1.1.4 Das Judenchristentum

Der Begriff ‚Judenchristen‘ ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Zum einen taucht er in den antiken Quellen nicht auf, er ist somit eine Erfindung der Neuzeit. Soweit wir wissen, hat sich in jener Zeit nie jemand selbst als ‚Judenchrist‘ bezeichnet. Zum anderen ist der Begriff aber auch mehrdeutig. 

Als ‚Judenchristen‘ werden jene Christen bezeichnet, die – im Gegensatz zu den ‚Heidenchristen‘ – vor ihrer Bekehrung zum Christentum Juden waren. Diese Unterscheidung ist in den ersten Generationen der Kirche von großer Bedeutung, wie wir in den Briefen des Paulus sehen können. Der Apostel thematisiert, insbesondere in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, die vermeintlichen Unterschiede zwischen beiden Gruppen und kommt zu dem Ergebnis, dass die ‚Judenchristen‘ auf derselben Ebene wir die ‚Heidenchristen‘ stehen, da beide in gleicher Weise unter der Sünde sind. Hier zeigt sich, dass es in den Anfängen der Kirche durchaus noch umstritten war, ob auch Heiden den auferstandenen Messias annehmen können, oder ob dieser nur zu den Juden gesandt war.

Die andere Gruppe, die oft als ‚Judenchristen‘ bezeichnet wird, bestand aus jenen Menschen, die sich zu Christus bekannten, aber weiterhin an den jüdischen Gesetzen festhielten. An dieser Stelle zeigt sich die neu entstehende christliche Identität in prägnanter Weise. Der Bruch mit dem jüdischen Gesetz, insbesondere den Reinheitsvorschriften, war für das frühe Christentum ein definierender Faktor, doch nicht alle wollten diesen Weg mitgehen. Auch hierfür haben wir ein Zeugnis im Römerbrief des Paulus. In Kapitel 14 spricht er genau über jene Leute, die sich nach wie vor an die jüdischen Gesetze halten und die neu gewonnen Freiheit in Christus noch nicht verstanden zu haben. Der Apostel bezeichnet sie als die ‚Schwachen im Glauben‘ und bitte die Gemeinde um Rücksicht ihnen gegenüber. 

Zu diesen ‚Judenchristen‘ gehörte wohl auch die Gruppe der Ebioniten, die in den antiken Quellen vielfach bezeugt, aber dennoch nur schwer greifbar ist. Die Ebioniten behielten die Beschneidung und anderen Formen des jüdischen Kultes bei. Es wird berichtet, dass sie ausschließlich das Evangelium nach Matthäus anerkannten, das unter den kanonischen Evangelien bekanntlich am stärksten an der jüdischen Tradition festhält. Dennoch akzeptierten die Ebioniten die dort eindeutig bezeugte Jungfrauengeburt nicht und betrachteten Josef als den Vater Jesu. Göttliche Attribute im eigentlichen Sinne wurden Jesus nicht zuerkannt. Die Lehre des Apostels Paulus lehnten sie ebenfalls vehement ab und betrachteten ihn als einen Verräter am Gesetz. 

Diese Form des ‚Judenchristentums‘ blieb in der Antike eine Randgruppe und starb vermutlich innerhalb der ersten Jahrhunderte aus. Faszinierenderweise erlebte diese Bewegung im 20. Jahrhundert eine Renaissance. Ihre heutigen Vertreter werden meist als ‚Messianische Juden‘ bezeichnet,