1.1.1 Die theologische Auseinandersetzung

Große Teile des Judentums erwarteten einen militärischen Führer, der sie aus der Knechtschaft des Römischen Reiches befreien würde. Ein Messias, der schmachvoll am Kreuz endet, war für sie nicht glaubwürdig. Bereits zu Lebzeiten Jesu hatte sich insbesondere die Gruppe der Pharisäer darüber empört, dass sich Jesus und seine Jünger nicht an das Sabbatgebot hielten und gewisse Reinheitsvorschriften übertraten. In seiner Bergpredigt hatte Jesus außerdem mehrere alttestamentliche Weisungen in Frage stellt und ihnen seine eigenen Worte („Ich aber sage euch“) entgegengesetzt.

Für Paulus war dieser Bruch zwischen dem jüdischen Volk, dem er sich auch nach seiner Bekehrung zugehörig fühlte, ein überaus schmerzhafter Prozess: „Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Denn ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit. Amen.“ (Röm 9,1-5) Der Apostel spricht den Juden ihre ursprüngliche Erwählung durch Gott nicht ab, ist aber davon überzeugt, dass diese Erwählung nun auf die Christen übergegangen ist.

Die Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden führte in der Folge zu einem heftigen Streit um das Alte Testament, wobei dieser Begriff natürlich (bis heute) ausschließlich von christlicher Seite benutzt wird. Beide Gruppen beriefen sich auf diese Texte als heilige Schriften und sprachen der jeweils anderen Gruppe das entsprechende Recht ab. Allerdings gab es auf christlicher Seite auch durchaus Bestrebungen, das Alte Testament nicht in den kirchlichen Kanon aufzunehmen. Viele Theologen betonten die Überlegenheit der neutestamentlichen Botschaft gegenüber den unvollkommenen jüdischen Gesetzen. Radikale Vertreter gingen sogar davon aus, dass es sich bei Altem und Neuem Testament um die Offenbarungen verschiedener Götter handele. Diese Überzeugung fand sich vor allem in gnostischen Zirkeln sowie bei Marcion (siehe Kapitel III). Sie wurde von der Kirche als häretisch verurteilt. 

Die Herausforderung durch die Irrlehrer brachte die Kirche aber auch dazu, ihre eigene Stellung gegenüber dem Alten Testament und somit dem Judentum genauer zu definieren. Gewisse Unterschiede zwischen den Worten Jesu und Pauli einerseits und den Gesetzen des Alten Testaments andererseits waren nicht zu leugnen. Die Vorstellung zweier verschiedener Götter als Lösung für dieses Problem war jedoch nicht tragbar, und so entschied man sich für das Modell einer zeitlichen Entwicklung, wodurch auch erstmalig die Begriffe Neues und Altes Testament als Bezeichnungen für die jeweiligen Schriftsammlungen entstanden. Mit der Errichtung des Neuen Bundes wurden die alten Vereinbarungen hinfällig, weshalb viele jüdische Vorschriften wie etwa die Reinheitsgebote für Christen keinerlei Geltung mehr haben. 

Allerdings blieb noch immer ein theologisches Problem übrig. Wieso sollte Gott, der Allmächtige und Allwissende, den Juden bestimmte Gesetze geben, die für den Rest der Menschheit nicht gelten. Die Antwort einiger Kirchenväter lautete: Die Juden brauchen diese Gesetze, weil sie ein besonders sündhaftes und hartherziges Volk sind. Diese Schlussfolgerung legte den Grundstein für viele Jahrhunderte eines christlichen Antijudaismus‘. Andere Theologen der frühen Kirche betonten vor allem die Schuld der Juden am Tod Jesu. Doch auch hier gab es ein Problem. Einerseits waren die Juden schuld an diesem Tod, andererseits war er Teil des göttlichen Heilsplans zur Erlösung der Menschen, so dass die Juden eher als Werkzeug in der Hand Gottes erscheinen. Dieses Paradox konnte nie wirklich aufgelöst werden.