1.2 Reflexion: Quelle

Eine der bedeutendsten Quellen für das jüdisch-christliche Verhältnis in der frühen Kirche bildet der Dialog mit Tryphon, um das Jahr 160 n. Chr. Von dem christlichen Theologen Justin (Beiname ‚der Märtyrer‘) verfasst. Justin gibt uns einen guten Überblick über die Themen, die in dieser Zeit zwischen Juden und Christen strittig waren, wobei sein Ziel nicht in erster Linie die Missionierung seines jüdischen Gegenübers ist, sondern die Abwehr von Irrlehrern, die in diesem Dialog – ob implizit oder explizit – eine tragende Rolle spielen.

Tryphon: Aber das können wir gar nicht begreifen, dass ihr, obwohl ihr gottesfürchtig sein wollt und an eine Bevorzugung vor der Mitwelt glaubt, dennoch euch in keiner Weise von ihr zurückzieht und nicht von den Heiden getrennt lebt, dass ihr weder die Feste noch die Sabbate haltet, auch die Beschneidung nicht habt, und dass ihr auf einen gekreuzigten Menschen eure Hoffnungen setzet und, trotzdem ihr Gottes Gebote nicht beobachtet, Gutes von ihm erwartet.

Ich gab ihm folgende Antwort: Tryphon, es wird nie ein anderer Gott sein, noch war von Ewigkeit her ein anderer Gott als der, welcher dieses Weltall gemacht und geordnet hat. Wir glauben ferner, dass unser Gott kein anderer ist als der eurige, dass er vielmehr ein und derselbe ist wie der, welcher eure Väter aus Ägypten geführt hat ‚mit starker Hand und erhobenem Arme.’ Auch haben wir auf keinen anderen Gott unsere Hoffnung gesetzt – es gibt ja keinen anderen, – sondern auf denselben wie ihr, auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Nicht aber sind es Moses und das Gesetz, welche uns zur Hoffnung geführt haben; in diesem Falle würden wir wahrlich es euch gleich machen. Nun aber habe ich ja gelesen, Tryphon, dass schließlich noch ein Gesetz kommen soll und ein Bündnis, welches alle Bündnisse übertrifft, und an welchem jetzt alle Menschen, die Anspruch auf Gottes Erbe machen, festhalten müssen. Das auf dem Horeb gegebene Gesetz ist bereits veraltet und gehört euch allein, das unsere aber ist für alle Menschen überhaupt. Ist aber ein Gesetz gegen ein anderes aufgestellt, so abrogiert es das frühere, und ein späteres Bündnis hebt in gleicher Weise das frühere auf. Als ewiges und endgültiges Gesetz ist uns Christus gegeben, und verlassen können wir uns auf den Bund, dem kein Gesetz, keine Verordnung, kein Gebot folgt. Oder hast du nicht gelesen, was Jesaja 2 sagt? ,Höre mich, höre mich, mein Volk! Und ihr Könige, schenket mir Gehör! Denn ein Gesetz wird von mir ausgehen, und mein Gericht wird sein zur Erleuchtung der Heiden. Eilends naht meine Gerechtigkeit, und mein Heil wird ausziehen, und auf meinen Arm werden die Heiden hoffen.’ Durch Jeremias 3 spricht er über eben diesen Neuen Bund also: ,Siehe, es kommen Tage — spricht der Herr — und ich werde einen Neuen Bund schließen mit dem Hause Israel und dem Hause Juda, nicht wie ich ihn geschlossen habe mit ihren Vätern am Tage, da ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Lande Ägypten zu führen.’ Wenn nun Gott die Einrichtung eines Neuen Bundes angesagt hat, und zwar zur Erleuchtung der Heiden, wir aber es sehen und davon überzeugt sind, dass es Menschen gibt, welche gerade durch den Namen des gekreuzigten Jesus Christus sich von den Götzen und dem anderen Unrecht trennen, Gott zuwenden und bis zum Tode in Geduld ausharren, um Gott zu preisen und ihn zu verehren, dann kann jedermann aus den Tatsachen und aus der sie begleitenden wunderbaren Macht erkennen, dass hier das neue Gesetz und der Neue Bund und die Erwartung derer ist, welche unter allen Völkern das Göttliche Heil erwarten. Das wahre, geistige Israel nämlich und die Nachkommen Judas, Jakobs, Isaaks und Abrahams, der trotz seiner Vorhaut, infolge seines Glaubens, von Gott sein Zeugnis erhielt, von ihm gesegnet und zum Vater vieler Völker ernannt wurde, das sind wir, die wir durch diesen gekreuzigten Christus zu Gott geführt wurden, wie sich noch im Laufe des weiteren Gespräches zeigen wird.

[…]

Fürwahr, eurer eigenen Schlechtigkeit habt ihr es zuzuschreiben, wenn Gott von törichten Menschen [hier sind Häretiker wie Ptolemäus und andere Gnostiker gemeint] sogar der Vorwurf gemacht werden kann, dass er nicht alle Menschen stets das gleiche Recht gelehrt habe. Denn viele hielten die Gesetzeslehren für töricht und Gottes unwürdig, da sie nicht die Gnade bekommen hatten, zu erkennen, dass Gott euer Volk wegen seiner Sündhaftigkeit und, weil es seelisch krank war, (durch die Gesetzeslehren) zur geistigen Rückkehr und Änderung gerufen hat.

Wie nun der Anfang der Beschneidung mit Abraham, der Anfang des Sabbats, der Opfer, Gaben und Feste mit Moses gegeben war und wie — nach gegebenen Beweisen — der Grund dieser Verordnungen in der Hartherzigkeit eures Volkes lag, so fanden sie notwendig nach dem Willen des Vaters ihr Ende und Ziel in Christus, dem Sohne Gottes, der durch die Jungfrau aus dem Geschlechte Abrahams und dem Stamme Juda und (dem Hause) David geboren war, und der — wie verkündet wurde und wie die oben erwähnten Prophezeiungen darlegen — als ewiges Gesetz und als Neuer Bund für die ganze Welt kommen sollte.

[…]

Wir, die wir durch Christus zu Gott gelangt sind, haben nicht fleischliche Beschneidung erhalten, sondern eine geistige, welche Enoch und seinesgleichen beobachtet haben; da wir Sünder gewesen waren, haben wir sie in der Taufe durch Gottes Barmherzigkeit erhalten, wozu allen in gleicher Weise die Möglichkeit gegeben ist.

Da es höchste Zeit ist, spreche ich nun über das Geheimnis der Geburt Christi. Wie erwähnt äußerte sich Jesaja, weil das Geschlecht Christi von Menschen nicht aufgezählt werden kann, über dasselbe also: ,Wer wird sein Geschlecht aufzählen? Denn von der Erde ist entrückt sein Leben, um der Sünden meines Volkes willen wurde er zum Tode geführt.’ Da das Geschlecht dessen, der sterben wollte, auf dass wir Sünder durch seine Striemen geheilt werden, nicht aufgezählt werden kann, sprach der prophetische Geist diese Worte. Damit die Christgläubigen auch wissen können, auf welche Weise er geboren wurde und auf die Welt kam, hat der prophetische Geist ferner durch denselben Jesaja die Art seines Kommens in folgender Weise vorhergesagt: ,Und der Herr fuhr fort, zu Achaz zu reden, indem er sprach; Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, in der Tiefe oder in der Höhe! Achaz antwortete: Keineswegs werde ich fordern und den Herrn versuchen. Jesaja sprach: ‚Höre nun, Haus David! Ist es euch zu wenig, mit Menschen zu kämpfen? Auch mit dem Herrn wollt ihr streiten? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben. Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sein Name wird Emmanuel sein. Sahne und Honig wird er essen. Ehe er das Böse erkennt oder erwählt, wird er das Gute erwählen; denn bevor der Knabe Gutes und Böses erkennt, weist er das Böse zurück, um das Gute zu wählen.’ ,Denn es wird der Knabe, ehe er Vater oder Mutter rufen kann, die Kraft von Damaskus und die Beute Samarias erhalten vor dem Könige der Assyrer.’ ,Das Land wird besetzt werden, das dir wegen seiner zwei Könige eine harte Last sein will. Aber Gott wird über dich und dein Volk und das Haus deines Vaters Tage kommen lassen, wie sie noch nicht gekommen sind über dich seit dem Tage, da Ephraim von Juda den König der Assyrer beseitigt hat.’

Es steht nun allgemein fest, dass in dem fleischlichen Geschlechte Abrahams außer diesem unserem Christus niemals jemand aus einer Jungfrau geboren worden ist, und dass man auch nur von ihm diese Behauptung aufgestellt hat. Da aber ihr und eure Lehrer sich erkühnen, zu erklären, in der Prophetie des Jesaja heiße es nicht: ,Siehe, die Jungfrau wird empfangen’, sondern: ,Siehe, das junge Weib wird empfangen und einen Sohn gebären’, und da ihr die Prophetie auf euren König Ezechias bezieht, so werde ich versuchen, durch kurze Erörterung dieser Frage gegen euch den Beweis zu erbringen, dass die Worte sich auf diesen Christus beziehen, welchen wir bekennen.

Quelle:
Justinus, Dialog; Pseudo-Justinus, Mahnrede. Aus dem Griechischen übersetzt von Philipp Hauser. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 33), München: Kösel, 1917.