3.1.2 Die Gnosis

Die Gnosis (griechisch = Erkenntnis) ist eine vielschichtige Bewegung, die sich weder genau definieren noch auf eine bestimmte Religionsgemeinschaft eingrenzen lässt. So gab es neben christlichen Gnostikern auch jüdische Gruppierungen. Die Gnosis ist die früheste uns bekannte häretische Bewegung und ist bereits im Neuen Testament greifbar, insbesondere in den Pastoralbriefen. Für die Gnosis sind, bei aller Verschiedenheit ihrer einzelnen Vertreter, folgende Punkte charakteristisch:

  • Der Glaube an verschiedene Götter: Für gewöhnlich existiert in gnostischen Systemen ein oberster, vollkommener Gott, der vom Schöpfer dieser Welt unterschieden wird. Der Weltschöpfer, oft mit dem platonischen Ausdruck Demiurg (griechisch = Handwerker) beschrieben, wird meist als unfähig, mitunter auch als böswillig charakterisiert. In der christlichen Gnosis wird der Weltschöpfer oft mit dem Gott des Alten Testaments identifiziert, während der oberste Gott als Urheber des Evangeliums gilt.
  • Die Ablehnung der geschaffenen Welt: Der Gnostiker fühlt sich in dieser Welt fremd, er erlebt sich selbst als anders, als nicht dazugehörig. Nicht selten geht dieses Empfinden mit einem Gefühl von Überlegenheit einher. Den schlechten Zustand der Welt, die er ablehnt, erklärt sich der Gnostiker durch die Inkompetenz bzw. Böswilligkeit des Schöpfers (siehe a). Ob sein Gottesbild seine ablehnende Haltung zur Welt bedingt oder umgekehrt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
  • Die Erlösung durch Erkenntnis: Erlösung bedeutet im Rahmen der Gnosis Erlösung aus der materiellen Welt und die Rückkehr in die ‚Lichtwelt‘. Vermittelt wird die hierfür notwendig Erkenntnis durch einen Vermittler, durch ein himmlisches Geistwesen, das aus dem Pleroma (griechisch = Fülle) herab- und wieder emporsteigt. In der christlichen Gnosis wird Jesus als dieser Vermittler angesehen, doch lehnt man dessen Menschwerdung, Leiden und Tod ab, da sich ein solches Wesen niemals mit der schlechten Materie verbinden würde. Die Gnostiker vertreten eine doketische Christologie (griechisch dokein = scheinen), wonach Christus nur scheinbar Mensch wurde. Nicht selten wird außerdem eine Prädestinationslehre vertreten, der zufolge nur bestimmte Menschen mit der Fähigkeit zu der notwendigen Erkenntnis ausgestattet sind. Erklärt wird dieser Zustand durch ein mythologisches Geschehen, bei dem göttliche Funken aus ihrer eigenen Sphäre in die materielle Welt hinabfall und dort in einer bestimmten Menschenklasse schlummern, bis sie aus diesen Körpern wieder befreit werden.