4.3 Die Bergpredigt

Mt 5-7

Bei der Bergpredigt handelt es sich um die erste und längste der fünf großen Reden, die das Matthäusevangelium prägen. Sie dreht sich hauptsächlich um die Einstellung und das Verhalten, dass die Nachfolger Jesu prägen soll. In ihr geht Jesus auch intensiv auf das Königreich der Himmel ein. Es wird im Rahmen dieses Kurses unmöglich sein, jede der Reden im Detail zu betrachten. Deswegen werden wir uns die Bergpredigt hier als Beispiel anschauen und im Lauf der anderen Kurstage noch auf den ein oder anderen Aspekt der anderen Reden eingehen. 

Einleitung (Mt 5,1-2): Jesus ist umgeben von der Volksmenge, aber es entsteht der Eindruck, dass er in erster Linie mit seinen Jüngern redet. In jedem Fall ist die Bergpredigt an Menschen gerichtet, die Jesus bereits nachfolgen wollen. Aus der Reaktion am Ende wird aber deutlich, dass die Volksmengen ihn durchaus hören konnten. Das Jesus im Sitzen lehrt ist damals üblich gewesen für einen Rabbi. Die Schüler hörten für gewöhnlich im Stehen zu.

Die Seligpreisungen (Mt 5,3-12): Jesus beginnt seinen Unterricht mit einer Reihe von Ausrufen, in denen er Menschen in unterschiedlichen Situationen als glücklich oder gesegnet bezeichnet. Diese Form der Seligpreisung ist aus dem Alten Testament, vor allem aus den Psalmen, bekannt (vergl. z.B. Psalm 1). Der Ausruf lässt aber auch an Passagen aus den Büchern Mose denken, in denen an unterschiedlichen Stellen Segnungen für Gehorsam und Flüche für Ungehorsam aufgezählt werden (Vergl. z.B. Dtn 28). In beiden Fällen wird Segnung mit Gehorsam gegenüber Gott in Verbindung gebracht.

Beim Lesen der Bergpredigt wird heutzutage oft übersehen, wie sehr der Text politisch geladen ist. Dieser Aspekt fällt schnell auf, wenn man die Belohnungen betrachtet, die Jesus beschreibt. Es geht unter anderem um Eintritt in das Reich Gottes und darum, dass Land zu erben (in Besitz zu nehmen). Dies greift genau die Hoffnungen auf, die zu Beginn besprochen wurden: Die Hoffnung, dass Gott sich dem Volk wieder zuwendet, dass sie wieder unabhängig im eigenen Land leben können.

Der Weg, den Jesus zum Ziel weist, ist dabei genau das Gegenteil von dem, was viele Juden damals tun wollten. Ihre Hoffnung war, sich das Land mit Waffengewalt zurückzuholen, aber Jesus spricht von Sanftmut und Friedensstiftern. Die Juden hoffen darauf, dass sie diejenigen sein können, die ihre Feinde verfolgen, Jesus sagt ihnen aber, dass sie froh sein sollen, wenn sie verfolgt werden. 

Dabei hebt Jesus folgende Eigenschaften hervor:

  • Arm im Geist: Armut ist hier nicht rein materiell zu verstehen. Ein armer Mensch zeichnet sich u.a. auch dadurch aus, dass er weiß, dass er auf Gott angewiesen ist.
  • Trauernd: Bezeichnet zunächst einmal alle, die Leid tragen oder trauern. Ein Blick ins Alte Testament legt aber nahe, dass hier besonders die betrachtet werden, die unter den Folgen von Sünde leiden und diese bereuen.
  • Sanftmütig: Erinnert stark an Psalm 37,11. Dort wird von Gottes Gericht gegenüber den Gewalttätigen und Unterdrückern geredet und deutlich gemacht, dass es nicht diese, sondern die Sanftmütigen sind, denen Gott das versprochene Erbe austeilen wird.
  • Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit: Hunger und Durst waren für die Menschen der Antike wesentlich häufigere Begleiter als für uns heute. Sie wurden auch regelmäßig lebensbedrohlich. Hier könnte es um die Menschen gehen, die sich Gottes Gericht herbeisehnen, dass die Unterdrückten befreit und Gerechtigkeit wiederherstellt
  • Barmherzigkeit: Güte oder Erbarmen mit anderen haben.
  • Reines Herz: Bezeichnet ein ungeteiltes Herz. (Vergl. Ps 24,3-4)
  • Friedensstifter: Diejenigen, die aktiv für den Frieden arbeiten.
  • Verfolgte: Diejenigen, die für ihre Gerechtigkeit Verfolgung erleiden.

Jesus macht deutlich, dass diese Menschen evtl. von den Menschen Verachtung erfahren, aber dass Gott sie mit anderen Augen sieht und dass er sie belohnen will.

Von Salz und Licht (Mt 5,13-16): Auch der nächste Abschnitt ist politisch geladen. Jesus vergleicht seine Zuhörer mit Salz und mit Licht und verweist in beiden Fällen auf einen Zweck, mit dem sie verbunden sind. Die Juden waren berufen, anders zu sein als die Nationen um sie herum. Die Nationen sollten erkennen, wie gut ihr Gott und wie weise seine Gebote sind (vergl. Deu 4,6). Wenn sie sich aber verhalten, wie alle anderen, dann verfehlen sie ihre Berufung.

Salz diente zur Reinigung, zum frisch halten und zur Desinfektion. Ähnlich war es Israels Aufgabe, ein positiver Einfluss auf die Welt zu sein. Wenn sie aber nicht anders sind, als die Völker, von denen sie umgeben sind, wie können sie dann einen Unterschied machen? Die Andeutung, dass das Salz herausgeworfen und zertrampelt werden könnte, muss als ernsthafte Warnung verstanden werden.

Die Stadt auf dem Berg lässt an die Stadt Jerusalem auf dem Zionsberg denken. Jesus sagt, dass Gott die Stadt nicht auf einen Berg gestellt hat, damit die Juden die Segnungen, die mit der Stadt (über den Tempel und den Priesterdienst, der das Gesetz verwaltet) verbunden sind eifersüchtig für sich behalten. Das Gute, dass Gott gegeben hat soll geteilt werden. Die Hoffnung ist, dass die Nationen (und andere Juden) die guten Werke der Juden sehen und ihren Gott verherrlichen. 

Vom Gesetz und den Propheten (Mt 5,17-20): Es könnte der Eindruck entstehen, dass Jesus gekommen ist, um alles über den Haufen zu werfen. Aber es ist nicht das Gesetz, dass er nicht respektiert, sondern die Art und Weise, wie es ausgelebt wird. Es geht Jesus nicht darum, den Bund aufzuheben, sondern eine andere Weise aufzuzeigen, wie Bundestreue gelebt werden kann. Damit wendet er sich gegen die von den Vätern überlieferten Traditionen. 

Im Matthäusevangelium wird immer wieder deutlich, dass er die Art und Weise wie die jüdischen Leiter das Volk im Gesetz anleiten als Missbrauch betrachtet (besonders Mt 23). Jesus ist jetzt gekommen, um den eigentlichen Zweck des Gesetzes zu erfüllen und den Missbrauch zu beenden.

Von Zorn und Mord (Mt 5,21-26): Nach dieser Grundsatzerklärung wendet sich Jesus jetzt mehreren Themen aus dem Gesetz zu. Dabei redet er in Form von Antithesen: „Ihr habt gehör…“, „Ich aber sage euch…“. Es wird immer wieder deutlich, dass Jesus den Maßstab nicht niedriger, sondern höher anlegt.

Die erste Antithese betrifft das Thema Mord. Jesus macht deutlich, dass nicht nur die Handlung betrachtet wird, sondern auch dass, was ein Mensch sagt und seine innere Einstellung. Der Begriff „Raca“ drückt Verachtung aus (wörtl.: „Ich spucke dir ins Gesicht“). Das Wort Narr bezeichnet nicht jemanden, der von begrenzter intellektueller Fähigkeit ist, sondern einen Menschen, der moralisch korrupt ist. 

Des Weiteren beschreibt Jesus eine Situation, in der ein Mensch dabei ist, eine Gabe zum Altar zu bringen – eine zu dieser Zeit übliche Form der Anbetung. Er macht deutlich, dass es nicht zufriedenstellend ist, das Ritual zu erfüllen, wenn das Leben nicht den Willen Gottes, der angebetet wird, widerspiegelt. 

In jedem Fall werden dramatische Konsequenzen angedroht. 

Von Ehebruch und Scheidung (Mt 5,27-32): In seiner zweiten Antithese setzt sich Jesus mit dem Thema Ehebruch und Scheidung auseinander. Wieder geht Jesus hinter die Handlung zurück und betrachtet die Herzenshaltung. Selbst das lustvolle Ansehen einer Frau wird schon als Ehebruch gewertet.

Hierauf folgen die berühmten Worte, dass sich der Gläubige eher ein Auge ausreißen soll, als sich von ihm zur Sünde verführen zu lassen. Mit diesen Worten macht Jesus auf dramatische Art und Weise deutlich, dass es wichtig ist, sich von Sünde und Versuchung fern zu halten. 

Danach sagt Jesus einige Worte zum Thema Scheidung. Dieses Thema war Streitfrage zwischen den Rabbis zu dieser Zeit. Einige sahen eine Scheidung nur bei Ehebruch als legitim an, andere akzeptierten Scheidung bei fast jedem Grund. Die Perspektive Jesu hierzu ist, dass ein Mann, der eine geschiedene Frau heiratet mit ihr Ehebruch betreibt. Ein Mann, der seine Frau wegschickt, hat zu verantworten, dass mit ihr Ehebruch getrieben wird. Hintergrund von dieser Aussage ist, dass eine Frau auf sich allein gestellt in der damaligen Gesellschaft nicht überleben konnte, sie wird also gezwungen sein, wieder zu heiraten. Der Hintergrund scheint zu sein, dass Gott eine Scheidung nicht anerkennt. Eheliche Untreue wird hierbei allerdings als Ausnahme eingefügt. 

Vom Schwören (Mt 5,33-37): Das nächste Thema, dem Jesus sich zuwendet ist das Schwören. Der Gedanke hier ist, dass die Idee von einem Schwur einen Doppelstandart einführt. Die Idee eines Schwurs, der die Zuverlässigkeit garantieren soll, legt nahe, dass alles andere, was ein Mensch sagt, nicht zuverlässig ist. Jesus sagt, dass seine Nachfolger so verlässlich sein sollen, dass ein Schwur nicht notwendig ist.

Von Vergeltung und Umgang mit Feinden (Mt 5,38-48): Hier wendet sich Jesus der Talionsformel (Auge um Auge) zu. Die Idee hinter dieser Formulierung war es ursprünglich, endlose Rachekreisläufe zu beenden. Die Strafe soll dem Verbrechen entsprechen und damit soll der Streit beendet werden können. Jesus geht allerdings darüber hinaus und sagt, dass seine Nachfolger auf Vergeltung verzichten sollen.

Ein Teil der letzten Aussage lässt sich im Gesetz nirgends finden. Der Befehl, seine Feinde zu hassen scheint also eine Art Tradition oder Auslegung zu sein, die damals im Umlauf waren. Stattdessen hier die Empfehlung Jesu, seine Feinde zu lieben und für diejenigen zu beten, die seine Nachfolger verfolgen.  

Mit seinen Aussagen aus diesem Abschnitt kehrt Jesu zu dem Thema aus Mt 5,13-16 zurück: Es ist die Berufung der Nachfolger Jesu (und der Juden im Allgemeinen), anders zu sein als die anderen Menschen. Das betrifft sowohl Sünder im jüdischen Volk (Zöllner) als auch die Nationen. 

Vom Almosengeben (Mt 6,1-4): Nach diesen Antithesen zu Verboten aus dem Gesetz wendet sich Jesus nun dem zu, was tatsächlich getan werden soll. Dazu diskutiert er drei der wichtigsten Aspekte der jüdischen Frömmigkeit: Das Almosengeben, das Beten und das Fasten. 

Das Almosengeben soll nicht in der Öffentlichkeit geschehen. Jesus bezeichnet diejenigen, die so handeln als Heuchler. Das Wort im Griechischen bedeutet wörtl. „Schauspieler“ und bezeichnet in diesem Kontext jemanden, der so tut als wäre er etwas, dass er nicht ist. Über diese Menschen sagt Jesus, dass sie ihren Lohn bereits erhalten haben. Sie haben sich für ihre guten Taten die Anerkennung der Menschen gewünscht und diese erhalten. Mehr wird es für sie nicht geben. 

An dieser Stelle könnte man fragen, ob diese Anweisung nicht im Widerspruch zu Mt 5,16 steht, wo die Jünger aufgefordert wurden, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Der Kontext macht hier aber einen entscheidenden Unterschied. Hier geht es darum, gesehen zu werden, um gut dazustehen. In Mt 5,16 und den Versen davor war die Rede von Verfolgung und es stand die Idee im Raum, die Segnungen, die die Juden erhalten haben, eifersüchtig für sich zu behalten.

Vom Gebet: (Mt 6,5-15): Ähnlich wie beim Almosengeben verhält es sich beim Gebet. In den Traditionen der damaligen Zeit gab es 5 feste Gebetszeiten am Tag. Ein Mensch, der in seinem Gebet beobachtet werden wollte, konnte seinen Tag also leicht so planen, dass er „zufällig“ grade in der Öffentlichkeit war. Jesus empfiehlt, im privaten zu beten. Gott sieht und belohnt das, was im Verborgenen geschieht.

Zusätzlich zu dieser Anweisung gibt Jesus den Jüngern noch ein Muster mit, wie ein Gebet aussehen kann. Er beginnt mit der Empfehlung, nicht endlose Reden zu schwingen oder zu versuchen, Gott durch viel Gerede zu überzeugen. Das Vaterunser ist also (unter anderem) in der Kürze seiner Bitten ein Vorbild.

Das Gebet besteht aus 3 Bitten für das Reich Gottes und 4 Bitten für das Leben des Gläubigen. Vergleicht man dieses Gebet mit anderen Gebeten dieser Zeit, so ist es inhaltlich nicht revolutionär. Seine Eröffnung „Unser Vater“ dagegen schon. Gebeten wird für die Notwendigkeiten des Lebens, aber auch dafür, dass Gottes Namen geehrt, also mit Respekt behandelt wird und dafür, dass sein Reich kommen und sein Wille geschehen soll, also dass die Herrschaft Gottes auf Erden sichtbar werden soll, wie es im Himmel bereits der Fall ist. 

Das letzte ist eine Bitte um Vergebung und eine Ermahnung, was passieren könnte, wenn jemand nicht bereit ist, zu vergeben. Diese Mahnung erinnert an das Gleichnis aus Mt 18,21ff.

Vom Fasten (Mt 6,16-18): Im letzten dieser Abschnitte setzt Jesus sich mit dem Thema fasten auseinander. Fasten drückt in der Bibel oft Trauer, Buße und die Ernsthaftigkeit von Gebeten aus. Nach dem Gesetz gibt es im Jahr eine vorgeschriebene Fastenzeit. Unterschiedlichen jüdische Traditionen hatten allerdings noch weitere Fastenzeiten eingeführt.

Woran hängt dein Herz? (Mt 6,19-24): Es folgt eine Reihe von Aussagen, die thematisch verbunden sind durch die Frage: Woran hängst du dein Herz? Die Passage erinnert an Spr 4,23. Das erste Bild, das Jesus verwendet ist das von einem Schatz. Jesus stellt zwei alternativen Gegenüber: Es besteht die Möglichkeit, Schätze im Himmel oder Schätze auf der Erde zu sammeln. Schätze auf der Erde vergehen und werden zerstört, ein Schatz im Himmel kann dagegen nicht geraubt werden. Dort wo der Schatz des Einzelnen ist, da ist auch das Herz.

Das zweit Bild ist das vom Auge als Licht des Leibes. Das Auge wurde damals als das Fenster in den Körper betrachtet, durch das Licht in den Menschen hineinfallen kann. Das Auge steht aber auch für das, auf das man sich ausrichtet, dass worauf der Blick gerichtet ist. Richtet man sich auf das Licht aus, so wird alles erleuchtet. In Anbetracht des nächsten Satzes könnte dieser als eine Warnung vor Gier betrachtet werden.

Das dritte Wort warnt, dass es unmöglich ist, zwei Herren zu dienen. Gegenübergestellt werden Gott und Mammon. Mammon steht für Wohlstand oder Besitz, seine ursprüngliche Bedeutung ist „das, worauf man vertraut“. Mit Liebe und Verachtung sind nicht nur einfach Emotionen gemeint, sondern auch sein Verhalten gegenüber zwei Herren. Versucht jemand, beiden zu dienen, dann wird ihr Verhalten sie bald verraten. Sie werden einem gehorchen und den anderen ignorieren.

Vom Sorgen (Mt 6,25-34): Nachdem so deutlich vor Geldgier gewarnt wurde ist es naheliegend, dass Jesus darüber redet, wie die alltäglichen Bedürfnisse seiner Nachfolger versorgt werden. Die Aufforderung ist, sich nicht zu sorgen, sondern Gott zu vertrauen. Er weiß, was wir brauchen und wird sich um uns kümmern. Dieses Versprechen ist allerdings auch mit einer Aufforderung verknüpft: Das wir uns zuerst um das Reich Gottes kümmern.

Vom Richten (Mt 7,1-5): Als nächstes kommt eine Aufforderung, nicht zu richten. Das griechische Me + Imperativ Präsenz könnte auch übersetzt werden als „Hört auf zu richten“. 

Mt 7,15-20 macht deutlich, dass diese Verse nicht bedeuten, dass wir aufhören sollen, über richtig und falsch nachzudenken. Hier geht es darum, dem anderen gegenüber nicht hartherzig zu sein. Es ist leicht, die Fehler des anderen zu betrachten, ohne sich der eigenen Fehler bewusst zu werden. Diese Tendenz wird mit dem Bild vom Splitter und vom Balken illustriert und bis zur Lächerlichkeit übertrieben. Es wird deutlich, dass jede Korrektur und jedes Beurteilen bei sich selbst beginnen muss.

Die Entweihung des Heiligen (Mt 7,6): In diesem kurzen Satz mahnt Jesus, weise mit dem Guten umzugehen, dass man empfangen hat. Für das Verständnis dieses Verses ist es wichtig zu wissen, dass Hunde damals nicht als Freund des Menschen galten, sondern als Tiere, die verachtet wurden. Ähnlich verhält es sich mit den Schweinen, die nach dem jüdischen Gesetz als unrein galten. 

Von der Erhörung des Gebets (Mt 7,7-11): Jesus kehrt zurück zum Thema Gebet, diesmal geht es um die Erhörung des Gebets. Die Zusagen, die er hier macht, sind erstaunlich. Wichtig für unser Verständnis ist hier aber, den durativen Aspekt der griechischen Zeitform zu verstehen. Das Griechisch, dass hier verwendet wird bezeichnet nicht einfach eine einmalige Handlung, sondern eine Handlung, die ausdauernd immer wieder vollzogen wird. Es geht hier also um jemanden, der ausdauernd sucht, bittet und anklopft.

Hier, wie auch schon in Mt 6,25-34 zieht Jesus die Schlussfolgerung daraus, dass seine Jünger Gott als ihren Vater bezeichnen können. Menschliche Väter lieben ihre Kinder und kümmern sich um sie. Dasselbe gilt noch viel mehr für Gott.

Die Goldene Regel (Mt 7,12): Nach diesem Vers beginnt ein neuer Abschnitt. Anstatt weiterer Erklärungen und Anweisungen für das Leben des Einzelnen zu geben, betont Jesus in den kommenden Abschnitten, wie wichtig es ist, seine Worte nicht nur zu hören, sondern auch umzusetzen.

Bevor er sich dieser Aussage zuwendet, kommt dieser Satz noch als eine abschließende Anweisung. Negative Versionen dieser Regel (Tue anderen nicht, was du nicht willst, das dir getan wird), sind aus vielen anderen Kulturen bekannt. Jesus hebt das Niveau: Seine Anweisung verlangt, dass der Hörer in Aktion tritt.

Zwei Wege (Mt 7,13-14): Ab hier fängt Jesus an, mit unterschiedlichen Bildern einen Kontrast darzustellen. Der Kontrast ist zwischen denjenigen, die seine Worte hören, aber nicht umsetzen und denjenigen, die auch tun, was er ihnen gesagt hat. Das erste Bild unterscheidet zwischen zwei Wegen, der eine breit und leicht zu betreten, er führt aber in den Untergang. Der andere schmal und schwer zu finden, aber dieser führt zum Leben.

An ihren Früchten (Mt 7,15-20): Analog dazu erklärt Jesus, wie man falsche Propheten, erkennen kann. Nach jüdischem Verständnis folgt das Neue Testament auf eine Zeit von 400 Jahren, in denen Gott geschwiegen hat und keine neuen Propheten aufgetreten sind. Mit Johannes dem Täufer beginnt aber eine neue Zeit, in der Gott Neues tut. Zu dieser Zeit treten viele religiöse Leiter auf, auch Propheten und Messiasse. 

Nachdem Jesus in dieser Rede erklärt hat, wie ein Leben in der Nachfolge aussehen sollte erklärt er nun, dass die Propheten an ihren Früchten, also dem, was ihr Leben hervorbringt beurteilt werden können. Das Bild vom Baum, der abgehauen wird, erinnert an Gerichtspassagen aus dem Alten Testament (Vergl. Z.B. Jesaja 6).

Vom „Herr, Herr“ sagen (Mt 7,21-23): Diese Passage lässt an eine mögliche Verteidigung dieser falschen Propheten denken, beschränkt sich aber nicht auf sie, sondern auf alle, die den zuvor erwähnten falschen Weg einschlagen.

Vom Haus und seinem Fundament (Mt 7,24-27): Ein letztes Mal beschreibt Jesus die Unterscheidung zwischen diesen beiden Gruppen. Diesmal verwendet er ein Bild von einem Haus, das gebaut wird. In Israel gibt es Regen und Trockenzeiten, sodass es möglich ist, eine Weile an einem Haus zu bauen, bevor es dem Regen ausgesetzt wird. Wenn aber die Regenzeit kommt, zeigt sich, auf welchem Fundament das Haus gebaut ist.

Evtl. soll die Rede von dem Haus, das gebaut wird an den Tempel, dass Haus Gottes denken lassen, dass zu dieser Zeit eine Baustelle war. Die Frage in dieser Predigt war in vielerlei Hinsicht, wie die Nachfolge und die Bundestreue des Volkes aussehen kann. Jede Gruppe im Judentum hat gehofft, dass Gott sich ihnen wieder zuwendet. Jesus macht hier deutlich, dass die Bemühungen derjenigen, die auf ihn hören sich als Wertvoll erweisen werden, während die anderen feststellen müssen, dass sie auf Sand gebaut haben.

Abschluss (Mt 7,28-29): Damit endet die Bergpredigt. Die Zuhörer sind erstaunt, was unter anderem daran liegt, dass er in eigener Vollmacht redet. Unter den Rabbis zu dieser Zeit war es üblich, dass man seine Aussagen auf die Lehren von früheren Rabbis gestützt hat. Jesus begründet seine Lehren aber nicht mit „Rabbi so und so hat gesagt…“ sondern mit „ich aber sage euch“.

Zur Interpretation der Bergpredigt: Die Bergpredigt enthält viele herausfordernde Aussagen, die besonders für Christen aus einer protestantischen Tradition irritierend sein können. Von Martin Luther und der Reformation herkommend sind wir es gewohnt, allergisch auf alles zu reagieren, was nach Werkgerechtigkeit klingen könnte. In der Bergpredigt gibt es jedoch einige Aussagen, die sehr nach Werkgerechtigkeit klingen und sich dabei auch noch sehr hart anhören. 

Eine Diskussion dieses Themas bis ins letzte Detail ist an dieser Stelle unmöglich. Dennoch wäre es unangemessen, nicht wenigstens einige Gedanken zu diesem Thema zu diskutieren.

Zunächst einmal ist anzumerken, dass viele Christen heutzutage ein etwas verzerrtes Bild vom Gesetz haben. Die Idee scheint zu sein, dass man versuchen muss, so gut wie möglich zu sein, um dann hoffentlich irgendwie gut genug für Gott zu sein und in den Himmel zu kommen. Dieses Bild existiert nirgends in der Bibel. Auch das Gesetz im Alten Testament ist sich sehr bewusst, dass Menschen fehlbar sind und hat deswegen Wege vorbereitet, wie Sünde vergeben werden kann (Im Alten Bund durch Opfer im Tempel, im Neuen Bund durch das Opfer Jesu am Kreuz). Dieses Verständnis ist Grundvoraussetzung in der Bibel und wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, auch wenn sie in diesem Text nicht erwähnt wird.

Als zweites ist zu sagen, dass wir aufgrund unserer Traditionen dazu tendieren, viel zu schnell in jenseitigen Kategorien zu denken, in Kategorien von Himmel, Hölle und ewigem Gericht. Jesus spricht aber zu einem Volk und kommt aus einer Tradition (dem Alten Testament), dass gewohnt ist, von Segen und Fluch, Lohn und Strafe im Diesseits zu sprechen. 

In diesem Zusammenhang ist auch das Thema der Bergpredigt zu beachten. Die Einleitung, die zur Diskussion des Gesetzes führt, spricht nicht darüber, wie jemand in den Himmel oder die Hölle kommt. Sondern sie erklärt, wie das Gottesvolk einen Unterschied zu den anderen Völkern machen kann, damit sie „eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Mt 5,16). 

Trotzdem wird es beim Lesen und Auslegen dieser Texte immer wieder die Schwierigkeit geben, zwei Extreme zu vermeiden. Auf der einen Seite ist das das Problem der Werkgerechtigkeit. Die Lehre Jesu und die Lehre der Bibel als Ganzes macht lehren eine Gerechtigkeit aus Gnade, durch glaube, auch wenn errettender Glaube und gute Werke in der Bibel näher beieinanderliegen, als es Luther recht gewesen wäre.

Auf der anderen Seite liegt aber die Versuchung, diese Texte zu sehr zu relativieren, eine Versuchung vor der uns die Mt 7,13-27 warnen sollten. Die Worte, die Jesus hier spricht sind herausfordernd, nicht nur für unsere Zeit, sondern auch damals. Sie sollen herausfordernd sein. Mit dieser Absicht wurden sie ausgesprochen und aufgeschrieben. Es ist ratsam, sie diesem Effekt nicht zu berauben.