3.1 Jüdische Kultur & das Römische Reich

Die Hoffnung Israels

Anhand der im vorherigen Kapitel erarbeiteten Informationen sollten wir in der Lage sein, ein Verständnis für das Judentum in den Tagen Jesu zu gewinnen. Die Sehnsucht nach dem goldenen Zeitalter unter David und Salomo und die Erinnerung an die erfolgreiche Revolte gegen die Seleukiden ergaben eine explosive Mischung. Der Wunsch unabhängig im eigenen Land unter einem König zu leben, der der Verheißung gemäß von David abstammte, war immer noch groß. In den Augen der Juden war das Exil noch nicht wirklich vorbei. Gott hatte sich damals vom Volk abgewandt und hat sich ihm noch immer nicht gnädig wieder zugewandt.

Neben den punkten wird das vor allem an einem Aspekt deutlich: Die Gegenwart Gottes, war noch nicht wieder in den Tempel zurückgekehrt. Dieser Punkt verdient es, etwas vertieft zu werden. Durch das Alte Testament zieht sich die Idee, dass die Gegenwart Gottes beim Volk Israel, im Tempel wohnt. Hesekiel sah in seiner Vision, dass die Gegenwart Gottes den Tempel verlassen hat (Hes 10). Er prophezeit auch, dass sie eines Tages zurückkehren würde (Hes 43,1-12). Doch zur Zeit Jesu blieb die Bundeslade, die die Gegenwart Gottes repräsentierte, verschwunden. Wir lesen im neuen Testament nichts davon, dass die Herrlichkeit des Herrn den Tempel erfüllt. Josephus schreibt aber davon, dass Pompeius, der römische General, der Jerusalem eroberte, dabei den Tempel betrat, in das Allerheiligste ging und es leer vorfand. So etwas wäre vor dem Exil undenkbar gewesen.

Das war also die Hoffnung Israels. Sie litten weiterhin unter den Folgen des Exils, der Strafe für ihre Sünden. Im Hinblick auf diese Hoffnung wird Johannes der Täufer als Stimme, die ruft: „Macht eben die Pfade des Herrn“ (Mk 1,3) bezeichnet – man beachte: Es sind die Pfade des Herrn (Gottes) und eben nicht die Pfade des Messias. In diesem Kontext kann Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer über die Vergebung der Sünden sprechen (Lk 1,77). Es geht hier nicht nur um die Vergebung der Sünden von Individuen, sondern um die Vergebung und die Wiederherstellung des ganzen Volkes. Um Vergebung für die Sünden des Einzelnen zu erbitten, gab es einen Vorgang. Es handelt sich um die Opfer im Tempel, an denen Zacharias als Priester selbst beteiligt war. Die Not, die empfunden wurde war eher die, dass Gott dem Volk als Ganzem seine Sünden vergeben musste um sich ihnen dann wieder zuzuwenden.

Und es gab Gründe zu glauben, dass diese Hoffnungen sich bald erfüllen würden. Gott hatte versprochen, dass er sich ihnen wieder zuwenden würde (z.B. Jes 40,1-4, Hes 43,1-12). Er hatte versprochen, die Feinde Israels zu bestrafen (z.B. Jes 13-23). Die Erwartung war, dass das Reich Gottes kommen und die anderen Königreiche zerschmettern würde (Vergl. Dan 2,24-49). Die Erinnerung an den Aufstand gegen ein anderes Imperium war noch im Gedächtnis des Volkes. Sie hatten sich gegen ein heidnisches Reich durchgesetzt, warum sollten sie nicht auch ein anderes besiegen? Viele erwarteten, dass der Tag, an dem Gott sich dem Volk wieder zuwenden würde, der Tag sei, an dem die Unterdrückung durch die Römer beendet würde.

Die griechisch-römische Welt

Seit Alexander dem Großen stand die biblische Welt mehr und mehr unter griechischem Einfluss und oft auch unter griechischer Herrschaft. Seit der Zerstörung Karthagos 146 v. Chr. waren die Römer allerdings zur unangefochtenen Großmacht im Mittelmeer aufgestiegen. Die Römer übernahmen viele Aspekte der griechischen Kultur. 

Das hauptsächliche Interesse der Römer war allerdings nicht griechisch-römische Kultur, sondern Frieden im Reich, der so genannte Römisch Frieden (Pax Romana). Der war im Nahen Osten besonders wichtig, da die Stadt Rom für ihr Überleben auf Getreidelieferungen aus Ägypten angewiesen war.

In der römischen Geschichte wird das Jahrhundert vor Jesus als die Krise der Römischen Republik bezeichnet. In dieser Zeit wir der Friede nicht durch Bedrohungen von außen, sondern durch Bürgerkriege von innen bedroht. Die Strukturen der römischen Republik waren nicht mehr in der Lage, die Römer zusammenzuhalten. Der Adel und das Volk fanden sich immer wieder als Gegner wieder und geschickte Politiker nutzten die Situation aus, um mehr und mehr Macht an sich zu reißen. Der Berühmteste unter ihnen war Julius Cäsar. Er schaffte es, sich zum Alleinherrscher auf Lebzeit aufzuschwingen, bevor er im Senat ermordet wurde. 

Seinem Nachfolger, Augustus, gelang es, sich nach weiteren Bürgerkriegen durchzusetzen. Er gilt als der erste Kaiser und er herrscht zu der Zeit, in der Jesus geboren wurde. Er beendet die Bürgerkriege und ihm gelingt es, den römischen Frieden wiederherzustellen. Während des Dienstes Jesu herrscht der Nachfolger des Augustus, Tiberius. Seine Herrschaft gilt als eine Schreckensherrschaft in der Stadt Rom selbst, da er vor allem im hohen Alter paranoid und grausam wurde. Sie war aber in den Provinzen, wie Judäa, eine Zeit von relativer Stabilität und Frieden.

Um ihre Herrschaft vor dem Volk zu rechtfertigen ergriffen die Kaiser einige Maßnahmen, die für die Auslegung der Evangelien interessant sind. Zunächst einmal ist zu erwähnen, dass der Sieg des Augustus das Ende der Bürgerkriege und eine neue Stabilität bedeutete. Diese gute Botschaft (Evangelium) von der Herrschaft eines neuen Kaisers wurde von Boten im ganzen Reich verkündigt. Darüber hinaus war es von Anfang an üblich, dass ein Kaiser nach seinem Tod zum Gott erklärt wurde (bei späteren Kaisern wurde die Göttlichkeit auch schon zu Lebzeiten beansprucht). Deswegen konnten die Kaiser beanspruchen, Sohn Gottes zu sein. Ein weiterer Titel war der des Hohepriesters (Pontifex Maximus). 

Es ist leicht, sich vorzustellen, dass diese Maßnahmen bei den Juden unbeliebt waren und dass ein Prophet, der eine andere gute Botschaft, von der Herrschaft eines anderen Königs, eines anderen Gottessohnes und Hohepriesters sehr gefährlich war.

 

Gruppen & Überlebensstrategien

Bisher haben wir über die Juden geredet, als wären sie eine Einheit. Und dass, was bisher gesagt wurde wird auch auf die meisten der Juden damals zugetroffen haben. Aber natürlich gab es auch Unterschiede zwischen einzelnen Menschen und Gruppen. Deswegen möchte ich am Ende dieses Kapitels noch einige der Parteien und Gruppen vorstellen, die zu dieser Zeit unter den Juden vertreten waren. Viele dieser Parteien werden und bei unserem Studium der Evangelien noch begegnen.

Zöllner und Sünder: Nachdem was wir uns bisher aus der Geschichte der Juden angesehen haben, sollte es verständlicher sein, warum Sünder und Zöllner im Volk so verachtet waren. Es ging nicht nur um dein Sündenkonto und mein Sündenkonto, sondern um das Sündenkonto Israels als Volk. Israel leidet unter dem Exil, der Strafe für ihre Sünden nicht als Individuen, sondern als Volk. Und es gilt, als Volk aus dieser Lage wieder herauszukommen. Die Sünden des einzelnen gefährden also die Gemeinschaft als Ganzes.

Sünder scheint ein allgemeiner Begriff für diejenigen zu sein, die den Versuch, sich an das Gesetz zu halten aufgegeben haben. Oft in Zusammenhang mit einem Lebensstil, der nicht mit dem Gesetz zu vereinen ist, wie z.B. der Prostitution. 

Zöllner dagegen waren Verräter, die mit den verhassten Römern kooperierten und ihr eigenes Volk ausgebeutet haben. Um die Tiefe dieses Verrats zu verstehen, ist ein Blick auf das römische Steuerpacht System hilfreich. Der römische Staat stand vor folgender Herausforderung: Sie mussten Steuern eintreiben, wollten dabei aber so wenig Aufwand wie möglich haben (Steuereintreiber kosten immerhin Geld). Dem entsprechend haben sie das Recht, Steuern einzutreiben verkauft. D.h. der Staat bezieht seine Einnahmen nicht aus der Besteuerung selbst, sondern aus dem Verkaufserlös. Der Steuereintreiber behält also die Steuern, die er danach eintreibt, selbst. Essentiell erkauft er sich also von den Römern das Recht, sein eigenes Volk auszubeuten und hat dabei die römische Staatsmacht hinter sich.

Die Samariter: Das Exil traf nicht nur das südliche Königreich Juda, sondern auch das nördliche Königreich, dass meistens Israel genannt wurde. Die assyrischen Könige verschleppten die Israeliten in ein anderes Land und brachten andere, heidnische Völker nach Israel. Diese vermischten sich mit den übriggebliebenen Israeliten, sodass das Mischvolk der Samariter entstand.

Die Samariter hatten eine eigene Version des Gesetzes, einen eigenen Tempel und waren mit den Juden zutiefst verfeindet. Die Feindschaft ging so tief, dass es in der Vergangenheit zu Kriegen zwischen Juden und Samaritern gekommen war. Das Land der Samariter lag zwischen den Jüdischen Siedlungen in Galiläa und Jerusalem, trotzdem vermieden es die Juden, auf der Reise durch das Land der Samariter zu gehen, sie reisten zumeist östlich vom Jordan um ihr Gebiet zu umgehen. 

Die Zeloten: Technisch gesehen wird von Zeloten nur zur Zeit des jüdischen Krieges 66-70 n. Chr., also deutlich nach den Evangelien, gesprochen. Ich erlaube mir aber doch, denn Begriff hier zu benutzen, um unterschiedliche Strömungen zu beschreiben, die auch zur Zeit Jesu bereits unterwegs waren. Was diese Gruppen vereinte war vor allem ihre Gewaltbereitschaft. Ähnlich wie beim Aufstand gegen die Seleukiden galt es, die Fremdherrscher mit Gewalt zu verdrängen. Gott wird sich dem Volk wieder zuwenden, wenn sie das Heft in die Hand nehmen und sich gegen die heidnischen Besatzer wehren. Vorbilder für diese Philosophie waren biblische Gestalten wie Pinhas (Num 25,7-8) und Elia (1. Kö 18,40), beides Helden des Alten Testaments, die für die Verteidigung ihres Glaubens Blut vergossen haben. Da die Zeloten keine offizielle Partei bildeten und aus offensichtlichen Gründen im Untergrund agieren mussten, konnten sich Zeloten unter so ziemlich jeder anderen Gruppe befinden.

Die Sadduzäer: Sie stehen im scharfen Kontrast zu den Zeloten. Sie waren eine relativ kleine Gruppe, die aus den Priestern und den führenden Leuten im Volk bestand. Da sie an der Spitze der Pyramide standen, waren sie ganz glücklich mit dem Status Quo und haben versucht, Aufstände eher zu verhindern. Daraus begründet sich auch ihre Ablehnung der Auferstehung. Diese Lehre wurde oft von Revolutionären verwendet: Man muss sich nicht vor dem Tod fürchten, denn wer in der Verteidigung seines Glaubens stirbt wird sicher auferstehen. Dieses Denken entspricht dem Interesse der Sadduzäer ganz und gar nicht, aus naheliegenden Gründen.

Die Essener: Obwohl sie in der Bibel nicht erwähnt werden, ist es dennoch eine gute Idee, ein paar Worte über sie zu sagen. Bei ihnen handelt es sich um eine Gruppe, die sich aus der Gesellschaft zurückzog und in ihren eigenen Kommunen lebte. In vielen Fragen, die das Gesetz betreffen waren sie sich mit den anderen Gruppierungen nicht einig. Sie sahen sich als die einzig wahren Israeliten und alle Außenseiter als fehlgeleitet. In ihren Augen waren sie die Erwählten Gottes und sie erwarteten, dass Gott sich ihnen gnädig wieder zuwenden würde und dass er den Rest Israels zusammen mit den Heiden strafen würde.

Die Pharisäer: Die letzte und in der Bibel prominenteste Gruppe sind die Pharisäer. Während die Zeloten kämpften, die Essener sich zurückzogen und die Sadduzäer den Status Quo beibehielten war es die Strategie der Pharisäer, unter den gegebenen Umständen so gut wie möglich dem Gesetz zu folgen. Während der Name Pharisäer heutzutage Synonym mit Heuchelei ist, waren die Pharisäer damals Menschen, die im Volk angesehen waren. 

In ihren Reihen befanden sich viele wohlhabende Männer, obwohl sie wohl nicht so reich waren, wie die Sadduzäer. Die jüdische Überlieferung unterscheidet zwischen zwei Schulen unter den Pharisäern, die von Hillel und die von Schammai. Neben vielen Unterschieden empfahl Hillel ein abwartenderes, vorsichtigeres Vorgehen, während Schammai es vorzog, das Heft in die Hand zu nehmen (hier soll angemerkt werden, dass beide zur Lebzeit Jesu schon tot waren). Ähnlich wird die Einstellung beider Schulen im Hinblick auf die römischen Besatzer gewesen sein. Der Unterschied wird leicht deutlich, wenn man die Reaktion auf die christliche Botschaft von Gamaliel (Apg 5,33-42) und seinem Schüler Saulus (Apg 9,1-2) vergleicht.

In diese Welt bricht Jesus nun herein und in dieser Welt müssen wir versuchen, ihn zu verstehen.