1.1 Zu den Evangelien

Jesus ist eine einmalige Figur in der Weltgeschichte. Es ist vermutlich nicht übertrieben, zu sagen, dass es keinen anderen Menschen gibt, über den so viel geschrieben wurde. Über ihn wird gesprochen und gestritten, er wird besungen, gepriesen und auch kritisiert. Er ist ohne Zweifel eine der einflussreichsten Personen der Weltgeschichte, man könnte sogar behaupten, dass er die einflussreichste Person ist. 

Schaut man sich eine Liste der einflussreichsten Personen der Weltgeschichte an, dann fällt etwas anderes auf: Er ist einer der wenigen, der selbst nichts geschrieben hat. Stattdessen wurde über ihn geschrieben. Die frühesten Quellen, auf die sich fast alle anderen beziehen sind die vier Evangelien, die wir in diesem Kurs betrachten werden. Aus diesen Evangelien müssen wir unser Bild von Jesus erarbeiten. 

Die Frage nach diesem Bild hat sich nicht als einfach erwiesen. Wer war dieser Jesus? Vorschläge gibt es viele: War er ein jüdischer Revolutionär? War er ein Prophet? War er ein religiöser Visionär? Oder handelt es sich bei ihm etwa um einen Mythos, eine literarische Erfindung? Für diese Spaltungen gibt es zwei wichtige Gründe. Zum einen die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die Ausleger an die Evangelien herangehen (mehr dazu im ersten Kapitel). Zum anderen aber auch die Tatsache, dass die Evangelien nicht leicht auszulegen sind. 

Mit all diesen Fragen werden wir uns in diesem Kurs auseinandersetzen. Wer war dieser Jesus? Was wollte er? Wofür hat er gelebt? Warum ist er am Kreuz gestorben? Wie kommt es, dass daraus die Bewegung entstanden ist, die wir heute Christentum nennen?