2.2 Die synoptischen Evangelien

Die synoptische Frage

Als erstes sollten wir die Beziehung der Evangelien untereinander klären. Wir reden zunächst von den so genannten synoptischen Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas. Diese Evangelien zeichnen sich durch auffällig Ähnlichkeiten in der Stoffauswahl, in der Stofffolge und in der Wortwahl aus. Auf der anderen Seite existieren aber auch deutliche Unterschiede und auch Spannungen, die erklärt werden müssen. Dieser Mix aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden verlangt nach einer Erklärung. Die Diskussion um diese Fragestellung ist als die synoptische Frage bekannt.

Das Material wird dabei wie folgt aufgeteilt: Der Großteil von Markus ist entweder in Matthäus oder in Lukas, meistens sogar in beiden vorhanden. Darüber hinaus gibt es eine große Menge an Material, dass sowohl in Matthäus als auch in Lukas verwendet wird, aber nicht in Markus. Dieses Material wird oft mit der Quelle Q in Verbindung gebracht. Das Material, dass sich ausschließlich in Matthäus oder Lukas befindet wird als Sondergut des jeweiligen Autors bezeichnet. Bei der Quelle Q soll es sich um eine Sammlung von Worten Jesu handeln, aus der sowohl Matthäus als auch Lukas geschöpft haben.

In der Forschung kann grundsätzlich zwischen zwei Arten von Erklärungsmodellen unterschieden werden. Die Vorlagenhypothesen gehen davon aus, dass die drei Evangelien unabhängig voneinander aus gemeinsamen Vorlagen entstanden sind. Die Benutzungshypothesen gehen im Gegensatz dazu davon aus, dass die Autoren der späteren Evangelien die bereits bestehenden vorliegen hatten und sie als Vorlage benutzt haben. 

Die Zwei Quellen Hypothese ist das wohl bekannteste Modell und auch das, welches unter den Theologen die größte Anerkennung genießt. Nach dieser Hypothese sind zunächst die Logienquelle Q und das Markusevangelium unabhängig voneinander entstanden. Sowohl Lukas als auch Matthäus haben diese beiden als Quelle benutzt, als sie ihre Evangelien geschrieben haben und ihr jeweiliges Sondergut hinzugefügt.

Eine Variante dieser Theorie ist die Drei Quellen Hypothese. Hier wird von dem gleichen Vorgang ausgegangen, mit der Ausnahme, dass Lukas nicht nur das Markusevangelium und die Quelle Q, sondern auch das Matthäusevangelium als Quelle vorliegen hatte. Eine andere Theorie, die Griesbachhypothese geht davon aus, dass das Matthäusevangelium als erstes geschrieben wurde und Lukas hat dieses dann als Vorlage benutzt hat. Das Markusevangelium wurde nach dieser Hypothese als letztes geschrieben. Seine Arbeit bestand nicht darin, weiter auszuführen, sondern das Material der anderen Evangelisten zu sichten und auf den Punkt zu bringen.

Auf Seiten der Vorlagenhypothesen wird u. a. vorgeschlagen, die Evangelien auf ein mündliches Urevangelium (vermutlich in der Aramäischen Sprache) zurückzuführen. Andere Theorien (Diägesenhypothese) gehen von vielen unabhängigen Traditionen über Jesus aus, die z.T. schriftlich und z.T. mündlich vorlagen und von den Autoren der Evangelien gesammelt wurden.

Auswertung

Zunächst ein paar Gedanken zur Quelle Q: Es ist davon auszugehen, dass in der Zeit der frühesten Kirche allerlei Geschichten über Jesus umhergingen, die uns nicht erhalten geblieben sind. Es gibt allerdings keine Evidenz dafür, dass diese jemals schriftlich gesammelt wurden. Erst recht nicht dafür, dass es eine einheitliche schriftliche Sammlung anstelle vieler unterschiedlicher Versionen gab. Ein weiteres Problem mit der Quelle Q ist, dass ihr Umfang völlig ungeklärt bleiben muss, selbst wenn wir davon ausgehen, dass sie existiert hat. Ihr Umfang wird oft mit der Überschneidung von Matthäus und Lukas unter Abzug der Inhalte von Markus gleichgesetzt. Dadurch kommen Aussagen zustande, wie die, dass Q nicht von der Kreuzigung und der Auferstehung weiß. Es gibt aber keinen Grund auszuschließen, dass diese hypothetische Quelle Q nicht doch Überschneidungen mit Markus hat, oder dass Sondergut von Matthäus oder Lukas darin vorkommen, das vom jeweils anderen Autor ignoriert wurde.

Da niemals irgendein handfestes Beweisstück, wie z.B. ein Fragment, für die Existenz von Q gefunden wurde, steht die Idee der Quelle Q als reine Hypothese da, die sich am Ende als fast nutzlos erweist. Es ist allerdings sinnvoll im Hinterkopf zu behalten, dass zur Zeit des frühen Christentums viele Geschichten über Jesus im Umlauf gewesen sein werden. 

Zu den Erklärungsmodellen ist zu sagen, dass keines der Modelle die vorliegenden Daten zufriedenstellend erklären kann. Die Diägesenhypothese scheitert an der hohen Übereinstimmung in der Stofffolge. Die Idee eines mündlichen Urevangeliums scheitert, weil einige Parallelen nach gemeinsamen, schriftlichen Quellen verlangen (Man vergleiche Mt 24,15 mit Mk 13,14).

Auf der anderen Seite unterschätzen die Benutzungshypothesen den mündlichen Faktor bei der Entstehung der Evangelien. A. Baum hat meines Erachtens überzeugend nachgewiesen, dass die Evangelien in ihrer Struktur am ehesten einer mündlich übertragenen Geschichte ähneln, indem er die Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Studien über Gedächtniskulturen verglichen hat. Die Evangelien weisen alle Merkmale einer Geschichte auf, die von unterschiedlichen Menschen auswendig gelernt und häufig wiedergegeben wurde. Erst später wurden sie dann schriftlich festgehalten. Die Stärke seiner Beweisführung liegt darin, dass er sich nicht auf einzelne Stellen, sondern auf eine statistische Gesamterhebung der Daten beruft. 

Der Gedanke, dass die Evangelien zunächst auswendiggelernt und mündlich weitergegeben wurden, scheint naheliegend. Die Geschichte von Jesus auf der ganzen Welt zu erzählen, scheint eine der höchsten Prioritäten der frühen Gemeinde gewesen zu sein. Dass es den Evangelisten später dann als sinnvoll erschien, diese niederzuschreiben ist ebenfalls nachvollziehbar. Was vor dieser letzten Phase passiert ist, lässt sich meines Erachtens kaum nachvollziehen.

Struktur

Im Lauf des Kurses wird es eine Einführung zu jedem der einzelnen Evangelien geben. Es ist aber sinnvoll, an dieser Stelle einen Blick auf die Struktur der synoptischen Evangelien zu werfen. Auf der einen Seite, weil sie eine gemeinsame Struktur haben und auf der anderen Seite, weil wir dieser Struktur in den nächsten 5 Kurstagen folgen werden.

Bei der Struktur, der wir in diesem Kurs folgen werden teilen sich die Synoptiker in vier bis fünf Phasen ein. Zunächst ist hier die Vorgeschichte zu nennen, die sich um die Geburt Jesu dreht. Diese Abschnitte sind nur in Matthäus und in Lukas zu finden.

Die zweite Phase bezeichnet den frühen Dienst Jesu in Galiläa. Sie beginnt mit dem Auftreten Johannes des Täufers und der Taufe und Versuchung Jesu. Hier sind viele der Heilungen, Wundergeschichten und ähnliches angesiedelt, die sehr bekannt sind. Dieser Teil der Evangelien gipfelt in der Verklärung und den Leidensankündigungen Jesu.

Kurz darauf macht Jesus sich auf den Weg nach Jerusalem. Die Leidensankündigungen machen deutlich, dass er nicht plant, zurückzukommen. Es wird von einigen Ereignissen auf dem Weg berichtet, aber Lukas ist der einzige Evangelist, bei dem dieser Weg viel Raum einnimmt. Sie endet mit dem triumphalen Einzug in Jerusalem.

Die vierte Phase bezeichnet das kurze öffentliche Wirken Jesu dort. Wichtige Stationen, die hier zu nennen sind, ist die Tempelreinigung und die darauffolgende Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Leitern des Volkes. Die Endzeitrede und das Abendmahl sind weitere wichtige Ereignisse.

Die Verhaftung Jesu bildet den Übergang zur letzten Phase, die Passion und Auferstehung einschließt. Dieser Teil stellt den Höhepunkt der Evangelien dar. Die Geschichte erzählt von der Verhaftung und dem Verhör Jesu vor dem Hohepriester und Pilatus bis hin zur Kreuzigung und danach der Entdeckung des leeren Grabes. Jedes der Evangelien endet damit, dass der Auferstandene Jesus seinen Nachfolgern begegnet.

Matthäus Markus Lukas
Vorgeschichte 1-2 1-2
Wirken in Galiläa 3-18 1-9 3-9
Weg nach Jerusalem 18-20 10 9-19
Wirken in Jerusalem 21-25 11-13 19-21
Passion und Auferstehung 26-28 14-16 22-24