3.5.2 Stadien des Konflikts

Wenn sich Konflikte entfalten und eskalieren, neigen sie dazu, eine Reihe von Stufen zu durchlaufen. Speed Leas’ Modell der Konfliktstufen wird häufig als Beschreibung des typischen Verlaufs eines Konflikts verwendet:

Stufe 1 – Die Entstehung des Problems: In der Anfangsphase versuchen die Parteien auf beiden Seiten, die entstehenden Schwierigkeiten auf der Grundlage der bestehenden Prämissen und unter Verwendung der etablierten Werkzeuge und Verfahren zu bearbeiten. Viele häufig auftretende Differenzen werden in dieser Anfangsphase erfolgreich gelöst.  Das Problem hat sich noch nicht negativ auf die Beziehungen ausgewirkt und es besteht ein weit verbreiteter Wunsch, ein Win-Win-Szenario zur Lösung der Differenzen zu finden. 

Stufe 2 – Meinungsverschiedenheiten: An diesem Punkt wird deutlich, dass es manifeste Differenzen gibt, die einer Überwindung des Problems im Wege stehen. Die Interaktionen zwischen den beteiligten Personen werden angespannter. Es kann zu Versuchen kommen, Personen auf der anderen Seite des Streits die Schuld zuzuweisen, die für die Schwierigkeiten und das Scheitern der Lösung verantwortlich gemacht werden.

Stufe 3 – Streit: Da die Frustrationen auf beiden Seiten zunehmen, schrumpft die Motivation, der Gegenpartei irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Es entsteht eine zunehmende Wir-gegen-die-Mentalität und die Bereitschaft, die Bedürfnisse und Anliegen der anderen Partei auch nur anzuerkennen, sinkt. Die Wahrnehmung des Problems wandelt sich in ein Win-Lose-Szenario. Extremere Stimmen, die den Konflikt als einen Machtkampf darstellen, treten in den Vordergrund und werden eher gehört. Der Konflikt wird auch persönlicher, da die beiden Seiten versuchen, externe Zuschauer zu beeinflussen und die Glaubwürdigkeit ihrer Gegner aktiv zu untergraben. 

Stufe 4 – Offener Krieg: Leas verwendet eigentlich den Begriff “Kreuzzug”, um diese Stufe zu beschreiben. Das primäre Ziel des Konflikts verlagert sich vom Versuch, das Argument zu gewinnen, zur Schädigung des Gegners. Es gibt eine eskalierende “Tit-for-tat”-Dynamik zusammen mit persönlichen Angriffen und Gehässigkeiten, die zu zunehmender Verbitterung auf beiden Seiten und einer Bereitschaft führt, die Einsätze des Konflikts zu erhöhen. Die vorherrschende aggressive Denkweise macht eine konstruktive Problemlösung praktisch unmöglich, da sich die Gehirnfunktion vom rationalen Denken zum Kampf-oder-Kampf-Modus verschiebt.

Stufe 5 – Zerstören: In diesem Stadium haben die Kontrahenten meist das ursprüngliche Problem aus den Augen verloren. Beide Seiten sind nun davon besessen, sich gegenseitig so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Die Kampagne gegen die “Feinde” ist zum Selbstzweck geworden, und es wird als moralischer Imperativ angesehen, nicht eher zu ruhen, bis sie vollständig und endgültig vernichtet sind.