2.3 Zeitgeschichte

Die Geschichte Israels im Alten Testament

Wenn wir eine Chance haben wollen, die Welt der Evangelien zu verstehen, dann müssen wir uns zuerst mit der Geschichte Israels im Alten Testament auseinandersetzen. Sie war die Geschichte jedes Juden zur Zeit Jesu. Eine Geschichte voll von höchster Hoffnung und bitterster Enttäuschung. Sie verlangt nach einer Fortsetzung und als Jesus geboren wurde gab es unter den Juden ein deutliches Bewusstsein, dass die Zeit für das nächste Kapitel gekommen war. Sie ist eine Geschichte, die nach einem Ende verlangt und die Hoffnung war, dass es sich um ein glückliches Ende handeln würde.

Sie beginnt mit Abraham und seiner Berufung. Er war derjenige, den Gott sich auserwählt hatte. Gott versprach ihm eine Familie, aus der er ein großes Volk machen würde. Abraham sollte gesegnet werden und durch ihn sollten alle Nationen der Erde Segen empfangen. Als Gott durch Mose den Bund mit den Israeliten schloss, wurden sie zu Erben dieser Verheißung. Nachdem David König wird sieht es für eine Weile sehr gut aus für Israel. Zur größten Blütezeit kommt es unter der Herrschaft seines Sohnes Salomo.

Von hier aus geht es allerdings bergab. Die Israeliten sind dem Bund, den Gott mit ihnen geschlossen hat nicht treu und sie beten andere Götter an. Als Folge daraus verlieren sie den Segen Gottes immer mehr. Das Königreich wird gespalten und immer wieder in Kriege mit fremden Völkern verwickelt. Etwa 300-400 Jahre nach der Zeit Salomos und Davids werden die Israeliten besiegt und aus dem Land verschleppt, dass Gott ihnen versprochen hatte. Zunächst geschah das im nördlichen Königreich Israel, dessen Bevölkerung nach Assyrien verschleppt wurden, später dann auch im südlichen Königreich Juda, sie gingen nach Babylon. Anstelle der Nachfahren Davids herrschen jetzt die babylonischen Könige, die fremde Götter anbeten, über Israel, in einem fremden Land. Noch schlimmer ist die Zerstörung des Tempels, dem Wohnort Gottes unter dem Volk.

In einer Vision sah der Prophet Hesekiel, wie andere Götter im Tempel angebetet wurden. Letzten Endes verlässt die Herrlichkeit Gottes den Tempel (Hes 10) und Gott gibt sein Haus der Zerstörung preis. Während des Exils geht die Bundeslade, die symbolische Repräsentation der Gegenwart Gottes verloren. 

Das Alte Testament endet mit der Rückkehr aus dem Exil, Jerusalem und der Tempel werden wiederaufgebaut und es besteht die Hoffnung auf einen neuen Start.

Zwischen den Testamenten

Zwischen Altem und Neuem Testament befinden sich 400 Jahre, die in der Bibel nicht dokumentiert werden. Diese Lücke gilt es jetzt zu füllen. Am Ende des Exils befinden sich die Israeliten wieder im eigenen Land, aber noch lange nicht am Ziel. Die Hoffnung des jüdischen Volkes ist eine Rückkehr ins goldene Zeitalter von Salomo und David. Ein geeintes Israel, unabhängig unter eigener Herrschaft im eigenen Land. Ein König aus der Linie Davids auf dem Thron. 

Doch zunächst blieb Israel unter persischer Herrschaft, solange bis Alexander der Große kam und das Perserreich eroberte. Das kleine Land Israel wurde einfach mit verschluckt. Aber das Reich Alexanders zerbrach kurz nach seinem Tod. Israel geriet zwischen Hammer und Amboss, als griechische Könige ihre Reiche in Ägypten und Syrien aufbauten. Über viele Jahr war Israel in ägyptischer Hand, fiel aber schließlich an die Seleukidischen Könige in Syrien. Einer dieser Könige, Antiochus IV wollte all seinen Untertanen die griechische Kultur näherbringen (d.h. aufzwingen). Dem entsprechend verlangte er von allen seinen Untertanen, dass sie den griechischen Göttern opfern. Der Tempel in Jerusalem wurde in einen Tempel des Zeus umgewandelt und ihm wurde dort Schweine geopfert.

Das Volk der Juden hatte sich durch das Exil sehr verändert. Vorher war die Anbetung anderer Götter weit verbreitet. Nach dem Exil lesen wir nichts mehr von nationalem Götzendienst. Der Schock, den das Exil dargestellt hat, saß ihnen tief in den Knochen. Dem entsprechend waren die Maßnahmen, die Antiochus beschlossen hatte auch nicht sehr beliebt. Ein Levit namens Mattathias rebellierte zusammen mit seinen Söhnen und nach einem blutigen Krieg gelang es ihnen, die Unabhängigkeit für das jüdische Volk zu sichern. Die Nachfahren des Mattathias wurden Könige der Juden (sie werden auch als die Hasmonäer bezeichnet).

Die Juden waren endlich wieder unabhängig. Allerdings stammten ihre Könige nicht von David ab, sondern waren Leviten. Dennoch war vermutlich das Gefühl da, dem Ziel einen Schritt näher gekommen zu sein. Leider erwiesen sich die Hasmonäer als Enttäuschung. Einige von ihnen waren überaus grausame Könige. Das neue goldene Zeitalter ließ weiter auf sich warten. Trotzdem blieb die Erfahrung, dass man erfolgreich gegen eine fremde Großmacht rebelliert hatte, im Gedächtnis vieler Juden.

Für etwa 100 Jahre herrschten die Hasmonäer über die Juden. In einem Erbfolgestreit beriefen sie die Römer als Schiedsrichter ein. Es sollte sich herausstellen, dass die Römer leicht einzuladen, aber schwer wieder loszuwerden waren. Am Ende der folgenden Machtkämpfe machten die Römer Antipatros, den Idumäer (kein Jude, sondern ein Nachfahre Esaus!) zum König unter römischer Oberherrschaft. Zum Beginn der Evangelien herrscht sein Sohn, Herodes der Große, als König über Judäa.

Geschichte zur Zeit der Evangelien und danach

Herodes war in vielerlei Hinsicht ein sehr erfolgreicher König. Er ließ viele Bauprojekte starten, um sich und seine Herrschaft vor dem jüdischen Volk zu rechtfertigen. Unter anderem ließ er den Tempel in Jerusalem ausbauen, sodass er der größte Tempel der Antike wurde. Allerdings sahen weder er noch Jesus die Vollendung der Arbeiten. Der Tempel war also auch zur Wirkzeit Jesu eine Baustelle.

Herodes war aber auch ein sehr grausamer Herrscher, der unter anderem seine Lieblingsfrau umbringen lies (und das dann sein Leben lang bereute). Auch zwei seiner Söhne ließ er töten, da sie sich zu laut Gedanken um die Thronfolge machten. Zu diesem Zeitpunkt war Herodes 80 Jahre alt und krank. Er soll auf seinem Sterbebett befohlen haben, dass man alle Ältesten Jerichos tötet, um sicherzugehen, dass auf seiner Beerdigung geweint werden würde. Ein Befehl, der laut Josephus nicht mehr ausgeführt wurde.

Herodes starb wenige Jahre nach der Geburt Jesu. Seine Söhne stritten sich um das Erbe und wandten sich an Rom. Die Römer teilten das Land unter ihnen auf. Einer der Söhne, Archälaus, der über Jerusalem herrschte, war allerdings so grausam, dass er bald von den Römern durch einen Statthalter ersetzt wurde. Während der nächsten Jahrzehnte änderte sich die Situation regelmäßig. Zu unterschiedlichen Zeiten herrschten die Nachfahren des Herodes und unterschiedliche Statthalter über Judäa, Galiläa und den anderen Gebieten. Oft brachte ein neuer Kaiser auch neue Verwalter mit sich.

Die Beziehungen zwischen den Römischen Besatzern und den Juden blieben dabei immer schwierig. Es kam wiederholt zu jüdischen Aufständen, die gewaltsam von den Römern unterdrückt wurden. Im Jahr 66 n. Chr., nur zwei Jahre nach der Vollendung des Tempels, brach der Jüdische Krieg aus, ein Aufstand der Juden gegen die Römer – an dem sich die Nachfolger Jesu nicht beteiligten. 70 n. Chr. gelang es den Römern nach harten Kämpfen, Jerusalem und alle anderen Festungen der Juden zu erobern. Der frisch errichtete Tempel wurde zerstört. In den Jahren 132 – 136 gab es einen zweiten Jüdischen Krieg, den Bar-Kochba-Aufstand. Nach diesem Krieg hatten die Römer genug. Die Juden wurden aus ihrer Heimat verbannt und die Provinz wurde umbenannt: Sie hieß nicht länger Judäa, sondern Palästina, nach den alten Feinden der Juden, den Philistern. Das Happy End hatte sich nicht eingestellt. Zumindest nicht so, wie es die Juden erwartet hatten.