3.2 Zur Geburt Jesu

Mt 1-2; Lk 1-2

Sowohl Lukas als auch Matthäus berichten von der Geburt Jesu. Die beiden Berichte haben viele Gemeinsamkeiten:

  • Beide berichten von der Geburt Jesu zur Zeit des Herodes.
  • Sie sind sich einig, dass Maria und Joseph verlobt, aber noch nicht verheiratet sind. 
  • Sie betonen beide, dass Joseph ein Nachfahre Davids ist (beide liefern auch einen Stammbaum Jesu).
  • In beiden Evangelien wird die Geburt Jesu durch einen Engel angekündigt.
  • Und es wird gesagt, dass Jesus durch den Heiligen Geist empfangen wurde (um gegen alternative Theorien, die sich ja anbieten, zu wehren).
  • Auch der Name Jesus wird durch den Engel vorgegeben.
  • Beide bezeichnen Jesus als den Retter.
  • Und beide sind sich einig, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, aber in Nazareth aufgewachsen ist.

Matthäus liefert folgendes Sondergut:

  • Die Ankündigung der Geburt an Joseph.
  • Die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern folgen, Geschenke bringen und das Kind verehren.
  • Die Eifersucht des Herodes und die Flucht nach Ägypten.
  • Und die Tötung der Kinder.

Lukas erweitert die Geschichte um noch mehr Material:

  • Die Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers
  • Die Ankündigung der Geburt Jesu an Maria
  • Das Treffen zwischen Maria und Elisabeth
  • Die Volkszählung
  • Die Geburt bei der Krippe
  • Der Besuch der Hirten
  • Reden und Dankesgebete 
  • Die Präsentation Jesu im Tempel mit den Reaktionen von Simeon und Hanna
  • Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Die Frage ist, wie diese Unterschiede zu erklären sind. Es ist allerdings auch anzumerken, dass sich die Berichte nicht ausdrücklich widersprechen. Ausleger, die davon ausgehen, dass die Evangelien spät und vor allem nicht mehr anhand von Berichten von Augenzeugen entstanden sind, haben u.a. vorgeschlagen, dass sich mit der Zeit ein Interesse an der Geburt Jesu entwickelt hat und dass die Informationen, die über ihn zu finden waren dann auch unterschiedliche Art und Weise an alttestamentliche Verheißungen gebunden wurden. 

Der Text legt eine Alternative nahe. Ein vorsichtiges Lesen macht deutlich, dass beide Evangelisten ihre Geschichte aus unterschiedlicher Perspektive wiedergeben. Lukas schreibt aus der Sicht Marias, Matthäus aus der Josefs. Gegen diesen Vorschlag wurde von Kritikern erhoben, dass sich Maria und Josef über diese Ereignisse mit Sicherheit ausgetauscht haben und ihre Berichte sich deshalb mehr ähneln sollten. Das scheint aber kaum ein überzeugendes Argument. Es ist auf der einen Seite denkbar, dass die beiden, obwohl sie sich ausgetauscht haben, die Geschichte trotzdem aus der eigenen Perspektive erzählen. Zusätzlich ist zu bedenken, dass die Evangelien Hinweise erhalten, dass Josef zu der Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu bereits verstorben war. In diesem Fall könnte der Bericht aus dem Matthäusevangelium aus zweiter Hand, beispielsweise von einem der Brüder Jesu stammen. 

Diese Berichte erzählen nicht nur von der Geburt Jesu, sondern sollen bereits in die Themen des Evangeliums einführen und den Leser auf das vorbereiten, was kommt. Dabei zeigen beide ein sehr unterschiedliches Vorgehen. 

Matthäus vermittelt viele seiner Inhalte über den Stammbaum. Da Interesse an Stammbäumen uns heute völlig fremd ist, lohnt es sich, auf ein paar Elemente dieses Stammbaums einzugehen. In der Überschrift wird Jesus zunächst als Sohn Abrahams und als Sohn Davids bezeichnet. Oberflächlich betrachtet sagt das dem Leser, dass es sich hier um einen Israeliten handelt, und zwar um einen, der als Nachfahre Davids ein legitimer Kandidat für das Königtum über Israel ist. Abraham und David sind aber auch beide Empfänger von besonderen Verheißungen von Gott. Abrahams Verheißung besagte unter anderem, dass Gott seine Nachfahren segnen und durch sie die ganze Welt segnen würde. Ihm war aber auch das Land Israel versprochen worden. David und seinen Nachfahren war die Königsherrschaft über Israel versprochen worden. Der Autor beabsichtigt mit Sicherheit, dass seine Leser an diese Verheißungen denken, wenn sie diese Überschrift lesen.

Abraham und David stellen zusammen mit Zerubbabel auch den Rahmen dieses Stammbaums dar. Anhand von ihnen zeichnet der Autor auch die Geschichte Israels nach, die wir bereits besprochen haben. Er arrangiert seinen Stammbaum so, dass jeweils 14 Generationen zwischen ihnen liegen. 14 Generationen zwischen Verheißung und Erfüllung, weitere 14 Generationen zwischen Erfüllung und dem Exil und jetzt weitere 14 Generationen. Beim Lesen soll diese Geschichte nachempfunden und deutlich gemacht werden, dass es jetzt Zeit ist, für das nächste Kapitel.

Außerdem nennt Matthäus in seinem Evangelium 4 Frauen, die aus biblischen Erzählungen bekannt sind. Jede dieser Frauen war in eine erstaunliche Geschichte verwickelt, in der sich Gott letztendlich als gnädig erwiesen hat. Zwei von ihnen waren keine Israelitinnen. Auf diese Art und Weise erinnert der Autor an die Fürsorge und die Gnade Gottes und gibt evtl. schon den ersten Denkanstoß mit, dass diese nicht nur für die Israeliten da sind.

Die Verbindung im Lukasevangelium läuft eher über die Dankgebete Zacharias (der oben ja bereits erwähnt wurde) und Marias, die an die Psalmen und Lobgesänge aus dem Alten Testament denken lassen und die ihrerseits auch Anspielungen auf die Verheißungen Gottes beinhalten. Auch die Aussagen Simeons und Hannas passen in diese Kategorie.

Beide Evangelien berichten auch schon über eine früheste Verkündigung. Lukas berichtet von den Hirten auf dem Feld, denen die Engel erscheinen und berichten. Sie finden Jesus und verbreiten die Botschaft. Matthäus berichtet von einem Stern, der von Sterndeutern aus dem Osten beobachtet wird. Sie folgen ihm und finden Jesus, bringen ihm Geschenke und verehren ihn. Über sie kommt es auch schon zum ersten Widerstand. Herodes, der bereits alt und zu dieser Zeit paranoid war hört von Jesus und versucht, ihn töten zu lassen. Er hatte guten Grund, sich zu fürchten, da er nur zur Hälfte Jude war und um sein Königtum fürchten musste. Einige Kritiker haben angemerkt, dass dieses Massaker nicht stattgefunden haben kann, da nichts davon in Quellen außerhalb der Bibel berichtet wird. Schaut man sich die letzten Jahre des Herodes an, dann bietet sich eine andere Erklärung an: Herodes war einfach so grausam und es kam so regelmäßig zu Blutvergießen, dass diese Geschichte nicht erwähnenswert war.