03/2021, Script

Sünde und Rechtfertigung

Inhaltsverzeichnis

 

1. Biblische Definitionen 

1.1. Einführung        

1.1.1. Paulus    

1.1.2. Die Evangelien       

1.1.3. Das Alte Testament          

1.2. Quelle              

2. Das verflixte siebte Kapitel      

2.1. Einführung        

2.1.1. Das sechte Kapitel des Römerbriefs    

2.1.2. Röm. 7,7-13      

2.1.3. Röm. 7,14-25              

2.2. Quelle        

3. Sündenkataloge       

3.1. Einführung:Die äußeren Voraussetzungen der Drohbotschaft        

3.1.1. Altes Testament   

3.1.2. Evangelien      

3.1.3. Paulus

3.1.4. Die sieben Todsünden

3.2. Quelle        

4. Das Gericht   

4.1. Einführung     

4.1.1. Der Tag des Herrn      

4.1.2. Das Reich Gottes 

4.1.3. Ausbleiben des Gerichts

4.2. Quelle            

5. Das Konzept der Erbsünde   

5.1. Einführung        

5.1.1. Biblische Grundlage       

5.1.2. Theologische Entwicklung    

5.1.3. Augustinus (354-430)

5.1.4. Reformation    

5.1.5. Kritik

5.2. Quelle               

6. Rechtfertigung – aus Glauben oder durch Werke?  

6.1. Einführung:        

6.1.1. Biblische Grundlage       

6.1.2. Augustinus      

6.1.3. Die Reformatoren          

6.2. Quelle          

7. Die Sakramente       

7.1. Einführung:        

7.1.1. Die Taufe    

7.1.2. Das Abendmahl     

7.1.3. Die Beichte   

7.2. Quellen                

8. Gefährliche Irrlehren       

8.1. Einführung        

8.1.1. Pelagianismus        

8.1.2. Donatismus     

8.1.3. Tun-Ergehen-Zusammenhang 

8.1.4. Billige Gnade

8.2. Quelle

 1. Biblische Definitionen

1.1 Einführung

Innerhalb der umfangreichen biblischen Textsammlung ist es der Apostel Paulus, der erstmals eine systematische Betrachtung des Begriffs ‚Sünde‘ vornimmt und ihn zugleich zum Zentrum seiner Theologie macht. Wollen wir einen gemeinsamen Nenner für das biblische Verständnis von Sünde finden, müssen wir also das Pferd von hinten aufzäumen und mit den paulinischen Schriften beginnen.

 

1.1.1 Paulus

„Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.“ (Röm. 14,23) Mit dieser Formulierung beschreibt Paulus überaus präzise die zwei unterschiedlichen Pfade, die der Mensch beschreiten kann. Er kann sein Leben auf Christus ausrichten und im Glauben leben oder er fällt auf den Weg der Sünde und ergeht sich in Götzendienst. Diesen Charakterzug der Sünde beschreibt erläutert Paulus bereits zu Beginn des Römerbriefes: „Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden zu Toren und sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Menschen und fliegende, vierfüßige und kriechende Tiere darstellen. Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, sodass sie ihren Leib durch ihr eigenes Tun entehrten. Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen.“ Während das Leben im Glauben auf Gott ausgerichtet ist, neigt der Sünder dazu, menschliche Konstrukte und somit sich selbst zu verehren und anzubeten. Dieses „Rühmen“, also das Rühmen seiner selbst, ist für Paulus der Inbegriff von Sünde.

Der Apostel verwendet für dieses Fehlverhalten den griechischen Begriff harmatia. Dieser spielt innerhalb der griechischen Antike auch in der Poetik des Aristoteles eine Rolle. Dort beschreibt der große Gelehrte, wie ein Held bzw. eine Handlung beschaffen sein muss, um beim Zuschauer die gewünschten Gefühle von Jammer und Schauder hervorzurufen, was dann die Reinigung (katharsis) von diesen Leidenschaften bewirken soll: „Dies ist bei jemandem der Fall, der nicht trotz seiner sittlichen Größe und seines hervorragenden Gerechtigkeitsstrebens, aber auch nicht wegen seiner Schlechtigkeit und Gemeinheit einen Umschlag ins Unglück erlebt, sondern wegen eines Fehlers (harmatia).“ Die harmatia meint also in erster Linie eine Fehleinschätzung des Handelnden, und in eben diesem Sinne verwendet auch Paulus den Begriff. Die Fehleinschätzung des Sünders liegt darin, dass er nicht Gott verehrt, sondern sich selbst. Deshalb kann Paulus auch davon sprechen, dass Gott die Fehlgeleiteten ihren schändlichen Begierden „ausliefert“ – das unrechte Verhalten ist eine Folge des Irrtums.

Mit ‚Sünde‘ beschreibt Paulus aber nicht nur eine Handlung, sondern auch einen Zustand. Hier hilft uns unsere eigene Sprache zum besseren Verständnis weiter. Das deutsche Wort ‚Sünde‘ ist (vermutlich) dem Wort Sund entlehnt, mit dem eine Landtrennung oder ein Bruchspalt bezeichnet wird und das wir bis heute in Städtenamen wie etwa Stralsund vorfinden. Die Sünde ist somit das, was uns von Gott trennt, absondert. Für Paulus befinden sich alle Menschen unter der Herrschaft der Sünde: „Was sagen wir denn nun? Haben wir (Juden) einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind […] Es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen“ (Röm. 3,9/23).

Die Sünde ist die große Gleichmacherin, sie ebnet sämtliche Unterschiede zwischen den Menschen ein. Deswegen unterteilt das Christentum die Menschen auch nicht in Kategorien wie „rein“ oder „unrein“ ein. Sowohl im Judentum als auch im Islam gibt es bestimmte Regeln, an die man sich halten muss, um auf der richtigen Seite zu sein. Zugegeben, die Einhaltung der Speisevorschriften, des Sabbats, des Ramadans etc. ist herausfordernd, aber sie ist kein Ding der Unmöglichkeit. Für uns Christen hingegen gibt es keine Regeln und Gesetze, die wir realistischerweise einhalten können, um Gott zu gefallen.

 

1.1.2 Die Evangelien

Auch in die Evangelien wird die Sünde als universales Problem dargestellt. Johannes der Täufer predigt die „Taufe der Buße (metanoia) zur Vergebung der Sünden“, und auch Jesus ruft zur entsprechenden Buße für die Sünden auf. In seinen berühmten Worten „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ lässt sich ebenfalls erkennen, dass er mit der Sündhaftigkeit aller Menschen rechnet.

Dem entgegen stehen allerdings andere Stellen, in denen Jesus zwischen Sündern einerseits und Gerechten andererseits unterscheidet, so zum Beispiel in seiner Ankündigung „Ich bin gekommen die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“. Auch sein Gleichnis vom verlorenen Schaft beendet er mit den Worten: „Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr (metanoia)[1] nötig haben.“ Vermutlich sind an diesen Stellen mit dem Begriff ‚Sünder‘ Menschen einer bestimmten Schicht und/oder eines bestimmten Berufsstandes gemeint, die nicht den hohen Anforderungen der pharisäischen Gesetzlichkeit genügen. Das vollständige Einhalten der Tora erforderte ein nicht geringes Maß an Bildung, Zeit und Geld, über das nur wenige Menschen jener Zeit verfügten. So ist wohl auch der Vorwurf der Pharisäer gegenüber Jesus zu verstehen, er sei ein „Freund der Sünder“. Dies bezieht sich vermutlich in erster Linie darauf, dass er in gewissen Kreisen verkehrte, von denen sich die Pharisäer fernhielten. Gut zu beobachten ist dies beispielsweise in folgender Geschichte:

„Einer der Pharisäer hatte ihn zum Essen eingeladen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und begab sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er zu sich selbst: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist.“ (Lukas 7,36-39)

Dass die Frau eine Sünderin ist, wird einfach als Information in den Text gestreut, ohne nähere Begründung. Das kann nur zu verstehen sein, dass jedem am Tisch augenblicklich klar war, dass es sich um eine Sünderin handelt. Möglicherweise war sie aufgrund ihres Äußeren als Prostituierte zu erkennen. In jedem Fall aber kennzeichnet sie die Bezeichnung ‚Sünderin‘ hier nicht als besonders schlechte Person, im Gegenteil. Der Sinn der Geschichte liegt ja gerade darin, ihre Überlegenheit gegenüber den ‚gerechten‘ Pharisäern zu illustrieren, deren Scheinheiligkeit Jesus hier wie an so vielen anderen Stellen entlarvt. Die Unterscheidung zwischen Gerechten und Sündern findet in den Evangelien also auf sozialer Ebene statt, nicht auf ethischer.

1.1.3 Das Alte Testament

Derjenige Begriff im alttestamentlichen Hebräisch, der dem griechischen harmatia am ehesten entspricht lautet חַטָּאת (hatat). Wir finden ihn beispielsweise in den Bußpsalmen:

„Da bekannte ich dir meine Sünde (hatat) und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde (hatat) vergeben.“ (Psalm 32,5)

„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde (hatat)! Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde (hatat) steht mir immer vor Augen.“ (Psalm 51,3-4)

Wie bereits erwähnt, findet sich im Alten Testament noch keine systematische Erörterung des Sündenbegriffs. In den beiden genannten Zitaten finden sich auch andere hebräische Begriffe, die der Bedeutung ‚Sünde‘ nahekommen, hier aber mit ‚Frevel‘ oder ‚bösen Taten‘ übersetzt werden. Leider sind die meisten deutschen Übersetzungen bei der Wiedergabe bestimmter Begriffe nicht immer einheitlich. In jedem Fall aber enthält das hebräische hatat die Bedeutung einer Verfehlung im Sinne eines Irrtums und kommt somit dem griechischen harmatia recht nahe.

 

1.2 Quelle

Als Quelle sei hier der für das Sündenverständnis des Paulus entscheidende Abschnitt aus dem Römerbrief (1,18 – 3,20) gewählt. Die Quellenarbeit kann durch weitere oben erwähnte Bibeltexte ergänzt werden.

 

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.

19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart.

20 Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken, sodass sie keine Entschuldigung haben.

21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.

22 Die sich für Weise hielten, sind zu Narren geworden

23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass sie ihre Leiber selbst entehren.

25 Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen;

27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

28 Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist,

29 voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Ohrenbläser,

30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam,

31 unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig.

32 Sie wissen, dass nach Gottes Recht den Tod verdienen, die solches tun; aber sie tun es nicht nur selbst, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

 

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun.

3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?

4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

5 Du aber, mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes,

6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken:

7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben;

8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit;

9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen;

10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.

11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

12 Alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteilt werden.

13 Denn vor Gott sind nicht gerecht, die das Gesetz hören, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.

14 Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.

15 Sie beweisen damit, dass des Gesetzes Werk in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen,

16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richtet, wie es mein Evangelium bezeugt.

17 Wenn du dich aber Jude nennst und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes

18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste sei,

19 und maßt dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind,

20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, der im Gesetz die Gestalt der Erkenntnis und Wahrheit hat –

21 du lehrst nun andere und lehrst dich selber nicht? Du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst?

22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzen und beraubst Tempel?

23 Du rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch Übertretung des Gesetzes?

24 Denn »euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Völkern«, wie geschrieben steht (Jesaja 52,5).

25 Die Beschneidung nützt etwas, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden.

26 Wenn nun der Unbeschnittene hält, was nach dem Gesetz recht ist, meinst du nicht, dass dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt?

27 Und so wird der, der von Natur aus unbeschnitten ist und das Gesetz erfüllt, dir ein Richter sein, der du unter dem Buchstaben stehst und beschnitten bist und das Gesetz übertrittst.

28 Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht;

29 sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht. Dessen Lob kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.

 

1 Was haben dann die Juden für einen Vorzug, oder was nützt die Beschneidung?

2 Viel in jeder Weise! Vor allem: Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.

3 Was nun? Wenn einige untreu wurden, hebt dann ihre Untreue die Treue Gottes auf?

4 Das sei ferne! Es bleibe vielmehr so: Gott ist wahrhaftig, und alle Menschen sind Lügner; wie geschrieben steht (Psalm 51,6): »Damit du recht behältst in deinen Worten und siegst, wenn man mit dir rechtet.«

5 Ist’s aber so, dass unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit erweist, was sollen wir sagen? Ist Gott dann nicht ungerecht, wenn er zürnt? – Ich rede nach Menschenweise. –

6 Das sei ferne! Wie könnte sonst Gott die Welt richten?

7 Wenn aber die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wurde zu seiner Ehre, warum sollte ich dann noch als ein Sünder gerichtet werden?

8 Und ist es etwa so, wie wir verlästert werden und einige behaupten, dass wir sagen: Lasst uns Böses tun, damit Gutes daraus komme? Deren Verdammnis geschieht zu Recht.

9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind,

10 wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.

11 Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt.

12 Alle sind sie abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3).

13 Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4);

14 ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit (Psalm 10,7).

15 Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen;

16 auf ihren Wegen ist lauter Zerstörung und Elend,

17 und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8).

18 Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen (Psalm 36,2).«

19 Wir wissen aber: Was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf dass jeder Mund gestopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei.

20 Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch vor ihm gerecht sein. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

(Einheitsübersetzung)

 

2. Das verflixte siebte Kapitel

2.1 Einführung

Eine der umstrittensten neutestamentlichen Stellen zum Thema ‚Sünde‘ haben wir bisher ausgelassen, und zwar das siebte Kapitel des Römerbriefes. Die hier präsentierte Darstellung eines Zwiespaltes zwischen Gesetz und Sünde, zwischen geistlichem und fleischlichem Handeln wurde im Laufe der Theologiegeschichte auf so unterschiedliche Weise interpretiert, dass es darüber zum Bruch zwischen Menschen und ganzen Bewegungen kam. Es lohnt daher, sie im Rahmen dieses Kurses eingehend zu betrachten.

 

2.1.3 Das sechste Kapitel des Römerbriefs

Um die Problematik des siebten Kapitels verstehen zu können, müssen wir uns zunächst das vorangehende Kapitel vergegenwärtigen. Hier spricht Paulus vom neuen Leben der Christen, das durch das Opfer Jesu Christi möglich geworden ist.

„Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.“

Durch die Taufe erhalten die Christen Anteil am Werk Christi und sind so ihrem alten Leben gestorben. Somit sind sie auch für die Sünde tot, die nicht mehr über sie herrscht:

„So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus. Daher soll die Sünde nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodass ihr seinen Begierden gehorcht. Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die aus Toten zu Lebenden geworden sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes! Denn die Sünde wird nicht mehr über euch herrschen; denn ihr steht nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“

Mit dieser Thematik im Hintergrund eröffnet Paulus nun seinen nächsten Gedankengang im siebten Kapitel, in dem er einige Klärungen bezüglich des Charakters des Gesetzes vornimmt.

 

 2.1.4 Röm. 7,7-13

Dieser Abschnitt beginnt mit einer typisch paulinischen Formulierung: „Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Keineswegs!“ Der Apostel möchte im Folgenden also einem Missverständnis vorbeugen, das bis zu diesem Zeitpunkt leicht hat entstehen können. Bisher hat Paulus oft negativ über das Gesetz gesprochen. Daher stellt er nun klar: „Deshalb ist das Gesetz heilig und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ Weshalb? Weil nicht das Gesetz Schaden anrichtet, sondern die Sünde, die sich des Gesetzes bediente.

Um dies zu verdeutlichen, wählt Paulus allerdings eine Erzähltechnik, die zumindest auf nachfolgende Generationen von Lesern eher verwirrend gewirkt hat. Er spricht davon, dass er einst ohne Gesetz lebte und dann, nachdem das Gebot gegeben worden war, zu Tode kam, da ihm die Sünde mithilfe des Gebots den Tod brachte. Wie ist diese Aussage zu verstehen? Klar ist lediglich, dass Paulus, obwohl er in der ersten Person spricht, hier nicht sich selbst meinen kann, denn wann in seinem Leben hätte es eine Zeit ohne Gesetz gegeben? Unter den Exegeten kursieren im Wesentlichen zwei unterschiedliche Auslegungsvarianten.

Die einen vertreten die Ansicht, Paulus spreche hier im Namen Adams. Für diese Variante spricht die beschriebene Situation. Adam lebte einst ohne Gesetz und fand durch das Gebot bzw. durch die Sünde den Tod. Er ist im Grunde die einzige Person, auf die diese Geschichte voll und ganz zutrifft. Dennoch muss dagegengehalten werden, dass diese Interpretation ein erhebliches Maß an Kreativität erfordert. Es darf bezweifelt werden, dass die Mehrzahl der damaligen Leser bzw. Hörer des Briefes diesen gedanklichen Sprung vollzogen haben. Warum sollte Paulus sein Publikum absichtlich in Verwirrung stürzen?

Gemäß der zweiten Variante hat Paulus hier keine konkrete Person, weder Adam noch sich selbst noch sonst jemanden, im Auge, sondern möchte einfach ganz allgemein die Wirkung des Gesetzes veranschaulichen. Zu diesem Zweck versetzt er sich in die fiktive Situation eines Menschen, der einst ohne Gesetz lebte. Dass er dabei das Schicksal Adams vor Augen hat, ist durchaus möglich. Auch diese Lösung mag nicht vollständig befriedigen, erscheint aber als die plausiblere. Allerdings liegen beide Erklärungen recht nahe beieinander, so dass die Entscheidung für eine der beiden und gegen die jeweils andere keine gravierenden Konsequenzen haben dürfte. Im kommenden Abschnitt sieht das hingegen schon anders aus.

 

2.1.5 Röm. 7,14-25

Paulus spricht weiterhin in der ersten Person, nun aber im Präsens, während er zuvor in der Vergangenheit gesprochen hat. Er schildert seinen Kampf mit dem Gesetz, den Zwiespalt zwischen Geist und Fleisch, zwischen seinem Wollen einerseits und seinem Tun andererseits. Hier nun gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Paulus nicht von sich selbst spricht. Die Frage ist vielmehr: von welchem Selbst spricht er?

An dieser Frage scheiden sich im wahrsten Sinne des Wortes die Geister. Einige Theologen, unter ihnen bedeutende Exegeten des Römerbriefs wie Augustinus, Martin Luther, Johannes Calvin oder Karl Barth, verstehen die Stelle so, dass Paulus von seiner aktuellen Situation spricht, also einen gegenwärtigen Konflikt schildert, mit dem er täglich zu ringen hat. Diese Erklärung scheint zunächst die naheliegende zu sein, gäbe es nicht eine Spannung zwischen ihr und dem Inhalt von Kapitel sechs. Hatte Paulus dort nicht erläutert, dass die Christen der Sünde gestorben und somit von ihrer Herrschaft frei sind? Im achten Kapitel wird er ebenfalls schreiben: „Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.“  Wie kann er dann hier behaupten, er sei als Christ „verkauft unter die Sünde“? Dieser Einwand ist es, der die andere Gruppe von Exegeten glauben lässt, Paulus beschreibe hier nicht seinen aktuellen Zustand, sondern sein Leben vor der Bekehrung. Mit dieser Erklärung löst sich zwar die Spannung zu den anderen Kapiteln auf, dafür treten aber neue Probleme hinzu. Wieso spricht Paulus in der Gegenwart, wenn er sein früheres Leben meint? Wie sind die beiden letzten Sätze zu verstehen? „Ich elender Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? Dank aber sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Es ergibt sich also, dass ich mit meiner Vernunft dem Gesetz Gottes diene, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.“ Kann man dies anders verstehen, als dass Paulus auch in seinem neuen Leben mit Christus den besagten Konflikt spürt?

 

Wie bei so vielen anderen theologischen und exegetischen Debatten, hängt die Entscheidung zwischen beiden Alternativen auch mit der Persönlichkeit des Autors zusammen. Martin Luther beispielsweise fand seinen eigenen Konflikt hier widergespiegelt und interpretierte die Stelle entsprechend. Sein Bekehrungserlebnis nahm ihm die Furcht vor dem Gericht Gottes, da er dessen wahre Gerechtigkeit erkannt hatte, aber es befreite ihn nicht vom Ringen mit der Sünde. Für August Hermann Francke (1663-1727) etwa, den wirkmächtigsten Vertreter des Pietismus, konnte es nach der Wiedergeburt keine wirkliche Anfechtung mehr geben. Über sein Bekehrungserlebnis schreibt er: „Und das ist also die Zeit, dahin ich eigentlich meine wahrhaftige Bekehrung rechnen kann. Denn von der Zeit an hat es mit meinem Christentum einen Bestand gehabt, und von da an ist mir‘s leicht geworden, zu verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt; von da an habe ich mich beständig zu Gott gehalten, Beförderung, Ehre und Ansehen vor der Welt, Reichtum und gute Tage und äußerliche, weltliche Ergötzlichkeit für nichts geachtet“ (siehe Quelle). Francke kann also nicht glauben, dass der wiedergeborene Paulus noch derartige Konflikte durchleiden musste und interpretiert die Stelle so, dass der Apostel hier von seinem Leben vor der Bekehrung spricht (s.o.)

 

2.2 Quelle

Ein Auszug aus dem autobiographisch geschilderten Bekehrungserlebnis August Herrmann Franckes (s.o.), datiert auf das Jahr 1692. Francke beschreibt zunächst eine handfeste Glaubenskrise, bevor er zu den folgenden Zeilen übergeht:

Inzwischen fuhr ich in meinem vorigen Tun fort und hielt an mit fleißigem Gebet auch in der größten Verleugnung meines Herzens. Folgenden Tages, welches war an einem Sonntage, gedachte ich mich gleich also in voriger Unruhe zu Bette zu legen, war auch darauf bedacht, daß ich, wenn keine Änderung sich ereignete, die Predigt wieder absagen wollte, weil ich im Unglauben und wider mein eigen Herz nicht predigen und die Leute also betrügen könnte. Ich weiß auch nicht, ob es mir möglich gewesen sein. Denn ich fühlte es gar zu hart, was es sei, keinen Gott haben, an den sich das Herz halten könne, seine Sünden beweinen und nicht wissen, warum, oder wer der sei, der solche Tränen auspreßt, und ob wahrhaftig ein Gott sei, den man damit erzürnt habe; sein Elend und großen Jammer täglich sehen und doch keinen Heiland und keine Zuflucht wissen oder kennen. In solcher großen Angst legte ich mich nochmals an erwähntem Sonntagabend nieder auf meine Knie und rief an den Gott, den ich noch nicht kannte noch glaubte, um Rettung aus solchem elenden Zustand, wenn anders wahrhaftig ein Gott wäre. Da erhörte mich der Herr, der lebendige Gott, von seinem heiligen Throne, da ich noch auf meinen Knien lag. So groß war seine Vaterliebe, daß er mir nicht nur nach und nach solchen Zweifel und Unruhe des Herzens wieder benehmen wollte, daran mir wohl hätte genügen können, sondern damit ich desto mehr überzeugt sein würde und meiner verirrten Vernunft ein Zaum angeleget würde, gegen seine Kraft und Treue nichts einzuwenden erhörte er mich plötzlich.

Denn wie man eine Hand, umwendet, so war all mein Zweifel hinweg, ich war versichert in meinem Herzen der Gnade Gottes in Christo Jesu, ich konnte Gott nicht allein Gott, sondern meinen Vater nennen, alle Traurigkeit und Unruhe des Herzens ward auf einmal weggenommen, hingegen ward ich wie mit einem Strom der Freude plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Mut Gott lobte und pries, der mir solche Gnade erzeigt hatte. Ich stand anders gesinnt auf, als ich mich niedergelegt hatte. Denn mit großem Kummer und Zweifel habe ich meine Knie gebogen, aber mit unaussprechlicher Freude und großer Gewißheit stand ich wieder auf. Da ich mich niederlegte, glaubte ich nicht, daß ein Gott wäre, da ich aufstand, hätte ich’s wohl ohne Furcht und Zweifel mit Vergießung meines Bluts bekräftigt. Ich begab mich darauf zu Bette, aber ich. konnte vor großen Freuden nicht schlafen, und wenn sich die Augen etwa ein wenig geschlossen, erwachte ich bald wieder und fing aufs neue an, den lebendigen Gott, der sich meiner Seele zu erkennen gegeben, zu loben und zu preisen. Denn es war mir, als hätte ich in meinem ganzen Leben gleichsam in einem tiefen Schlaf gelegen und als wenn ich alles nur im Traum getan hätte und wäre nun erstlich davon aufgewacht.

Es durfte mir niemand sagen, was zwischen dem natürlichen Leben eines natürlichen Menschen und zwischen dem Leben, das aus Gott ist, für ein Unterschied sei. Denn mir war zumut, als wenn ich tot gewesen wäre, und siehe, ich war lebendig geworden. Ich konnte mich nicht die Nacht über in meinem Bette halten, sondern ich sprang vor Freuden heraus und lobte den Herrn, meinen Gott. Ja, es war mir viel zu wenig, daß ich Gott loben sollte, ich wünschte, daß alles mit mir den Namen des Herrn loben möchte. Ihr Engel im Himmel rief ich, lobet mit mir den Namen des Herrn, der mir solche Barmherzigkeit erzeigt hat. Meine Vernunft stand nun gleichsam von ferne, der Sieg war ihr aus den Händen gerissen, denn die Kraft Gottes hatte sie dem Glauben untertänig gemacht. Doch gab sie mir zuweilen in den Sinn: sollte es auch wohl natürlich sein können, sollte man nicht auch von Natur solche große Freude empfinden können; aber ich war gleich dagegen ganz und gar überzeugt, daß alle Welt mit aller ihrer Lust und Herrlichkeit solche Süßigkeit im menschlichen Herzen nicht erwecken könne, als diese war, und sah wohl im Glauben, daß nach solchem Vorgeschmack der Gnade und Güte Gottes die Welt mit ihren Reizungen zu einer weltlichen Lust wenig mehr bei mir ausrichten würde. Denn die Ströme lebendigen Wassers waren mir nun allzu lieblich geworden, daß ich leicht vergessen konnte der stinkenden Mistpfützen dieser Welt. O wie angenehm war mir diese erste süße Milch, damit Gott seine schwachen Kinder speist! Nun hieß es aus dem 36. Psalm: „Wie teuer ist deine Güte, Gott, daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel trauen! Sie werden trunken von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkest sie mit Wollust wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die lebendige Quelle, und in deine Lichte sehen wir das Licht.“

Nun erfuhr ich wahr zu sein, was Lutherus sagt in der Vorrede über die Epistel an die Römer: „Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neugebiert aus Gott (Joh. 1, 12) und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften und bringet den Heiligen Geist mit sich.“ Und: „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiß, daß er wohl tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben.“

Gott hatte nun mein Herz mit Liebe gegen ihn erfüllt, dieweil er sich mir als das allerhöchste und allein unschätzbare Gut zu erkennen gegeben. Daher konnte ich auch des folgenden Tages meinem Herrn Tischwirt, der um meinen vorigen elenden Zustand gewußt hatte, diese meine Erlösung nicht ohne Tränen erzählen, darüber er sich mit mir erfreute. Des Mittwochs darauf verrichtete ich nun auch die mir aufgetragene Predigt mit großer Freudigkeit des Herzens und aus wahrer göttlicher Überzeugung über den oben angeführten 21. Vers des 20. Kapitels Johannis und konnte da mit Wahrheit sagen aus 2. Kor, 4: Dieweil wir nun eben denselbigen Geist des Glaubens haben, nachdem geschrieben steht, ich glaube, darum rede ich, so glauben wir auch, darum reden wir auch.

Und das ist also die Zeit, dahin ich eigentlich meine wahrhaftige Bekehrung rechnen kann. Denn von der Zeit an hat es mit meinem Christentum einen Bestand gehabt, und von da an ist mir’s leicht geworden, zu verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt; von da an habe ich mich beständig zu Gott gehalten, Beförderung, Ehre und Ansehen vor der Welt, Reichtum und gute Tage und äußerliche, weltliche Ergötzlichkeit für nichts geachtet; und da ich mir vorher einen Götzen aus der Gelehrsamkeit gemacht, sah ich nun, daß Glaube wie ein Senfkorn mehr gelte als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit, und daß alle zu den Füßen Gamaliels erlernte Wissenschaft als Dreck zu achten sei gegen die überschwengliche Erkenntnis Jesu Christi unsers Herrn.

Von da an habe ich auch erst recht erkannt, was Welt sei und worin sie von den Kindern Gottes unterschieden sei. Denn die Welt fing auch bald an, mich zu hassen und anzufeinden oder einen Widerwillen und Verdruß über mein Tun spüren zu lassen, auch sich zu beschweren oder mit Worten mich anzustechen, daß ich auf ein ernstliches Christentum mehr, als sie etwa nötig vermeinten, dränge. Aber ich muß auch hierin die große Treue und Weisheit Gottes rühmen, welche nicht zuläßt, daß ein schwaches Kind durch allzu starke Speise, eine zarte Pflanze durch einen allzu rauhen Wind verderbet werde, sondern er weiß am besten, wann und in welchem Maß er seinen Kindern etwas auflegen und dadurch ihren Glauben prüfen und läutern soll. Also hat es auch mir nie an Prüfungen gefehlt, aber Gott hat dabei meiner Schwachheit allezeit geschont und mir erst ein gar geringes und dann nach und nach ein immer größeres Maß des Leidens zugeteilt, da mir aber allezeit nach der von ihm erteilten göttlichen Kraft das letztere und größere viel leichter geworden zu tragen als das erste und geringere.

Ich nenne solches meine eigene Bekehrung, weil ich mit Wahrheit sagen kann: Was ich vorhin für gute Bewegungen und äußerliche Bezeigungen mag haben von mir spüren lassen, daß doch vorhin kein Durchbruch geschehen sei, wie wohl Gott an seinem Teil an meiner Seele viel gearbeitet; aber daß die vor dieser Zeit von 1687 hergehende von der nachfolgenden so unterschieden, wie die Nacht und der Tag unterschieden ist, ja daß ich den empfindlichen Unterschied nicht genug beschreiben, aber es kürzer nicht ausdrücken kann, als daß vorhin die Sünde über mich geherrschet, hernach aber die Kraft Christi bei mir gewohnet, welches zwischen einem Wiedergebornen und Unwiedergebornen der reale Unterschied ist, den niemand verstehet, als der den Geist Gottes empfangen hat.

Zu wenig ist von dieser Sache geredet worden, und wenn ja davon gedacht worden ist, hat man solches gemeiniglich allein aus der Taufe, die wir in der Kindheit empfangen, geführet – die sonst allerdings in ihrer Würde nach der reinen Evangelischen Lehre zu lassen ist – eben, als wenn’s damit alles ausgemacht wäre und man sicher von allen, die getauft wären, nun ihr Leben lang ihres Standes der Wiedergeburt – und daß sie wirklich darin geblieben – versichert sein könnte – da doch leider die allermeisten ihren Taufbund übertreten und aus dem Gnadenstande fallen.

Quelle: Martin Schmidt/Wilhelm Jannasch (Hrsg.), Das Zeitalter des Pietismus. Klassiker des Protestantismus Band VI, Bremen: Schünemann, 1965, S. 68-82.

3. Sündenkataloge

3.1 Einführung

Neben der allgemeinen Beschreibung der Sünde und ihrer Auswirkungen kennen die Bibel sowie die kirchliche Tradition eine Reihe von Sündenkatalogen, also eine Auflistung spezieller und meist besonders schwerer Sünden.

 

3.1.1 Altes Testament

Das mosaische Gesetz besteht aus 365 negativen und 248 positiven Geboten, also insgesamt 613 Vorschriften. Diese umfassen sowohl moralische als auch bürgerliche und zeremonielle Gesetze, so dass sie alle Bereiche des Lebens abdecken. Eine Unterteilung in mehr oder weniger wichtige Vorschriften findet nicht statt. Das gilt auch für die Zehn Gebote, die aus traditionell jüdischer Sicht nicht wichtiger als alle anderen Vorschriften der Tora sind. Andererseits sind sie es und nicht die übrigen 603 Ge‐ und Verbote, die Gott zum Volk Israel sprach und die Moses auf die steinernen Tafeln schrieb. Und es waren diese Tafeln mitsamt den darauf verzeichneten Worten, die zunächst in der heiligen Bundeslade und später im inneren und heiligsten Ort des Jerusalemer Tempels aufbewahrt wurden. Das verdeutlicht, dass die Zehn Gebote durchaus eine besondere Stellung innerhalb des Gesetzeskompendiums einnehmen. Sie sind gewissermaßen die Überschriften, unter denen alle folgenden Vorschriften aufgezählt werden können. Sie sind die Kategorien, in die sich die weiteren Gebote einordnen lassen.

Auf der ersten Tafel finden sich fünf Gebote, die sich auf das Verhältnis zu unserem Schöpfer beziehen: die Betonung des einen und einzigen Gottes, das Verbot, anderen Göttern zu huldigen, das Verbot, Gottes Namen zu missbrauchen, das Gebot der Heiligung des Sabbats sowie das Gebot, Vater und Mutter zu ehren. Dass sich das fünfte Gebot, die Ehrerbietung gegenüber Vater und Mutter, auf der ersten Tafel findet, hängt damit zusammen, dass die Aufgabe der Eltern, wenngleich natürlich nicht auf einer Ebene, aber doch auf einer Linie mit Gottes Handeln gesehen wird. Sie schaffen Leben und sind im Verhältnis zu ihren Kindern als deren Schöpfer anzusehen. Es geht auf der ersten Tafel also nicht nur um den göttlichen Schöpfer, sondern auch um die menschlichen. Auf der zweiten Tafel sind die Gebote aufgezählt, die sich dem Miteinander der Menschen widmen: Morde nicht; Begehe keinen Ehebruch; Stiehl nicht; Lege kein flaches Zeugnis ab; Begehre nicht deines Nächsten Haus, Hof oder Frau.

Im Alten Testament werden die Zehn Gebote an zwei Stellen erwähnt: Exodus 20,2-17 und Deuteronomium 5,6-21. Trotz gewisser Unterschiede in den Details zeigen beide Versionen keine wesentlichen Unterschiede. Da die Gebote im biblischen Text nicht durchnummeriert sind, haben sich innerhalb der kirchlichen Tradition verschiedene Zählweisen entwickelt. Um exakt 10 Gebote zu erhalten, mussten stets mehrere Gebote zu einem zusammengefasst werden. So betrachten etwa die römisch-katholische als auch die lutherische Tradition das Verbot fremder Götter sowie das Bildverbot als ein Gebot (das erste), während sie die Gebote des Nichtbegehrens am Ende der Liste in zwei aufteilen, was die reformierte Tradition wiederum nicht tut und dafür die ersten beiden Gebote getrennt betrachtet.

In den Sprüchen Salomos findet sich außerdem folgende Aufzählung:

Sechs Dinge sind dem HERRN verhasst, sieben sind ihm ein Gräuel: Stolze Augen, eine falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das finstere Pläne hegt, Füße, die schnell dem Bösen nachlaufen, ein falscher Zeuge, der Lügen zuflüstert, und wer Streit entfacht unter Brüdern.

 

3.1.2 Evangelien

Gegenüber den 613 Einzelvorschriften der Tora predigt Jesus eine Konzentration auf das Wesentliche. Auf die Frage der Pharisäer nach dem höchsten Gebot antwortet er: „‘Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt‘ (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘ (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Als Hauptgegner seiner Botschaft identifiziert Jesus nicht die Sünder (s.o.), sondern die Schriftgelehrten und Pharisäer. Jesu‘ Hassrede gegen diese Leute (Matthäus 23) ist einer der wenigen Momente, in denen er vor Wut außer sich gerät:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen. Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Proselyten gewinnt; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr. Weh euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold des Tempels, der ist gebunden. Ihr Narren und Blinden! Was ist denn größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Und: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf liegt, der ist gebunden. Ihr Blinden! Was ist denn größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt? Darum, wer schwört bei dem Altar, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. Und wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. Und wer schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt. Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein werde! Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: Von außen scheint ihr vor den Menschen gerecht, aber innen seid ihr voller Heuchelei und missachtet das Gesetz. Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben.

Diese Rede folgt beinahe unmittelbar auf die vorherige Frage der Pharisäer nach dem höchsten Gebot und steht auch in direktem Zusammenhang mit dieser. Kaum etwas scheint Jesus wütender zu machen als das kleinliche Befolgen von Regeln, während man die wesentlichen Eigenschaften wie Glaube und Liebe vernachlässigt. Bereits in seiner Bergpredigt warnt er seine Hörer nachdrücklich vor der Scheinheiligkeit dieser Leute und droht auch drastische Konsequenzen an: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Matthäus 5,20)

Während Jesus an dieser wie an weiteren Stellen die alttestamentlichen Gesetze relativiert, jedenfalls in dem Sinne, dass er zwischen wichtigen und weniger wichtigen unterscheidet, werden andere Gebote von ihm radikalisiert:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2. Mose 20,13; 21,12): ‚Du sollst nicht töten‘; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.

Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 20,14): ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘

Es ist auch gesagt (5. Mose 24,1): ‚Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.‘

Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Unzucht, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3. Mose 19,12; 4. Mose 30,3): ‚Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten.‘

Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;

noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn.‘

Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben‘ (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Das einzige Mal, dass Jesus namentlich eine neue Kategorie von Sünde einführt, ist folgende Stelle (siehe Quelle):

Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Und wer etwas redet gegen den Menschensohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet gegen den Heiligen Geist, dem wird’s nicht vergeben, weder in dieser noch in der künftigen Welt. (Matthäus 12,31-32)

 

3.1.3 Paulus

Ähnlich wie Jesus neigt auch der Apostel Paulus dazu, das Wesentliche zu betonen und die Gebote entsprechend zusammenzufassen:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Röm. 13,10)

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal. 6,2)

Dennoch kommt es in den Briefen des Paulus mehrmals zu Auflistungen besonders schwerer Vergehen, die mit dem Reiche Gottes nicht vereinbar sind:

Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben. (1. Kor. 6,9-10).

Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Mißgunst, Trink- und Eßgelage und ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. (Gal. 5,19-21)

Die Rede von den „Werken des Fleisches“ hat im Laufe der Theologiegeschichte immer wieder zu der falschen Annahme geführt, Paulus wolle hier alles Körperliche abwerten und die Idealvorstellung des Menschen als reinem Geistwesen propagieren. Eben das war der Irrtum der Gnostiker, mit denen Paulus allerdings nichts gemein hat. Bereits einige der konkret genannten Sünden wie Götzendienst, Spaltungen oder Missgunst, die nichts mit körperlicher Tätigkeit zu tun haben, belegen, dass es dem Apostel um etwas anderes geht. Im Römerbrief erläutert er: „Es ergibt sich also, dass ich mit meiner Vernunft dem Gesetz Gottes diene, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.“ Wer fleischlich lebt, ist der Sünde untertan und orientiert sich nicht am Willen Gottes, sondern an seinen eigenen Wünschen. Die Formulierung „und ähnliches mehr“ verdeutlich überdies, dass hier kein erschöpfender Sündenkatalog geboten wird, sondern lediglich einige Beispiele für fleischliches Leben und Denken.

 

3.1.4 Die sieben Todsünden

Auf Papst Gregor den Großen (ca. 540 – 604) geht der wohl geistesgeschichtlich einflussreichste Sündenkatalog zurück, die Liste der sogenannten sieben Todsünden. Der Begriff ist zwar irreführend und wurde auch von Gregor nicht gebraucht, hat sich aber tief in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt. Sie gehören bis heute zum Katechismus der Katholischen Kirche.

Dabei enthält die Liste keine Sünden im Sinne von verwerflichen Handlungen, sondern vielmehr Charakterschwächen. Diese bilden Grundgefährdungen und sind oft Wurzel sündhafter Handlungen, weshalb sie vielleicht zutreffender als Wurzelsünden bezeichnet werden könnten.

Nur für die ersten beiden erfolgt hier eine kurze Umschreibung, für die übrigen können in den Übungen eigene formuliert werden.

  1. Hochmut

Hochmut ist die Ursünde des Menschen. Der Wunsch mehr zu sein, als man in Wirklichkeit ist, brachte den Menschen vom Beginn ihrer Geschichte an nichts als Unheil. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis, weil sie wie Gott sein wollen. In Babylon versuchen die Menschen, einen Turm bis in den Himmel zu bauen, wofür sie von Gott mit der Sprachverwirrung gestraft werden. Jesus warnt seine Jünger nachdrücklich: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Paulus schließlich erklärt das Rühmen der eigenen Person zum Inbegriff der Sünde (s.o.)

  1. Gier/Geiz

Bei dieser Sünde wird oft diskutiert, ob nun Gier oder Geiz der zutreffende Begriff ist. Dabei sind beide Charakterzüge aufs Engste verwandt. Die Gier nach Reichtum führt selten zu Freigiebigkeit gegenüber anderen. Entsprechend finden wir im Timotheusbrief die Aussage: „Ein großer Gewinn aber ist die Frömmigkeit zusammen mit Genügsamkeit. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum können wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen. Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.“

  1. Neid
  2. Zorn
  3. Völlerei
  4. Wollust
  5. Trägheit

 

3.2 Quelle

Martin Luther, Von der Sünde wider den Heiligen Geist (1529)

Darum sage ich euch, alle Sund und Lästerung wird den Menschen vergeben, aber die Lästerung wider den Geist wird nicht vergeben. Und wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den heiligen Geist, dem wirds nicht vergeben, wider in dieser noch in jener Welt.

Als der Herr Christus den Besessenen, der blind und stumm war, gesund hatte gemachet, und die Pharisäer lästerten und sprachen, er triebe die Teufel nicht anders aus, denn durch Beelzebub, den Oebersten Teufel, hub er an und thate eine gute starke Predigt; wie er denn gemeiniglich nach einem Wunder oder guten Werk ein sonderliche Predigt oder apologia hat gehalten, sein Werk zu vertheidigen, und dem Teufel, so viel es müglich, das Maul zu stopfen. So hat er nu hie mit vielen Worten sich verantwortet, die Pharisäer einzutreiben und schrecken, den andern seinen Schülern zur Lehre und Stärke. Zum ersten, durch Gleichnisse aus der Natur, Vernunft und Erfahrung, darnach mit ihrem eigenen Werk und Exempel; darüber mit starken Sprüchen, und hie zum letzten mit einem Dräuwort und schrecklichen Urtheil, als er schleußet: Ich sage euch, wo ihr nicht ablasset zu lästern wider die öffentliche Wahrheit, so sundiget ihr nicht wider mich, sondern wider den heiligen Geist, welche Sünde wider hie noch dort kann vergeben werden.

Von diesen Worten ist nu eine große Frage: was doch die Sünde wider den heiligen Geist sey? weil Christus unterschiedlich zweierlei Sünde meldet: eine, die da vergeblich ist, die andere unvergeblich, und also diese Sünde von allen andern scheidet. Es haben sich auch viel Lehrer damit bekümmert, was solche Lästerung wider den heiligen Geist sein moge; weil doch viel Leute gewesen sind, die wider das Evangelium gestrebt und gelästert haben, und dennoch bekehrt sind. Darum wollen wir diese Wort auch handelen, und daraus nehmen, was uns Gott zu verstehen gibt.

Daß wir nu diesen Text von vergeblichen und unvergeblichen Sünden fassen, müssen wir ein Unterscheid machen, und die Sünde theilen. Es sind etliche Sünde, die ein Mensch wohl kennet und fühlet, daß es Sünde sind, als Mord, Ehebruch und Hurerei, Geiz, Hoffart, Haß und Neid, da einem iglichen sein Herz saget, daß er unrecht getan habe; die heißet man grobe und erkenntliche Sünde. Dieselbigen sind nu nicht sogar fährlich. Denn sie haben das Vortheil, daß, wenn darzu kompt ein reuig Herz, das da sagt: Herr, ich bin ein Sünder, so sind sie vergeben; darum heißen sie auch vergebliche Sünde, daß sie können vergeben werden, weil sie bekennet sind. Denn da wird nicht aus, daß eine Sünde vergeben werde, sie sei denn zuvor erkennet, als auch der Prophet sagt im 51. Psalm (v. 3 .4. 5.): Gott sei mir gnädig nach deiner Güte, (und tilge meine Sünde nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missethat, und reinige mich von meiner Sünde.) Denn ich erkenne meine Ubertretung, und meine Sünde ist immer fur mir. Das ist, ich sehe und weiß, daß ich wider dich than habe, darum komme und klage ich, und bitte Gnade. Und Psalm 32, (5.): ich sprach: ich will dem Herrn meine Ubertretung bekennen wider mich, da vergabest du mir die Missethat meiner Sünde. Da haben wir starke Verheißunge, so uns nicht lügen noch feilen kann, wenn wir unser Herz so fern brechen, heraus fahren und beichten, daß wir Sünder sind, so ist der Trost und Zusagung gewiß, daß unser Sund nicht gerochen, noch gedacht wird, wie St. Johannes in seiner 1. Epist. am 1. (v. 8. 9. 10.) lehret, (da er also spricht: so wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns; so wir aber unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergibt, und reiniget uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündiget; so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.)

Zum andern sind auch unbekenntliche oder unbekannte Sünde, so man nicht wieß, daß sie Sünde sind; die bringen den Schaden und Unrath, daß sie auch nicht vergeblich sind, wie gering sie auch seien, ob es gleich ein schlecht Lachen oder ein Heller gestohlen wäre. Denn, was nicht erkennet wird, das kann nicht vergeben werden. Unbekannte aber heiße ich nicht die, so aus der Acht gelassen oder vergessen sind;: denn diese sind auch noch vergeblich, ob man sie gleich nicht zurzehlen weiß. Denn, sollten wir dahin kommen, daß man keine Sünde vergessen, und alle zählen müßte, so würden sie nimmermehr vergeben. Darum spricht abermal der Prophet Ps. 19: Delicta quis intelligit? Wer merkt und weiß, wie viel er feilet? Mache mir rein von den heimlichen! Sondern das heißet Sünde erkennen, so ich fur Gott stehe und sage: das halte ich fur Sund, und also fur ihm beichte: Herr, ich kann mein Sund nicht zählen, die ich than habe oder noch thue, sondern habe sie das mehrtheil vergessen, sehe sie auch nicht gegenwärtig. Denn, daß der Prophet sagt: Intelligit, heißt nicht allein wissen und gedenken, sondern auch wahrnehmen und aufmerken. Denn wir gehen hin und thuen viel und mancherlei Sünde, der wir nimmer gewahr werden. Das ist nu (sage ich,) alle Sünde kennen, wenn ich ein fein rund Bekenntniß thue, und spreche: was in mir und alle meinen Kräften ist, ausser der Gnade, ist alles Sünde und verdamt; so kompst du kurz darvon, darfst nicht denken, daß du es in ein Register werdest schließen; denke nur also: so weit Gnade und Glaube regieret, so bin ich fromm, durch Christum; wo aber solchs wendet, so weiß und bekenne ich, daß nichts Guts bei und in mir ist; da ist es gar in einem Haufen, auf einem Knaul: wenn du gleich lang abwickelst, so findest du doch nichts anders. Solch Bekenntniß muß allerdinge da sein; wo nicht, so nimm dir nicht fur, daß einige Sund vergeben werde, sie sei klein, groß, vergessen oder unvergessen. Denn, wenn du so sagen wolltest: ich bekenne die Sund, die ich weiß, die andern hoffe ich, sollen nicht Sünde sein, oder rechnist gute Werk gegen dieselben, und denkst noch etwas guts in dir zu finden; so machst du aus vergeblichen eitel unvergebliche Sünde. Es muß dürr eraus gesagt sein: da ist nichts guts, was ich rede, denke, thue und lebe, ohn deine Gnad und göttliche Kraft, wenn ich gleich aller Mönche Heilikeit hätte.

Aus solcher Unterscheid kannst du nu selbst schließen, daß die Sünde wider den heiligen Geist ein solche Sünde sein müsse, die sich nicht will kennen lassen, auch nicht erkannt werden kann; und heißet nicht eine grobe WeltSünde, sondern ein heilige geistliche Sünde, darum, daß sie das Bekenntniß umbwendet, und nicht will Sünde heißen, sondern köstliche gute Werk; und will nicht gestraft, sondern gelobt und gerühmet sein; damit auch die heiligen Propheten allermeist zu schaffen und zu fechten haben. Als, daß ich ein Exempel gebe: da St. Paulus in der heiligen Sünde daher ging, verfolget und würgte, strebt und fachte wider Christum und die Wahrheit, ging in der Meinung dahin, als thäte er ein köstlich werk, hielte das Leid, so er den Christen thäte, fur große Gerechtikeit, heiligen Eifer und höhisten Gottesdienst, als der dem Irrthumb wehrete, und hülfe Gott sein Reich erhalten. Siehe, dieser hat auch angelaufen, und wider den heiligen Geist gesundigt, also, daß die Sünde eigentlich ein solche ist, die keine Sünde ist fur aller Welt und Vernunft, sondern eben die rechte Heiligkeit, Wahrheit, Gerechtikeit und Gottesdienst. Darum, wer davon will recht reden, der muß sie nennen mit dem hohen Namen der höhisten Tugenden, ausgenommen, wenn es gar grobe, verruchte und verstockte Leute sind, die man heißet Impoenitentes, von welchen hernach weiter. Itzt sagen wir von denen, welche das Evangelium meinet. Als, daß Paulus daher ging, und hielte seine Lügen und Bosheit, Gottes Wort und Werk verfolgen und Teufelsdienst, fur eitel Wahrheit und göttlich Ding.

Solche heilige Sünde gehet nu wider den heiligen Geist auf zweierlei Weise: einmal, so sie geschicht wissentlich, wie wir hören werden; zum andern, unwissend, wie itzt von St. Paulo verkläret. Und diese ist auch unvergeblich, (denn sie von uns unkänntlich ist,) so lange, bis sie den Namen verliere, und werde auch ein erkenntliche Sünde. Denn das ist die Art aller Sünde, so bald sie erkenntlich ist, so ist sie auch vergeblich; und bleibet stracks beschlossen: wo keine Bekenntniß ist, da ist auch kein Vergeben. Darum gehören zwei Stück zu solcher Sünde. Das erste ist, die Sünde an ihr selb, die ist nimmer nicht wider den heiligen Geist; denn er ist eitel Vergebung und Gnade Gottes. Das ander, daß man sie nicht erkennet, und will den heiligen Geist und Vergebung nicht leiden; das machet sie unvergeben. Also bleibt dieses noch ein zeitliche, und noch nicht ein ewige Sünde, das ist, sie mag noch erkennet und darnach vergeben werden, (ausgenommen, wo man sich darinne stärkt, oder darauf trotzt und pocht,) weil man nicht bessers weiß, und in der Blindheit gehet, ohn Reu, und kein Gnade begehren kann, sondern das Widerspiel hoffet, Gott soll es belohnen. In dieser Sünde sind wir nu allezumal gesteckt, und werden allezumal darunter begriffen. Denn wir bisher alle in solcher Blindheit gelegen sind, und gemeinet, wir wären auf dem rechten Wege; und wer anders hätte gesagt, hätten wirs nicht gegläubt; wie itzt noch ein großer Haufe unter dem Papstthumb.

Das sei von dem ersten gesagt, so die Sünde wider den heiligen Geist unwissend geschicht, und nicht erkannt wird. Aber die rechte Sünde, davon hie Christus redet, ist noch viel greulicher, und ein rechte TeufelsSünde, wenn sie nicht mehr wissentlich oder bekannt werden kann, das ist, wenn sie gleich öffentlich uberweiset ist, dennoch nicht will uberweiset sein, noch Sünde heißen. Denn St. Paulus ging noch daher in seinem Wahn und guter Meinung, wußte und kunnt es nicht besser; aber da es ihm offenbar ward, bekehret er sich. Diesen aber (so Christus hie strafet) wird furgelegt die helle und unleugbare Wahrheit, die er ihnen in die Augen stößet, daß sie nicht furuber können; aber dennoch lehnen sie sich auf, aus lauter Bosheit, lästern und sprechen, es sei des Teufels Ding, wie es St. Marcus verkläret, als er spricht: denn sie sprachen: er hat einen unsaubern Geist; so sie doch ohn ihren Dank bekennen müssen, daß er die Teufel austreibe und verjage, und den Leuten helfe. Darum ist jenes viel ein andere Sünde, nicht uberzeuget noch bewußt, sondern aus eigenem blinden Dünkel geschöpft, und ist noch ein zugedeckter heiliger Geist. Hie aber ist er offenbar und aufgedeckt, bricht erfur und leuchtet wie ein Blitz, daß sein Glanz durchs Herz dringet, wie sie sich auch wehren, und stellet ihn ihre Sünde fur die Augen, beide, durch Wort und Werk, daß sie beschlossen sind, und niemand mit einigem Schein dawider reden kann, auch sie selbst nicht, wie giftig und böse sie sind; noch laufen sie dawider, und wöllens nicht sehen noch hören. Solches hat man verzeiten genennet: Impugnationem veritatis agnitae, das ist, sich wider die erkannte öffentliche Wahrheit setzen.

Diese Sünde hätte ich zuvor nie gemeinet, daß sie in der Welt wäre, als ich ein gelehrter Doctor war, Denn ich dachte noch gläubete nicht, daß’s müglich wäre, ein solch Herz auf Erden zu finden, das so böse künnte sein, und so es öffentlich beschlossen würde, daß es erstummen müßte, dürfte sich dennoch dawider setzen; wie wir hie an Pharisäern sehen, und itzt auch erfahren an etlichen, die aus lauter verstockter Bosheit wider das helle Evangelium lästern und toben, das sie selbst nicht tadeln können, sondern ohn ihren Danck müssen lassen die Wahrheit sein, das ist sie (habe ich Sorge,) die Sünde, die nimmermehr kann vergeben werden. Denn jene, so da sundiget wider den zugedeckten heimlichen heiligen Geist, also, daß die blinzend anlaufen, hat je nach so viel Gnade, daß noch das Bekenntniß mag dazu kommen, wie St. Paulus von ihm selbst schreibe 1 Timn. 1, (13. 16): der ich zuvor war ein Lästerer, und ein Verfolger, und ein Schmäher, aber mir ist Barmherzikeit widerfahren; denn ich habs unwissen getan im Unglauben, das ist, ich gläubte und wußte nicht, daß’s wider Gott war. Darum, obgleich solche Sund auf dießmal unbekannt ist, mag sich doch das Herz umbkehren und erkennen, so wird sie durch solch Bekehren und Bekennen vergeben; diese aber hats beides, daß sie wider bekehret noch bekennet kann werden.

Solchs meine ich nu, daß die rechte unvergebliche Sund sei, davon Christus hie redet, und lasse mich dünken, es sei eben die Meinung, so St. Paulus an Titum c. 3, (10. 11.) schreibt: Haereticum hominem, das ist, einen rottischen oder widersetzigen Menschen meide, wenn er einmal und abermal vermahnet ist, und wisse, daß ein solcher verkehret ist, und sundigt, als der sich selbst verdamt hat, das ist, der aus Fursatz und Muthwillen nicht hören noch sehen will, und den heiligen Geist, der eitel Gnade ist, ausschlägt, ja schmähet und schändet (wie die Epistel zun Ebräern (c. 10. v. 29.) sagt), und öffentlich ins Maulschlagen dar. Das kann er leiden, daß man fur ihm fleucht oder nicht annimpt, wenn er noch heimlich und unbekannt ist; aber wenn er sich so helle darstellet, daß man ihn sehen und greifen muß, dazu vermahnet und warnet, und ihn dennoch öffentlich zurück schlägt, ja unter Augen speiet, das soll und will er nicht leiden, noch zu gut halten.

Darum sage ich, gehöret zu einem solchen erstlich, daß er ein widersetziger Mensch sei; darnach, daß er einmal oder zwei vermahnet sei. Denn man findet sonst auch manchen, der es höret und ihm lässet sagen; aber es ist ein Mann, der wider dieß noch das gläubt, nimpt sichs nichts uberall an, als ein rohes und rauchlos Mensch. Das heißet noch nicht wider den heiligen Geist gesundigt; sondern, daß man sich der Sache annimpt und dawider setzet, und ob man gleich fühlet, daß kein Weisheit noch Kunst dawider bestehet, dennoch ein Muth nimpt und denkt: nu will ichs nicht leiden; und gehet mit dem Kopf hinan. Das heißet nicht in Wind geschlagen; sondern mit offenen Augen und aufgerecktem Hals dawider gelaufen.

In der Sund ist Paulus, noch die das Evangelium verfolgt und endlich bekehret sind, noch nicht gewesen, daß sie es mit sehenden Augen gesehen, und sich dennoch unterstanden hätten, umbzustoßen: wie itzt die Papstrotte, die von Gottes Gnaden dahin getrieben sind, daß sie nicht künnten unser Evangelium verlegen noch etwas dawider aufbringen. Denn bisher so viel und mancherlei geschrieben, und die Wahrheit so hell beweiset ist, daß sie selbst sehen, wie sie mit Gottes Wort gestoßen sind. Wie man auch dabei siehet, daß sich solche nicht gern zur Disputatio geben, noch einem richtig unter Augen gehen, als die den Stich nicht trauen zu halten; (wenden fur, die Ketzer seien so listig und behend, daß man ihn nicht antworten künnten;) oder wo sie antworten müssen, sind sie so schalkhaftig und verkehrt, daß sie fein uberhin springen, da es treffens gilt, greifen dieweil zur Seiten aus, wo sie können, mit giftigen bösen Mordstichen, daß sie nur zu lästern haben; und wiewohl ihr viel sich also dargeben, daß jedermann siehet, wie sie wider ihr Gewissen lästern und lügen, und sich selbst fur aller Welt zu schanden machen, dennoch stärken sie sich, und fahren immer fort in der wissentlichen Lästerung. Darum bleiben sie (habe ich Sorge,) in der unvergeblichen Sünde, daß sie nicht können wiederkehren. Denn sie den heiligen Geist, welchen sie sehen und fuhlen, öffentlich und unverschämpt Lügen strafen, daß’s wohl heißet, (wie die Epistel zun Ebräern c. 10, (29.) sagt,) den Geist der Gnade geschändet, den Sohn Gottes mit Fußen getreten, und das Blut des Testaments, dadurch man allein geheiligt wird, unrein gemacht. Das muß je nicht ein geringe menschliche Sünde oder Blindheit sein, Christi Blut mutwillig und trötziglich mit Fußen treten, und dem heiligen Geist, der eitel Gnade und Vergebung anbeut und schenkt, Schand und Schmach anlegen.

Das ist auch fürnehmlich die Sünde zum Tode, da man nicht fur bitten soll, davon Johannes sagt 1 Epistel 5, (16.). Denn die es noch aus Unwissenheit thun, für die kann und soll man bitten. Wie St. Stephanus, und Christus selbst fur seine Verfolger bate; aber fur Judam bate er nicht, denn derselbige ward nicht betrogen, sondern ein Häupt und Anfang, den Christum, den er kannte und oft von ihm vermahnet ward, aus lauter verstocktem giftigen Herzen zu dämpfen. Wenn einer dahin geräth, daß er nichts hören noch sehen will, dazu sein Lästerung und Bosheit vertheidingen, so ist ihm nimmer zu rathen noch zu helfen. Darum habe ich oft gesagt, daß’s nie erfahren ist, so viel ich Exempel gehört oder gelesen habe, daß ein Rottenmeister und Häupt einer Ketzerei bekehret sei.

Also verstehe ich nu diesen Spruch des Evangelii, und meine auch, daß’s der rechte Verstand sei; und ob es nicht gerade auf diesen Ort zuträfe, so ist doch die Meinung St. Pauls, welcher mit diesem Text stimmet, also, daß solche Sünde der Art ist, daß sie der hellen Wahrheit wissentlich widerstrebt. Das rede ich darum, daß man mancherlei und weitläuftig davon gepredigt hat. Denn jedermann hat sich gescheuet zu sagen, daß ein Mensch so sündigen künnte, daß’s ihm nicht künnte vergeben werden. Darum hat man solche Sünde gesparet aufs Todbette, und denn ein Sünde in den heiligen Geist geheißen, wenn sich der Mensch an seinem letzten nicht hat erkennen noch reuen wöllen. Ist wohl wahr; ich achte aber, es sei in solchem Fall noch Sünde, die unbekannt ist und unwissen geschieht; es wäre denn, daß jemand so verstockt wäre, der es wohl wüßte, und die Sünde offenbar sähe, dennoch nicht wöllte Gnade haben. Das wäre auch wider den heiligen Geist gelaufen, und die angebotene Vergebung ausgeschlagen. Ich hoffe aber nicht, daß man solche finden solle.

Darum reden wir, wie auch Christus selbst, von denen, die noch daher gehen mitten im Leben, und mit dem Mund öffentlich wieder das Evangelium handlen; als itzt unsere Papisten und andere Rotten, so sich mutwillig wider unser Lehre setzen, zu Trotz und wider der Wahrheit, nicht hören wöllen, dazu kein Vermahnen, Rathen, Bitten, Strafen an ihn helfen noch statt haben lassen, damit sie verdienen, daß sie gar verkehrt werden, (wie Paulus sagt,) und der heilig Geist billig sie wieder lässet gehen, von einer Sund in die andere, und täglich in greulicher und schrecklicher Lästerunge fallen. Das ist nu je ein schwere Sache, daß’s nicht allein Sund ist, sondern dazu sich selber unvergeblich machet, daß’s wohl eine rechte Impoenitentia heißet, daß man keine Reue uber die Sund haben will, noch kann. Denn der Zusatz machet allen Jammer, daß sie in der Lästerung bleiben, und damit den Geist aufgeben; darum ist mit der Sünden nicht zu scherzen. Daß man hin und her strauchelt, auch zuweilen anläuft, wo man nicht siehet, das den heiligen Geist betrifft, da kann er Geduld haben, bis mans erkenne und sich vermahnen und weisen lasse; aber da laßt uns fur bitten, daß wir in die Sünde nicht fallen, so die offenbare Wahrheit nicht leiden will; denn da ist weiter kein Rath noch Hülfe, noch Entschuldigung, und der Zorn endlich angangen.

Denn wie kann sich jemand von denen, so unsere Lehre lästern, entschuldigen, weil wir nichts anders predigen, denn das offentlich ist, und so klar in der Schrift gegründet, daß sie es selbst bekennen müssen, nehmlich, daß Christus fur uns sei gestorben, daß er uns erlösete von Sünde und Tod. Ist das wahr, (schleußet Paulus (Gal. 2, 16.)) so kann uns kein Werk erlösen, noch von Sünden helfen. Das ist so stark und gewaltig, daß niemand widerreden kann. Denn, ist die Sünde so groß, und Gottes Zorn so schwer und greulich, daß kein Heilige noch Engel kunnt dafur genug thuen, sondern Gottes einiger Sohn sein Leben drüber lassen mußte, und mit seinem theuren Blut bezahlen; so werden alle unsere Werk viel, viel zu schwach sein, wider die Sund zu setzen, sondern vielmehr wiederumb ist eine Sünde so stark, daß sie alle Werk unterdrückt.

Das ist unser Hauptlehre, in Sanct Paulo und der ganzen Schrift gegründet; aus dem jedermann kann schließen: es müsse nicht mit Werken getan sein; oder Christi Blut müsse vergebens und verloren sein. Denn es sind je zweierlei, und wird niemand sagen, daß Christi Blut unser Werk sei. Weil nu solchs durch den heiligen Geist so helle beweiset ist, und doch jene, so oft vermahnet und gewarnet, die Gnade und den heiligen Geist zurück stoßen und verjagen; so geschicht ihn recht, daß er nicht wieder kompt, und sie fahren läßet, als die mutwillig verderben wöllen, und gehet ihn billig, wie der Psalm 109, (17.) vom Juda, ihrem Häupt, und solchen seiner Rotten sagt: er wollte des Segens nicht, so soll er auch ferne genug von ihm kommen.

So siehe nu den Text und die Wort an: wer etwas redet wider des Menschen Sohn, (spricht Christus,) dem wird es vergeben; wer aber etwas redet wider den heiligen Geist, dem wirds nicht vergeben, wider in dieser noch in jener Welt, das ist, ihr mögt wider den Menschen Christum und seine Christen lästern, er sei ein Sünder, und, wie sie ihn anderswo schulten, einen Fresser, Weinsäufer, der Zöllner Gesellen. Item, als die Jüden seine Mutter ein Bübin schelten. Was Person antrifft, muß er als ein Mensch von dem andern leiden, und vergehen; aber, da er in seinem Amt daher ans Liecht tritt, predigt und wundert, daß sie die helle Wahrheit sehen, und dennoch dawider lästern, da wird nicht des Menschen Sohn geschmähet, sonder der heilige Geist, der solchs wirkt und offenbaret, jedermann Gnade und Vergebung fürstellet. Das ist viel ein ander höhere Sünde, denn wider alle Gebot getan. Welche eben diese thuen, die alle Zehen Gebot wöllen gehalten haben, und viel hoher kommen, das ist, die die Frömmesten und Heiligsten wöllen sein, so doch offentliche erkannte Wahrheit nicht scheuen, aufs höhest zu lästern.

Es zeigen auch Christi Wort wohl an, daß ihm solch wissentlich Lästern sehr nahe zu Herzen gangen ist, weil er so lange Predigt machet, und sie mit Vernunft, Exempel, Erfahrung uberweiset, dazu dräuet, daß sie sich fur solcher Sünde fursehen. Darum laßt uns, umb Gottes willen! auch nicht scherzen, sondern zusehen und bitten, daß wir in der Furcht und Demuth bleiben, daß wir doch die Wahrheit und Gottes Wort gerne hören, ob wir gleich zuweilen sonst straucheln und sündigen. Denn es ist noch leichtlicher, daß jemand hingehe, in Sünden ersoffen, als öffentliche Huren und Buben; denn solche können noch zur Erkenntniß kommen. Aber diese schöne Teufelsheiligen, die in dem großen Gottesdienst gehen, voll guter Werk, wenn sie den heiligen Geist hören, der sie öffentlich uberzeuget, schlagen sie ihn ins Maul, und sagen: es soll dennoch Ketzerei und Teufels Ding heißen. Da ist das Herz verstockt, daß kein Vermahnen, Warnen noch Dräuen hilft.

So sei nu, daß wir beschließen, die Sünde wider den heiligen Geist zweierlei: Einmal, unwissend wider die Wahrheit geredet und getan, da niemand den heiligen Geist aufdecket noch unter Augen stellet, wie von St. Paulo gesagt: dieselbige wird auch nicht vergeben, so lang sie unbekannt bleibt, wie sonst ein igliche; ausgenommen, daß diese Sünde den Namen und Ehre hat der schönsten und grösten Heilikeit. Welcher Name und Deckel hindert, daß sie nicht menschlich zu erkennen ist, bis ers selbst offenbaret. Die andere aber ist die, so nu offenbaret wird, daß jedermann die Gnade und angebotene Vergebung siehet; aber dennoch auf den Platz tritt, wider den heiligen Geist trotzet, und die Wahrheit, so niemand tadeln kann, schändet. In solcher Sünde und Verstockung ist auch gewesen der Priester Corah Num. 16., der sich wider Mosen und Aaron empöret und ihr Amt lästert, welch doch öffentlich durch Gottes Stimme und Wunder vom Himmel ausgesetzt und bestätigt war; und da er vermahnet ward, kein Warnen noch Dräuen hören wollte. Darum auch Moses wider ihn betet, daß ihm Gott die Sünde nicht vergäbe, als der stracks wissentlich und mutwillig wider den heiligen Geist sundiget. Deßgleichen man auch lieset von dem Propheten Bileam, der mutwillig sich aufmachet, und handelte wider die Wahrheit, so er sahe und wußte; dazu selbst ohn seinen Dank reden und ausschreien mußte, und von seiner Eselin gestraft, dazu von dem Engel bedräuet ward.

Das habe ich herumb gesagt, daß man den Text recht verstehe, was die Sünde unvergeblich machet; und dennoch zusehe, daß man niemand so bald in solche Sünde stoße, umb etlicher armen beschwerten Gewissen willen, die der Teufel zu verzweifeln treibet, daß sie ihn selbst unvergebliche Sünde machen. Denn wie schwer die Sünde ist, so bleibt sie doch vergeblich, weil sie noch mag zum Bekenntniß kommen, wo sie offenbaret und fur Augen gestellet wird. Das wäre aber auch ein teufelischer Zusatz, und auf der ander Seiten wider den heiligen Geist gesundigt, wo man keine Vergebung glaubete noch annehmen wöllte. Denn es ist (wie gesagt,) viel ein ander Ding, wider alle Gottes Gebot sündigen, denn wider den heiligen Geist handlen. Denn wider den heiligen Geist sündigen, heißet nichts anders, denn sein Werk und Amt lästern, welchs nicht Gottes Gebot und Zorn bringet, sondern eitel Gnade und Vergebung aller Sünde. Wer nu solchs nicht leiden will, der habt billig keine Vergebung.

So haben wir nu die Meinung Christi, so der Text selbst gibt, daß er eigentlich redet von denen, die wissentlich und frevelich die bekannte Wahrheit, vom heiligen Geist offenbaret, lästern, und wie man ihn ihre Sünde anzeigt und vermahnet, nur verstockter werden. Denn das ist die höheste Schmach, so man dem heiligen Geist anlegen kann. Neben solcher unvergeblichen Sünde, magst du nu auch etliche, dieser gleich und darunter begriffen, mit zählen, wiewohl sie so grob sind, daß’s auch die Welt verdamt: nehmlich, wenn jemand dahin kömpt, daß er nicht aus Schwacheit und Irrthumb in Sünde gefallen ist, sondern darin verhärtet und keine Reue haben will, davon auch oben gesagt ist, und Summa, wo man die Sünde mutwillig vertheidingt, und nicht will lassen Sünde sein, ob es gleich offentlich ist; denn solchs heißet alles wider die Gnade und Vergebung gefochten, und ist nu nicht mehr eine menschliche Sünde, sondern eine verzweielte teuflische Bosheit.

Das sei davon jetzt genug gesaget, Gott wolle uns vor solcher Sünde behüten.

 

4. Das Gericht

4.1 Einführung

Auch wenn viele das Thema heutzutage lieber umgehen: Ohne die Erwartung des göttlichen Gerichts lassen sich die Begriffe ‚Sünde‘ und ‚Rechtfertigung‘ nicht aufrechterhalten. Die Vorstellung einer Rechtfertigung des Sünders erschließt sich nur aus der Rolle des göttlichen Richters, der die Menschen gerecht oder schuldig spricht.

 

4.1.1 Der Tag des Herrn

Im Alten Testament wird das drohende Gericht vor allem bei den Propheten thematisiert. Sie sprechen vom „Tag des Herrn“, der ein Tag des Gerichts sein wird. Die Wortwahl ist dabei zumeist äußert drastisch, es wird von erschütternder Zerstörung gesprochen, oft in militärischen Bildern. Als Beispiel seien hier einige Abschnitt aus dem Buch Joel zitiert, das sich fast ausschließlich mit dem Gerichtstag befasst:

„Weh, was für ein Tag! Denn der Tag des HERRN ist nahe; er kommt mit der Allgewalt des Allmächtigen […] Auf dem Zion stoßt in das Horn, schlagt Lärm auf meinem heiligen Berg! Alle Bewohner des Landes sollen zittern; denn es kommt der Tag des HERRN, ja, er ist nahe, ein Tag des Dunkels und der Finsternis, ein Tag der Wolken und Wetter. Wie das Morgenrot, das sich über die Berge hinbreitet, kommt ein Volk, zahlreich und gewaltig groß, wie es vor ihm noch nie eines gab und nach ihm keines mehr geben wird bis zu den fernsten Geschlechtern. Vor ihm her fressendes Feuer, hinter ihm lodernde Flammen; vor ihm ist das Land wie der Garten Eden, hinter ihm schaurige Wüste – da gibt es keine Rettung. Wie Rosse sehen sie aus, wie Reiter stürmen sie dahin. Wie rasselnde Streitwagen springen sie über die Kuppen der Berge, wie eine prasselnde Feuerflamme, die die Stoppeln frisst, wie ein mächtiges Heer, gerüstet zur Schlacht. Bei ihrem Anblick winden sich Völker, alle Gesichter glühen vor Angst. Wie Kämpfer stürmen sie dahin, wie Krieger erklettern sie die Mauer. Jeder verfolgt seinen Weg, keiner verlässt seine Bahn. Keiner stößt den andern; Mann für Mann ziehen sie ihre Bahn. Mitten durch die Wurfspeere stürmen sie vor, ihre Reihen nehmen kein Ende. Sie überfallen die Stadt, erstürmen die Mauer, klettern an den Häusern empor, steigen durch die Fenster ein wie ein Dieb. Die Erde zittert vor ihnen, der Himmel erbebt; Sonne und Mond verfinstern sich, die Sterne halten ihr Licht zurück. Und der HERR lässt vor seinem Heer seine Stimme erschallen; ja, überaus zahlreich ist sein Heer, ja, gewaltig groß ist der Vollstrecker seines Befehls. Ja, groß ist der Tag des HERRN und voll Schrecken. Wer kann ihn ertragen? […] Die Völker sollen aufbrechen und heraufziehen zum Tal Joschafat. Denn dort will ich zu Gericht sitzen über alle Völker ringsum. Schwingt die Sichel; denn die Ernte ist reif. Kommt, tretet die Kelter; denn sie ist voll, die Tröge fließen über. Denn ihre Bosheit ist groß. Getöse und Getümmel herrscht im Tal der Entscheidung; denn der Tag des HERRN ist nahe im Tal der Entscheidung. Sonne und Mond verfinstern sich, die Sterne halten ihr Licht zurück. Der HERR brüllt vom Zion her, aus Jerusalem lässt er seine Stimme erschallen, sodass Himmel und Erde erbeben. Doch für sein Volk ist der HERR eine Zuflucht, er ist eine Burg für Israels Söhne.“ (Einheitsübersetzung)

 

4.1.2 Das Reich Gottes

Die Predigt vom „Reich Gottes“, das eindeutig im Zentrum der Verkündigung Jesu steht, trägt trotz ihrer teils verworrenen Vielschichtigkeit eindeutige Parallelen zur Ankündigung des Tags des Herrn im Alten Testament. Bereits der Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu zeugt davon: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15) Die Aufforderung zur Buße angesichts des nahenden Gottesreiches kann schwerlich anders verstanden werden, als dass Gott bald Gericht halten wird und den Menschen eine letzte Möglichkeit zur Umkehr einräumt. Als Jesus das Himmelreich[2] mit einem Acker vergleicht, erläutert er anschließend: „Der Acker ist die Welt. Der gute Same, das sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die, die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.“ (Matthäus 13,38-43) Gleich darauf spricht er: „Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art fing. Als es voll war, zogen sie es heraus an das Ufer, setzten sich und lasen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten warfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

In den sogenannten ‚Endzeitreden‘ (Matthäus 24-25) beschreibt Jesus das kommenden Gericht dann schließlich ganz konkret: „Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Stämme der Erde und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit […] Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern. Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“

 

4.1.3 Ausbleiben des Gerichts

Es kann Zweifel daran bestehen, dass die frühen Christen mit dem nahen Weltende rechneten. Betrachtet man die Worte Jesu (s.o.), ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Das Ausbleiben des Endgerichts scheint für die damalige Generation von Christen jedoch ein weitaus geringeres Problem gewesen zu sein, als es vielen heutigen Theologen erscheint. Zwar ringt die frühchristliche Gemeinde unübersehbar mit dem Problem der ‚Verspätung‘ der Wiederkunft Jesu, doch hält sie an dessen ursprünglicher Botschaft fest, ohne diese nachträglich zu verändern. In ihrem Sprachgebrauch nimmt sie hingegen notwendige Modifikationen vor. So verschwindet der Begriff ‚Reich Gottes‘, der für die Predigt Jesu konstitutiv war (s.o.), nahezu völlig aus dem Vokabular der nachösterlichen Gemeinde.[3] An seine Stelle tritt die theologische Betrachtung der Person und des Wirken Jesu Christi, die Christologie. Papst Benedikt XVI. schreibt hierzu treffend: „Für die urchristliche Generation war jedenfalls die Ausbildung der Christologie gerade der Ausdruck ihrer Treue nicht nur zur Person, sondern auch zum Wort und Werk Jesu; dass sie in der Evangelienüberlieferung gleichzeitig das Wort in seiner Anfangsgestalt aufbewahrte, zeigt, dass dieses Wort für sie Gegenwart bleibt und gehört werden konnte, ohne dass damit ein Bruch mit dem tatsächlich gelebten Christentum entstand.“

Wie aber ist es nun zu verstehen, dass Jesus das unmittelbare Einbrechen des Gottesreiches verkündet, dies aber nicht geschieht? Die kürzeste und vielleicht beste Erklärung liefert der 2. Petrusbrief: „Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.“

Viele moderne Theologen sahen (und sehen) hingegen in der Tatsache, dass die von Jesus angekündigte Parusie nicht eingetreten ist, einen unüberwindbaren Graben zwischen dem historischen Jesus und dem heutigen Christentum. Vielleicht am prominentesten wurde dieser Gegensatz von Albert Schweitzer (1875-1965) formuliert:

„Wir haben uns also in die Tatsache zu finden, dass Jesu Religion der Liebe in der Weltanschauung der Weltenterwartung auftritt. In den Vorstellungen, in denen er sie verkündete, können wir sie nicht zu der unsrigen machen, sondern müssen sie uns in diejenigen unserer neuzeitlichen Weltanschauung übertragen […] Nicht mehr wie die, die der Predigt Jesu lauschen durften, erwarten wir, dass das Reich Gottes sich in übernatürlichen Ereignissen verwirklichen werde. Wir halten dafür, dass es allein durch die Kraft des Geistes Jesu in unseren Herzen und in der Welt entsteht. Das einzige aber, worauf es ankommt, ist, dass wir von der Idee des Reiches Gottes so beherrscht sind, wie es Jesus es von den Seinen verlangt.“

Theologen wie Schweitzer und andere möchten das transzendente Reiche Gottes gegen ein immanentes Reich Gottes austauschen. Anstelle des übernatürlichen Wirkens Gottes, der sein Reich in Macht und Herrlichkeit herbeiführt, vertrauen diese Theologen eher auf die ethische Fähigkeit des Menschen, das Reich Gottes mit eigenen Kräften auf der Erde Wirklichkeit werden zu lassen. So richtig es sein mag, das Liebesgebot Jesu in unseren Leben zu verwirklichen, so lehnt das Neue Testament eine politische Umsetzung des Gedankens vom Reich Gottes strikt ab. Der Apostel Paulus formuliert es unmissverständlich: „Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon! Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen! Brüder und Schwestern, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ (1. Kor. 7,20-24) Wieder trifft Papst Benedikt den entscheidenden Punkt: „Das Christentum hatte keine sozialrevolutionäre Botschaft gebracht, etwa wie die, mit der Spartakus in blutigen Kämpfen gescheitert war. Jesus war nicht Spartakus, er war kein Befreiungskämpfer wie Barabbas oder Bar-Kochba. Was Jesus, der selbst am Kreuz gestorben war, gebracht hatte, war etwas ganz anderes: die Begegnung mit dem Herrn aller Herren, die Begegnung mit dem lebendigen Gott und so die Begegnung mit einer Hoffnung, die stärker war als die Leiden der Sklaverei und daher von innen her das Leben und die Welt umgestaltete.“

 

4.2 Quelle

Als Quelle sei hier das Buch Jona gewählt, das aufgrund seiner Kürze vollständig wiedergegeben werden kann. Zur Erläuterung siehe die anschließende Aufgabe!

1 Das Wort des HERRN erging an Jona, den Sohn Amittais:

2 Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe über sie aus, dass ihre Schlechtigkeit zu mir heraufgedrungen ist.

3 Jona machte sich auf den Weg; doch er wollte nach Tarschisch fliehen, weit weg vom HERRN. Er ging also nach Jafo hinab und fand dort ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Er bezahlte das Fahrgeld und ging an Bord, um nach Tarschisch mitzufahren, weit weg vom HERRN.

4 Der HERR aber warf einen großen Wind auf das Meer und es entstand ein gewaltiger Seesturm und das Schiff drohte auseinanderzubrechen.

5 Da gerieten die Seeleute in Furcht und jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe. Sie warfen sogar die Ladung ins Meer, damit das Schiff leichter wurde. Jona war in den untersten Raum des Schiffes hinabgestiegen, hatte sich hingelegt und schlief fest.

6 Der Kapitän ging zu ihm und sagte: Wie kannst du schlafen? Steh auf, ruf deinen Gott an; vielleicht denkt dieser Gott an uns, sodass wir nicht untergehen.

7 Dann sagten sie zueinander: Kommt, wir wollen das Los werfen, um zu erfahren, wer an diesem unserem Unheil schuld ist. Sie warfen das Los und es fiel auf Jona.

8 Da fragten sie ihn: Sag uns doch, weshalb dieses Unheil über uns gekommen ist. Was treibst du für ein Gewerbe und woher kommst du, was ist dein Land und aus welchem Volk bist du?

9 Er antwortete ihnen: Ich bin ein Hebräer und verehre den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Festland gemacht hat.

10 Da gerieten die Männer in große Furcht und sagten zu ihm: Was hast du da getan? Denn die Männer erkannten, dass er vor dem HERRN auf der Flucht war, wie er es ihnen mitgeteilt hatte.

11 Und sie sagten zu ihm: Was sollen wir mit dir machen, damit das Meer sich beruhigt und uns verschont? Denn das Meer wurde immer stürmischer.

12 Jona antwortete ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont! Denn ich weiß, dass dieser gewaltige Sturm durch meine Schuld über euch gekommen ist.

13 Die Männer aber ruderten mit aller Kraft, um wieder an Land zu kommen; doch sie richteten nichts aus, denn das Meer stürmte immer heftiger gegen sie an.

14 Da riefen sie zum HERRN: Ach HERR, lass uns nicht untergehen wegen dieses Mannes und rechne uns, was wir jetzt tun, nicht als Vergehen an unschuldigem Blut an! Fürwahr, wie du wolltest, HERR, so hast du gehandelt.

15 Dann nahmen sie Jona und warfen ihn ins Meer und das Meer hörte auf zu toben.

16 Da gerieten die Männer in große Furcht vor dem HERRN und sie schlachteten für den HERRN ein Opfer und machten ihm Gelübde.

 

1 Der HERR aber schickte einen großen Fisch, dass er Jona verschlinge. Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches.

2 Da betete Jona zum HERRN, seinem Gott, aus dem Inneren des Fisches heraus:

3 In meiner Not rief ich zum HERRN und er erhörte mich. Aus dem Leib der Unterwelt schrie ich um Hilfe und du hörtest meine Stimme.

4 Du hast mich in die Tiefe geworfen, in das Herz der Meere; mich umschlossen die Fluten, all deine Wellen und Wogen schlugen über mir zusammen.

5 Ich sagte: Ich bin verstoßen aus deiner Nähe. Wie kann ich jemals wiedersehen deinen heiligen Tempel?

6 Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich; Schilfgras umschlang meinen Kopf.

7 Bis zu den Wurzeln der Berge bin ich hinabgestiegen in das Land, dessen Riegel hinter mir geschlossen waren auf ewig. Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, HERR, mein Gott.

8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich des HERRN und mein Gebet drang zu dir, zu deinem heiligen Tempel.

9 Die nichtige Götzen verehren, verlassen den, der ihnen Gutes tut.

10 Ich aber will dir opfern und laut dein Lob verkünden. Was ich gelobt habe, will ich erfüllen. Vom HERRN kommt die Rettung.

11 Da befahl der HERR dem Fisch und dieser spie den Jona an Land.

 

1 Das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona:

2 Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde!

3 Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der HERR es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren.

4 Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!

5 Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an.

6 Als die Nachricht davon den König von Ninive erreichte, stand er von seinem Thron auf, legte seinen Königsmantel ab, hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche.

7 Er ließ in Ninive ausrufen: Befehl des Königs und seiner Großen: Alle Menschen und Tiere, Rinder, Schafe und Ziegen, sollen nichts essen, nicht weiden und kein Wasser trinken.

8 Sie sollen sich in Bußgewänder hüllen, Menschen und Tiere. Sie sollen mit aller Kraft zu Gott rufen und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt, die an seinen Händen klebt.

9 Wer weiß, vielleicht kehrt er um und es reut Gott und er lässt ab von seinem glühenden Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen.

10 Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.

 

1 Das missfiel Jona ganz und gar und er wurde zornig.

2 Er betete zum HERRN und sagte: Ach HERR, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen.

3 Darum, HERR, nimm doch nun mein Leben von mir! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.

4 Da erwiderte der HERR: Ist es recht von dir, zornig zu sein?

5 Da verließ Jona die Stadt und setzte sich östlich vor der Stadt nieder. Er machte sich dort ein Laubdach und setzte sich in seinen Schatten, um abzuwarten, was mit der Stadt geschah.

6 Da ließ Gott, der HERR, einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der seinem Kopf Schatten geben und seinen Ärger vertreiben sollte. Jona freute sich sehr über den Rizinusstrauch.

7 Als aber am nächsten Tag die Morgenröte heraufzog, schickte Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, sodass er verdorrte.

8 Und als die Sonne aufging, schickte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, sodass er fast ohnmächtig wurde. Da wünschte er zu sterben und sagte: Es ist besser für mich zu sterben als zu leben.

9 Gott aber sagte zu Jona: Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein? Er antwortete: Ja, es ist recht, dass ich zornig bin und mir den Tod wünsche.

10 Darauf sagte der HERR: Du hast Mitleid mit einem Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen.

11 Soll ich da nicht Mitleid haben mit Ninive, der großen Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die zwischen rechts und links nicht unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh?

5. Das Konzept der Erbsünde

5.1 Einführung

Das Konzept der Erbsünde gehört zu den wichtigsten und zugleich umstrittensten Elementen christlicher Theologie. Gemeint ist hiermit die von Generation zu Generation weitervererbte ‚Ursünde‘ der Stammeltern Adam und Eva, durch die das ursprüngliche Gottesverhältnis verlorenging.

 

5.1.1 Biblische Grundlage

Die Begriffe ‚Erbsünde‘ oder ‚Ursünde‘ kommen in der Heiligen Schrift nicht vor. Allerdings findet sich der Grundstein für die später entwickelte kirchliche Lehre bei Paulus. Im Römerbrief schreibt der Apostel: „Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“ (Röm. 5,12) Und er ergänzt: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.“ Die durch Adam in Welt gebrachte und auf alle Menschen übertragene Sünde wird also bereits bei Paulus mit der Erlösung durch Jesus Christus in Beziehung gesetzt.

 

5.1.2 Theologische Entwicklung

Die Ausformulierung des Konzepts der Erbsünde geschieht erst im Wirken des Augustinus (s.u.) Dennoch hatte dieser bedeutende Theologe eine Reihe von Vorläufern, auf deren Werk er aufbauen konnte. So schreibt bereits Tertullian Anfang des dritten Jahrhunderts: „Wenn wir daher etwas dem göttlichen Willen, der nur das Gute will, Widersprechendes wollen, so ist das unser Wille. Fragt man nun weiter, woher kommt dieser unser Wille, kraft dessen wir etwas dem göttlichen Willen Widersprechendes wollen, so werde ich antworten: Aus uns selbst. Und zwar nicht ohne Grund. Denn man muss dem Samen, woraus man entsprossen, notwendig entsprechen, da der Stammvater sowohl des Geschlechtes als der Übertretung (delicti), Adam, die Übertretung gewollt hat. Der Teufel hat ihm den Willen, eine Übertretung zu begehen, nicht eingegeben, sondern er hat dem Willen nur den Stoff und Anlass dargeboten.“

 

5.1.3 Augustinus (354-430)

Augustinus führte den Begriff ‚Erbsünde‘ (peccatum originale) in die Theologiegeschichte ein. Er formulierte diese Lehre in seiner Auseinandersetzung mit dem Theologen Pelagius. Dieser predigte eine strenge Askese und vertrat die Auffassung, der Mensch verfüge über einen freien Willen und sei daher auch imstande, nicht zu sündigen (siehe Kapitel VIII). Die Vorstellung einer allgemeinen und zwanghaften Sündhaftigkeit der Menschen hielt er für falsch und sogar gefährlich. Er befürchtete, dieses Konzept könne als Ausrede benutzt werden, sich nicht genug im Kampf für das Gute anzustrengen.

Augustinus widersprach und setzte sich durch. Die Lehren des Pelagius wurden auf dem Konzil von Karthago (418) verurteilt. Augustinus legte bei seiner Begründung auf folgende Dinge besonderen Wert:

  1. Adam war mit einem guten Willen ausgestattet und hatte die Möglichkeit, nicht zu sündigen.
  2. Der Grund, dass Adam dennoch eine Sünde beging, lag in seiner Überheblichkeit: „Der Anfang des bösen Willens aber liegt im Hochmut und nirgends anderswo. Und Hochmut wiederum ist nichts anderes als das Streben nach verkehrter Hoheit. Denn verkehrte Hoheit ist es, den Urgrund zu verlassen, mit dem der Geist in Zusammenhang bleiben soll, und gewissermaßen sich selbst zum Urgrund zu werden und zu dienen. Das geschieht, wenn der Geist ein übergroßes Wohlgefallen an sich selbst findet. Und ein solches Wohlgefallen ist dann vorhanden, wenn der Geist sich abkehrt von jenem unwandelbaren Gute, das ihm mehr gefallen sollte als er selbst.“ Hier liegt Augustinus also auf einer Linie mit Paulus, der ebenfalls das fehlgeleitete Rühmen seiner selbst als Ursünde des Menschen ansah (s.o.)
  3. Die Ursünde Adams wird durch den Akt der Fortpflanzung vererbt. Alle Menschen, die von Adam abstammen, teilen somit seine sündhafte Veranlagung und seinen gegen Gott gerichteten Willen.

Insbesondere dieser letzte Aspekt hat im Laufe der Kirchengeschichte zu viel Unverständnis, vor allem aber zu vielen Missverständnissen geführt. Manche sehen in dieser Aussage einen Grund für die negative Haltung der Kirche zur Sexualität. Um eine Verteufelung der Sexualität ging es Augustinus (wie auch der ihm folgenden Kirche) aber nicht. Allerdings beschäftigte sich der große Gelehrte eingehend mit diesem Thema und gelangte zu einigen faszinierenden Beobachtungen.

In in seinen Bekenntnissen, in denen er uns tiefe Einblicke in sein Inneres gewährt, wunderte sich Augustinus darüber, dass ausgerechnet ein so entscheidender Körperteil wie der Penis nicht durch den Willen kontrolliert werden könne. Die Erektion des Penis untersteht nicht der ausführenden Macht des menschlichen Willens, sondern folgt eigenen Gesetzen.[4] Dieser Konflikt zwischen seinem Willen und seinem Körper hat Augustins zeit seines Lebens beschäftigt. Zugleich beschäftigte ihn die vereinnahmende Macht sexueller Erregung. Während der Mensch bei der Befriedigung anderer Bedürfnisse wie Hunger oder Durst Herr seiner selbst bleibe und in der Lage sei, sich zeitgleich noch mit anderen Dingen zu beschäftigen, verschlinge die Libido den gesamten Menschen mit Körper und Geist. Die Tatsache, dass der Mensch dieser Begierde ausgeliefert ist, wurde für Augustinus zum Sinnbild für die menschliche Unfreiheit.

Adam und Eva, so Augustinus, waren die einzigen Menschen, die jemals vollkommene Freiheit genossen, weil sie ohne diese sexuelle Lust lebten. Jedenfalls taten sie dies bis zu dem Moment, in dem „ihre Augen aufgetan wurden“, sie sich gegenseitig in ihrer Nacktheit erkannten und erstmalig Scham und Lust empfanden. Wäre es nicht zum Sündenfall gekommen, so hätten sich Adam und Eva zwar dennoch durch den sexuellen Akt fortgepflanzt, aber: „So günstig war die ganze Lage, so glücklich der Mensch selbst, dass wir nicht wähnen dürfen, es hätte nur unter dem Fieber der Lust Nachkommenschaft gezeugt werden können; vielmehr würden sich dazu die Zeugungsglieder auf den Wink des Willens angeschickt haben wie die übrigen Glieder zu ihren Verrichtungen, und ohne den verführerischen Anreiz der Begier, mit voller Ruhe des Geistes und des Leibes, ohne Verletzung der Unversehrtheit, hätte sich der Gatte in den Schoß der Gemahlin ergossen.“

 

5.1.4 Reformation

Obwohl es über die genaue Bedeutung der ‚Erbsünde‘ zum Streit zwischen den Reformatoren und der katholischen Kirche kam, wurde sie als grundlegendes Konzept nie in Frage gestellt. Im Gegenteil, Martin Luther empfand diese Lehre als so zentral, dass sie im Augsburger Bekenntnis, dem ersten reformatorischen Bekenntnis der Geschichte (1530), an die zweite Stelle gesetzt wurde:

„Weiter wird bei uns gelehrt, daß nach Adams Fall  alle Menschen, die natürlich geboren werden, in  Sünden  empfangen und geboren werden, das ist, daß sie alle von Mutterleibe an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur aus keine wahre Gottesfurcht und keinen wahren  Glauben  an  Gott  haben  können: daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig  Sünde  sei,  und  alle die unter den ewige Zorn Gottes verdamme, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist neu geboren werden. Daneben werden verworfen die Pelagianer und andere, die die Erbsünde nicht für Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, zu Schmach dem Leiden und Verdienst Christi.“

 

5.1.5 Kritik

Die Kritik an diesem Konzept beruht im Wesentlichen auf drei Einwänden. Zum einen widerspricht es unserem Gerechtigkeitsempfinden, dass wir alle für den vor langer Zeit begangenen Fehler eines einzelnen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Zum anderen erscheint die Vorstellung einer historischen Person namens Adam angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse zunehmend schwierig. Ironischerweise lösen sich beide Einwände gerade dadurch in Luft auf, dass man sie miteinander kombiniert. Das hebräische Wort adam bedeutet einfach nur Mensch, erst in der griechischen Septuaginta wird der Name Adam als Eigenname verwendet. Es ist also hier nicht einfach nur von dem ersten Menschen die Rede, sondern vom Menschen überhaupt. Und somit ist es auch kein Problem, sich mit ihm auch heute noch zu identifizieren. Wie wir einen Menschen im Alter von 60 Jahren als denselben Menschen bezeichnen, der er als Kind war, obwohl er sich in der Zwischenzeit vielfältig verändert hat, so betrachtet Gott die Entwicklung des Menschengeschlechts als die langsame Entwicklung ein und desselben Menschen. Für ihn sind wir alle Adam.

Der dritte Einwand gegen die Lehre der Erbsünde findet sich im Wesentlichen schon bei Pelagius. Sie widerspricht einem positiven Menschenbild, demzufolge der Mensch und mit ihm die menschliche Gesellschaft stetig verbessert werden können. Menschen machen zwar Fehler, doch sind die Ursachen hierfür therapierbar, man müsse nur wollen. Wohin dieser moderne Machbarkeitswahn führen kann, haben wir leider oft genug erlebt. Alle totalitären Regime gehen letztlich auf diese Vorstellung zurück. Sie wollen einen neuen, einen besseren Menschen, ja eine bessere Menschheit erschaffen, sei es durch Abschaffung der Klassen, durch Züchtung der Rasse oder was auch immer. Letzten Endes bleibt nur die bittere Ironie: Die schlimmsten Sünden der Menschheit wurden begangen, weil man die angeborene Sünde des Menschen ignoriert hat.

 

5.2 Quelle

Ein Auszug aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Die Erbsünde – eine wesentliche Glaubenswahrheit

388 Mit dem Fortschreiten der Offenbarung wird auch die Wirklichkeit der Sünde erhellt. Obwohl das Gottesvolk des Alten Bundes im Licht der im Buche Genesis erzählten Geschichte vom Sündenfall die menschliche Daseinsverfassung irgendwie erkannte, konnte es den letzten Sinn dieser Geschichte nicht erfassen; dieser tritt erst im Licht des Todes und der Auferstehung Jesu Christi zutage [Vgl. Röm 5, 12-21.]. Man muß Christus als den Quell der Gnade kennen, um Adam als den Quell der Sünde zu erkennen. Der Heilige Geist, den der auferstandene Christus uns sendet, ist gekommen, um „die Welt der Sünde zu überführen“ (Joh 16,8), indem er den offenbart, der von der Sünde erlöst.

389 Die Lehre von der Erbsünde [oder Ursünde] ist gewissermaßen die ‚Kehrseite‘ der frohen Botschaft, daß Jesus der Retter aller Menschen ist, daß alle des Heils bedürfen und daß das Heil dank Christus allen angeboten wird. Die Kirche, die den „Sinn Christi“ [Vgl. 1 Kor 2,16.] hat, ist sich klar bewußt, daß man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten.

 

Die Erzählung vom Sündenfall

390 Der Bericht vom Sündenfall [Gen 3] verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat [Vgl. GS 13,1.]. Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewißheit, daß die ganze Menschheitsgeschichte durch die Ursünde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwillig begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1513; Pius XII., Enz. „Humani Generis“: DS 3897; Paul VI., Ansprache vom 11. Juli 1966.].

 

Der Fall der Engel

391 Hinter der Entscheidung unserer Stammeltern zum Ungehorsam steht eine verführerische widergöttliche Stimme [Vgl. Gen 3,1-5.], die sie aus Neid in den Tod fallen läßt [Vgl. weish 2,24]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erblicken in diesem Wesen einen gefallenen Engel, der Satan oder Teufel genannt wird [Vgl. Joh 8,44; Offb 12,9.]. Die Kirche lehrt, daß er zuerst ein von Gott erschaffener guter Engel war. „Die Teufel und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber selbst durch sich böse“ (4. K. im Lateran 1215: DS 800).

392 Die Schrift spricht von einer Sünde der gefallenen Engel [Vgl. 2 Petr 2,4.]. Ihr ‚Sündenfall‘ besteht in der freien Entscheidung dieser geschaffenen Geister, die Gott und sein Reich von Grund auf und unwiderruflich zurückwiesen. Wir vernehmen einen Widerhall dieser Rebellion in dem, was der Versucher zu unseren Stammeltern sagte: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5). Der Teufel ist „Sünder von Anfang an“ (1 Joh 3,8), „der Vater der Lüge“ (Joh 8,44).

393 Wegen des unwiderruflichen Charakters ihrer Entscheidung und nicht wegen eines Versagens des unendlichen göttlichen Erbarmens kann die Sünde der Engel nicht vergeben werden. ,,Es gibt für sie nach dem Abfall keine Reue, so wenig wie für die Menschen nach dem Tode” (Johannes v. Damaskus, f. o. 2,4).

394 Die Schrift bezeugt den unheilvollen Einfluß dessen, den Jesus den ,,Mörder von Anfang an” nennt (Joh 8,44) und der sogar versucht hat, Jesus von seiner vom Vater erhaltenen Sendung abzubringen [Vgl. Mt 4,1-11.]. „Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3,8). Das verhängnisvollste dieser Werke war die lügnerische Verführung, die den Menschen dazu gebracht hat, Gott nicht zu gehorchen.

395 Die Macht Satans ist jedoch nicht unendlich. Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf: er kann den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern. Satan ist auf der Welt aus Haß gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber „wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28).

 

Die Prüfung der Freiheit

396 Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, daß den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, „denn sobald du davon ißt, wirst du sterben“ (Gen 2,17). Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.

 

Die erste Sünde des Menschen

397 Vom Teufel versucht, ließ der Mensch in seinem Herzen das Vertrauen zu seinem Schöpfer sterben [Vgl. Gen 3,1.], mißbrauchte seine Freiheit und gehorchte dem Gebot Gottes nicht. Darin bestand die erste Sünde des Menschen [Vgl. Röm 5,19.]. Danach wird jede Sünde Ungehorsam gegen Gott und Mangel an Vertrauen auf seine Güte sein.

398 In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In einem Zustand der Heiligkeit erschaffen, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig ‚vergöttlicht‘ zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er ,,wie Gott sein” [Vgl. Gen 3,5.], aber „ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß“ (Maximus der Bekenner, ambig.).

399 Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5.].

400 Die Harmonie, die sie der ursprünglichen Gerechtigkeit verdankten, ist zerstört; die Herrschaft der geistigen Fähigkeiten der Seele über den Körper ist gebrochen [Vgl. Gen 3,7.]die Einheit zwischen Mann und Frau ist Spannungen unterworfen [Vgl. Gen 3,11-13.]ihre Beziehungen sind gezeichnet durch Begierde und Herrschsucht. Auch die Harmonie mit der Schöpfung ist zerbrochen: die sichtbare Schöpfung ist dem Menschen fremd und feindlich geworden [Vgl. Gen 3,17.19.]. Wegen des Menschen ist die Schöpfung der Knechtschaft „der Vergänglichkeit unterworfen“ (Röm 8,20). Schließlich wird es zu der Folge kommen, die für den Fall des Ungehorsams ausdrücklich vorhergesagt worden war: der Mensch „wird zum Erdboden zurückkehren, von dem er genommen ist“ (Gen 3,19). Der Tod hält Einzug in die Menschheitsgeschichte [Vgl. Röm 5,12.].

401 Seit dieser ersten Sünde überschwemmt eine wahre Sündenflut die Welt: Kam ermordet seinen Bruder Abel [Vgl. Gen 4,3-15.]; infolge der Sünde werden die Menschen ganz allgemein verdorben [Vgl. Gen 6,5.12; Röm 1,18-32.]in der Geschichte Israels äußert sich die Sünde oft – vor allem als Untreue gegenüber dem Gott des Bundes und als Übertretung des mosaischen Gesetzes; und selbst nach der Erlösung durch Christus sündigen auch die Christen auf vielerlei Weisen [Vgl. 1 Kor 1-6; Offb 2-3.]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erinnern immer wieder daran, daß es Sünde gibt und daß sie in der Geschichte des Menschen allgemein verbreitet ist.

„Was uns aufgrund der göttlichen Offenbarung bekannt wird, stimmt mit der Erfahrung selbst überein. Denn der Mensch erfährt sich, wenn er in sein Herz schaut, auch zum Bösen geneigt und in vielfältige Übel verstrickt, die nicht von seinem guten Schöpfer herkommen können. Oft weigert er sich, Gott als seinen Ursprung anzuerkennen; er durchbricht dadurch auch die gebührende Ausrichtung auf sein letztes Ziel, zugleich aber auch seine ganze Ordnung gegenüber sich selbst wie gegenüber den anderen Menschen und allen geschaffenen Dingen“ (GS 13,1).

 

Folgen der Sünde Adams für die Menschheit

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: „Durch den Ungehorsam des einen Menschen“ wurden „die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern“ (Röm 5,19). „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten“ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: „Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt“ (Röm 5,18).

403 Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, daß das unermeßliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, daß dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind und „die der Tod der Seele“ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewißheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam „wie der eine Leib eines einzelnen Menschen“ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, daß Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511-1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

405 Obwohl „einem jeden eigen“ [Vgl. K. v. Trient: DS 1513.], hat die Erbsünde bei keinem Nachkommen Adams den Charakter einer persönlichen Schuld. Der Mensch ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird ,,Konkupiszenz” genannt. Indem die Taufe das Gnadenleben Christi spendet, tilgt sie die Erbsünde und richtet den Menschen wieder auf Gott aus, aber die Folgen für die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist, verbleiben im Menschen und verpflichten ihn zum geistlichen Kampf.

406 Die Lehre der Kirche über die Weitergabe der Ursünde ist vor allem im 5. Jahrhundert geklärt worden, besonders unter dem Anstoß des antipelagianischen Denkens des hl. Augustinus, und im 16. Jahrhundert im Widerstand gegen die Reformation. Pelagius vertrat die Ansicht, der Mensch könne allein schon durch die natürliche Kraft seines freien Willens, ohne der Gnadenhilfe Gottes zu bedürfen, ein sittlich gutes Leben führen, und beschränkte so den Einfluß der Sünde Adams auf den eines schlechten Beispiels. Die ersten Reformatoren dagegen lehrten, der Mensch sei durch die Erbsünde von Grund auf verdorben und seine Freiheit sei zunichte gemacht worden. Sie identifizierten die von jedem Menschen ererbte Sünde mit der Neigung zum Bösen, der Konkupiszenz, die unüberwindbar sei. Die Kirche hat sich insbesondere 529 auf der zweiten Synode von Orange [Vgl. DS 371-372.] und 1546 auf dem Konzil von Trient [Vgl. DS 1510-1516.] über den Sinngehalt der Offenbarung von der Erbsünde ausgesprochen.

 

Ein harter Kampf …

407 Die Lehre von der Erbsünde – in Verbindung mit der Lehre von der Erlösung durch Christus – gibt einen klaren Blick dafür, wie es um den Menschen und sein Handeln in der Welt steht. Durch die Sünde der Stammeltern hat der Teufel eine gewisse Herrschaft über den Menschen erlangt, obwohl der Mensch frei bleibt. Die Erbsünde führt zur ,,Knechtschaft unter der Gewalt dessen, der danach ,die Herrschaft des Todes innehatte, das heißt des Teufels‘ (Hebr 2,14)” (K. v. Trient: DS 1511). Zu übersehen, daß der Mensch eine verwundete, zum Bösen geneigte Natur hat, führt zu schlimmen Irrtümern im Bereich der Erziehung, der Politik, des gesellschaftlichen Handelns [Vgl. CA 25.] und der Sittlichkeit.

408 Die Folgen der Erbsünde und aller persönlichen Sünden der Menschen bringen die Welt als Ganze in eine sündige Verfassung, die mit dem Evangelisten Johannes „die Sünde der Welt“ (Joh 1,29) genannt werden kann. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man den negativen Einfluß, den die Gemeinschaftssituationen und Gesellschaftsstrukturen, die aus den Sünden der Menschen hervorgegangen sind, auf die Menschen ausüben [Vgl. RP 16].

409 Diese dramatische Situation der „ganzen Welt“, die „unter der Gewalt des Bösen“ steht (1 Joh 5,19) [Vgl. 1 Petr 5,8.], macht das Leben des Menschen zu einem Kampf:

„Die gesamte Geschichte der Menschen durchzieht nämlich ein hartes Ringen gegen die Mächte der Finsternis, ein Ringen, das schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. In diesen Streit hineingezogen, muß sich der Mensch beständig darum bemühen, dem Guten anzuhangen, und er kann nicht ohne große Anstrengung in sich mit Gottes Gnadenhilfe die Einheit erlangen“ (GS 37,2).

 

Quelle: www.vatican.va

6. Rechtfertigung – aus Glauben oder durch Werke?

6.1 Einführung

Die Frage nach der Rechtfertigung des Sünders war der theologische Kern der Reformation. Neben allen anderen äußeren und inneren Faktoren dieser weltumfassenden Bewegung war es letzten Endes Luthers Frage „Wie werde ich vor Gott gerecht?“, die den eigentlichen Anstoß gab. Über Jahrhunderte sollte die Lehre von der Rechtfertigung das Markenzeichen der Protestanten sein. Für viele ist sie es bis heute, anderen sehen die wesentlichen Differenzen zur katholischen Kirche eher im Bereich der Ekklesiologie. Der Lutherische Weltbund jedenfalls unterzeichnete 1999 zusammen mit der katholischen Kirche die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (siehe Quelle) und ging damit einen wichtigen, wenngleich nicht endgültigen Schritt in Richtung einer Harmonisierung der unterschiedlichen Positionen.

 

6.1.1 Biblische Grundlage

Bereits innerhalb des Neuen Testaments wird über das richtige Verhältnis von Glauben und Werken gestritten. Der Apostel Paulus betont mit Nachdruck, vor allem in seinen Briefen an die Römer und an die Galater, dass der Mensch niemals durch die Werke des Gesetzes vor Gott gerecht werden könne, sondern nur durch den Glauben. Kritik gegenüber dieser Haltung finden wir im Jakobusbrief, dessen Autor die (in seinen Augen rhetorische) Frage stellt: „Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ Und er fährt fort: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ Gibt es hier also einen echten Widerspruch innerhalb des Neuen Testaments? Oder ist es, wie so oft bei solchen Streitigkeiten, eher eine Frage der Wortwahl?

Wie so oft geht es auch bei dieser Debatte letztlich um eine Definitionsfrage. Jakobus lässt sehr deutlich erkennen, was genau er unter Glauben versteht: „Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.“ Für Jakobus ist Glauben also einfach nur das Fürwahrhalten einer bestimmten Aussage. An Gott zu glauben, bedeutet für ihn einfach nur zu glauben, dass es (nur) einen Gott gibt. Damit steht er der modernen Verwendung dieses Begriffs recht nahe. Wenn in unserer Gesellschaft jemand sagt, er glaube an Außerirdische, so wäre damit nichts anderes gemeint, als dass er der Meinung ist, dass es außerirdisches Leben gibt. Deswegen kann Jakobus zu Recht herausstellen, dass nach dieser Definition auch die Dämonen über Glauben verfügen, denn selbstverständlich zweifeln diese die Existenz Gottes nicht an. Somit erklärt sich auch die Frage des Jakobus, die er an den oben zitierten Satz anhängt: „Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?“ Wenn allein der Umstand, dass man an die Existenz Gottes glaubt, Errettung bedeuten würde, dann müssten auch die Dämonen gerettet werden, was offensichtlich widersinnig ist. In dieser Argumentationskette bleibt Jakobus also unangreifbar.

Es stellt sich nun die Frage, ob Jakobus mit seiner Glaubensdefinition das getroffen hat, was Paulus meint, wenn er von rechtfertigendem Glauben spricht. Reicht es für Paulus wirklich aus, an die Existenz Gottes zu glauben, um gerettet zu werden? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Paulus den Glauben nicht dem Handeln oder den Werken an sich gegenüberstellt, sondern den Werken des Gesetzes. Das Gesetz war exklusiv den Juden gegeben, der Glaube an Christus hingegen steht allen Menschen offen. „Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben“, erläutert der Apostel.

An keiner einzigen Stelle in seinem Briefen ruft Paulus zu einem passiven Glauben im Sinne des Jakobus auf. Im Gegenteil, der Apostel ermahnt seine Leser an vielen Stellen nachdrücklich zu einem gottgefälligen Leben und findet nicht selten harsche Worte für jene, die nicht auf Gottes Wegen wandeln. Für ihn ist ‚Glauben‘ eben nicht einfach das Überzeugtsein von Gottes Existenz bzw. vom Sühnetod Jesu, sondern Glaube, „der in der Liebe tätig ist“ (Gal. 5,6). Hier zeigt sich die Doppelbedeutung des Wortes ‚Glauben‘, die genau wie in unserer Sprache offenbar schon in der griechischen Antike zu Missverständnissen führen konnte. Das Englische beispielsweise unterscheidet hier auf hilfreiche Weise zwischen ‚belief‘ und ‚faith‘. ‚To believe‘ ist die Bedeutung des Wortes ‚glauben‘, die Jakobus meint, wenn er sich kritisch mit dem Begriff befasst. Zu glauben, dass es Gott gibt, reicht zur Errettung nicht aus, denn das tun auch die Dämonen. ‚Faith‘ hingegen kann, ähnlich wie das griechische pistis, im Deutschen auch mit Vertrauen übersetzt werden. Dies wiederum trifft die Bedeutung, die Paulus im Sinn hat, wenn er vom ‚Glauben‘ spricht. Der Apostel spricht von einem Vertrauen, einem Sicheinlassen auf Gott. Dazu gehört notwendigerweise immer auch eine Unterwerfung unter den Willen Gottes und somit ein Bemühen darum, nach seinen Geboten zu leben. Glaube muss, da stimmen Paulus und Jakobus restlos überein, immer lebendiger Glaube sein.

 

6.1.2 Augustinus

Viele Reformatoren sahen in Augustinus den Garant für ihre Theologie der Rechtfertigung, während die katholische Seite darauf beharrte (und beharrt), dass Augustinus eine gänzliche andere Lehre vertritt als die Reformatoren. Zugespitzt formuliert: Bei der Reformation ging es letztlich um die richtige Augustinusinterpretation! Aufgrund der umfangreichen Schriftensammlung, die Augustinus hinterlassen hat, ist es tatsächlich nicht immer einfach, seine diesbezügliche Theologie präzise zu beschreiben. Wir wollen es im Folgenden dennoch versuchen.

Wir haben bereits gesehen (III.1.3), dass sich Augustinus im Streit mit Pelagius gegen die Vorstellung wendet, eine Rechtfertigung durch eigenen Verdienst sei möglich:

„Kann aber nun derjenige Teil des Menschengeschlechtes, dem Gott Rettung und Besitz des ewigen Reiches in Aussicht gestellt hat, seine Wiederherstellung durch das Verdienst der eigenen Werke erringen? Durchaus nicht. Denn was soll einer, der dem Verderben verfallen ist, Gutes wirken können, solange er von dem Verderben nicht wieder frei ist? Kann er es vielleicht kraft seines freien Willens? Auch das ist nicht möglich. Denn gerade durch den Missbrauch seines freien Willens hat der Mensch sich und seinen freien Willen dem Verderben überliefert.“ (Enchiridion)

Andererseits darf nicht übersehen werden, dass Augustinus eine Rechtfertigung aus Glauben allein ebenfalls ablehnt:

„Überlegen wir zunächst, was aus religiösen Herzen auszurotten ist, damit sie nicht durch falsche Sicherheit ihr Heil verlieren. Das tun sie nämlich, wenn sie meinen, dass zur Erlangung des Heils der Glaube allein genüge, und dabei versäumen, auf recht Art zu leben und durch gute Werke den Weg Gottes einzuhalten.“ (Vom Glauben und von den Werken)

Wie passen diese beiden Positionen nun zusammen? Im Grunde ist es dieselbe Diskussion, die wir schon innerhalb des Neuen Testaments erlebt haben. Zu Beginn seines soeben zitierten Werk Vom Glauben und von den Werkenschreibt Augustinus:

„Nach dem Standpunkt gewisser Leute soll man zum Bade der Wiedergeburt in Christus Jesus, unserm Herrn, unterschiedslos alle zulassen, auch wenn ihre Verbrechen und Schandtaten allgemein bekannt sind, und sie auch nicht die Absicht haben, ihr schlechtes, schändliches Leben zu ändern, sondern sogar offen bekennen, darin verharren zu wollen.“

Der Bischof von Hippo denkt also nicht einfach nur über ein abstraktes Thema nach, sondern sieht sich in seiner Kirche mit einem konkreten pastoralen Problem konfrontiert. Wenn allein der Glaube zum Heil genügen würde, also jener Glaube, den auch die Dämonen teilen (s.o.), dann wäre es tatsächlich nicht nötig, ein Leben nach den Geboten Gottes zu führen. Eben diese Einstellung scheinen einige Mitglieder der Kirche vertreten zu haben, was der Bischof natürlich richtigstellen muss:

„Da also diese (irrige) Meinung schon damals entstanden war, richten sich andere apostolische Briefe von Petrus, Johannes und Judas hauptsächlich gegen diese Auffassung, um mit allem Nachdruck zu erklären, dass der Glaube ohne Werke nichts nütze. So definiert auch Paulus selbst nicht jeden Glauben, mit dem an Gott geglaubt wird, sondern nur den als heilsam und evangelisch, dessen Werke aus der Liebe hervorgehen, indem er sagt ‚Es hat nur der Glaube Wert, der sich in der Liebe auswirkt` (Gal. 5,6).“

Bei aller Abwägung zwischen Glauben und Werken betont Augustinus aber letzten Endes nichts so stark wie die absolute Souveränität Gottes:

„Damit sich demnach niemand weder seiner Werke noch auch seines eigenen freien Willensentschlusses rühme, als ob nämlich in diesem selbst der Ursprung der Verdienstlichkeit liege, woraus sich dann als gebührender Lohn die Freiheit gut zu handeln ganz von selbst ergebe, so höre man, was der nämliche Prediger der Gnade sagt: „Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen.“ Und an einer anderen Stelle sagt er: „Also liegt es nicht am Wollen oder Laufen eines Menschen, sondern an dem Erbarmen Gottes.“ […] „Daher kommt es, daß auch das ewige Leben, das doch gewiß der Lohn für die guten Werke ist, vom Apostel eine Gnade Gottes genannt wird. ‚Der Sold der Sünde‘, sagt er, ‚ist der Tod; eine Gnade Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.‘ Ein Sold wird als (schuldiger) Lohn für einen Kriegsdienst bezahlt, er wird nicht geschenkt. Darum sagt der Apostel: ‚Der Sold der Sünde ist der Tod.‘ Damit will er zeigen, daß der Tod nicht als etwas Unverschuldetes, sondern als der ihr gebührende Lohn über die Sünde verhängt ist. Gnade aber ist überhaupt keine Gnade mehr, wenn sie nicht ein Gnadengeschenk ist. Damit ist zu verstehen gegeben, daß auch die guten Verdienste des Menschen Geschenke Gottes sind. Und wenn man dafür ewiges Leben erhält, was ist das anderes, als daß eine Gnade mit einer anderen vergolten wird?“ (Enchiridion)

 

6.1.3 Die Reformatoren

Betrachten wir zunächst einige aufschlussreiche Äußerungen Martin Luthers und Johannes Calvins über den Jakobusbrief.

„Aber daß ich meine Meinung drauf stelle, doch ohne jedermanns Nachteil, achte ich sie für keines Apostels Schrift, und ist das meine Ursache: Aufs erste, daß sie stracks wider S. Paulum und alle andre Schrift den Werken die Rechtfertigung gibt und spricht, Abraham sei aus seinen Werken rechtfertig worden, da er seinen Sohn opferte. So doch S. Paulus Röm. 4,2.3 dagegen lehret, daß Abraham ohne Werke sei gerecht geworden, allein durch seinen Glauben, und beweiset das mit 1. Mose 15,6, ehe denn er seinen Sohn opferte […] Aufs zweite, daß sie will Christenleute lehren, und gedenkt nicht einmal in solch langer Lehre des Leidens, der Auferstehung, des Geistes Christi. Er nennet Christi etliche Male, aber er lehret nichts von ihm, sondern handelt vom allgemeinen Glauben an Gott.

Denn das Amt eines rechten Apostels ist, daß er von Christi Leiden und Auferstehung und Amt predige und lege desselbigen Glaubens Grund, wie er selbst sagt Joh. 15,27: ‚Ihr werdet von mir zeugen.‘ Und darin stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, daß sie allesamt Christum predigen und treiben.“ (Martin Luther, Vorrede auf die Epistel S. Jacobi, 1522)

 

„Oberflächliche Erklärer greifen das Wort ‚gerecht werden‘ hier auf und machen dann einen Siegeslärm, es sei hier die Gerechtigkeit in die Werke gelegt – und doch muss eine gesunde Auslegung aus dem ganzen Zusammenhanggesucht werden. Wir haben schon gesagt, dass Jakobus hier gar nicht davon handelt, woher und auf welche Weise die Menschen Gerechtigkeit erlangen – und das ist doch jedermann ganz klar – sondern dass er nur die ständige Verbindung der guten Werke mit dem Glauben im Auge hat. Wenn er also bekennt, dass Abraham durch Werke gerecht geworden sei, so spricht er vom Beweis der Gerechtigkeit. Wer daher den Jakobus dem Paulus entgegensetzt, der benutzt den Doppelsinn des Wortes Rechtfertigung zu grundlosem Geschwätz […] Der Mensch wird nicht durch den bloßen Glauben gerechtfertigt, d.h. durch eine nackte und leere Kenntnis Gottes. Gerechtfertigt wird er durch Werke, d.h. aus den Früchten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als gültig erwiesen.

Wenn man weiter Anlass zu dem Verdacht zu haben glaubt, Jakobus hebe denn doch die Gnade Christi zu wenig hervor, als dass man ihm apostolischen Charakter beilegen könne, so ist doch gewiss nicht von allen biblischen Schriftstellern zu fordern, dass ihre Lehre genau die gleichen Gegenstände behandle. Welch ein Unterschied ist zwischen dem Psalter und den Sprüchen! Haben diese ihr Augenmerk gerichtet mehr auf die äußere Bildung des Menschen und die Vermittlung politischer Weisheit, so redet jener offenbar fortwährend über den geistlichen Gottesdienst und Gewissensfrieden, über Gottes Barmherzigkeit und die Verheißung des Heils allein aus Gnade.

Aber aus dieser Verschiedenheit folgt nicht, dass die Billigung der einen Schrift die Verwerfung der anderen bedeuten müsste. Ja, auch unter den Evangelisten selbst herrscht ein derartiger Unterschied in der Darstellung des Heilandes, dass die drei ersten im Vergleich mit Johannes kaum hie und da einen Strahl haben von dem Vollglanz der Herrlichkeit, der dort so hell zu Geltung kommt – und dennoch halten wir alle vier Evangelien mit gleicher Freude fest.“ (Johannes Calvin, Vorrede zum Jakobusbrief, 1551)

Luther hat den Jakobusbrief nicht, wie gelegentlich behauptet wird, komplett verworfen, betrachtet ihn aber nicht als apostolisch. Dieses Prädikat kommt nach Luther nur denjenigen Schriften zu, die „Christum predigen und treiben“ (s.o.) Tatsächlich steht das Kreuz Christi nicht im Mittelpunkt des Briefes. Doch bereits Calvin hat das enge hermeneutisches Konzept Luthers kritisiert und ist im Wesentlichen der Argumentation des Augustinus gefolgt. Er stellt fest, dass „eine nackte und leere Kenntnis Gottes“ nicht heilsbringend ist, sondern dass der aus Glauben Gerechtfertigte an seinen Früchten erkannt werde. Dieselbe Argumentation verwendet auch Luther in seiner berühmten Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520):

„Darum sind diese beiden Sprichworte wahr: Gute gerechte Werke machen niemals einen guten gerechten Menschen, sondern ein guter gerechter Mensch tut gute gerechte Werke. Schlechte Werke machen niemals einen schlechten Menschen, sondern ein schlechter Mensch tut schlechte Werke. Daher muss stets die Person zuvor gut und gerecht sein vor allen Werken und es müssen gute und gerechte Werke folgen und ausgehen von der gerechten guten Person. Gleich wie Christus sagt: Ein schlechter Baum trägt keine gute Frucht. Ein guter Baum trägt keine schlechte Frucht. Denn es ist offenkundig, dass nicht die Früchte den Baum tragen, auch die Bäume nicht auf den Früchten wachsen, sondern umgekehrt: Die Bäume tragen die Früchte, und die Früchte wachsen auf den Bäumen. Wie nun die Bäume eher da sein müssen als die Früchte, und wie nun die Früchte die Bäume weder gut noch schlecht machen, sondern die Bäume die Früchte machen – so muss auch der Mensch in seiner Person zuvor gerecht oder böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut. Und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er tut gute oder böse Werke.“

Letzten Endes geht es Augustinus, Luther und Calvin vor allem um die richtige Reihenfolge. Der Mensch kommt nicht durch Werke zum Glauben (bzw. zum Heil), sondern er kommt durch den Glauben zu den Werken. Insbesondere Luther betont jedoch, dass den Gläubigen zeitlebens sowohl Gesetz als auch Evangelium gepredigt werden muss und bezeichnet die Unterscheidung zwischen beiden die „höchste Kunst in der Christenheit“. Den Sinn des Gesetzes sieht Luther vor allem darin, dass er den Menschen ihre Sünden vor Augen führt. Diese Erkenntnis ist Voraussetzung dafür, dass sich die Menschen dem Evangelium zuwenden. Auch dies erläutert er in seiner bereits erwähnten Freiheitsschrift:

„Und es gilt zu wissen, dass die ganze heilige Schrift in zweierlei Worte aufgeteilt wird, nämlich: Gebot oder Gesetz Gottes und Verheißung oder Zusage. Die Gebote lehren und schreiben uns mancherlei gute Werke vor, aber damit sind diese noch nicht geschehen. Sie weisen wohl an, aber sie helfen nicht; sie lehren, was man tun soll, geben aber keine Kraft dazu. Daher sind sie nur darum angeordnet, dass der Mensch in ihnen sein Unvermögen zum Guten erkenne und lerne, an sich selbst zu verzweifeln. Darum heißen sie auch altes Testament und gehören alle ins alte Testament. So beweist etwa das Gebot: Du sollst keine böse Begierde haben, dass wir allesamt Sünder sind, und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag, er tue, was er will. Daraus lernt er, an sich selbst zu verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei, und also das Gebot erfülle durch einen andern, was er aus sich selbst nicht vermag. Und ebenso sind auch alle anderen Gebote uns zu erfüllen unmöglich.

Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, so dass ihm nun Angst wird, wie er denn dem Gebot genüge tue – zumal das Gebot erfüllt sein muss, oder er muss verdammt sein –, so ist er recht gedemütigt und in seinen eigenen Augen zunichte geworden: er findet nichts in sich, wodurch er gerecht werden könnte. Dann jedoch kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage, und spricht: Willst du alle Gebote erfüllen, deine böse Begierde und Sünde los werden, wie die Gebote erzwingen und fordern, siehe da, glaube an Christus, in welchem ich dir alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit zusage. Glaubst du, so hast du. Glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn was dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, deren es viele gibt und die doch keinen Nutzen haben können, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurzum alle Dinge in den Glauben eingeschlossen, so dass der, der ihn hat, alle Dinge haben und selig sein soll; wer ihn nicht hat, der soll nichts haben. Daher geben die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote befehlen, auf dass alles Gottes eigen sei, Gebot und Erfüllung: Er befiehlt allein, er erfüllt auch allein. Darum sind die Zusagen Gottes Worte des neuen Testaments und gehören auch ins neue Testament.“

 

6.2 Quelle

GEMEINSAME ERKLÄRUNG ZUR RECHTFERTIGUNGSLEHRE

des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche

(1999)

 

Präambel

1. Die Lehre von der Rechtfertigung hatte für die lutherische Reformation des 16. Jahrhunderts zentrale Bedeutung. Sie galt ihr als der „erste und Hauptartikel“ der zugleich „Lenker und Richter über alle Stücke christlichen Lehre“ sei. Ganz besonders wurde die Rechtfertigungslehre in der reformatorischen Ausprägung und ihrem besonderen Stellenwert gegenüber der römisch-katholischen Theologie und Kirche der damaligen Zeit vertreten und verteidigt, die ihrerseits eine anders geprägte Rechtfertigungslehre vertraten und verteidigten. Hier lag aus reformatorischer Sicht der Kernpunkt aller Auseinandersetzungen. Es kam in den lutherischen Bekenntnisschriften und auf dem Trienter Konzil der römisch-katholischen Kirche zu Lehrverurteilungen, die bis heute gültig sind und kirchentrennende Wirkung haben.

2. Die Rechtfertingungslehre hat für die lutherische Tradition jenen besonderen Stellenwert bewahrt. Deshalb nahm sie auch im offiziellen lutherisch-katholischen Dialog von Anfang an einen wichtigen Platz ein.

3. In besonderer Weise sei verwiesen auf die Berichte „Evangelium und Kirche“ (1972) und „Kirche und Rechtfertigung“ (1994) der internationalen Gemeinsamen Römisch-katholischen/Evangelisch-lutherischen Kommission, auf den Bericht „Rechtfertigung durch den Glauben“ (1983) des katholisch-lutherischen Dialogs in den USA und die Studie „Lehrverurteilungen – kirchentrennend?“ (1986) des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen in Deutschland. Einige von diesen Dialogberichten haben eine offizielle Rezeption erfahren. Ein wichtiges Beispiel ist die verbindliche Stellungnahme, die die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands zusammen mit den anderen Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem höchstmöglichen Grad kirchlicher Anerkennung zu der Studie über die Lehrverurteilungen verabschiedet hat (1994).

4. All die genannten Dialogberichte und auch die Stellungnahmen dazu zeigen in ihrer Erörterung der Rechtfertigungslehre untereinander ein hohes Maß an gemeinsamer Ausrichtung und gemeinsamem Urteil. Es ist darum an der Zeit, Bilanz zu ziehen und die Ergebnisse der Dialoge über die Rechtfertigung in einer Weise zusammenzufassen, die unsere Kirchen in der gebotenen Präzision und Kürze über den Gesamtertrag dieses Dialogs informiert und es ihnen zugleich ermöglicht, sich verbindlich dazu zu äußern.

5. Das will diese Gemeinsame Erklärung tun. Sie will zeigen, daß aufgrund des Dialogs die unterzeichnenden lutherischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche nunmehr imstande sind, ein gemeinsames Verständnis unserer Rechtfertigung durch Gottes Gnade im Glauben an Christus zu vertreten. Sie enthält nicht alles, was in jeder der Kirchen über Rechtfertigung gelehrt wird; sie umfaßt aber einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre und zeigt, daß die weiterhin unterschiedlichen Entfaltungen nicht länger Anlaß für Lehrverurteilungen sind.

6. Unsere Erklärung ist keine neue und selbständige Darstellung neben den bisherigen Dialogberichten und Dokumenten, erst recht will sie diese nicht ersetzen. Sie bezieht sich vielmehr – wie der Anhang über die Quellen zeigt – auf die genannten Texte und deren Argumentation.

7. Wie die Dialoge selbst so ist auch diese Gemeinsame Erklärung von der Überzeugung getragen, daß eine Überwindung bisheriger Kontroversfragen und Lehrverurteilungen weder die Trennungen und Verurteilungen leicht nimmt, noch die eigene kirchliche Vergangenheit desavouiert. Sie ist jedoch von der Überzeugung bestimmt, daß unseren Kirchen in der Geschichte neue Einsichten zuwachsen und daß sich Entwicklungen vollziehen, die es ihnen nicht nur erlauben, sondern von ihnen zugleich fordern, die trennenden Fragen und Verurteilungen zu überprüfen und in einem neuen Licht zu sehen.

 

1. Biblische Rechtfertigungsbotschaft

8. Zu diesen neuen Einsichten hat unsere gemeinsame Art und Weise geführt, auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu hören. Gemeinsam hören wir das Evangelium, daß „Gott die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Diese frohe Botschaft wird in der Heiligen Schrift in verschiedener Weise dargestellt. Im Alten Testament hören wir das Wort Gottes von der menschlichen Sündhaftigkeit (Ps 51,1-5; Dan 9,5f.; Koh 8,9f.; Esra 9,6f.) und vom menschlichen Ungehorsam (Gen 3,1-19; Neh 9,16f.26) sowie von der Gerechtigkeit (Jes 46,13; 51,5-8; 56,1; [vgl. 53,11]; Jer 9,24) und vom Gericht Gottes (Koh 12,14; Ps 9,5f.; 76,7-9).

9. Im Neuen Testament werden bei Matthäus (5,10; 6,33; 21,32), Johannes (16,8-11), im Hebräerbrief (5,13; 10,37f.) und im Jakobusbrief (2,14-26) die Themen „Gerechtigkeit“ und „Rechtfertigung“ unterschiedlich behandelt“. Auch in den paulinischen Briefen wird die Gabe des Heils auf verschiedene Weise beschrieben, unter anderem: als „Befreiung zur Freiheit“ (Gal 5,1-13; vgl. Röm 6,7), als „Versöhnung mit Gott“ (2 Kor 5,18-21; vgl. Röm 5,1 1), als „Frieden mit Gott“ (Röm 5,1), als „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17), als „Leben für Gott in Christus Jesus“ (Röm 6,11.23), oder als „Heiligung in Christus Jesus“ (vgl. 1 Kor 1,2; 1,30, 2 Kor 1,1). Herausragend unter diesen Bezeichnungen ist die Beschreibung als „Rechtfertigung“ des Sünders durch Gottes Gnade im Glauben (Röm 3,23-25), die in der Reformationszeit besonders hervorgehoben wurde.

10. Paulus beschreibt das Evangelium als Kraft Gottes zur Rettung des unter die Macht der Sünde gefallenen Menschen: als Botschaft, die die „Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben“ (Röm 1,16f.) verkündet und die „Rechtfertigung“ (Röm 3,21-31) schenkt. Er verkündet Christus als „unsere Gerechtigkeit“ (1 Kor 1,30), indem er auf den auferstandenen Herrn anwendet, was Jeremias über Gott selbst verkündet hat (Jer 23,6). In Christi Tod und Auferstehung sind alle Dimensionen seines Erlösungswerkes verwurzelt, denn er ist „unser Herr, der wegen unserer Verfehlungen hingegeben, wegen unserer Gerechtigkeit auferweckt wurde“ (Röm 4,25). Alle Menschen bedürfen der Gerechtigkeit Gottes, denn „alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3,23; vgl. Röm 1,18-3,20; 11,32; Gal 3,22). Im Galaterbrief (3,6) und im Römerbrief (4,3-9) versteht Paulus den Glauben Abrahams (Gen 15,6) als Glauben an den Gott, der den Sünder rechtfertigt (Röm 4,5) und beruft sich auf das Zeugnis des Alten Testaments, um sein Evangelium zu unterstreichen, daß jene Gerechtigkeit allen angerechnet wird, die wie Abraham auf Gottes Versprechen vertrauen. „Der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Hab 2,4; vgl. Gal 3,11; Röm 1,17). In den paulinischen Briefen ist Gottes Gerechtigkeit zugleich Gottes Kraft für jeden Glaubenden (Röm 1,16f.). In Christus läßt er sie unsere Gerechtigkeit sein (2 Kor 5,21). Die Rechtfertigung wird uns zuteil durch Christus Jesus, „den Gott dazu bestimmt hat, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben“ (Röm 3,25; vgl. 3,21-28). „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke“ (Eph 2,8f.).

11. Rechtfertigung ist Sündenvergebung (Röm 3,23-25; Apg 13,39; Lk 18,14), Befreiung von der herrschenden Macht der Sünde und des Todes (Röm 5,12-21) und vom Fluch des Gesetzes (Gal 3,10-14). Sie ist Aufnahme in die Gemeinschaft mit Gott, schon jetzt, vollkommen aber in Gottes künftigem Reich (Röm 5,1f.). Sie vereinigt mit Christus und seinem Tod und seiner Auferstehung (Röm 6,5). Sie geschieht im Empfangen des Heiligen Geistes in der Taufe als Eingliederung in den einen Leib (Röm 8,1 f.9f.; 1 Kor 12,12f.). All das kommt allein von Gott um Christi willen aus Gnade durch den Glauben an das „Evangelium vom Sohn Gottes“ (Röm 1,1-3).

12. Die Gerechtfertigten leben aus dem Glauben, der aus dem Wort Christi kommt (Röm 10, 17) und der in der Liebe wirkt (Gal 5,6), die Frucht des Geistes ist (Gal 5,22f.). Aber da Mächte und Begierden die Gläubigen äußerlich und innerlich anfechten (Röm 8,35-39, Gal 5,16-21) und diese in Sünde fallen (1 Joh 1,8.10), müssen sie die Verheißungen Gottes immer wieder hören, ihre Sünden bekennen (1 Joh 1,9), an Christi Leib und Blut teilhaben und ermahnt werden, in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes gerecht zu leben. Darum sagt der Apostel den Gerechtfertigten: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus“ (Phil 2,12f.). Die frohe Botschaft aber bleibt: „Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1) und in denen Christus lebt (Gal 2,20). Durch die gerechte Tat Christi wird es „für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt“ (Röm 5,18).

 

2. Die Rechtfertigungslehre als ökumenisches Problem

13. Die gegensätzliche Auslegung und Anwendung der biblischen Botschaft von der Rechtfertigung waren im 16. Jahrhundert ein Hauptgrund für die Spaltung der abendländischen Kirche, was sich auch in Lehrverurteilungen niedergeschlagen hat. Für die Überwindung der Kirchentrennung ist darum ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigung grundlegend und unverzichtbar. In Aufnahme von bibelwissenschaftlichen, Theologie- und dogmengeschichtlichen Erkenntnissen hat sich im ökumenischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine deutliche Annäherung hinsichtlich der Rechtfertigungslehre herausgebildet, so daß in dieser gemeinsamen Erklärung ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre formuliert werden kann, in dessen Licht die entsprechenden Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts heute den Partner nicht treffen.

 

3. Das gemeinsame Verständnis der Rechtfertigung

14. Das gemeinsame Hören auf die in der Heiligen Schrift verkündigte frohe Botschaft und nicht zuletzt die theologischen Gespräche der letzten Jahre zwischen den lutherischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche haben zu einer Gemeinsamkeit im Verständnis von der Rechtfertigung geführt. Es umfaßt einen Konsens in den Grundwahrheiten; die unterschiedlichen Entfaltungen in den Einzelaussagen sind damit vereinbar.

15. Es ist unser gemeinsamer Glaube, daß die Rechtfertigung das Werk des dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, daß Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.

16. Alle Menschen sind von Gott zum Heil in Christus berufen. Allein durch Christus werden wir gerechtfertigt, indem wir im Glauben dieses Heil empfangen. Der Glaube selbst ist wiederum Geschenk Gottes durch den Heiligen Geist, der im Wort und in den Sakramenten in der Gemeinschaft der Gläubigen wirkt und zugleich die Gläubigen zu jener Erneuerung ihres Lebens führt, die Gott im ewigen Leben vollendet.

17. Gemeinsam sind wir der Überzeugung, daß die Botschaft von der Rechtfertigung uns in besonderer Weise auf die Mitte des neutestamentlichen Zeugnisses von Gottes Heilshandeln in Christus verweist: Sie sagt uns, daß wir Sünder unser neues Leben allein der vergebenden und neuschaffenden Barmherzigkeit Gottes verdanken, die wir uns nur schenken lassen und im Glauben empfangen, aber nie – in welcher Form auch immer verdienen können.

18. Darum ist die Lehre von der Rechtfertigung, die diese Botschaft aufnimmt und entfaltet, nicht nur ein Teilstück der christlichen Glaubenslehre. Sie steht in einem wesenhaften Bezug zu allen Glaubenswahrheiten, die miteinander in einem inneren Zusammenhang zu sehen sind. Sie ist ein unverzichtbares Kriterium, das die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unablässig auf Christus hin orientieren will. Wenn Lutheraner die einzigartige Bedeutung dieses Kriteriums betonen, verneinen sie nicht den Zusammenhang und die Bedeutung aller Glaubenswahrheiten. Wenn Katholiken sich von mehreren Kriterien in Pflicht genommen sehen, verneinen sie nicht die besondere Funktion der Rechtfertigungsbotschaft. Lutheraner und Katholiken haben gemeinsam das Ziel, in allem Christus zu bekennen, dem allein über alles zu vertrauen ist als dem einen Mittler (1 Tim 2.5f.), durch den Gott im Heiligen Geist sich selbst gibt und seine erneuernden Gaben schenkt [vgl. Quellen zu Kap. 3.].

 

7. Die Sakramente

7.1 Einführung

Sakramente sind sichtbare Zeichen der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes. Sie sind eine Begegnung mit Christus, der selbst das Ursakrament ist. Gegenüber den sieben Sakramenten, die in der römisch-katholischen Kirche Gültigkeit haben (Taufe, Abendmahl, Beichte, Firmung, Eheschließung, Krankensalbung, Priesterweihe), kennen die Kirchen, die der Reformation entsprungen sind, nur zwei Sakramente: Taufe und Abendmahl. Luther selbst maß überdies auch der Beichte einen hohen Stellenwert bei, wobei bis heute umstritten ist, ob die Beichte in Luthers Theologie sakramentalen Charakter hat oder nicht. Unabhängig von dieser konkreten Frage wollen wir in diesem Kapitel auch die Beichte behandeln, weil sie – genau wie Taufe und Abendmahl – im unmittelbaren Kontext des Themas „Sünde und Rechtfertigung“ steht.

 

7.1.1 Die Taufe

So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden. (Mark 1,4)

Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! (Mt 28,19)

Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein. (Röm 6,3-5)

Bereits Johannes taufte die Menschen mit Wasser als Zeichen der Reinigung von ihren Sünden. Die Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes wird ebenfalls mit Wasser gespendet und behält damit dieses Symbol bei, geht jedoch weit über die Taufe des Johannes hinaus. In dieser Taufe erleben wir das Bad der Wiedergeburt, wir werden zu neuen Menschen. Christus nimmt uns hinein in sein erlösendes Sterben am Kreuz und befreit uns von der Macht der Sünde. Durch die Taufe werden wir Teil der Kirche, wir werden zu Gliedern am Leib Christi.

Die Taufe geht auf den direkten Befehl Jesu zurück und wird von allen christlichen Konfessionen praktiziert. Im Gegensatz zum Abendmahl wird sie sogar interkonfessionell anerkannt, d. h. ein Protestant, der zur katholischen Kirche übertritt, wird nicht noch einmal getauft. Die einzige Ausnahme bildet die Säuglingstaufe, die nicht von allen Konfessionsgemeinschaften als gültig anerkannt wird.

Der Grund für die Einführung der Säuglingstaufe hängt eng mit dem Konzept der Erbsünde (siehe Kapitel V). Gegner der Säuglingstaufe argumentieren oft, dass sich Säuglinge im Zustand der Unschuld befänden und somit keine Sünden hätten, von denen sie gereinigt werden müssten. Diese Aussage ist richtig, sofern man sich auf Sünden im Sinne von Handlungen bezieht. Aber auch der Säugling befindet sich bereits unter der Macht der Sünde, der er durch die Taufe entzogen werden kann. Ein weiteres Argument gegen die Säuglingstaufe lautet, dass eine Taufe nur Gültigkeit habe, wenn sich der Täufling bewusst für diese entscheidet – was bei einem Säugling offenkundig nicht der Fall ist. Befürworter der Säuglingstaufe hingegen argumentieren, dass Gott letzten Endes der Handelnde bei der Taufe ist. Die Taufe ist ein unverdientes Geschenkt Gottes, zu dem der Täufling nichts beigetragen hat. Bevor wir uns für Gott entscheiden können, hat sich Gott schon für uns entschieden.

 

7.1.2 Das Abendmahl

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45)

„Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s, gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmt hin und esst. Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl, dankte, gab ihnen den und sprach: Nehmt hin und trinkt alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

Wie auch die Taufe geht die Feier des Abendmahls auf eine direkte Anweisung Jesu zurück und ist somit ein zentraler Teil christlichen Lebens. Für die katholische Kirche bildet die Eucharistie sogar „die Quelle und den Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens“ (Lumen Gentium). In diesem Sakrament wird das historische Opfer Jesu am Kreuz mitten unter uns Gegenwart. Wir vereinigen uns mit Jesus, der seinen Leib am Kreuz für uns hingab und sein Blut für uns vergoss. Dieses Opfer, durch das uns Gott mit sich selbst versöhnt hat, bildet die Grundlage unseres christlichen Glaubens. Der französische Priester Jean-Marie Vianney (1786-1859) drückte es wie folgt aus: „Gott hätte uns Größeres gegeben, wenn er Größeres gehabt hätte als sich selbst.“

Die konfessionellen Streitigkeiten über die Art der Präsenz Christi sowie die korrekte liturgische Durchführung der Abendmahlsfeier ändern nichts daran, dass alle Christen im Sühneopfer Christi, dessen wir in dieser Feier gedenken, die Vergebung unserer Sünden und somit unser Heil bewirkt.

 

7.1.3 Die Beichte

Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. (Joh. 20,22-23)

Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben. Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet! (Jak. 5,15-16)

Durch die Taufe sind der todbringenden Macht der Sünde entrissen, aber nicht vollständig von Schwäche und Sündhaftigkeit befreit. Wie also sollen wir mit den Sünden in unserem neuen Leben umgehen?

Christen aller Konfessionen stimmen darin überein, dass allein Gott Sünden vergeben kann. Die trennende Frage liegt im Verständnis des geistlichen Amtes. Unter evangelischen Christen ist die Vorstellung üblich, Gott unmittelbar um Vergebung zu bitten, das Ganze sozusagen mit Gott direkt ‚auszumachen‘. Die katholische Kirche hingegen beruft sich auf die Weisung Jesu an seine Jünger (s.o.) Der Herr verlieh den Aposteln die Macht, (in seinem Namen) Sünden zu vergeben. Die katholische Kirche sieht diese Funktion und die damit verbundene Macht bei ihren Priestern, die ebenfalls an Jesu Stelle Sünden vergeben können. Zu diesem Zweck hat sie das Sakrament der Beichte eingerichtet, das sie direkt auf Jesus zurückführt.

Unabhängig von der sakramentalen Betrachtung des Beichtvorgangs stimmen alle Christen überein, dass Buße und Reue zentrale Elemente sind, um sein Leben zu bessern und immer mehr auf Gott auszurichten. Der Kirchenvater Gregor von Nazianz sagte treffend: „Die Buße ist die zweite Taufe, die Taufe der Tränen.“

 

7.2 Quelle

Ein Auszug aus Luthers Kleinem Katechismus:

Das vierte Hauptstück: Das Sakrament der Heiligen Taufe

 

Zum ersten

Was ist die Taufe?

Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden.

 

Welches ist denn dies Wort Gottes?

Unser Herr Christus spricht bei Matthäus im letzten Kapitel: Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Zum zweiten

Was gibt oder nützt die Taufe?

Sie wirkt Vergebung der Sünden, erlöst vom Tode und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen, die es glauben, wie die Worte und Verheißung Gottes lauten.

 

Welches sind denn solche Worte und Verheißung Gottes?

Unser Herr Christus spricht bei Markus im letzten Kapitel: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

 

Zum dritten

Wie kann Wasser solch große Dinge tun?

Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut. Denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe; aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist; wie Paulus sagt zu Titus im dritten Kapitel: Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung. Das ist gewisslich wahr.

 

Zum vierten

Was bedeutet denn solch Wassertaufen?

Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.

 

Wo steht das geschrieben?

Der Apostel Paulus spricht zu den Römern im sechsten Kapitel: Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

 

Das Fünfte Hauptstück

Das Sakrament des Altars oder das Heilige Abendmahl

 

Zum Ersten

Was ist das Sakrament des Altars?

Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.

 

Wo steht das geschrieben?

So schreiben die heiligen Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und der Apostel Paulus: “Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; solches tut, sooft ihr’s trinket. zu meinem Gedächtnis.”

 

Zum Zweiten

Was nützt denn solch Essen und Trinken?

Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, daß uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.

 

Zum Dritten

Wie kann leiblich Essen und Trinken solch große Dinge tun?

Essen und Trinken tut’s freilich nicht, sondern die Worte, die da stehen: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich: Vergebung der Sünden.

 

Zum Vierten

Wer empfängt denn dieses Sakrament würdigt?

Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Wer aber diesen Worten nicht glaubt oder zweifelt, der ist unwürdig und ungeschickt; denn das Wort Für euch fordert nichts als gläubige Herzen.

 

Vom Amt der Schlüssel und von der Beichte

(Das Stück von Beichte und Vergebung findet sich ursprünglich nicht im Kleinen Katechismus, geht aber zum Teil auf Martin Luther zurück.)

 

Was ist das Amt der Schlüssel?

Es ist die besondere Gewalt, die Christus seiner Kirche auf Erden gegeben hat, den bußfertigen Sündern die Sünden zu vergeben, den unbußfertigen aber die Sünden zu behalten, solange sie nicht Buße tun.

 

Wo steht das geschrieben?

Unser Herr Jesus Christus spricht bei Matthäus im sechzehnten Kapitel zu Petrus: Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Desgleichen spricht er zu seinen Jüngern bei Johannes im zwanzigsten Kapitel: Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

 

Was ist die Beichte?

Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eins, daß man die Sünde bekenne, das andere, daß man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel. Welche Sünden soll man denn beichten?

Vor Gott soll man sich aller Sünden schuldig bekennen, auch die wir nicht erkennen, wie wir im Vaterunser tun. Aber vor dem Beichtiger sollen wir allein die Sünden bekennen, die wir wissen und fühlen im Herzen.

 

Welche sind die?

Da siehe deinen Stand an nach den zehn Geboten, ob du Vater, Mutter, Sohn, Tochter bist, in welchem Beruf und Dienst du stehst: ob du ungehorsam, untreu, unfleißig, zornig, zuchtlos, streitsüchtig gewesen bist, ob du jemand Leid getan hast mit Worten oder Werken, ob du gestohlen, etwas versäumt oder Schaden getan hast.

 

Wie bekennst du deine Sünden vordem Beichtiger?

So kannst du zum Beichtiger sprechen:

Ich bitte, meine Beichte zu hören und mir die Vergebung zuzusprechen um Gottes willen.

Hierauf bekenne dich vor Gott aller Sünden schuldig und sprich vor dem Beichtiger aus, was als besondere Sünde und Schuld auf dir liegt. Deine Beichte kannst du mit den Worten schließen:

Das alles ist mir leid. Ich bitte um Gnade. Ich will mich bessern.

Wie geschieht die Lossprechung (Absolution)?

Der Beichtiger spricht:

Gott sei dir gnädig und stärke deinen Glauben. Amen. Glaubst du auch, daß meine Vergebung Gottes Vergebung ist?

Antwort:

Ja, das glaube ich.

Darauf spricht er:

Wie du glaubst, so geschehe dir.

Und ich, auf Befehl unseres Herrn Jesus Christus, vergebe dir deine Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gehe hin in Frieden!

Welche aber im Gewissen sehr beschwert oder betrübt und angefochten sind, die wird ein Beichtvater wohl mit mehr Worten der Heiligen Schrift zu trösten wissen und zum Glauben reizen. Dies soll nur eine Weise der Beichte sein.

 

Quelle: www.selk.de

8. Gefährliche Irrlehren

8.1 Einführung

Das Thema ‚Sünde und Rechtfertigung‘ bildet das Zentrum christlicher Anthropologie. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es gerade bei diesem Thema eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen gibt, von denen wir einige bereits im Laufe dieses Kurses kennengelernt haben. Die Grenze zwischen akzeptierbarer Nuance und Irrlehre ist dabei nicht immer leicht zu ziehen. Dennoch sollen zum Abschluss des Kurses vier Positionen genannt und besprochen werden, die sich nach dem einhelligen Zeugnis der Schrift wie der kirchlichen Tradition eindeutig als Irrlehren klassifizieren lassen.

Der Heilige Augustinus schreibt: „Sobald sich der Mensch nicht an das Maß hält, beginnt er zu irren. Will er zu hastig nur nach einer einzigen Seite gehen, übersieht er die anderen Zeugnisse der göttlichen Autorität, die ihn von mancher vorgefassten Idee zurückhalten konnten.“ Tatsächlich entstammen die meisten Irrlehren der einseitigen Überbetonung eines bestimmten Aspekts christlicher Lehre, wie wir im Folgenden sehen werden.

 

8.1.1 Pelagianismus

Der Irrtum des Pelagianismus (s.o.) liegt in seiner Vorstellung der Selbsterlösungsfähigkeit des Menschen und somit in der Sünde des Hochmuts. Pelagianer verneinen die in der menschlichen Natur veranlagte Sündhaftigkeit und behaupten dementsprechend, es sei möglich, ein Leben ohne Sünde zu führen und durch Einhalten des Gesetzes vor Gott gerecht zu werden. Damit aber verkennen sie das eindeutige Zeugnis des Evangeliums:

Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.  Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)

Auch der Apostel Paulus betont kaum einen Umstand so nachdrücklich wie den, dass der Mensch sich nicht seiner eigenen Werke rühmen solle, sondern allein durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden kann:

Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: die Gerechtigkeit Gottes durch Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.  Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott aufgerichtet als Sühnemal – wirksam durch Glauben – in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt. Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. (Römerbrief 3,21-28)

 

8.1.2 Donatismus

Der Donatismus entstand im Kontext der antiken Christenverfolgung. Konkret ging es um die Frage, ob kirchliche Amtsträger, die während der Verfolgung ihren Glauben verleugnet hatten, nach dem Ende der Verfolgung ihre Ämter weiterhin ausüben sollten, was die Donatisten strikt ablehnten.

In einem allgemeineren Sinne bezeichnet die Irrlehre des Donatismus die Vorstellung einer ‚reinen‘ Kirche, die frei von Sündern ist. Damit liegt ihm ein ähnlicher Hochmut zugrunde wie dem Pelagianismus.

 

8.1.3 Tun-Ergehen-Zusammenhang

Die Irrlehre des Tun-Ergehen-Zusammenhangs basiert auf dem Glauben, dass Gott gute Taten unmittelbar belohnt und schlechte unmittelbar bestraft, dass es also guten Menschen gut und schlechten Menschen schlecht geht. Der Menschensohn Jesus von Nazareth lehrt nichts dergleichen. In seiner berühmten Bergpredigt heißt es kurz und knapp: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, und er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Damit ist alles gesagt. Naturereignisse geschehen unabhängig von unseren Taten. Jesus weist auch an anderen Stellen auf den fehlenden Zusammenhang zwischen Sünde und Bestrafung hin. Als er und seine Jünger an einem Mann vorbeikommen, der blind geboren war, fragen diese: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Doch Jesus antwortete: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern.“ Außerdem wird in den Evangelien folgende Begebenheit berichtet: „Zur gleichen Zeit kamen einige Leute und berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit dem ihrer Opfertiere vermischt hatte. Und er antwortete ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms am Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“

Die krampfhafte Suche nach persönlicher Schuld ist auch im Buch Hiob präsent, dem Mustertext für die Behandlung des Problems der Theodizee (der Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt). Nachdem der gottesfürchtige Hiob allerlei ‚Hiobsbotschaften‘ über den Verlust seines Vermögens und seiner Angehörigen ertragen musste, klagt er Gott wegen dieser (aus seiner Sicht) unverdienten Schicksalsschläge an: „Einen Bund schloss ich mit meinen Augen, nie eine Jungfrau lüstern anzusehen. Was wäre sonst mein Teil von Gott dort oben, mein Erbe vom Allmächtigen in der Höhe? Ist nicht Verderben dem Frevler bestimmt und Missgeschick den Übeltätern? Sieht er denn meine Wege nicht, zählt er nicht alle meine Schritte? Wenn ich in Falschheit einherging, wenn zum Betrug mein Fuß eilte, dann wäge Gott mich auf gerechter Waage, so wird er meine Unschuld anerkennen. Wenn mein Schritt vom Wege wich, mein Herz meinen Augen folgte, an meinen Händen Makel klebte, dann esse ein anderer, was ich säe, entwurzelt werde, was mir sprosst. […] Gäbe es doch einen, der mich hört. Das ist mein Begehr, dass der Allmächtige mir Antwort gibt!“

Hiob sucht Rat bei seinen Freunden. Diese versuchen ihn davon zu überzeugen, dass die Schuld bei ihm liegen muss, und wollen ihn zu einem entsprechenden Bekenntnis zu bewegen. Die Gesprächspartner steigern sich immer weiter in ihre Positionen hinein und reden so immer mehr aneinander vorbei, bis sie sich am Ende nichts mehr zu sagen haben. Schließlich erhält Hiob aber dann doch eine Antwort von Gott höchstpersönlich: „Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. […] Willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst? Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme? So schmücke dich mit Hoheit und mit Majestät und kleide dich in Prunk und Pracht! Lass die Fluten deines Zornes sich ergießen, schau an jeden Stolzen, demütige ihn! Schau an jeden Stolzen, zwing ihn nieder! Zertritt die Frevler auf der Stelle! Verbirg sie insgesamt im Staub, schließ sie leibhaftig im Erdinnern ein! Dann werde auch ich dich preisen, weil deine Rechte den Sieg dir verschaffte. […] Da antwortete Hiob dem Herrn und sprach: Ich habe erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.“

 

8.1.4 Billige Gnade

Augustinus berichtet (s.o.), dass sich zu seiner Zeit einige Menschen in der Hoffnung auf Erlösung in den Schoß der Kirche begeben haben, ohne jedoch irgendetwas an ihrem Leben ändern zu wollen. Dahinter steht somit die irrige Vorstellung, als könne man sich im Vertrauen auf die Vergebung der Sünden in ihnen ergehen, als sei Vergebung identisch mit Erlaubnis. Sündenbekenntnis, Reue und Buße spielen in dieser Gedankenwelt keine Rolle.

Schon Paulus fragt rhetorisch: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade umso mächtiger werde?“ Im 20. Jahrhundert prägte Dietrich Bonhoeffer für diese Irrlehre den Begriff ‚billige Gnade‘ (siehe Quelle). Heutzutage wird hierfür oft der Begriff ‚hyper grace‘ verwendet.

 

8.2 Quelle

Dietrich Bonhoeffer, Die teure Gnade (1936)

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade.

Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderten Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre Gnade, die nicht billige Gnade ist?

Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.

Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nichts des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. „Es ist doch unser Tun umsonst.” Welt bleibt Welt, und wir bleiben Sünder „auch in dem besten Leben“. Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiss, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muss den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muss er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, dass er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muss, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde lässt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.

Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt.

Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss.

Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – „ihr seid teuer erkauft“ -, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.

Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängsteten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, dass Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Zweimal ist an Petrus der Ruf ergangen: Folge mir nach! Es war das erste und das letzte Wort Jesu an seinen Jünger (Mk1,17; Joh21,22). Sein ganzes Leben liegt zwischen diesen beiden Rufen. Das erste Mal hatte Petrus am See Genezareth auf Jesu Ruf hin seine Netze, seinen Beruf verlassen und war ihm aufs Wort nachgefolgt. Das letzte Mal trifft ihn der Auferstandene in seinem alten Beruf, wiederum am See Genezareth, und noch einmal heißt es: Folge mir nach! Dazwischen lag ein ganzes Jungerleben in der Nachfolge Christi. In seiner Mitte stand das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes. Es ist dem Petrus dreimal ein und dasselbe verkündigt, am Anfang, am Ende und in Cäsarea Philippi, nämlich dass Christus sein Herr und Gott sei. Es ist dieselbe Gnade Christi, die ihn ruft: Folge mir nach! und die sich ihm offenbart im Bekenntnis zum Sohne Gottes.

Es war ein dreifaches Anhalten der Gnade auf dem Wege des Petrus, die Eine Gnade dreimal verschieden verkündigt; so war sie Christi eigene Gnade, und gewiss nicht Gnade, die der Jünger sich selbst zusprach. Es war dieselbe Gnade Christi, die den Jünger überwand, alles zu verlassen um der Nachfolge willen, die in ihm das Bekenntnis wirkte, das aller Welt eine Lästerung scheinen musste, die den untreuen Petrus in die letzte Gemeinschaft des Martyriums rief und ihm damit alle Sünden vergab. Gnade und Nachfolge gehören für das Leben des Petrus unauflöslich zusammen. Er hatte die teure Gnade empfangen.

Mit der Ausbreitung des Christentums und der zunehmenden Verweltlichung der Kirche ging die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren. Die Welt war christianisiert, die Gnade war Allgemeingut einer christlichen Welt geworden. Sie war billig zu haben. Doch bewahrte die römische Kirche einen Rest der ersten Erkenntnis. Es war von entscheidender Bedeutung, dass das Mönchtum sich nicht von der Kirche trennte und dass die Klugheit der Kirche das Mönchtum ertrug. Hier war am Rande der Kirche der Ort, an dem die Erkenntnis wachgehalten wurde, dass Gnade teuer ist, dass Gnade die Nachfolge einschließt. Menschen verließen um Christi willen alles, was sie hatten, und versuchten, den strengen Geboten Jesu zu folgen in täglicher Übung. So wurde das mönchische Leben ein lebendiger Protest gegen die Verweltlichung des Christenrums, gegen die Verbilligung der Gnade. Indem aber die Kirche diesen Protest ertrug und nicht zum letzten Ausbruch kommen ließ, relativierte sie ihn, ja sie gewann nun aus ihm sogar die Rechtfertigung ihres eigenen verweltlichten Lebens; denn jetzt wurde das mönchische Leben zu der Sonderleistung Einzelner, zu der die Masse des Kirchenvolkes nicht verpflichtet werden konnte. Die verhängnisvolle Begrenzung der Gebote Jesu in ihrer Geltung auf eine bestimmte Gruppe besonders qualifizierter Menschen führte zu der Unterscheidung einer Höchstleistung und einer Mindestleistung des christlichen Gehorsams. Damit war es gelungen, bei jedem weiteren Angriff auf die Verweltlichung der Kirche hinzuweisen auf die Möglichkeit des mönchischen Weges innerhalb der Kirche, neben dem dann die andere Möglichkeit des leichteren Weges durchaus gerechtfertigt war. So musste der Hinweis auf das urchristliche Verständnis der teuren Gnade, wie er in der Kirche Roms durch das Mönchtum erhalten bleiben sollte, in paradoxer Weise selbst wieder der Verweltlichung der Kirche die letzte Rechtfertigung geben. Bei dem allen lag der entscheidende Fehler des Mönchtums nicht darin, dass es – bei allen inhaltlichen Missverständnissen des Willens Jesu – den Gnadenweg der strengen Nachfolge ging. Vielmehr entfernte sich das Mönchtum wesentlich darin vom Christlichen, dass es seinen Weg zu einer freien Sonderleistungen einiger weniger werden ließ und damit für ihn eine besondere Verdienstlichkeit in Anspruch nahm. Als Gott durch seinen Knecht Martin Luther in der Reformation das Evangelium von der reinen, teuren Gnade wieder erweckte, führte er Luther durch das Kloster. Luther war Mönch. Er hatte alles verlassen und wollte Christus in vollkommenem Gehorsam nachfolgen. Er entsagte der Welt und ging an das christliche Werk. Er lernte den Gehorsam gegen Christus und seine Kirche, weil er wusste, dass nur der Gehorsame glauben kann. Der Ruf ins Kloster kostete Luther den vollen Einsatz seines Lebens. Luther scheiterte mit seinem Weg an Gott selbst. Gott zeigte ihm durch die Schrift, dass die Nachfolge Jesu nicht verdienstliche Sonderleistung Einzelner, sondern göttliches Gebot an alle Christen ist. Das demütige Werk der Nachfolge war im Mönchtum zum verdienstlichen Tun der Heiligen geworden. Die Selbstverleugnung des Nachfolgenden enthüllte sich hier als die letzte geistliche Selbstbehauptung der Frommen. Damit war die Welt mitten in das Mönchsleben hineingebrochen und in gefährlichster Weise wieder am Werk. Die Weltflucht des Mönches war als feinste Weltliebe durchschaut. In diesem Scheitern der letzten Möglichkeit eines frommen Lebens ergriff Luther die Gnade. Er sah im Zusammenbruch der mönchischen Welt die rettende Hand Gottes in Christus ausgestreckt. Er ergriff sie im Glauben daran, dass „doch unser Tun umsonst ist, auch in dem besten Leben“. Es war eine teure Gnade, die sich ihm schenkte, sie zerbrach ihm seine ganze Existenz. Er musste seine Netze abermals zurücklassen und folgen. Das erste Mal, als er ins Kloster ging, hatte er alles zurückgelassen, nur sich selbst, sein frommes Ich, nicht. Diesmal war ihm auch dieses genommen. Er folgte nicht auf eigenes Verdienst, sondern auf Gottes Gnade hin. Es wurde ihm nicht gesagt: du hast zwar gesündigt, aber das ist nun alles vergeben, bleibe nur weiter, wo du warst, und tröste dich der Vergebung! Luther musste das Kloster verlassen und zurück in die Welt, nicht weil die Welt an sich gut und heilig wäre, sondern weil auch das Kloster nichts anderes war als Welt.

Luthers Weg aus dem Kloster zurück in die Welt bedeutete den schärfsten Angriff, der seit dem Urchristentum auf die Welt geführt worden war. Die Absage, die der Mönch der Welt gegeben hatte, war ein Kinderspiel gegenüber der Absage, die die Welt durch den in sie Zurückgekehrten erfuhr. Nun kam der Angriff frontal. Nachfolge Jesu musste nun mitten in der Welt gelebt werden. Was unter den besonderen Umständen und Erleichterungen des klösterlichen Lebens als Sonderleistung geübt wurde, war nun das Notwendige und Gebotene für jeden Christen in der Welt geworden. Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesu musste im täglichen Berufsleben geleistet werden. Damit vertiefte sich der Konflikt zwischen dem Leben des Christen und dem Leben der Welt in unabsehbarer Weise. Der Christ war der Welt auf den Leib gerückt. Es war Nahkampf.

Man kann die Tat Luthers nicht verhängnisvoller missverstehen als mit der Meinung, Luther habe mit der Entdeckung des Evangeliums der reinen Gnade einen Dispens für den Gehorsam gegen das Gebot Jesu in der Welt proklamiert; die reformatorische Entdeckung sei die Heiligsprechung, die Rechtfertigung der Welt durch die. vergebende Gnade gewesen. Der weltliche Beruf des Christen erfährt vielmehr seine Rechtfertigung für Luther allein dadurch, dass in ihm der Protest gegen die Welt in letzter Schärfe angemeldet wird. Nur sofern der weltliche Beruf des Christen in der Nachfolge Jesu ausgeübt wird, hat er vom Evangelium her neues Recht empfangen. Nicht Rechtfertigung der Sünde, sondern Rechtfertigung des Sünders war der Grund für Luthers Rückkehr aus dem Kloster. Teure Gnade war Luther geschenkt worden. Gnade war es, weil sie Wasser auf das durstige Land, Trost für die Angst, Befreiung von der Knechtschaft des selbstgewählten Weges, Vergebung aller Sünden war. Teuer war die Gnade, weil sie nicht dispensierte vom Werk, sondern den Ruf in die Nachfolge unendlich verschärfte. Aber gerade worin sie teuer war, darin war sie Gnade, und worin sie Gnade war, darin war sie teuer. Das war das Geheimnis des reformatorischen Evangeliums, das Geheimnis der Rechtfertigung des Sünders.

Und dennoch bleibt der Sieger der Reformationsgeschichte nicht Luthers Erkenntnis von der reinen, teuren Gnade, sondern der wachsame religiöse Instinkt des Menschen für den Ort, an dem die Gnade am billigsten zu haben ist. Es bedurfte nur einer ganz leichten, kaum merklichen Verschiebung des Akzentes, und das gefährlichste und verderblichste Werk war getan. Luther hatte gelehrt, dass der Mensch auch in seinen frömmsten Wegen und Werken vor Gott nicht bestehen kann, weil er im Grund immer sich selbst sucht. Er hatte in dieser Not die Gnade der freien und bedingungslosen Vergebung aller Sünden im Glauben ergriffen. Luther wusste dabei, dass ihm diese Gnade ein Leben gekostet hatte und noch täglich kostete; denn er war ja durch die Gnade nicht dispensiert von der Nachfolge, sondern erst recht in sie hineingestoßen. Wenn Luther von der Gnade sprach, so meinte er sein eigenes Leben immer mit, das durch die Gnade erst in den vollen Gehorsam Christi gestellt worden war. Er konnte gar nicht anders von der Gnade reden, als eben so. Dass die Gnade allein es tut, hatte Luther gesagt, und wörtlich so wiederholten es seine Schüler, mit dem einzigen Unterschied, dass sie sehr bald das ausließen und nicht mitdachten und sagten, was Luther immer selbstverständlich mitgedacht hatte, nämlich die Nachfolge, ja, was er nicht mehr zu sagen brauchte, weil er ja immer selbst als einer redete, den die Gnade in die schwerste Nachfolge Jesu geführt hatte. Die Lehre der Schüler war also unanfechtbar von der Lehre Luthers her, und doch wurde diese Lehre das Ende und die Vernichtung der Reformation als der Offenbarung der teuren Gnade Gottes auf Erden. Aus der Rechtfertigung des Sünders in der Welt wurde die Rechtfertigung der Sünde und der Welt. Aus der teuren Gnade wurde die billige Gnade ohne Nachfolge.

Sagte Luther, dass unser Tun umsonst ist, auch in dem besten Leben, und dass darum bei Gott nichts gilt „denn Gnad und Gunst, die Sünden zu vergeben“, so sagte er es als einer, der sich bis zu diesem Augenblick und schon im selben Augenblick wieder neu in die Nachfolge Jesu, zum Verlassen von allem, was er hatte, berufen wusste. Die Erkenntnis der Gnade war für ihn der letzte radikale Bruch mit der Sünde seines Lebens, niemals aber ihre Rechtfertigung. Sie war im Ergreifen der Vergebung die letzte radikale Absage an das eigenwillige Leben, sie war darin selbst erst eigentlich ernster Ruf zur Nachfolge. Sie war ihm jeweils „Resultat“, freilich göttliches, nicht menschliches Resultat. Dieses Resultat aber wurde von den Nachfahren zur prinzipiellen Voraussetzung einer Kalkulation gemacht. Darin lag das ganze Unheil. Ist Gnade das von Christus selbst geschenkte „Resultat“ christlichen Lebens, so ist dieses Leben keinen Augenblick dispensiert von der Nachfolge. Ist aber Gnade prinzipielle Voraussetzung meines christlichen Lebens, so habe ich damit im voraus die Rechtfertigung meiner Sünden, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf diese Gnade hin sündigen, die Welt ist ja im Prinzip durch Gnade gerechtfertigt. Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen Existenz wie bisher, es bleibt alles beim alten, und ich darf sicher sein, dass mich die Gnade Gottes bedeckt. Die ganze Welt ist unter dieser Gnade „christlich“ geworden, das Christentum aber ist unter dieser Gnade in nie dagewesener Weise zur Welt geworden. Der Konflikt zwischen christlichem und bürgerlich-weltlichem Berufsleben ist aufgehoben. Das christliche Leben besteht eben darin, dass ich in der Welt und wie die Welt lebe, mich in nichts von ihr unterscheide, ja mich auch gar nicht – um der Gnade willen! – von ihr unterscheiden darf, dass ich mich aber zu gegebener Zeit aus dem Raum der Welt in den Raum der Kirche begebe, um mich dort der Vergebung meiner Sünden vergewissern zu lassen. Ich bin von der Nachfolge Jesu befreit – durch die billige Gnade, die der bitterste Feind der Nachfolge sein muss, die die wahre Nachfolge hassen und schmähen muss. Gnade als Voraussetzung ist billigste Gnade; Gnade als Resultat teure Gnade. Es ist erschreckend, zu erkennen, was daran liegt, in welcher Weise eine evangelische Wahrheit ausgesprochen und gebraucht wird. Es ist dasselbe Wort von der Rechtfertigung aus Gnaden allein; und doch führt der falsche Gebrauch desselben Satzes zur vollkommenen Zerstörung seines Wesens.

Wenn Faust am Ende seines Lebens in der Arbeit an der Erkenntnis sagt: „Ich sehe, dass wir nichts wissen können“, so ist das Resultat, und etwas durchaus anderes, als wenn dieser Satz von einem Studenten im ersten Semester übernommen wird, um damit seine Faulheit zu rechtfertigen (Kierkegaard). Als Resultat ist der Satz wahr, als Voraussetzung ist er Selbstbetrug. Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist. Nur wer in der Nachfolge Jesu im Verzicht auf alles, was er hatte, steht, darf sagen, dass er allein aus Gnaden gerecht werde. Er erkennt den Ruf in die Nachfolge selbst als Gnade und die Gnade als diesen Ruf. Wer sich aber mit dieser Gnade von der Nachfolge dispensieren will, betrügt sich selbst.

Aber geriet nicht Luther selbst in die gefährlichste Nähe dieser völligen Verkehrung im Verständnis der Gnade? Was bedeutet es, wenn Luther sagen kann: „Pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo“ – „Sündige tapfer, aber glaube und freue dich in Christo um so tapferer!“ Also, du bist nun einmal ein Sünder, und kommst doch nie aus der Sünde heraus; ob du ein Mönch bist oder ein Weltlicher, ob du fromm sein willst oder böse, du entfliehst dem Stricke der Welt nicht, du sündigst. So sündige denn tapfer – und zwar gerade auf die geschehene Gnade hin! Ist das die unverhüllte Proklamation der billigen Gnade, der Freibrief für die Sünde, die Aufhebung der Nachfolge? Ist das die lästerliche Aufforderung zum mutwilligen Sündigen auf Gnade hin? Gibt es eine teuflischere Schmähung der Gnade, als auf die geschenkte Gnade Gottes hin zu sündigen? Hat der katholische Katechismus nicht recht, wenn er hierin die Sünde wider den Heiligen Geist erkennt?

Es kommt hier zum Verständnis alles darauf an, die Unterscheidung von Resultat und Voraussetzung in Anwendung zu bringen. Wird Luthers Satz zur Voraussetzung einer Gnadentheologie, so ist die billige Gnade ausgerufen. Aber eben nicht als Anfang, sondern ganz ausschließlich als Ende, als Resultat, als Schlussstein, als allerletztes Wort ist Luthers Satz recht zu verstehen. Als Voraussetzung verstanden, wird das pecca fortiter zum ethischen Prinzip; einem Prinzip der Gnade muss ja das Prinzip des pecca fortiter entsprechen. Das ist Rechtfertigung der Sünde. So wird Luthers Satz in sein Gegenteil verkehrt. „Sündige tapfer“ – das konnte für Luther nur die allerletzte Auskunft, der Zuspruch für den sein, der auf seinem Wege der Nachfolge erkennt, dass er nicht sündlos werden kann, der in der Furcht vor der Sünde verzweifelt an Gottes Gnade. Für ihn ist das „Sündige tapfer“ nicht etwa eine grundsätzliche Bestätigung seines ungehorsamen Lebens, sondern es ist das Evangelium von der Gnade Gottes, vor dem wir immer und in jedem Stande Sünder sind und das uns gerade als Sünder sucht und rechtfertigt. Bekenne dich tapfer zu deiner Sünde, versuche ihr nicht zu entfliehen, aber „glaube noch viel tapferer“. Du bist ein Sünder, so sei nun auch ein Sünder, wolle nicht etwas anderes sein, als was du bist, ja werde täglich wieder ein Sünder und sei tapfer darin. Zu wem aber darf das gesagt sein als zu dem, der täglich von Herzen der Sünde absagt, der täglich allem absagt, was ihn an der Nachfolge Jesu hindert, und der doch ungetröstet ist über seine tägliche Untreue und Sünde? Wer anders kann das ohne Gefahr für seinen Glauben hören, als der, der sich durch solchen Trost erneut in die Nachfolge Christi gerufen weiß? So wird Luthers Satz, als Resultat verstanden, zur teuren Gnade, die allein Gnade ist.

Gnade als Prinzip, pecca fortiter als Prinzip, billige Gnade ist zuletzt nur ein neues Gesetz, das nicht hilft und nicht befreit. Gnade als lebendiges Wort, pecca fortiter als Trost in der Anfechtung und Ruf in die Nachfolge, teure Gnade ist allein reine Gnade, die wirklich Sünden vergibt und den Sünder befreit.

Wie die Raben haben wir uns um den Leichnam der billigen Gnade gesammelt, von ihr empfingen wir das Gift, an dem die Nachfolge Jesu unter uns starb. Die Lehre von der reinen Gnade erfuhr zwar eine Apotheose ohnegleichen, die reine Lehre von der Gnade wurde Gott selbst, die Gnade selbst. Überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt. Hat unsere Kirche nur die Lehre von der Rechtfertigung, dann ist sie gewiss auch eine gerechtfertigte Kirche! so hieß es. Darin sollte also das rechte Erbe Luthers erkennbar werden, dass man die Gnade so billig wie möglich machte. Das sollte lutherisch heißen, dass man die Nachfolge Jesu den Gesetzlichen, den Reformierten oder den Schwärmern überließ, alles um der Gnade willen; dass man die Welt rechtfertigte und die Christen in der Nachfolge zu Ketzern machte. Ein Volk war christlich, war lutherisch geworden, aber auf Kosten der Nachfolge, zu einem allzu billigen Preis. Die billige Gnade hatte gesiegt.

Aber wissen wir auch, dass diese billige Gnade in höchstem Maße unbarmherzig gegen uns gewesen ist? Ist der Preis, den wir heute mit dem Zusammenbruch der organisierten Kirchen zu zahlen haben, etwas anderes als eine notwendige Folge der zu billig erworbenen Gnade? Man gab die Verkündigung und die Sakramente billig, man taufte, man konfirmierte, man absolvierte ein ganzes Volk, ungefragt und bedingungslos, man gab das Heiligtum aus menschlicher Liebe den Spöttern und Ungläubigen, man spendete Gnadenströme ohne Ende, aber der Ruf in die strenge Nachfolge Christi wurde seltener gehört. Wo blieben die Erkenntnisse der alten Kirche, die im Taufkatechumenat so sorgsam über der Grenze zwischen Kirche und Welt, über der teuren Gnade wachte? Wo blieben die Warnungen Luthers vor einer Verkündung des Evangeliums, die die Menschen sicher machte in ihrem gottlosen Leben? Wann wurde die Welt grauenvoller und heilloser christianisiert als hier? Was sind die 3000 von Karl dem Großen am Leibe getöteten Sachsen gegenüber den Millionen getöteter Seelen heute? Es ist an uns wahr geworden, dass die Sünde der Väter an den Kindern heimgesucht wird bis ins dritte und vierte Glied. Die billige Gnade war unserer evangelischen Kirche sehr unbarmherzig.

Unbarmherzig ist die billige Gnade gewiss auch den meisten von uns ganz persönlich gewesen. Sie hat uns den Weg zu Christus nicht geöffnet, sondern verschlossen. Sie hat uns nicht in die Nachfolge gerufen, sondern in Ungehorsam hart gemacht. Oder war es nicht unbarmherzig und hart, wenn wir dort, wo wir den Ruf in die Nachfolge Jesu wohl einmal gehört hatten als den Gnadenruf Christi, wo wir vielleicht einmal die ersten Schritte der Nachfolge in der Zucht des Gehorsams gegen das Gebot gewagt hatten, überfallen wurden mit dem Wort von der billigen Gnade? Konnten wir dieses Wort anders hören, als dass es unseren Weg aufhalten wollte mit dem Ruf zu einer höchst weltlichen Nüchternheit, dass es die Freudigkeit zur Nachfolge in uns erstickte mit dem Hinweis, das alles sei ja nur unser selbstgewählter Weg, ein Aufwand an Kraft, Anstrengung und Zucht, der unnötig, ja höchst gefährlich sei? denn es sei ja eben in der Gnade schon alles bereit und vollbracht! Der glimmende Docht wurde unbarmherzig ausgelöscht. Es war unbarmherzig, zu einem Menschen so zu reden, weil er, durch solches billiges Angebot verwirrt, seinen Weg verlassen musste, auf den ihn Christus rief, weil er nun nach der billigen Gnade griff, die ihm die Erkenntnis der teuren Gnade für immer versperrte. Es konnte ja auch nicht anders kommen, als dass der betrogene schwache Mensch sich im Besitz der billigen Gnade auf einmal stark fühlte und in Wirklichkeit die Kraft zum Gehorsam, zur Nachfolge verloren hatte. Das Wort von der billigen Gnade hat mehr Christen zugrunde gerichtet als irgendein Gebot der Werke.

Wir wollen nun in allem folgenden das Wort für diejenigen ergreifen, die eben darin angefochten sind, denen das Wort der Gnade erschreckend leer geworden ist. Es muss um der Wahrhaftigkeit willen für die unter uns gesprochen werden, die bekennen, dass sie mit der billigen Gnade die Nachfolge Christi verloren haben und mit der Nachfolge Christi wiederum das Verständnis der teuren Gnade. Einfach, weil wir es nicht leugnen wollen, dass wir nicht mehr in der rechten Nachfolge Christi stehen, dass wir wohl Glieder einer rechtgläubigen Kirche der reinen Lehre von der Gnade, aber nicht mehr ebenso Glieder einer nachfolgenden Kirche sind, muss der Versuch gemacht werden, Gnade und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander zu verstehen. Hier dürfen wir heute nicht mehr ausweichen. Immer deutlicher erweist sich die Not unserer Kirche als die eine Frage, wie wir heute als Christen leben können.

Wohl denen, die schon am Ende des Weges, den wir gehen wollen, stehen und staunend begreifen, was wahrhaftig nicht begreiflich erscheint, dass Gnade teuer ist, gerade weil sie reine Gnade, weil sie Gnade Gottes in Jesus Christus ist. Wohl denen, die in einfältiger Nachfolge Jesu Christi von dieser Gnade überwunden sind, dass sie mit demütigem Geist die alleinwirksame Gnade Christi loben dürfen. Wohl denen, die in der Erkenntnis solcher Gnade in der Welt leben können, ohne sich an sie zu verlieren, denen in der Nachfolge Jesu Christi das himmlische Vaterland so gewiss geworden ist, dass sie wahrhaft frei sind für das Leben in dieser Welt. Wohl ihnen, für die Nachfolge Jesu Christi nichts heißt, als Leben aus der Gnade, und für die Gnade nichts heißt, als Nachfolge. Wohl ihnen, die in diesem Sinne Christen geworden sind, denen das Wort der Gnade barmherzig war.

 

Quelle: Martin Kuske/Ilse Tödt (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer. Nachfolge, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 32008, S. 29-43.

[1] Das griechische Wort metanoia wird in manchen Übersetzungen mit ‚Buße‘ wiedergegeben (s.o.), in anderen mit ‚Umkehr‘, wobei letzteres der ursprünglichen Wortbedeutung näherkommt.

[2] Matthäus spricht, anders als Markus und Lukas, vom ‚Himmelreich‘ anstelle von ‚Gottesreich‘. Gemeint ist aber dasselbe.

[3] Die Wendung „Reich Gottes“ taucht insgesamt 122-mal im Neuen Testament auf, davon 99-mal in den synoptischen Evangelien.

[4] Augustinus denkt hier als Mann, war aber davon überzeugt, dass es ein vergleichbares Phänomen auch bei Frauen geben müsse.

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