5.2 Die Gleichnisse Jesu

Zur Auslegung von Gleichnissen

Bei der Auslegung von Bibeltexten spielt die Frage nach der Textgattung, also um welche Art von Text es sich handelt, immer eine große Rolle. Je nachdem, was für eine Art von Text uns begegnet, bringen wir andere Erwartungen mit. Das gilt für Texte damals genauso, wie für Texte von heute. Eine Zeile aus einem Liebesbrief wäre sehr verwunderlich auf einer Einkaufsliste und eine Begrüßung aus einer Familien Whatsappgruppe höchst unangemessen in einem Bewerbungsschreiben.

Es ist deswegen wichtig, sich mit der Textgattung vertraut zu machen, wenn man einen Bibeltext auslegen will. Wir werden es nicht schaffen, uns mit jeder Gattung in den Evangelien intensiv auseinanderzusetzen, aber in diesem Abschnitt wollen wir es beispielhaft anhand der Gleichnisse Jesu machen. 

Gleichnisse sind eine der wichtigsten Textgattungen in den Evangelien. Jesus hat es geliebt, seine Botschaft anhand von Geschichten und Beispielen weiterzugeben. Die Auslegung dieser Gleichnisse ist aber längst nicht immer selbstverständlich. Einer der Gründe dafür ist, dass nicht immer klar war, welchen Vergleich Jesus machen wollte. In der Kirchengeschichte wurde deswegen manchmal versucht, für jedes Element in einem Gleichnis eine Entsprechung zu finden. In der Geschichte vom guten Samariter wurde sich also gefragt, wofür der Esel steht, wer der Wirt ist und was das Geld, das der Samariter zahlt, zu bedeuten hat. 

Inzwischen sind sich die Ausleger aber weitgehend einig, dass die meisten Geschichten Jesu auf einen Vergleichspunkt zugespitzt sind, manchmal allerdings auch auf zwei. In diesen Fällen spricht man von Gleichnissen. Geschichten mit mehr Vergleichspunkten, wie z.B. die vom vierfältigen Ackerboden, werden als Allegorien bezeichnet. 

Wenn ein Gleichnis also eine Erzählung ist, die sich auf einen oder zwei Punkte zuspitzt, dann ist es wichtig, sich zu fragen, welcher Punkt das ist, um bei einer korrekten Interpretation des Gleichnisses anzukommen. Um hier zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen, bieten sich vor allem zwei Werkzeuge an. 

Zunächst einmal sollte man sich fragen, ob diese Geschichte an irgendeiner Stelle etwas an sich hat, dass überraschend oder schockierend für die Hörer der damaligen Zeit war. Oft sind diese Beobachtungen ein wichtiger Hinweis für die Interpretation des Gleichnisses. Dabei ist zu bedenken, dass die Menschen damals evtl. andere Sachen als schockierend empfunden haben, als wir es heute empfingen. Ein Blick hinter die Kulissen, mit Hilfe eines Kommentars oder anderen Ressourcen ist also nicht zu vermeiden.

Das zweite Werkzeug ist ein Blick auf den Kontext des Gleichnisses. Oft gibt Jesus oder der Autor einen Kommentar oder sogar eine kurze Interpretation im Anschluss. An anderen Stellen sind die Evangelien thematisch gegliedert, sodass vor oder nach dem Gleichnis andere Geschichten mit einer ähnlichen Botschaft stehen. Die Auslegung von Gleichnissen soll im Rest dieses Kapitels anhand von ein paar Beispielen demonstriert werden.

Beispiele
Lk 18,9-14; Lk 16,1-8

Vom Pharisäer und vom Zöllner: Hierbei handelt es sich um ein relativ einfaches Beispiel von einem Gleichnis, dass sich auf einen Kernpunkt konzentriert. Der Kontrast wird zwischen dem Gebet des Pharisäers und dem des Zöllners gezogen. Für den Pharisäer wäre es nicht ungewöhnlich, in den Tempel zu gehen und zu beten. Der Zöllner dagegen wird nicht oft im Tempel gewesen sein. Sein Gebet und seine Haltung machen deutlich, dass ihm sein Lebensweg leidtut. Der Pharisäer betet zu Gott, aber redet nur über sich selbst und seine guten Taten. Der Zöllner dagegen bittet Gott um Gnade und bekennt, dass er ein Sünder ist.

Auf den ersten Blick ist dieses Gleichnis also relativ leicht auszulegen. Erinnern wir uns aber an die Informationen vom Anfang des Kurses, dann wird klar, dass dieses Gleichnis für die Hörer von Jesus überraschend gewesen sein muss. All das, was der Pharisäer tut war genau, was in den Augen der Hörer einen guten, gesetzestreuen Juden ausmachte. Die Pharisäer waren respektiert, die Zöllner dagegen verachtet. 

Interessant ist hier, dass der schockierende Moment nicht Teil der Geschichte ist, sondern im Urteil Jesu nach der Geschichte besteht. Die Demut und die Bitte um Gnade lassen den Zöllner gerechter dastehen als die Gesetzestreue und die Selbstgerechtigkeit den Pharisäer.

Vom unehrlichen Verwalter: Dieses Gleichnis ist wesentlich schwerer auszulegen, tatsächlich gibt es einige Ausleger, die an der Aufgabe verzweifeln. Es gibt mit Sicherheit mehrere Ansätze, hier soll einer kurz vorgestellt werden.

Die Frage, die Auslegern und Lesern Schwierigkeiten bereitet ist folgende: Warum lobt der Herr den Verwalter für sein unehrliches Verhalten? Diese Frage wiegt besonders schwer, da der Verwalter vorher wegen seinen Betrügereien entlassen wurde. Eine weitere Frage, die sich stellt, ist: Wer lobt den Verwalter? Ist mit dem Herrn der Hausherr aus der Geschichte gemeint oder Jesus selbst?

Vor allem die erste Frage bereitet Bauchschmerzen. Fordert Jesus seine Nachfolger hier zu einem unehrlichen Leben auf? Es könnte sein, dass es sich bei dieser Frage um eine falsche fährte handelt. Es ist leicht, sich an dem Lob für das Verhalten des Haushälters aufzuhängen und einen anderen, wesentlich naheliegenderen Vergleichspunkt zu übersehen. 

Der Vergleichspunkt ist folgender: Für den Verwalter steht eine neue Lebensphase an. Sein alter Beruf und damit auch seine alten Sicherheiten hat er verloren. Er macht sich Gedanken darüber, wie diese Lebensphase aussehen wird und tut mit den Ressourcen, die er hat, alles, was er kann, um sich auf diese neue Lebensphase vorzubereiten.

Auch auf die Zuhörer Jesu kommt eine neue Lebensphase zu: Jesus verkündigt das Reich Gottes, wie auch aus dem Kontext ersichtlich wird (Lk 16,16). Mit diesem Gleichnis empfiehlt Jesus seinen Zuhörern, ihre Möglichkeiten im Hier und Jetzt auszunutzen, um sich so gut wie möglich auf das Kommen des Reiches Gottes vorzubereiten, sodass sie dort willkommen sind. Betrachtet man die Aussagen und Aufforderungen Jesu, die sich an das Gleichnis anschließen, dann erscheint diese Auslegung als sinnvoll.