6.1 Die Partizipien

Grundsätzliches zu den Partizipien
Die »finiten«, d. h. nach Person und Numerus bestimmten, Formen des griechischen Verbalsystems haben wir fast alle kennengelernt. Es fehlen uns noch die »infiniten« (im Blick auf die Person unbestimmten) Formen, d. h. Partizip und Infinitiv. Zunächst wenden wir uns dem Partizip zu, das im Griechischen eine wesentlich wichtigere Rolle spielt und vielfältiger verwendet wird als im Deutschen. Das Deutsche kennt nur zwei Partizipien, »liebend« und »geliebt«, das erste (Partizip I) aktiv und für die andauernde Handlung gebraucht, das zweite (Partizip II) für die abgeschlossene, dabei aber bald in aktiver, bald in passiver Verwendung: »Ich habe geliebt« (Pf. Aktiv) und »Ich bin geliebt worden« (Pf. Pass.). Statt der Partizipialform »ein Liebender« verwenden wir im Deutschen auch die Umschreibung (mit Relativsatz) »einer, der liebt«. Auf solche Umschreibungen müssen wir häufig zurückgreifen, wenn wir bestimmte Formen des griechischen Partizips im Deutschen wiedergeben wollen. Denn eine erhebliche Zahl von griechischen Partizipien ist im Deutschen ohne Entsprechung. Ein Beispiel ist das griechische Futur-Partizip, das wir mangels einer deutschen Entsprechung, umschreiben müssen: »einer, der lieben wird«. Vergleicht man also das System der Partizipien für beide Sprachen, so ergibt sich folgender Befund:

Beim Lernen der Partizipien empfiehlt es sich, die Formen in dieser Reihenfolge zu lernen: 1. die vier aktiven, 2. die vier medialen, 3. die vier passiven. Beim späteren Repetieren reicht es, die sechs von den SF abgeleiteten aufzusagen.

Die Bildung der Partizipien beim regelmäßigen Verb
Das Partizip lässt sich aufgrund der jeweiligen SF bilden: Das AUGMENT (wo vorhanden) fällt WEG und der AUSGANG der 1/S Ind. wird ERSETZT DURCH den Ausgang des Partizips:

Partizipien von παιδεύω

FORMEN DER STARKEN TEMPORA:
1. Die Ausgänge des Partizips des starken Aorist Akt. und Med. sind abgesehen von kleinen Betonungsunterschieden die gleichen wie die des Präsens:

2. Charakteristisch für den starken Aor. Pass. und das starke Pf. Akt. ist, wie in gesehen, das Fehlen des Tempuszeichens θ bzw. κ. Die Ausgänge des Partizips sind hier jedoch die gleichen wie bei den schwachen Tempora.

ANMERKUNGEN ZUR BEDEUTUNG DER PARTIZIPIEN:
1. Bei der oben angegebenen Übersetzung der Partizipien handelt es sich lediglich um eine didaktisch sinnvolle Regelübersetzung, die den typischen Fall abdeckt. Außerhalb des Futurs (das stets Zukünftiges, Nachzeitiges bezeichnet) ergibt sich die GEMEINTE ZEITLICHE EINORDNUNG (gegenwärtig, vergangen, gleichzeitig, vorzeitig) nämlich grundsätzlich nicht aus dem gewählten Tempus, sondern aus dem Kontext. Dies gilt im Griechischen für alle nichtindikativischen Verbformen, somit auch für die Partizipien. Das »Tempus« (der gewählte Tempusstamm) drückt hier lediglich den ASPEKT aus (manche ziehen daher die Bezeichnung »Aspekt«-Stamm vor):

a) das PRÄSENS den durativen Aspekt, z. B.: Ptz. Präs Pass. παιδευόμενος einer, der gerade/andauernd/wiederholt oder (manchmal) versuchsweise erzogen wird (je nach Kontext auch wurde/worden ist!);

b) das PERFEKT den resultativen Aspekt (der aus dem Geschehen resultierende Zustand ist fokussiert), z. B.: Ptz. Pf. Pass. πεπαιδευμένος erzogen/ein Erzogener bzw. einer, der erzogen ist/war;

c) der AORIST meist die unmarkierte, unauffällige Variante (Frage des Andauerns und des erreichten Zustands bleibt durch die Tempuswahl unberührt!; herkömmlich »punktueller« Aspekt, der aber nicht auf Einmaliges beschränkt ist!), z. B.: Ptz. Aor. Pass. παιδευθείς einer, der erzogen wird bzw. (statistisch am häufigsten) wurde/worden ist (es bleibt offen, ob andauernd/wiederholt oder nicht bzw. ob ein bestimmter Zustand erreicht wird/worden ist).

2. Wie bereits die Regelübersetzungen andeuten und Punkt 1 oben unterstreicht, gibt es hier (wie öfter bei sprachlichen Ausdrucksweisen) GEBRAUCHSÜBERSCHNEIDUNGEN: Ein und dieselbe Partizipialform kann auf mehr als eine Art übersetzt werden. Umgekehrt steht einer deutschen Übersetzung

Flexionsmuster der Partizipien
Flektiert werden die MEDIOPASSIVEN Partizipien grundsätzlich nach der O/A-Deklination. Eine wichtige Ausnahme bildet – wie in anderen Zusammenhängen auch – der Aorist Passiv (SF6): Hier gehen Mask. und Ntr. wie bei sämtlichen AKTIVEN Partizipien nach der dritten, das Femininum jedoch nach der A-Deklination (nach dem Muster von δόξα; für das Perfekt gilt klassisch die »Arie«-Regel, nachklassisch richtet es sich aber z. T., gegen diese Regel, ebenfalls nach dem Muster von δόξα):

Die Partizipien der Deponentien
Auch hier werden die Partizipien nach den üblichen Regeln von der SF gebildet.

Bei den DEPONENTIEN gibt es verschiedene, die (im Aorist besonders) statt der vielleicht erwarteten passiven eine MEDIALE Form haben. Auf solche Fälle wird im Folgenden speziell hingewiesen. Das untenstehende Beispiel hat ausschließlich mediale Formen. Wieder wird das Partizip jeweils nach den üblichen Regeln von der dazugehörigen SF abgeleitet: