1.2.1 Karl Barth und die Offenbarung

Die Grundaussage von Karl Barth (1886-1968) zur Gotteserkenntnis klingt zunächst sehr kantisch: Es ist unmöglich, Gott zu erkennen. In dieser Aussage spiegelt sich die von Kant gezogene Trennlinie zwischen der unmittelbaren (für uns fassbaren) und der transzendenten Welt wider. Alles Geistige, Unsichtbare und Göttliche liegt außerhalb unseres Erforschungsbereichs. Barth versucht nicht, das Studium und die Suche nach Gott zu entmutigen. Er erinnert uns nachdrücklich daran, dass die Initiative letztlich nicht auf unserer Seite liegt. Gott ist der Hauptakteur, er ist der Bewegende und Verfolgende. Wir befinden uns immer an einem Ort der Reaktion und Antwort. In Barths Worten könnte man sagen: Wenn Gott sich nicht offenbart, ist und bleibt es unmöglich, ihn zu erkennen. 

Barth präsentiert eine Art hermeneutischen Zirkel. Einen biblisch-hermeneutischen Zirkel. Er skizziert einen Prozess, durch den vertrauenswürdige Aussagen über das Wesen und den Charakter Gottes gemacht werden können. Er beginnt nicht mit der Bibel. Er beginnt mit der Geschichte; mit Jesus. Die Historizität des Lebens Jesu ist vertrauenswürdig (oder faktisch). Daher sind Berichte über sein Leben (und Tod und Auferstehung) vertrauenswürdig. Die Bibel spricht über Jesus, Jesus spricht über die Bibel (in diesem Fall das Alte Testament). Da Jesus eine vertrauenswürdige Quelle über die Bibel ist, können wir dem vertrauen, was die Bibel ihrerseits über ihn sagt. Gott hat sich in erster Linie durch seinen Sohn offenbart. Die Bibel ist eine Sammlung von Werken, die dazu dienen, seine Geschichte zu erzählen. In dem Maße, wie der Sohn durch die Schrift offenbart wird, wird die Schrift offenbarend. Eine trinitarische Formel zur Betrachtung des Offenbarungsaktes Gottes kann wie folgt beschrieben werden: Gott der Vater ist das Subjekt der Offenbarung, der Sohn ist das Objekt der Offenbarung, und der Heilige Geist ist das Prädikat der Offenbarung (der Vollzug). Barth liefert eine Begründung für das Studium der Heiligen Schrift, für das Studium Gottes. Es ist nicht die einzige Option, aber dennoch eine überzeugende.