3.1.4 Der Arianische Streit

Der neben Marcion wohl meistbekämpfte Häretiker der frühen Kirche war der alexandrinische Presbyter Arius († 336), nach dem der so genannte Arianische Streit benannt ist. Entgegen einer verbreiteten fälschlichen Darstellung ging es bei diesem Streit nicht um die Frage, ob Jesus Gott oder Mensch war. Die Göttlichkeit Jesu mag in den Anfängen der Kirche, insbesondere im Judenchristentum (siehe Kapitel I.1.4), noch umstritten gewesen sein, galt jedoch schon sehr bald als fester Glaubenssatz. Arius und seine Gegner stritten vielmehr um die Frage, ob der Sohn der Schöpfung angehört und somit dem Vater untergeordnet ist oder aber dem Vater vollkommen wesensgleich ist. 

Diese Diskussion, die selbst von Kaiser Konstantin († 337) als spitzfindig und wenig hilfreich eingestuft wurde, entfaltete in der philosophisch geprägten Atmosphäre des vierten Jahrhunderts eine enorme Sprengkraft. Ironischerweise hatte beiden Seiten jedoch dasselbe Ziel: Die Verteidigung des Monotheismus.

Für Arius und seine Anhänger war Gott der Eine, der Einzige und Unteilbare. Es erschien ihnen undenkbar, dass Gott sein Wesen mit einem anderen teilen sollte. Daher musste der Sohn von Gott geschaffen worden sein, allerdings vor aller übrigen Schöpfung. Er wird somit als eine Art Mittelwesen zwischen Gott und Mensch gesehen. In einer entsprechenden Erklärung der Arianer heißt es: „Gott nämlich, die Ursache von allem, ist einzig und allein anfangslos, der Sohn aber, der zeitlos vor dem Vater gezeugt und vor allen Zeiten geschaffen und gegründet wurde, war nicht, bevor er gezeugt wurde, sondern, da er zeitlos vor allen Dingen gezeugt wurde, wurde er allein vom Vater ins Dasein gerufen. Denn er ist nicht ewig oder gemeinsam mit dem Vater ewig und ungeworden, auch besitzt er nicht zusammen mit dem Vater das Sein, wie einige das Verhältnis bestimmen und zwei ungezeugte Anfänge einführen, sondern wie Gott eine Einheit und der Anfang aller Dinge ist, so ist er auch vor allen Dingen. Daher ist er auch vor dem Sohn.“

Die Gegenseite hingegen sah den Monotheismus durch die Theologie des Arius gefährdet, da dieser durch die Vorstellung eines göttlichen Wesens, das nicht Gott selbst sei, den Glauben an mehrere Götter einführe. Zugleich sah man durch diese Theologie das Heilswerk Christi gefährdet. Wenn Christus nicht Herr der Schöpfung ist, so kann er diese auch nicht erlösen. Nur wenn Gottes Sohn wahrhaft Gott war, konnte er den Tod besiegen, die Schuld der Menschen sühnen und ihnen neues Leben schenken. Diese Position setzte sich schließlich durch und wurde auf dem von Konstantin einberufenen Konzil von Nicäa (325) wie folgt festgehalten:

„Wir glauben an einen Gott, Vater, Allherrscher, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren; und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, geboren aus dem Vater als Einziggeborener, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, geboren, nicht geschaffen, wesensgleich mit dem Vater, durch den [Christus] alles geworden ist im Himmel und auf der Erde, er , der wegen uns Menschen und um unseres Heils willen herabgekommen ist, Fleisch wurde und Mensch, gelitten hat und auferstanden ist am dritten Tag, aufgestiegen ist in die Himmel und kommt, zu richten Lebende und Tote; und an den Heiligen Geist.“ 

Der Arianische Streit wurde vorläufig durch das Konzil von Nicäa gelöst, sollte die Kirche in veränderter Form aber noch beinahe das gesamte vierte Jahrhundert beschäftigen.