge.

ANMERKUNG:
Wie bei allen nichtindikativischen Verbformen ergibt sich auch beim Infinitiv – außerhalb des Futurs (das stets Zukünftiges, Nachzeitiges bezeichnet) – die GEMEINTE ZEITLICHE EINORDNUNG (gegenwärtig, vergangen, gleichzeitig, vorzeitig) grundsätzlich nicht aus dem gewählten Tempus, sondern aus dem Kontext. Das »Tempus« (der gewählte Tempusstamm) drückt hier lediglich den ASPEKT aus:

a) das PRÄSENS den durativen Aspekt, z. B.:
Inf. Präs. Pass. παιδεύεσθαι andauernd/wiederholt oder (manchmal) versuchsweise erzogen werden (je nach Kontext in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, gleichzeitig, vorzeitig oder nachzeitig zum Hauptgeschehen);

b) das PERFEKT den resultativen Aspekt (der aus dem Geschehen resultierende Zustand ist fokussiert), z. B.:
Inf. Pf. Pass. πεπαιδεῦσθαι erzogen/ein Erzogener sein (je nach Kontext auch erzogen/ein Erzogener gewesen sein bzw. im Sinn von [nachher/künftig] erzogen/ein Erzogener sein);

c) der AORIST meist die unmarkierte, unauffällige Variante (Frage des Andauerns und des erreichten Zustands bleibt durch die Tempuswahl unberührt!; herkömmlich »punktueller« Aspekt, der aber nicht auf Einmaliges beschränkt ist!), z. B.:
Inf. Aor. Pass. παιδευθῆναι erzogen werden (je nach Kontext in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, gleichzeitig oder nachzeitig, im nachklassischen Griechisch/NT aber so gut wie nie vorzeitig zum Hauptgeschehen), wobei es offen bleibt, ob andauernd/wiederholt oder nicht bzw. ob jeweils ein bestimmter Zustand erreicht wird oder nicht.

Die Infinitive der Deponentien
Was für die Bildung der Partizipien von Deponentien gilt, lässt sich analog auf die Bildung ihrer Infinitive anwenden: