3.6.2 Robert Enrights 4 Phasen des Verzeihens

In den letzten Jahrzehnten gab es eine exponentielle Zunahme der Forschung über Vergebung. Die Ergebnisse haben nicht nur ihre Vorteile hervorgehoben, sie haben auch zu vielen pädagogischen und therapeutischen Interventionsprogrammen mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen geführt. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Vergebung Menschen hilft, mit vergangenen Traumata abzuschließen, sich schneller von schmerzhaften Beziehungen zu erholen, weniger depressiv zu sein und weniger wahrscheinlich Alkohol oder illegale Drogen zu nehmen. Die Quintessenz ist, dass Vergebung zwar hart sein kann, aber die langfristigen Kosten des Nicht-Verzeihens höher sind.

Einer der ersten Forscher, der einen bedeutenden Teil seiner Arbeit der Vergebung widmete, war Robert Enright. Er beschrieb einen 4-Phasen-Prozess:

Aufdeckungsphase: Zu Beginn des Prozesses ist es wichtig, das Geschehene klar zu benennen und sich den emotionalen Auswirkungen zu stellen. Dies ist wichtig, weil Vergebung nicht bedeutet, etwas zu vertuschen oder die schmerzhaften Auswirkungen davon abzutun. Tatsächlich können Menschen, die früher ihre Gefühle verdrängt oder minimiert haben, beginnen, den Schmerz vollständiger zu erleben.

Entscheidungsphase: In der nächsten Phase arbeitet die Person daran, Klarheit darüber zu gewinnen, was Vergebung bedeutet. Dazu gehört auch, zu einem klaren Verständnis zu kommen, dass es in keiner Weise bedeutet, irgendein Unrecht, das geschehen ist, zu entschuldigen. Es bedeutet auch nicht, Gottes Verantwortung zu übernehmen und an Gottes Stelle Vergebung zu gewähren. Am Ende dieser Periode entscheidet sich die Person, Vergebung zu gewähren und das Recht, das Unrecht zu verfolgen, aufzugeben.

Arbeitsphase: In dieser Phase wird aktiv an der Fähigkeit zur Vergebung gearbeitet. Als Teil der Arbeit kann die Person, die vergibt, versuchen, einige der Umstände im Leben des Täters zu verstehen, die zu seinen oder ihren Handlungen beigetragen haben. Ein empathisches Verständnis für den Täter kann nicht eingefordert werden; es wird in seinem eigenen Tempo wachsen. Auch ein empathisches Verständnis muss nicht gleichbedeutend mit Sympathie sein.

Vertiefungsphase:  In dieser Phase wird sich die Person immer mehr der Vorteile bewusst, die Vergebung ihr bietet, z. B. Freiheit von Ärger, Bitterkeit und Groll. Es gibt ein gesteigertes Gefühl für Sinn und Verständnis dafür, wie Leiden positive Veränderungen bewirken kann. In seinem Buch “Die neue Freiheit der Vergebung” beschreibt David Augsburger Vergebung als einen fortlaufenden Wachstumsprozess: “Man kann einen anderen durch den Rahmen des Verstehens betrachten, egal wie verletzt man war oder wie verletzend die verletzende Erinnerung sein mag, wenn man sich an den Täter und die Tat erinnert. Wut und Empörung kommen immer noch hoch, wenn man sich an die Verletzung erinnert. In unerwarteten Momenten lösen unerwartete Signale schmerzhafte Erinnerungen aus, die einen zu dem Schmerzereignis zurückbringen. Aber auch Mitgefühl kommt auf. Das ist kein Ende, das ein für alle Mal erreicht werden muss, sondern ein Prozess, in den man eintritt, dem man sich anschließt und der einen wieder verbindet.”