3.1.3 Marcion

Marcion (ca. 100-165) wurde von vielen Ketzerbekämpfern der Gnosis zugeordnet, und tatsächlich gibt es einige Übereinstimmungen zwischen seiner Lehre und den gnostischen Systemen. Auch Marcion glaubte an verschiedene Götter und lehnte die geschaffene Welt aus tiefstem Herzen ab. Dementsprechend vertritt auch er eine doketische Christologie. 

Der wohl bedeutendste Unterschied zwischen Marcion und den Gnostikern liegt darin, dass Marcion das Grundkonzept der Gnosis, also die Erlösung durch Erkenntnis, nicht teilt. Für Marcion kommt die Erlösung aus dem Glauben. In dieser Hinsicht steht er also der rechtgläubigen Lehre der Kirche um einiges näher. Überhaupt findet sich bei ihm eine weitaus stärkere Betonung der biblischen Texte, mythologische Spekulationen lehnt er ab.

Marcions Theologie basiert auf der Vorstellung eines fundamentalen Gegensatzes zwischen Altem und Neuem Testament, zwischen dem Weltschöpfer und Gesetzgeber einerseits und dem Vater Jesu Christi andererseits. Er beruft sich dafür auf Widersprüche zwischen den Testamenten, die es ja durchaus gibt, und die den Theologen gerade in ihrer Distanzierung vom Judentum (siehe Kapitel I) einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Marcion geht aber einen Schritt weiter. Er erachtet jene Stellen des Neuen Testaments, in denen sich positive Bezüge auf die alttestamentliche Tradition finden, als Fälschungen und gab ein eigenes ‚Neues Testament‘ heraus, das er von ebendiesen Stellen ‚gereinigt‘ hat. In der Mitte des zweiten Jahrhunderts, in der noch ein kein festgelegter kirchlicher Kanon existierte (ebenso wenig wie die Begriffe ‚Altes und Neues Testament‘), war dies ein Schritt, der ironischerweise dazu beitrug, dass sich der Kanonisierungsprozess der Großkirche beschleunigte (siehe Kapitel II.2.2).