03/2021, Script

Konfessionskunde

Inhaltsverzeichnis

1. Die römisch-katholische Kirche

1.1. Einführung        

1.1.1. Name

1.1.2. Verbreitung     

1.1.3. Charakteristika    

1.2. Quelle      

2. Die Orthodoxe Kirche

2.1. Einführung        

2.1.1. Name

2.1.2. Verbreitung     

2.1.3. Charakteristika    

2.2. Quelle      

3. Die Anglikanische Kirche

3.1. Einführung        

3.1.1. Name

3.1.2. Verbreitung     

3.1.3. Charakteristika   

3.1.4. Die Altkatholische Kirche

3.1.5. Anglican realignment

3.2. Quelle      

4. Die evangelischen Landeskirchen

4.1. Einführung        

4.1.1. Name

4.1.2. Staatskirchenverträge   

4.1.3. Die lutherischen Landeskirchen

4.1.4. Die reformierten Landeskirchen

4.1.5. Die unierten Landeskirchen

4.1.6. Fragwürdige Stellungnahmen

4.2. Quelle      

5. Die evangelischen Freikirchen

5.1. Einführung        

5.1.1. Name

5.1.2. Mennoniten

5.1.3. Baptisten

5.1.4. Methodisten

5.1.5. Freie evangelische Gemeinden (FeG)

5.1.6. Heilsarmee

5.2. Quelle      

6. Die Pfingstbewegung

6.1. Einführung        

6.1.1. Name

6.1.2. Verbreitung

6.1.3. Charakteristika

6.2. Quelle      

7. Die ökumenische Bewegung

7.1. Einführung        

7.1.1. Name

7.1.2. Innerprotestantische Ökumene

7.1.3. Der ökumenische Rat der Kirchen

7.2. Quelle      

8. Christliche Sondergemeinschaften

8.1. Einführung        

8.1.1. Mormonen

8.1.2. Zeugen Jehovas

8.1.3. Neuapostolische Kirche

8.2. Quelle      

9. Anhang

9.1. Syllabus      

9.1.1. Kursbeschreibung

9.1.2. Kursziele

9.1.3. Vorbereitende Aufgaben für den Studierenden

9.1.4. Inhalte des Kurses

9.1.5. Leistungsnachweis

9.1.6. Pflichtlektüre

9.1.7. Weiterführende Lektüre

9.1.8. Zusammensetzung der Endnote

1. Die römisch-katholische Kirche

 

1.1.      Einführung

1.1.1.     Name

Im Glaubensbekenntnis von Nizäa bekennt die weltweite Christenheit ihren Glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Außerhalb der römisch-katholischen Kirche wird der Begriff ‚katholisch‘ zumeist durch ‚allgemein‘ ersetzt, was nicht falsch, aber auch nicht vollständig richtig ist. Etwas präziser wäre der Begriff ‚allumfassend‘. Wenn im Bekenntnis von der Katholizität der Kirche die Rede ist, dann in einem doppelten Sinne. Zum einen ist die Kirche allumfassend, weil sie die gesamte Fülle des Heils enthält. Nichts, was der Mensch zum Heil benötigt, befindet sich außerhalb der Kirche. Zum anderen umfasst die Kirche den gesamten Erdkreis oder ist zumindest dazu gesandt. Überall auf der Welt soll ein und derselbe Glaube verkündet werden.

Dass sich aus diesem Begriff des Nizänischen Bekenntnisses später eine Konfessionsbezeichnung entwickelt hat, ist zwar ein wenig irreführend, doch trifft dies auch auf andere Konfessionsbezeichnungen zu. Vielmehr betont die jeweilige Bezeichnung einen besonderen Schwerpunkt im Selbstverständnis der jeweiligen Konfession. Wenn sich die römisch-katholische Kirche die Eigenbezeichnung ‚katholisch‘ gibt, so drückt sie damit ihren Anspruch aus, die einzig wahre Kirche im Vollsinn des Wortes und auch als solche sichtbar zu sein. Die Ergänzung römisch-katholisch hebt die besondere Bedeutung des römischen Bischofs hervor.

 

1.1.2.     Verbreitung

Mit ca. 1,3 Milliarden Mitgliedern stellt die katholische Kirche die mit Abstand größte christliche Konfessionsfamilie dar. Knapp 40% der weltweiten katholischen Bevölkerung leben in Südamerika, in Deutschland gehören etwa 24 Millionen Bürger der katholischen Kirche an.

 

1.1.3. Charakteristika

Kaum etwas charakterisiert die katholische Kirche so sehr wie ihre Hierarchie. Zwar benötigt jede Kirchengemeinschaft eine gewisse Organisation, doch stellt die spezielle Organisationsform der katholischen Kirche nach eigenem Verständnis keine beliebige, nach Effizienzkriterien veränderbare Struktur dar, sondern eine theologische Notwendigkeit.

Die katholische und die evangelische Kirche eint der Wunsch, die Authentizität des Ursprungs zu wahren. Währen die evangelische Theologie dieses Ziel durch das Prinzip sola scriptura zu erreichen sucht, also durch die Beschränkung auf die Heilige Schrift als Ur-Kunde der Kirche, setzt die katholische Theologie auf das Prinzip der apostolischen Sukzession. Der Schatz des Glaubens soll durch die Weitergabe bewahrt werden, und zwar in erster Linie durch die Bischöfe. Ein Bischof ist Leiter einer Ortskirche, eines Bistums, und ist als solcher eingebunden in eine Traditionskette, die bis zu den Aposteln zurückreicht, welche die ersten Gemeinden gründeten.

Die Ortskirche von Rom spielte dabei seit jeher eine besondere Rolle, was vor allem auf die Apostel Petrus und Paulus zurückzuführen ist, die beide in Rom wirkten. „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen“ – dieser Satz, der die imposante Kuppel des Petersdoms umrahmt, bildet die Grundlage für die Vorrangstellung des römischen Bischofs, des Papstes. Petrus gilt nach katholischem Verständnis als der erste Bischof von Rom und bildet somit den Anfang der Liste der römischen Bischöfe (Päpste), die bis zu Papst Franziskus reicht und insgesamt 266 Namen enthält.

In der römischen Kirche wurde, so das katholische Verständnis, die echte und ursprüngliche apostolische Tradition in besonderer Weise gewahrt, weshalb die übrigen Kirchen mit ihr in allen Fragen der Lehre übereinstimmen müssen. Am Eingang der Lateranbasilika, dem Bischofssitz des Bischofs von Rom (nicht der Petersdom, wie oft angenommen wird), findet sich dieses Selbstverständnis auf einer steinernen Tafel: „Mater et caput omnium ecclesiarum urbis et orbis – Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises“.

Der Papst hat gemäß katholischer Lehre die Fähigkeit, Glaubenssätze zu verkünden, die als unfehlbar gelten. Diese Vorstellung, die erst 1870 auf dem ersten Vatikanischen Konzil formalisiert wurde, gehört zu den umstrittensten Elementen katholischer Lehre. Es ist daher wichtig, zu verstehen, was dieses Dogma genau besagt. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass nicht von einer generellen Unfehlbarkeit des Papstes gesprochen wird. Der Papst ist ein Mensch und als solcher fehlbar. Aber in seinem Amt verdichtet sich die Einheit des Gottesvolkes. Der Papst versteht sich als Wahrer dieser Einheit und kann daher – nicht als Person, sondern qua Amt – Glaubenswahrheiten verkünden, die dem consensus fidelium (Einstimmigkeit der Glaubenden) entsprechen und somit nicht irrig sein können. Tatsächlich wurde seit Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas im Jahre 1870 nur ein einziges Mal von diesem besonderen Recht Gebrauch gemacht: Papst Pius XII. verkündete 1950 das (unfehlbare) Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel.

Ein weiteres Merkmal, das die katholische Kirche insbesondere von der evangelischen unterscheidet, ist die Sakramentenlehre. Anders als die reformatorischen Kirchen, die in der Regel nur zwei Sakramente anerkennen (Taufe und Abendmahl), kennt die katholische Tradition derer sieben: Taufe, Abendmahl, Beichte, Firmung, Eheschließung, Krankensalbung, Priesterweihe. Wie auch in anderen Fragen liegt der Unterschied im unterschiedlichen Verständnis von Schrift und Tradition. Die reformatorischen Kirchen folgen dem Prinzip sola scriptura und erkennen daher nur Taufe und Abendmahl als echte sakramentale Handlungen an, weil nur diese beiden unmittelbar von Jesus eingesetzt bzw. angeordnet wurden. Die katholische Theologie sieht hingegen auch die übrigen fünf Sakramente im Wirken Jesu begründet, wenngleich sie sich erst im Laufe der Zeit als solche entwickelt haben.

Als drittes typisches Merkmal sei noch die Heiligenverehrung genannt. Die Verehrung der Heiligen gilt als indirekte Gottesverehrung, also als Verehrung Gottes durch das Medium der Heiligenverehrung. Allerdings werden den Heiligen auch konkrete Eigenschaften bzw. Fähigkeiten zugeschrieben. So gibt es Schutzheilige für bestimmte Berufe sowie für bestimmte Probleme. Nach katholischem Verständnis können die Heiligen aufgrund ihrer Verdienste persönlich bei Gott für die Gläubigen fürbitten. Eine besondere Form der Heiligenverehrung bildet die Marienfrömmigkeit. Die Mutter Jesu wird in der katholischen Kirche „unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin“ (Lumen Gentium) angerufen und verehrt. Sie verfügt im katholischen Kirchenjahr über insgesamt vier Hochfeste: Maria Gottesmutter (1. Januar), Mariä Verkündigung (25. März), Mariä Himmelfahrt (15. August, siehe das oben erwähnte Dogma), Mariä Empfängnis (8. Dezember).

1.2. Quelle

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERKLÄRUNG “DOMINUS IESUS”

ÜBER DIE EINZIGKEIT UND DIE HEILSUNIVERSALITÄT JESU CHRISTI UND DER KIRCHE

(2000)

 

16. Der Herr Jesus, der einzige Erlöser, hat nicht eine bloße Gemeinschaft von Gläubigen gestiftet. Er hat die Kirche als Heilsmysterium gegründet: Er selbst ist in der Kirche und die Kirche ist in ihm (vgl. Joh 15,1ff.; Gal 3,28; Eph 4,15-16; Apg 9,5); deswegen gehört die Fülle des Heilsmysteriums Christi auch zur Kirche, die untrennbar mit ihrem Herrn verbunden ist. Denn Jesus Christus setzt seine Gegenwart und sein Heilswerk in der Kirche und durch die Kirche fort (vgl. Kol 1,24-27), die sein Leib ist (vgl. 1 Kor 12,12-13.27; Kol 1,18). Wie das Haupt und die Glieder eines lebendigen Leibes zwar nicht identisch sind, aber auch nicht getrennt werden können, dürfen Christus und die Kirche nicht miteinander verwechselt, aber auch nicht voneinander getrennt werden. Sie bilden zusammen den einzigen »ganzen Christus«. Diese Untrennbarkeit kommt im Neuen Testament auch durch die Analogie der Kirche als der Braut Christi zum Ausdruck (vgl. 2 Kor 11,2; Eph 5,25-29; Offb 21,2.9).

Deshalb muss in Verbindung mit der Einzigkeit und der Universalität der Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Einzigkeit der von ihm gestifteten Kirche als Wahrheit des katholischen Glaubens fest geglaubt werden. Wie es nur einen einzigen Christus gibt, so gibt es nur einen einzigen Leib Christi, eine einzige Braut Christi: »die eine alleinige katholische und apostolische Kirche«. Die Verheißungen des Herrn, seine Kirche nie zu verlassen (vgl. Mt 16,18; 28,20) und sie mit seinem Geist zu führen (vgl. Joh 16,13), beinhalten darüber hinaus nach katholischem Glauben, dass die Einzigkeit und die Einheit der Kirche sowie alles, was zu ihrer Integrität gehört, niemals zerstört werden.

Die Gläubigen sind angehalten zu bekennen, dass es eine geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Kontinuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche gibt: „Dies ist die einzige Kirche Christi … Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (vgl. Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18ff.), für immer hat er sie als ‚die Säule und das Fundament der Wahrheit‘ (1 Tim 3,15) errichtet. Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht [subsistit in] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ Mit dem Ausdruck „subsistit in“ wollte das Zweite Vatikanische Konzil zwei Lehrsätze miteinander in Einklang bringen: auf der einen Seite, dass die Kirche Christi trotz der Spaltungen der Christen voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht, und auf der anderen Seite, »dass außerhalb ihres sichtbaren Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind«, nämlich in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. Bezüglich dieser Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist festzuhalten, dass „deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet“.

17. Es gibt also eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Die Kirchen, die zwar nicht in vollkommener Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber durch engste Bande, wie die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie, mit ihr verbunden bleiben, sind echte Teilkirchen. Deshalb ist die Kirche Christi auch in diesen Kirchen gegenwärtig und wirksam, obwohl ihnen die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche fehlt, insofern sie die katholische Lehre vom Primat nicht annehmen, den der Bischof von Rom nach Gottes Willen objektiv innehat und über die ganze Kirche ausübt.

Die kirchlichen Gemeinschaften hingegen, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn; die in diesen Gemeinschaften Getauften sind aber durch die Taufe Christus eingegliedert und stehen deshalb in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der Kirche. Die Taufe zielt nämlich hin auf die volle Entfaltung des Lebens in Christus durch das vollständige Bekenntnis des Glaubens, die Eucharistie und die volle Gemeinschaft in der Kirche.

„Daher dürfen die Christgläubigen sich nicht vorstellen, die Kirche Christi sei nichts anderes als eine gewisse Summe von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften — zwar getrennt, aber noch irgendwie eine; und es steht ihnen keineswegs frei anzunehmen, die Kirche Christi bestehe heute in Wahrheit nirgendwo mehr, sondern sei nur als ein Ziel zu betrachten, das alle Kirchen und Gemeinschaften suchen müssen«. In Wirklichkeit »existieren die Elemente dieser bereits gegebenen Kirche in ihrer ganzen Fülle in der katholischen Kirche und noch nicht in dieser Fülle in den anderen Gemeinschaften«. Deswegen »sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.“

Die fehlende Einheit unter den Christen ist gewiss eine Wunde für die Kirche; doch nicht in dem Sinn, dass ihre Einheit nicht da wäre, sondern »insofern es sie hindert, ihre Universalität in der Geschichte voll zu verwirklichen.

 

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ANTWORTEN AUF FRAGEN ZU EINIGEN ASPEKTEN

BEZÜGLICH DER LEHRE ÜBER DIE KIRCHE

(2007)

 

4. Frage: Warum schreibt das Zweite Vatikanische Konzil den Ostkirchen, die von der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche getrennt sind, die Bezeichnung „Kirchen“ zu?

Antwort: Das Konzil wollte den traditionellen Gebrauch dieser Bezeichnung übernehmen. „Da nun diese Kirchen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, und zwar vor allem kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Gemeinschaft bis heute mit uns verbunden sind“, verdienen sie den Titel „Teil- oder Ortskirchen“ und werden Schwesterkirchen der katholischen Teilkirchen genannt.

„So baut die Kirche Gottes sich auf und wächst in diesen Einzelkirchen durch die Feier der Eucharistie des Herrn“ Weil aber die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche, deren sichtbares Haupt der Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus ist, nicht eine bloß äußere Zutat zur Teilkirche ist, sondern eines ihrer inneren Wesenselemente, leidet das Teilkirchesein jener ehrwürdigen christlichen Gemeinschaften unter einem Mangel.

Andererseits wird durch die Trennung der Christen die katholische Universalität – die der Kirche eigen ist, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird – in ihrer vollen Verwirklichung in der Geschichte gehindert.

 

5. Frage: Warum schreiben die Texte des Konzils und des nachfolgenden Lehramts den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, den Titel „Kirche“ nicht zu?

Antwort: Weil diese Gemeinschaften nach katholischer Lehre die apostolische Sukzession im Weihesakrament nicht besitzen und ihnen deshalb ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins fehlt. Die genannten kirchlichen Gemeinschaften, die vor allem wegen des Fehlens des sakramentalen Priestertums die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, können nach katholischer Lehre nicht „Kirchen“ im eigentlichen Sinn genannt werden.

 

Quelle: www.vatican.va

2. Die Orthodoxe Kirche

 

2.1.      Einführung

2.1.1.     Name

Die Orthodoxe Kirche versteht sich als rechtgläubig im Sinne der Fortsetzung bzw. Identität mit der Alten Kirche. Diese Identität wurde und wird insbesondere gegenüber den ‚Neuerungen‘ innerhalb der westlichen Kirche (filioque, Papstverständnis etc.) betont, die man kategorisch ablehnt. Zum definitiven Bruch zwischen Ost- und Westkirche kam es m Jahre 1054. Diesem Bruch war allerdings bereits ein langer Prozess gegenseitiger Entfremdung vorausgegangen.

 

2.1.2.     Verbreitung

Die orthodoxe Christenheit umfasst etwa 260 Millionen Menschen, womit sie die zweitgrößte Konfessionsfamilie der Welt darstellt. Teilt man die weltweite Christenheit hingegen in Katholiken, Protestanten und Orthodoxe ein, so bilden die Orthodoxen mit nur etwa 12% die kleinste Gruppierung (gegenüber ca. 50% und ca. 37%), womit sie ihren Anteil gegenüber 1910 (20%) fast halbiert haben. Der Grund für den prozentualen Rückgang ist vor allem der Umstand, dass sich das orthodoxe Christentum größtenteils auf den europäischen Raum konzentriert. Während die ‚westlichen‘ Konfessionen nach Amerika, Afrika und Ostasien vordrangen und von dem dortigen Bevölkerungswachstum profitierten, blieb die orthodoxe Kirche im Wesentlichen eine europäische Kirche und erlebte die religiöse Krise des Kontinents im 20. Jahrhundert stärker als die übrigen Konfessionen mit. Dennoch hat sie sich von der ehemaligen Sowjetherrschaft erstaunlich gut erholt, insbesondere in Russland, wo heute mit über 100 Millionen orthodoxen Christen mehr als ein Drittel der orthodoxen Weltbevölkerung lebt.

Aus ekklesiologischer Sicht gibt es nur eine Orthodoxe Kirche, die denselben Glauben und dieselbe Liturgie teilt. In ihrer konkreten Ausformung ist die Orthodoxe Kirche aber in verschiedenen Lokalkirchen (siehe unten) organisiert, die sich selbständig verwalten (autokephal), aber untereinander in vollständiger Glaubens- und Sakramentsgemeinschaft stehen. Der Patriarch von Konstantinopel gilt als Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, hat aber, anders als der Papst in der römisch-katholischen Kirche, keinerlei Weisungsbefugnis gegenüber den einzelnen Lokalkirchen.

 

Die vier alten Patriarchate:

  1. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel
  2. Das Patriarchat von Alexandrien
  3. Das Patriarchat von Antiochien
  4. Das Patriarchat von Jerusalem

 

Weitere autokephale Patriarchate:

  1. Das Patriarchat von Moskau (Russische Orthodoxe Kirche)
  2. Das Patriarchat von Belgrad (Serbische Orthodoxe Kirche)
  3. Das Patriarchat von Bukarest (Rumänisch Orthodoxe Kirche)
  4. Das Patriarchat von Sofia (Bulgarische Orthodoxe Kirche)
  5. Das Patriarchat von Georgien (Georgische Orthodoxe Kirche)

 

Weitere autokephale Kirchen:

  1. Die Kirche von Zypern
  2. Die Kirche von Griechenland
  3. Die Kirche von Polen
  4. Die Kirche von Albanien
  5. Die Kirche von Tschechien und der Slowakei

 

2.1.3. Charakteristika

Zwar sind die orthodoxen Kirchen keineswegs so homogen, wie es auf den Blick erscheinen mag, doch gibt es dennoch einige Merkmale, die typisch für das Glaubensleben der orthodoxen Christen in den unterschiedlichen Nationalkirchen ist.

Insbesondere das Heilsverständnis der orthodoxen Welt unterscheidet sich fundamental von dem der westlichen Christenheit. Die lateinische Christenheit (Katholiken wie Protestanten) versteht und beschreibt die Beziehung zwischen Gott und Mensch vor allem mithilfe juristischer Begrifflichkeiten (Richter, Gerechtigkeit, Rechtfertigung etc.). Die griechische Tradition denkt hingegen eher in ontologischen Kategorien. Das ist im Übrigen einer der Gründe, warum eine Debatte um das rechte Verständnis der Rechtfertigung, wie sie im Zuge der Reformation in Westeuropa ausgetragen wurde, in der orthodoxen Theologie niemals aufkam und terminologisch geradezu undenkbar ist. Die orthodoxe Lehre betont weniger die Rechtfertigung des Menschen vor Gottes Gericht, sondern stärker die Vergöttlichung des Menschen, wobei unter Vergöttlichung die vollkommene Gemeinschaft mit Gott, die Teilhabe des Menschen an der Herrlichkeit Gottes zu verstehen ist. Es herrscht, insbesondere im Vergleich mit der protestantischen Tradition, ein positiveres Menschenbild, ohne jedoch in den pelagianischen Irrtum zu verfallen, der Mensch könne sich selbst erlösen. Vielmehr wird das Prinzip des Zusammenwirkens zwischen göttlicher Gnade und menschlichem Bemühen betont. In der Christologie steht entsprechend nicht die Satisfaktion durch den Tod Christi im Vordergrund, sondern die Inkarnation und die Auferstehung. Eine ausgebaute Eschatologie ist der orthodoxen Theologie eher fremd. Christus hat der todesverfallenen Welt das unsterbliche, göttliche Leben gebracht. Gott wurde Mensch, auf dass der Mensch vergöttlicht werde.

Aus diesem Grundgedanken heraus erklären sich auch die anderen Charakteristika orthodoxer Theologie, wie etwa die hohe Bedeutung der Liturgie. Wer schon einmal in einem orthodoxen Gottesdienst war, dem wird wohl vor allem die (für Angehörige anderer Konfessionen mitunter übertrieben lang wirkende) Liturgie in Erinnerung geblieben sein. Die irdische Kirche ist nach orthodoxem Verständnis niemals ohne die himmlische zu denken, weshalb man etwa das juristisch geprägte Kirchenverständnis der römisch-katholischen Kirche als defizitär ansieht. Im gottesdienstlichen Raum wird die himmlische Kirche durch die liturgischen Gebete und Gesänge präsent, die himmlische Welt der Engel und der Heiligen berührt für einen Moment die irdische. Liturgische Elemente haben in der orthodoxen Kirche den Rang dogmatischer Gültigkeit. Dieser hohe Stellenwert der Doxologie und Spiritualität übt seit einigen Jahrzehnten eine verstärkte Faszination auf die westliche Christenheit aus, die, insbesondere in ihrer protestantischen Ausformung, ein gewisses spirituelles Defizit nicht verleugnen kann.

Schließlich erklärt sich hieraus auch der weitaus höhere Stellenwert, den Bilder im orthodoxen Glaubensleben einnehmen. Werden diese in der westlichen Kirche, sofern sie nicht gänzlich verworfen werden, häufig eher als Hilfestellung zum Verständnis der biblischen Überlieferung für die Leseunkundigen (biblia pauperum) betrachtet, gelten sie im orthodoxen Christentum als eine Erscheinungsform des Himmlischen in der irdischen Welt. Die Schau des Göttlichen spielt eine größere Rolle als das Hören des Wortes. Die Ikonen sind Fenster zum Himmel. Das maßgebliche Urbild ist Christus selbst. Sämtliche Christusikonen sind somit Abbilder dieses Urbildes, die mit diesem in ontologischer Verbindung stehen. Die Ikonen sind jedoch nicht anzubeten, sondern lediglich zu verehren.

2.2.Quelle

Bischof Theophan der Klausner (1815-1894) zählt zu den bedeutendsten geistlichen Schriftstellern der Orthodoxen Kirche. In seinem Hauptwerk „Weg der Rettung“ entwickelt er eine Übersicht über den Weg zur christlichen Vollkommenheit in Form der Asketik.

 

KAPITEL 8

Der Beginn des Aufstiegs zu einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott

Der Bekehrte richtet nun, nachdem er sich innerlich gefestigt hat, die Kraft seines Feuereifers darauf, sich von Unreinheiten und Leidenschaften zu lösen, seine Kräfte zu befreien und sie in gottgefälligen Tätigkeiten zu stärken. Dieses Werk nimmt all seine Aufmerksamkeit, seine Mühen und seine Zeit in Anspruch. Dem Ausmaß entsprechend, in welchem er sich an dieses Tun gewöhnt hat, wie auch beim Ordnen und Organisieren seines inneren Zustandes, wird er auf natürliche Weise mehr und mehr in sein Inneres gehen, sich dort sammeln und einen Anfang unablässiger innerer Konzentration legen. Sich in das Innere begeben: dies ist das Ziel der Askese im Anfangsstadium.

Der Mensch beginnt sich innerlich zu festigen, und zur selben Zeit wird ihm nach und nach das Hauptziel offenbart, was er suchen sollte und zuvor hinter einer Vielzahl von Aktivitäten verborgen war. Unserem Maß der Lösung von den Leidenschaften entsprechend, erscheint das Ziel auf natürliche Weise als die wichtigste Bestrebung und Neigung unseres Geistes, und alle Mühe wird aufgewendet, um ihren Umkreis zu erweitern. Dieses Ziel und das Streben danach, ist die Anziehung[1] zu Gott als dem höchsten Gut. Diese Anziehung ist nur unter der Bedingung möglich, daß die Süße des Lebens in Gott erfahren wird, oder ein Geschmack dessen, wie gut Gott ist – und daher ist sie nicht sofort in ihrer ganzen Fülle vorhanden. Zuerst wird der Mensch von Furcht umhüllt; er dient wie ein Knecht, aus Zwang und Pflicht heraus, derer er sich im Augenblick seines Erwachens bewußt wurde. Dann vermindert sich die Furcht – ohne jedoch ganz zu verschwinden – und gibt den Weg frei, Süße in der Arbeit für den Herrn zu empfinden. Dies ist der Anfang der lebendigen Ankunft in Gott, des Reifens dieses strahlenden Ziels. Wenn diese Anziehung auftaucht, beginnt sie von selbst innerhalb jener Strukturen, in welchen es geboren wurde, zu wachsen. Doch sollte man nicht darauf warten, daß dies von sich aus geschieht, um dann erst mit der Arbeit zu beginnen. Nein, der Mensch sollte sich auf die zuvor dargestellte Weise mühen, um schneller zur Entfaltung dieser Sehnsucht zu gelangen. Der Großteil des innerlich angewandten Tuns ist auf dieses Ende hin ausgerichtet. Alle anderen Mühen können dem Asketen – solange sie nicht die innere Sammlung unterbrechen – hilfreich sein, diese Anziehung zu allem Göttlichen und allem, was zur Verherrlichung Gottes geschieht, zu schüren. Alles muß im Geist dieses Werkes geschehen, sonst bleibt es fruchtlos. Das ist besonders wichtig, weil der Mensch diese Anziehung nicht ohne die innere Stärke, die in ihn eingepflanzt wurde, bewahren kann. So können die vorherigen asketischen Anstrengungen die Anziehung zu Gott zur Entfaltung bringen, doch sie müssen auf diese besondere innere Verfassung ausgerichtet sein, die während der Askese selbst bewahrt werden muß.

1. DER AUFSTIEG ZU GOTT

Der Aufstieg des Geistes zu Gott – oder seine Anziehung zu Ihm – entfaltet sich in dem Maße, wie das innere Tun gestärkt wird. Er keimt wie ein Same darin und reift wie in gutem Boden. Um den inneren Zustand, der das Verlangen nach Gott zum Erwachen bringt, zu fördern, sollte man:

1)         Den Geist an die lebendige Gegenwart Gottes gewöhnen. Er möge sich dazu zwingen, unablässig auf Gott zu schauen, denn Er ist nahe; und er möge zu dem Empfinden aufsteigen, daß er von Gott auch geschaut wird. Diese Übung ist die Tür zu Gott, die Öffnung des Himmels für den Geist.

2)         Vollbringe alles zur Verherrlichung Gottes, und in nichts – weder äußerlich noch innerlich – beabsichtige irgend etwas anderes als diese Verherrlichung. Sie sollte der Maßstab jeder Anstrengung sein und auf alles sein Siegel setzen.

3)         Vollbringe alles im Bewußtsein, daß es im Willen Gottes liegt; schreite in diesem Willen voran und unterwirf dich ihm in allem und mit deiner ganzen Seele. Dem Willen Gottes gemäß handeln, umfaßt alles, was dem Menschen widerfährt. Zwinge dich in allem was du tust zu sehen, daß Gott dieses Werk von dir wünscht; empfange alles, was auch immer deinen Weg kreuzt, als aus der Hand Gottes kommend. Einen Menschen, eine Sache, ein Ereignis, Freude, Kummer – alles sollte mit Freude empfangen werden, indem du dich eifrig unterwirfst, friedvoll, heiteren Sinnes, auch wenn es dir widerwärtig erscheint.

Durch diese Art von geistlichem Handeln wird der Geist Gott immer klarer sehen und sich in der Schau Gottes festigen. Du wirst dich daran gewöhnen, geistig in der Schau Gottes und Seiner unendlichen Vollkommenheiten zu stehen. Diese Schau wird meistens während des Gebets gegeben, wenn man in Gottes Gegenwart steht, und sie reift auf dem Wege dieses Stehens. Dies ist der eigentliche Beginn des Aufstiegs zu einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott.

Zugleich mit der Schau Gottes erscheint und vervollkommnet sich eine ehrfürchtige Anbetung Gottes im Geist, wenn der Geist vor Ihm niederfällt, schmerzvoll in Selbstverleugnung zu Ihm als Sein Geschöpf aufschreit – doch nicht im Schmerz darüber, ihm sei gespottet worden und Gott hätte sich abgewandt, sondern im Bewußtsein, daß Gott ihn angenommen hat, Mitleid mit ihm hat und gnädig zu ihm ist. Dies wird einen unwiderstehlichen inneren Sog und eine Entrückung zu Gott zur Folge haben.

Die Anziehung zu Gott ist das Ziel. Doch zunächst besteht sie nur aus einer Absicht, einer Bestrebung. Sie sollte verwirklicht werden, lebendig, wie eine natürliche Neigung, die süß ist, ernsthaft und unwiderstehlich. Nur diese Art von Sog kann uns zeigen, daß wir an unserem Ort sind, daß uns Gott akzeptiert, daß wir dabei sind, zu Ihm zu gehen. Wenn Eisen von einem Magnet anzogen wird, bedeutet dies, daß es von der magnetischen Kraft berührt wurde. Dasselbe geschieht im geistlichen Bereich: Es ist nur offenkundig, daß Gott uns berührt, wenn diese lebendige Anziehung vorhanden ist – wenn der Geist alles verachtet und sich nach Gott ausstreckt und in Gott hinein erhoben wird. Dies geschieht nicht sogleich. Der Eifrige bleibt zunächst völlig sich selbst überlassen, obwohl das, was er tut, für Gott geschieht. Der Blick auf Gott ist nur ein geistiger. Der Herr hat ihm noch nicht von sich zu kosten gegeben, denn der Mensch ist noch nicht fähig, Ihn zu schmecken, weil er unrein ist. Er dient Gott sozusagen ohne Geschmackssinn. Dann aber, gemäß seinem Grad an Reinigung und der richtigen Haltung des Herzens, beginnt er eine Süße im gottgefälligen Leben zu finden; er lebt es voller Eifer und mit Liebe. Es wird zum Inhalt seiner Freude. Die Seele beginnt sich von allem abzuwenden, als wäre dort Frost, und es zieht sie zu Gott, der sie wärmt. Diese Anziehung wird durch die göttliche Gnade in den eifrigen Geist eingepflanzt. Er reift dadurch, daß die Gnade herabsteigt und ihn führt, und dies geschieht in der dargestellten Ordnung, durch welche sie genährt wird, auch wenn der Praktizierende selbst davon nichts bemerkt.

Das Anzeichen dieser Geburt ist: Bereitwillige, ruhige und ungezwungene innere Sammlung vor Gott, begleitet von einem Empfinden von Verehrung, Furcht, Freude und dergleichen. Früher mußte der Geist sich nach innen zwingen, nun aber ist er fest gegründet und steht dort, ohne abzuschweifen. Der Mensch ist nun glücklich, ganz allein mit Gott zu sein, fern von den anderen, ohne darauf zu achten, was außerhalb von ihm vor sich geht. Er erreicht das Reich Gottes in seinem Inneren, welches jener Frieden und die Freude im Heiligen Geist ist (Röm 14,17). Solch eine Versenkung in sich selbst oder in Gott wird als die Stille des Geistes oder die Entrückung in Gott bezeichnet. Dieser Zustand mag kommen und gehen, doch er sollte zu einem ständigen werden, denn er ist das Ziel. Gott ist in uns, wenn unser Geist wirklich in Gott ist, denn dabei handelt es sich nicht um eine gedachte Gemeinschaft, sondern um eine lebendige, stille, von allem losgelöste Versenkung in Gott. Wie ein Sonnenstrahl die Tautropfen fortnimmt, so entrückt der Herr den Geist, der mit Ihm in Berührung kommt. Mein Geist wurde entrückt, sagt der Prophet (Jes 3,12). Viele der Heiligen waren in einem Zustand des unablässigen Jubels in Gott, und auf andere fiel der Geist zeitlich begrenzt, aber oft. So beginnt jenes Verlangen nach Gott oder Eintreten in Gott zu reifen und sich durch die göttliche Gnade in jedem zu vervollkommnen, der Gott aufrichtig, mit gutem Gewissen und von Herzen sucht.

Die Reinigung des Herzens ist die wesentliche Voraussetzung, damit Gott, der das Herz zu sich zieht, es auch empfangen kann: Die im Herzen Reinen werden Gott sehen (Mt 5,8). Daher sind all die oben genannten vorgeschriebenen asketischen Mühen, Übungen und Werke zu dieser Vorbereitung notwendig und unverzichtbar. Sie sollten nur in der rechten Weise und zu diesem Ziel hin ausgeführt werden. Das Wichtigste ist das Bewachen des Herzens im Inneren, denn das Herz ist die Schatz-kammer eines eifrigen Geistes. Die Voraussetzung für echte podvigy, Übungen und Taten ist, daß sie von innen kommen, und der Erfolg im Kampf kommt gleichfalls nur von innen, da das beste Verfahren, um die Sehnsucht nach Gott zu entfalten, innerlich ist. Daraus folgt, daß das innere Tun der zentrale Sproß eines spirituellen, wahrhaft christlichen Lebens ist. Daher betrachten die Heiligen Väter dies als den einzigen Pfad zur Vervollkommnung. Seid nüchtern und wachsam, wacht und betet! (1 Ptr 5,8; Mk 14,38), spricht der Herr. Nüchternheit – oder die Bewachung des Herzens – ist das wichtigste Werk. Darauf zielt alles, was die Heiligen Väter sagen. Das Herz ist von allumfassender Wichtigkeit, denn was im Herzen ist, wird sich im Tun äußern.

Der entscheidende Schritt für den Aufstieg zu Gott, die eigentliche Schwelle zur Gemeinschaft mit Ihm, ist die vollkommene Hingabe seiner selbst an Gott. Daraufhin wird Gott selbst – mehr als der Mensch – zum Handelnden. Worin besteht alle Kraft, oder was ist es, was wir suchen? Die Gemeinschaft mit Gott, so daß Gott in uns wohnen und anfangen möge, in uns rege zu sein. Dann legt Er eine Art Gewand über unseren Geist, mit dem Er auch unsere Vernunft, unseren Willen und unsere Gefühle leitet; so daß alles, was Er wünscht und in uns bewirkt, Sein Werk ist und Er derjenige ist, der in allem alles vollbringt. Wir aber werden Seine Werkzeuge, die in Gedanken, Wünschen und Empfindungen, in Worten und Taten mit Ihm zusammenarbeiten. Dies ist es, was der Herr, der Meister aller Dinge, sucht, denn Er allein bewirkt alles in Seinen Geschöpfen durch Seine Geschöpfe. Jeder Geist, der sich selbst begreift, sollte gleichfalls danach streben.

Die Bedingung für diese Einwohnung und Regentschaft Gottes in uns – oder Sein Handeln in allem zu akzeptieren –, ist der Verzicht auf die eigene Freiheit. Ein freies Geschöpf handelt, seinem Bewußtsein und seiner Bestimmung entsprechend, aus sich selbst heraus, doch dies sollte so nicht sein. Im Reich Gottes kann es keinen geben, der aus sich selbst heraus handelt; Gott wird in allem handeln. Dies kann so lange nicht geschehen, solange die Freiheit für sich selbst steht – sie Gottes Kraft verleugnet und sich von ihr abwendet. Dieser hartnäckige Widerstand gegen die Kraft Gottes wird nur nachlassen, wenn unser freier oder aus sich selbst handelnder individueller Wille und unsere Aktivität vor Ihm niederfällt; wenn wir das entschlossene Gebet sprechen: „Erschaffe und wirke in mir, o Herr, wie Du willst, denn ich bin blind und schwach.“

In diesem Augenblick dringt die Kraft Gottes in den Geist des Menschen und beginnt ihr allumfassendes Werk. Daher ist die Bedingung für die Gemeinschaft mit Gott in uns die entschlossene Hingabe an Ihn.

Uns Gott zu überliefern, ist der innerlichste und wertvollste Schritt unseres Geistes. Er geschieht in einem Augenblick, wird aber nicht sofort erlangt. Er reift allmählich über eine längere oder kürzere Zeitspanne auf der Grundlage der rechten Vernunft und der christlichen Praxis. Der Anfang wird bei der ersten Bekehrung gelegt, wenn der Büßende sein Versprechen ablegt und unweigerlich sagt: „Ich will dem Bösen fliehen und das Gute tun; nur lasse mich nicht ohne Deine gnadenvolle Hilfe.“ Mit dieser Einstellung geht der Christ in das Feld der asketischen Anstrengungen und arbeitet eifrig, Gottes Hilfe erwartend. Doch es ist offenkundig, daß dieser Eifer zuerst kommt, während Gottes Gnade folgt.

Zuerst hat der Mensch Eifer, später aber sagt er: „Du selbst, o Herr, der alle Dinge weiß, erwirke meine Rettung. Ich werde gehen wie einer, der gebunden ist, wohin auch immer Du willst.“ Dies ist jener Schritt der entschlossenen Hingabe an Gott. Die erste Art von Tätigkeit ist edel und schön – und so fruchtbar! Sie ist daher in der Lage, den Menschen auf ewig an sich zu binden. Doch hüte dich davor, denn es wäre, als würde man sich an harter Erde abmühen – viel Sand und Steine, aber kein Leben. Nachdem man sich davon abgewandt hat, muß man zur Hingabe an Gott voranschreiten. Es ist wahr, man kann von sich aus in einem gewissen Ausmaß während des Verlaufs dieses ersten Werkes wachsen. Man muß dieses Wachstum freilich pflegen und erleichtern, oder besser – akzeptieren, was sich entwickelt hat und gewachsen ist. Auch dann ist Gott der Handelnde, denn ohne Ihn sind wir nichts. Doch der Mensch sagt: „Ich wählte es, ich wollte es, ich mühte mich, und Gott half.“ Wollen, wählen und Anstrengungen sind gute Werke und daher göttlich; aber der Mensch denkt, daß dieses Vollbringen aus seiner eigenen Kraft kommt, aus seinen Mühen und Anstrengungen hervorge-gangen ist.Dies ist auch der Verfassung des Anfängers entsprechend notwendig und nach Gottes Absicht. Der Anfänger möchte für Gottes arbeiten, um Ihm zu dienen – und er müht sich. Dadurch entwickelt er gute Hoffnung und sozusagen die Kühnheit, Gott zu schauen. Doch es soll offen-kundig nicht so bleiben. Es ist notwendig, daß er nicht in seiner anfänglichen Haltung verharrt, sondern, ohne in diesem Eifer nachzulassen, sich Gott unterwirft und Seinem Ruf gehorcht. Er muß sich daran gewöhnen, Gottes Eingebungen und Neigungen zu folgen. Der Herr deutet dies geheimnisvoll an, wenn er zu Petrus sagt: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst (Jh 21,18).

Daher ist der innere Aufstieg vom Feuereifer zur eifrigen Hingabe an Gott nichts anderes als die Offenbarung und die Bewußtwerdung von Gottes Werk in uns, beziehungsweise, daß Er unsere Errettung und Läuterung bewirkt. Der Eifrige erfährt diese Wirklichkeit durch seine häufigen Verfehlungen, die ihm trotz all seiner Anstrengungen unterlaufen, und zugleich durch unerwartete und große Erfolge, die ihm ohne besondere Mühe zufallen. Fehler und Stürze sind besonders erhellend, da sie uns der Gnade berauben. All diese Dinge bringen den Menschen zum Gedanken und Glauben, daß er nichts ist, während Gott und Seine allmächtige Gnade alles ist.

Dies ist der Punkt, an dem die Vorbereitung für den Unterricht in der Hingabe an Gott zum Abschluß gelangt. Sie ist nicht möglich, solange der Mensch nicht zu der Empfindung vordringt, nichts zu sein. Seinerseits kann man folgendes anwenden: Beobachte, wie verschiedene Angelegenheiten und Ereignisse ablaufen, um in ihnen die Kraft Gottes zu erkennen. Versenke dich mit starkem Glauben in die Voraussetzungen der Rechtfertigung, bis zu dem Punkt, an du aufschreist: Der Du alle Dinge weißt, rette mich. Vergegenwärtige dir die unzählige Menge von Feinden, die verborgenen Pfade, die Finsternis vor den Augen, die verwirrenden Wegkreuzungen und Gottes geheime Absichten. Auch durch die folgenden geistigen Vorbereitungen empfangen jene, die sie vollbringen, besondere Kraft, nämlich: allen Besitz fortgeben, sich der allgemeinen Verachtung aussetzen (Torheit um Christi willen), Einsiedlerdasein, in der Wüste (Wildnis) wohnen. Dies sind die Momente im Leben, nach denen man sich nirgendwo anders hinwenden kann als zu Gott. All diese Menschen übergeben sich direkt in die Hand Gottes und werden von Ihm empfangen. In diesem Fall ist die Hilfe durch einen Führer unschätzbar, wenn er für den ihm Anvertrauten unsichtbar, Bedingungen schafft, die dieser nur durch Gottes unsichtbare Hilfe bewältigen kann. Die frühen Väter sagten: Der Führer sollte Novizen Gelegenheiten geben, Kronen zu erlangen. Das Empfinden der eigenen Nichtigkeit und der Hingabe an Gott entfaltet sich am besten unter ständigen Kümmernissen und besonders durch äußerst harte, durch die Vorsehung verliehene Kreuze, worüber wir bereits gesprochen haben.

Wer sich Gott hingegeben hat, oder wem diese Gabe gewährt wurde, fängt an, ein aus Gott Handelnder zu sein und in Ihm zu wohnen. Der freie Wille wird nicht zerstört, sondern existiert noch, denn die Selbsthingabe ist kein endgültiger, unwiderruflicher Schritt, sondern er wird ständig wiederholt. Der Mensch übergibt sich Gott, und Gott empfängt ihn und wirkt in ihm oder durch seine Kräfte. Darin besteht das Leben unseres wirklichen und wahren Geistes. Wer sich in die Hände Gottes übergibt, empfängt von Gott etwas und handelt gemäß dem, was er empfängt. Das Leben in Gott ist eine lebendige Einheit: die Befestigung der ganzen eigenen Existenz – Geist, Herz und Wille. Es tritt entsprechend der eigenen Hingabe hervor. Während es allmählich wächst, wird man unweigerlich zu Gott empor gehoben, zum Zustand, von Ihm angenommen zu sein. Dies geschieht auch schon im Verlauf des ersten Werkes. Und so ist es in der Tat – das Leben in Gott ist ein erhabenes. Doch wiederum wird von uns gefordert, daß wir im Einklang damit selbst tätig werden bzw. sehr schnell reifen. Der Wirkungskreis der Gemeinschaft mit Gott, das Reich in welchem er sich entfaltet und wächst, ist das innere geistig-geistliche Gebet. Wer betet, wohnt in Gott, und folglich ist er bereit und dazu befähigt, daß Gott in ihm wohnt. Doch diese Art von Gebet ist nicht dasselbe wie das einfache Sprechen von Gebeten. Es ist ein besonderes geistliches Werk, zu dem weniger angeleitet wird, sondern das für den Lehrer wie für den Schüler unmerklich reift. Darin besteht, könnte man sagen, die abschließende Stufe der asketischen Regeln. Wenn das Gebet kommt und sich selbst festigt, ist Gott eins mit unserem Geist. Die Regeln führen nur bis zu diesem Anfang; was bis zur Vollendung geschieht ist verborgen, bleibt unsichtbar wie Moses hinter den Wolken.

2. LEBENDIGE GEMEINSCHAFT MIT GOTT IM ZUSTAND DER HESYCHIA, AUS DER DIE LEIDENSCHAFTSLOSIGKEIT HERVORGEHT

Wer begonnen hat, dieses vom Willen unabhängige innere Hingezogensein und die Entrückungen zu Gott zu erfahren, und besonders, wer sich schon Gott überliefert hat und das unablässige Gebet zu erfahren beginnt, ist bereit und fähig, in die hesychía [Stille des Geistes, Schweigen] einzutreten. Nur ein solcher Mensch ist stark genug, diesen asketischen Kampf zu erdulden und ihn fruchtbar werden zu lassen. Es ist unmöglich, einen solchen Menschen in einem Koenobium oder in einer anderen Art von gemeinschaftlichem Leben festzuhalten.

Was zog den hl. Arsenios den Großen von den Menschen fort? Es war dieses innere Verlangen nach Gott. „Ich liebe euch“, sagte er, „aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen zusammensein.“ Der hl. Johannes Klimakos sagt: „Der echte Hesychast wünscht, nicht gehindert zu werden, an der Süße Gottes teilzuhaben. So entfernt er sich von allen Menschen, jedoch ohne Haß, wie andere eifrig zu ihnen hineilen.“

Wir wollen das folgende aus der 27. Stufe der Leiter zitieren, um das Wesen der hesychia besser zu verstehen:

„Es gibt die äußere hesychia, wenn jemand alles verläßt und in der Einsamkeit lebt, und es gibt die innere hesychia, wenn man im Geist allein mit Gott wohnt, nicht auf eine gezwungene Weise, sondern frei, so wie die Brust frei atmet und das Auge frei sieht. Diese beiden gehören zusammen, doch die erste ist ohne die zweite unmöglich. Daher ist der eigentliche Hesychast jemand, dessen Wesen unkörperlich ist, während er seine Seele noch in den Grenzen des körperlichen Hauses bewahrt. Die Zelle des Hesychasten möge seinen Leib einschließen; und dieser letztere besitzt in sich den Schrein der Erkenntnis.“

Die hesychia zieht jene, die noch nicht die Süße Gottes gekostet haben, nicht an, und wer seine Leidenschaften noch nicht überwunden hat, kann diese Süße nicht kosten. Wer in der Seele von irgendeiner Leidenschaft krank ist und die Stille des Geistes anstrebt, ist wie ein Mann, der aus einem Schiff in die See springt und denkt, er könnte auf einer Planke sicher das Ufer erreichen. Wer noch durch Gereiztheit und Überheblichkeit, durch Heuchelei und Nachtragen beunruhigt wird, sollte niemals wagen, den Fuß auf den Weg der Stille zu setzen, damit er nicht in die Raserei des Geistes gerät.

Es gibt Heychasten, die ihr flammendes Verlangen nach Gott unersättlich – ohne jedes Hindernis – durch die Stille nährten, wobei unablässig Feuer durch Feuer entflammten, Eifer durch Eifer, Verlangen durch Verlangen. Daher kann man sagen: Der „Hesychast ist das irdische Bildnis eines Engels, in der Charta des Verlangens mit der Unter-schrift des Eifers hat er sein Gebet von Trägheit und Nachlässigkeit befreit. Der Hesychast ist jener, der geistbewegt verkündet: O Gott, mein Herz ist bereit (Ps 56,8). Der Hesychast ist derjenige, welche spricht: Ich schlafe, doch mein Herz wacht (Hohelied 5,2).“

So ist der Hesychast völlig damit beschäftigt, mit dem Herrn zu sein, mit dem er von Angesicht zu Angesicht spricht, wie ein Günstling des Kaisers in dessen Ohr. Dieses Tun des Herzens wird davon umgeben und geleitet, daß man die Stille des Denkens bewahrt. Die gute Ordnung der Gedanken und das nicht beraubte Gedenken des Göttlichen bilden das Wesen der hesychia und des von den Sorgen Losgelöstseins. „Nimm deinen Sitz an einem erhöhten Ort ein, dann wirst du sehen, auf welche Weise, wann, woher, wie viele und welche Arten von Feinden kommen, um einzudringen und deine Weintrauben zu stehlen. Wenn der Wächter müde wird, steht er auf und betet; und dann setzt er sich wieder und nimmt mutig seine vorige Arbeit erneut auf.“

Wer die segensreiche Stille liebt, geht über in die Tätigkeit der geistigen Mächte und ahmt ihr Leben nach. In Ewigkeit werden sie nicht des Lobpreises des Schöpfers überdrüssig. So wird auch jener, der in den Himmel der hesychia aufgestiegen ist, nicht müde, den Lobpreis des Schöpfers zu singen.

Doch ein unermüdliches Gebet und die Bewahrung des Herzens können niemals erlangt werden, solange das Herz nicht völlig frei von weltlichen Sorgen ist. Man kann diese beiden nicht auf rechte Weise ausüben, wenn man nicht das dritte [die Freiheit von Sorgen] erlangt hat, so wie jemand, der das Alphabet nicht kennt, keine Bücher zu lesen vermag. „Ein kleines Haar stört das Auge, und eine kleine Sorge zerstört die Stille.“ Wer wünscht, seinen Geist Gott rein darzustellen und von Sorgen beunruhigt wird, ist wie ein Mann, der seine Beine fest zusammengebunden hat und sich dann vornimmt, schnell zu laufen. Daher beginnt der wahre Hesychast damit, sich Gott zu überliefern und tief im Herzen zu glauben, daß es Gott ist, der für ihn vorsorgt.

Einzig diejenigen, die sich mit der Stille vereinigt haben, um sich an der Liebe Gottes zu erfreuen und den Durst nach dieser Liebe zu stillen, indem sie, so wie sie sind, zu deren Süße hingezogen werden, sind wahre Hesychasten. Wer mit Vernunft in die Stille eintritt, wird bald ihre Früchte kosten, nämlich: ein ungestörter Geist, reine Gedanken, Entrückung zu Gott, unerschöpfliches Gebet, eine unverletzliche Wache, unablässige Tränen, und so fort.

Auf diese Weise entfaltet sich die Neigung zum gesegneten Stehen vor Gott. Auf dem Weg dorthin ist die Reinigung von den Leidenschaften mittels aller asketischen Anstrengungen erforderlich, die das Gute stärken und das Böse in uns vernichten. Der direkte Zugang ist die Hingabe seiner selbst an Gott, nachdem man sich von allen Sorgen befreit hat. Sein Wesen ist ein völlig ungestörtes Stehen im Gebet vor Gott im Geist und Herzen, wodurch Feuer durch Feuer genährt wird.

Das Brennen des Geistes, das von der Berührung mit Gott herrührt, reinigt den Menschen mit verzehrender Kraft und erhebt ihn in einen Zustand der Leidenschaftslosigkeit. Unsere Natur schmilzt in diesem Feuer wie ungereinigtes Metall in einem Schmelzofen, worauf sie in himmlischer Reinheit strahlend herauskommt, welche den Menschen zu einem Wohnort Gottes bereitet.

Auf dem Pfad der lebendigen Gemeinschaft mit Gott wartet unvermeidlich die Stille. Auch wenn sie nicht immer das gewöhnliche Bild des asketischen Lebens bietet, ist sie stets ein Zustand, in dem die innere Sammlung und die Vertiefung des Geistes durch den Geist Gottes zur seraphischen Reinheit und brennenden Liebe zu Gott und in Gott führt.

Dieses Feuer wird im Augenblick der Bekehrung eingepflanzt und beginnt wirksam zu werden, wenn der Mensch sein Versprechen ablegt und seine Arbeit aufnimmt. Doch es ist eine anfängliche Wärme, die kommt und sich dann wieder verbirgt. Sie fährt fort, durch seine Mühen zu wirken und das Herz zu läutern; andernfalls wäre der Mensch nicht fähig, diese Mühen auszuhalten. Doch sie kann zunächst wegen der Kälte der Leidenschaften, die noch im Menschen vorherrschen, nicht in all ihrer Kraft in Erscheinung treten. Sie entfaltet ihre ganze Wirkung erst dann, wenn die Leidenschaften völlig verschwinden. Die erste Wärme ähnelt nassem und aufgeweichtem Feuerholz, wenn es brennt, während die zweite Wärme wie das Brennen desselben Holzes ist, nachdem das Feuer es getrocknet hat und nun völlig durchdringt. Um einen anderen Vergleich anzustellen: Die erste Wärme ist wie das Erhitzen von Wasser, das Eis enthält – die Wärme ist zwar vorhanden, doch das Wasser kocht nicht und wird auch so lange nicht kochen, bis das Eis nicht geschmolzen ist. Wenn das Eis schmilzt, durchdringt die Wärme die ganze Wassermenge und heizt sie mehr und mehr auf. Dann kocht das Wasser und wird gereinigt. Solcherart ist die zweite Wärme. Diese beiden Bilder über die Wirkung des Feuers auf Materie, zeichnen die Wirkung des geistlichen Brennens in einem Menschen während der letzten Stadien der christlichen Vervollkommnung nach, die zur vollkommenen Reinheit und Leidenschaftslosigkeit führen.

Das Material der Leidenschaften wird zerstört, wenn es das göttliche Feuer aufzehrt. Und während dieses Material getilgt und die Seele geläutert wird, beruhigen sich alle Leidenschaften.

Dies ist die Bedeutung der Leidenschaftslosigkeit, dem Wort des hl. Johannes Klimakos (Stufe 29) entsprechend: „Die Leidenschaftslosigkeit ist die Auferstehung der Seele vor dem Körper.“

Die Auferstehung der Seele sollte als der Exodus aus dem Alten [im Sinne des Alten Menschen gemäß dem hl. Paulus] bezeichnet werden. Wenn der Neue Mensch zum Dasein gelangt, wird vom Alten Menschen nichts übrigbleiben, gemäß dem Spruch: Und Ich werde dir ein neues Herz geben und einen neuen Geist in dich legen (Ez 36,26) (siehe beim hl. Isaak dem Syrer, [Asketische Rede 37]).

Diese vollständige, doch zugleich immer noch wachsende Vollkommenheit jener, die sich im Herrn vervollkommnen, erleuchtet den Geist und entrückt ihn vom Materiellen auf eine Weise, daß sie oft aus dem physischen Leben herausgehoben und der himmlischen Schau gewürdigt werden.

Der Apostel deutet auf die Leidenschaftslosigkeit, wenn er schreibt: Doch wir haben den Geist Christi (1 Kor 2,16). Auch der syrische Asket (der hl. Ephrem) wies darauf hin, als er aufschrie: „Erweiche mein Herz mit den Wogen Deiner Gnade!“

Derjenige, der allen Dingen gegenüber leidenschaftslos geworden ist, die die Leidenschaften erwecken und nähren, ist dermaßen unempfindlich geworden, daß sie keine Wirkung mehr auf ihn ausüben, auch wenn sie unmittelbar vor seinen Augen erscheinen. Der Grund dafür liegt an seiner völligen Vereinigung mit Gott. Selbst wenn er in ein Haus voller Huren gelangen würde, fühlte er nicht nur keine Anfechtungen der Leidenschaften, sondern vermag sogar die Hure zu einem reinen und asketischen Leben zu führen.

Wem gewährt wurde, in diesem Zustand zu sein, obgleich er noch immer mit verderblichem Fleisch bekleidet ist, ist ein Tempel des lebendigen Gottes, und Gott leitet ihn in all seinen Worten, Taten und Gedanken. Aufgrund seiner inneren Erleuchtung gelangt der Asket dahin, den Willen des Herrn zu kennen, als ob er eine gewisse Stimme hören würde, und er spricht, über alle menschlichen Lehren hinausgehend: Wann werde ich kommen und vor Gottes Antlitz erscheinen? (Ps 41,3) Denn nicht länger vermag ich die Wirkungen des Verlangens zu ertragen, doch ich suche jenes unsterbliche gute Dasein, das Du mir gewährtest, bevor ich in das Verderben stürzte. Doch warum noch mehr darüber sprechen! Der Leidenschaftslose kann sagen, nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den orthodoxen Glauben bewahrt (2 Tim 4,7).

3. LEIDENSCHAFTSLOSIGKEIT IST DER HIMMLISCHE PALAST DES HIMMLISCHEN KÖNIGS

Dies ist schließlich die Gemeinschaft mit Gott und die Einwohnung Gottes – das letztendliche Ziel der geistlichen Suche des Menschen, wenn er in Gott verweilt und Gott in ihm. Nun, am Ende haben sich der gütige Wille des Herrn und Sein Gebet erfüllt, so daß, wie Er im Vater und der Vater in Ihm ist, auch jeder Gläubige mit Ihm eins sei (vgl. Jh 17,21). Seine tröstliche Verheißung ist erfüllt: Wer auch immer Seine Gebote bewahrt, Seinen Vater liebt, zu dem werden Er und Sein Vater kommen und Wohnung in ihm nehmen (vgl. Jh 14,21). Erfüllt ist die tröstliche Gewißheit des Apostels, daß das Leben jener, die in Leidenschaftslosigkeit sterben, verborgen mit Christus in Gott sei (vgl. Kol 3,3). Solche sind Tempel Gottes (vgl. 1 Kor 3,16), und der Geist Gottes lebt in ihnen (vgl. Röm 8,9).

Jene, die dies erreicht haben, sind Gottes Eingeweihte, und ihr Zustand ist wie jener der Apostel, da auch sie den Willen Gottes begreifen; sie vernehmen ihn in Form einer gewissen inneren Stimme,* und, da sie ihre Sinne völlig mit Gott vereinigt haben, lernen sie auf verborgene Weise von Ihm Seine Worte. Solch ein Zustand wird durch die flammende Liebe bezeugt, in der sie mutig bekennen: Wer kann uns von der Liebe Christi trennen? (Röm 8,35). Und die Liebe verleiht die Prophetengabe, sie ist die Ursache der Wundertätigkeit, ein Abgrund der Erleuchtung, die Quelle des göttlichen Feuers, und in dem Maße, in dem sie aufwallt, entflammt sie die dürstende Seele.

Obschon solch ein Zustand die Frucht der Stille ist, wenn sie mit Verstand geübt wird, läßt Gott nicht alle Hesychasten auf ewig in der hesychia. Diejenigen, welche die Leidenschaftslosigkeit durch die Stille erlangt haben, und durch die Leidenschaftslosigkeit der innigsten Gemeinschaft mit Gott und der Einwohnung Gottes würdig geworden sind, werden aus der Stille abberufen, um jenen, die die Rettung suchen, zu dienen. Sie dienen diesen Suchenden, erleuchten sie, führen sie, wirken Wunder. Der hl. Antonius der Große und der hl. Johannes in der Wüste hörten beide eine Stimme mitten in ihrer Stille, die sie hinausrief, damit sie sich in den Dienst jener, die sich auf dem Weg zur Errettung befanden, stellten – und wir alle kennen die Früchte ihrer Bemühungen. Dasselbe geschah mit vielen anderen.

Wir kennen auf Erden nichts Höheres als diesen apostolischen Zustand. Hier beschließen wir unseren Überblick über die Ordnung eines gottgefälligen Lebens.

 

Quelle: Theophan der Klauser, Der Weg zur Rettung. Eine Anleitung, Ins Deutsche übertragen von Johannes A. Wolf, Apelern: Verlag Johannes A. Wolf, 42008. S. 260-272.

 

3. Die Anglikanische Kirche

 

3.1. Einführung

Die anglikanische Kirche ist in mehrfacher Hinsicht eine einzigartige Gestalt innerhalb der christlichen Konfessionen. Zum einen ist sie die einzige Kirche, die nicht nach einem theologischen Konzept oder einem Gründer benannt ist, sondern nach der Zugehörigkeit zu einer Nation – die allerdings heute nicht mehr maßgeblich ist. Zum zweiten lässt sie sich als einzige Kirche nicht in eine der großen Konfessionsfamilien (katholisch, orthodox, protestantisch) einordnen, da sie sich bewusst als Mittelweg zwischen der katholischen und evangelischen Lehre versteht (siehe Charakteristika).

 

3.1.1.     Entstehung

Obwohl die „Church of England“ erst im Jahre 1534 durch Heinrich VIII. gegründet wurde, betrachten Anglikaner ihre Kirche nicht als ein Produkt der Reformation, sondern führen sie auf die Anfänge des Christentums im ersten Jahrhundert zurück und sehen sie somit in der apostolischen Sukzession stehend. Tatsächlich dürften nach der römischen Invasion Britanniens im Jahre 43 n. Chr. dort bald auch erste christliche Gemeinden entstanden sein. Sicher ist, dass bereits im Jahre 314 britische Bischöfe am Konzil von Arles teilnahmen. Im Jahre 596 schließlich erreichte der Mönch Augustinus (nicht zu verwechseln mit Augustinus von Hippo) auf Geheiß Papst Gregors I. als Missionar die Britischen Inseln und wurde 601 der erste Erzbischof von Canterbury. Bis heute schwören die Erzbischöfe von Canterbury ihren Amtseid auf das Evangeliar, das Gregor damals sandte.

Die eigentliche Geschichte der Anglikanische Kirche beginnt, wie bereits erwähnt, mit Heinrich VIII. Dieser hatte 1521 das theologisches Traktat Assertio Septem Sacramentorum (Verteidigung der sieben Sakramente) veröffentlicht, in dem er sich von der beginnenden deutschen Reformation distanzierte. Er verteidigte hier sowohl die Vorrangstellung des Papstes als auch den sakramentalen Charakter der Ehe. Dass er 13 Jahre später mit dem Papst (Clemens VII.) brach, weil sich dieser weigerte, Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragon zu annullieren, gehört zu den großen Ironien der Kirchengeschichte. Papst Leo X. (1513-1521) hatte Heinrich als Anerkennung für dessen Widerstandes gegen Luther den Titel Defensor Fidei (Verteidiger des Glaubens) verliehen, Papst Paul III (1534-1549) schließlich exkommunizierte ihn. Bis heute sind die englischen Monarchen die Oberhäupter der Kirche von England und tragen den Titel Defender of the Faith.

Mit der Ausbreitung des britischen Empires in den kommenden Jahrhunderten verbreite sich auch die anglikanische Kirche in der gesamten Welt. 1867 rief der Erzbischof von Canterbury erstmals alle anglikanischen Bischöfe zur Lambeth Conference zusammen. Bei diesem Treffen entstand die heutige Anglikanische Gemeinschaft, in der die Kirche von England lediglich eine von insgesamt 46 Provinzen bildet. Die Lambeth Conference findet seither alle zehn Jahre unter Leitung des Erzbischofs von Canterbury statt, der als primus inter pares anerkannt wird, jedoch keine Befugnisse innerhalb der (unabhängigen) Provinzen hat. Die Anglikanische Gemeinschaft ist somit keine eigene Kirche, sondern eine Gemeinschaft sich selbst verwaltender Kirchen.

 

3.1.2.     Verbreitung

Heute gehören etwa 85 Millionen Menschen zur Anglikanischen Gemeinschaft, mehr als die Hälfte von ihnen lebt in den ehemaligen britischen Kolonien Afrikas.

 

3.1.3.     Charakteristika

Die anglikanische Theologie strebt eine via media, einen Mittelweg zwischen katholischen und evangelischen Elementen, an, sie möchte the best of both worlds.

Die anglikanischen Theologen der Reformationszeit sahen das Unkraut, das sich in der katholischen Kirche ausgebreitet hatte, und begrüßten die Bestrebungen der Reformatoren auf dem Kontinent, dieses auszurotten. Allerdings warnten sie davor, mit dem Unkraut auch die schönen Gewächse herauszureißen. Sie wollten die reformatorische Kritik übernehmen und zugleich die positiven Elemente der katholischen Tradition bewahren. Zu den evangelischen Elementen der anglikanischen Theologie zählen die Vorrangstellung der Heiligen Schrift, die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben sowie die Beschränkung auf die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl (siehe Quelle). Katholisch ist die anglikanische Theologie hingegen in ihrer Betonung der apostolischen Sukzession und des damit zusammenhängenden historischen Episkopats sowie in der Liturgie.

Im Jahre 1888 wurde von der (dritten) Lambeth Conference das Lambeth-Quadrilateral verabschiedet, das seither als dogmatischer Standard des Anglikanismus gilt:

That, in the opinion of this Conference, the following Articles supply a basis on which approach may be by God’s blessing made towards Home Reunion:

    The Holy Scriptures of the Old and New Testaments, as “containing all things necessary to salvation”, and as being the rule and ultimate standard of faith.

    The Apostles’ Creed, as the Baptismal Symbol; and the Nicene Creed, as the sufficient statement of the Christian faith.

    The two Sacraments ordained by Christ Himself – Baptism and the Supper of the Lord – ministered with unfailing use of Christ’s words of Institution, and of the elements ordained by Him.

    The Historic Episcopate, locally adapted in the methods of its administration to the varying needs of the nations and peoples called of God into the Unity of His Church..

 

3.1.4. Die Altkatholische Kirche

Eine der anglikanischen Gemeinschaft verwandte Kirche entstand im kontinentalen Europa Ende des 19. Jahrhunderts. Aus Protest gegen die dogmatischen Entwicklungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche gründete sich die Altkatholische Kirche. Die Bezeichnung ‚altkatholisch‘ betont den Anspruch, den Glauben der frühen Kirche fortzuführen, während man insbesondere das Mariendogma von 1854 sowie das Papstdoma von 1870 als unzulässige Neuerungen versteht.

1889 schlossen sich die altkatholischen Kirchen in der Utrechter Union zusammen. Seit 1931 besteht vollständige Kirchengemeinschaft mit der Anglikanischen Kirche.

 

3.1.5. Anglican realignment

Als Anglican realignment (anglikanische Neuausrichtung) wird eine konservative Bewegung bezeichnet, die sich gegen bestimmte Entwicklungen innerhalb der Anglikanischen Kirche wehrt. Ein entscheidender Auslöser für das Auftreten dieser Bewegung war die Wahl Rene Robinsons zum Bischof von New Hampshire im Jahre 2003. Robinson, der seine Homosexualität offen auslebt und theologisch verteidigt, wurde von vielen Anglikanern nicht als Bischof anerkannt. 2008 trafen sich Vertreter des Anglican realignment in Jerusalem zur ersten Global Anglican Future Conference (GAFCON). Dort wurde eine Erklärung verabschiedet, in der es unter anderem heißt:

„The Global Anglican Future Conference emerged in response to a crisis within the Anglican Communion, a crisis involving three undeniable facts concerning world Anglicanism.

The first fact is the acceptance and promotion within the provinces of the Anglican Communion of a different ‘gospel’ (cf. Galatians 1:6-8) which is contrary to the apostolic gospel. This false gospel undermines the authority of God’s Word written and the uniqueness of Jesus Christ as the author of salvation from sin, death and judgement. Many of its proponents claim that all religions offer equal access to God and that Jesus is only a way, not the way, the truth and the life. It promotes a variety of sexual preferences and immoral behaviour as a universal human right. It claims God’s blessing for same-sex unions over against the biblical teaching on holy matrimony. In 2003 this false gospel led to the consecration of a bishop living in a homosexual relationship.“

 

Der anglikanische Priester Thomas McKenzie (Nashville) kommentierte dieses Ereignis folgendermaßen:

Some people have expressed dismay that the Anglican Communion would divide over homosexuality.  But the acceptance of homosexual behavior isn’t the cause of the divide. It’s a symptom, the end result of decades of difficulty.  You may remember your European history.  he sixteenth-century monk Martin Luther spoke out against the selling of indulgences (“get out of purgatory” certiicates). hese were sold by the Roman Church to raise money. Luther’s actions led to the Reformation and the realignment of the European  church.  One could say that he  divided the church over a fund-raising technique, but that would be a gross misunderstanding of history. Indulgences weren’t the cause of the problem. hey were symptoms of the Roman Church’s deeply corrupt theolog and practice.  Reformation was necessary.  Many would say that the Episcopal Church has been in the same situation. Its corruption in theology and practice led to the consecration of Gene Robinson (as well as numerous other actions). Reformation and realignment were required.“

2009 spaltete sich – im Geiste des Anglican realignment – die Anglican Church of North America (ACNA) von der Anglikanischen Gemeinschaft ab. Sie zählt heute etwa 150.000 Mitglieder.

3.2. Quelle

Das Bekenntnis der Anglikanischen Kirche – Die 39 Artikel von 1571

Die 39 Artikel (1571), neben dem Book of Common Prayer die maßgebende Bekenntnisschrift der Anglikanischen Kirche, sind das Ergebnis der verschiedensten theologischen Einflüsse, vorsichtiger Kompromisse und eines verhältnismäßig langen geschichtlichen Entwicklungsprozesses.

 

1. Vom Glauben an die heilige Dreieinigkeit

Es ist ein einiger, lebendiger und wahrer Gott, ewig, unkörperlich, ungeteilt, leidlos, von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der sichtbaren wie der unsichtbaren. Und in der Einheit dieser göttlichen Natur sind drei Personen von demselben Wesen, derselben Macht und derselben Ewigkeit, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

 

2. Dass das Wort oder der Sohn Gottes wahrer Mensch geworden ist

Der Sohn, der das Wort des Vaters ist, von Ewigkeit vom Vater geboren, wahrer und ewiger Gott und eines Wesens mit dem Vater, hat im Leibe der gebenedeiten Jungfrau Maria aus ihrem Wesen die menschliche Natur angenommen, so dass die beiden Naturen, die göttliche und die menschliche, in der Einheit der Personen unzertrennlich verbunden sind, woher ein einiger Christus ist, wahrer Gott und wahrer Mensch, der wahrhaft gelitten hat, gekreuzigt, gestorben und begraben ist, damit er den Vater mit uns versöhnte und ein Opfer wäre nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle wirklichen Sünden der Menschen.

 

3. Von der Niederfahrt Christi zur Hölle

Wie Christus für uns gestorben und begraben ist, so muss man auch glauben, dass er zur Hölle niedergefahren ist.

 

4. Von der Auferstehung Christi

Christus ist wahrhaftig von den Toten auferstanden und hat seinen Leib mit Fleisch und Gebeinen und mit allem, was zur vollständigen menschlichen Natur gehört, wieder angenommen, womit er gen Himmel gefahren ist und dort sitzt, bis er am jüngsten Tage zum Gericht über die Menschen wiederkommen wird.

 

5. Vom Heiligen Geist

Der Heilige Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, ist mit dem Vater und dem Sohn von gleichem Wesen, Majestät und Herrlichkeit, wahrer und ewiger Gott.

 

6. Dass die Heilige Schrift zur Seligkeit hinlänglich ist

Die Heilige Schrift enthält alles, was zum Heil notwendig ist, so dass, was darin nicht zu lesen steht und daraus nicht bewiesen werden kann, niemandem als Glaubensartikel oder als etwas Heilsnotwendiges auferlegt werden darf.

Unter dem, was wir die Heilige Schrift nennen, verstehen wir diejenigen kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments, an deren Autorität in der Kirche nie ein Zweifel gewesen ist.

(Es folgt eine Aufzählung der kanonischen Bücher des Alten Testaments)

Die übrigen Bücher liest zwar die Kirche, wie Hieronymus sagt, als Vorbilder für das Leben und als Sittenregeln, aber sie gebraucht dieselben nicht zum Beweise für Glaubenslehren. Es sind dies:

(Es folgt eine Aufzählung der apokryphen Schriften des Alten Testaments)

Alle Bücher des Neuen Testaments – so wie sie allgemein angenommen sind – nehmen wir an und betrachten sie als kanonisch.

 

7. Vom Alten Testament

Das Alte Testament widerspricht dem Neuen nicht. Denn sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ist durch Christus, welcher der einige Mittler zwischen Gott und den Menschen und zugleich Gott und Mensch ist, das ewige Leben dem Menschengeschlecht angeboten. Darum haben diejenigen eine falsche Ansicht, welche vorgeben, die Alten hätten nur auf zeitliche Verheißungen gehofft. Obgleich das Gesetz, welches Gott durch Moses gegeben hat, hinsichtlich der Zeremonien und Riten die Christen nicht bindet und auch die darin enthaltenen bürgerlichen Vorschriften in keinem Staate notwendig angenommen werden müssen, so ist doch nichtsdestoweniger von dem Gehorsam gegen die sogenannten sittlichen Gebote niemand, auch kein Christ, befreit.

 

8. Von den drei Symbolen

Die drei Symbole, das Nicänische, das des Athanasius und das gewöhnlich sogenannte Apostolische, müssen unter allen Umständen angenommen und geglaubt werden. Denn sie können durch die sichersten Zeugnisse der Schrift bewiesen werden.

 

9. Von der Erbsünde

Die Erbsünde besteht nicht – wie die Pelagianer erdichten – in der Nachfolge Adams, sondern sie ist der Fehler und die Verderbtheit der Natur eines jeden Menschen, der von Adam her natürlich geboren ist. Daher kommt es, dass er von der ursprünglichen Gerechtigkeit sehr weit entfernt und seiner Natur nach zum Bösen geneigt ist und dass das Fleisch immer gelüstet wider den Geist. Darum verdient sie auch in jedem Neugeborenen den Zorn Gottes und die Verdammnis. Auch in den Wiedergeborenen bleibt diese Verderbtheit der Natur. Daher kommt es, dass die fleischliche Gesinnung, griechisch phronema sarkos – was einige mit Weisheit, andere mit Sinn, andere mit Gesinnung, andere mit Begierde des Fleisches übersetzen -, dem Gesetze Gottes nicht untertan ist. Und obgleich an den Gläubigen und Getauften nichts Verdammliches ist, so bekennt doch der Apostel, dass die böse Lust die Natur der Sünde in sich hat.

 

10. Vom freien Willen

Der Zustand des Menschen nach dem Fall Adams ist der, dass er sich durch seine natürlichen Kräfte und guten Werke nicht zum Glauben und zur Anrufung Gottes bekehren und bereiten kann. Daher vermögen wir nicht, Werke der Frömmigkeit zu tun, die Gott wohlgefällig und angenehm sind, es sei denn, dass die Gnade Gottes durch Christus uns zuvorkommt, so dass wir guten Willen haben, und mit uns mitwirkt, während wir den guten Willen haben.

 

11. Von der Rechtfertigung des Menschen

Allein um des Verdienstes unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi willen, durch den Glauben, nicht um unserer Werke und Verdienste willen, werden wir vor Gott für gerecht geachtet. Dass wir daher allein durch den Glauben gerechtfertigt werden, ist eine sehr heilsame und sehr trostvolle Lehre, wie in der Homilie von der Rechtfertigung des Menschen weiter ausgeführt wird.

 

12. Von den guten Werken

Die guten Werke, welche die Früchte des Glaubens sind und auf die Rechtfertigung folgen, sind, obgleich sie unsere Sünden nicht sühnen und vor der Strenge des göttlichen Gerichts nicht bestehen können, dennoch Gott wohlgefällig und angenehm in Christus und fließen notwendig aus dem wahren und lebendigen Glauben, so dass an ihnen der lebendige Glaube ebenso deutlich erkannt werden kann, wie man einen Baum an seiner Frucht erkennt.

 

13. Von den Werken vor der Rechtfertigung

Werke, welche vor dem Empfang der Gnade Christi und vor der Eingebung seines Geistes getan werden, sind, da sie nicht aus dem Glauben an Jesus Christus hervorgehen, Gott keineswegs angenehm, und sie machen die Menschen auch nicht fähig, Gnade zu empfangen, das heißt, sie verdienen auch nicht, wie die Scholastiker sagen, die Gnade de congruo; vielmehr, da sie nicht getan sind, wie sie nach Gottes Willen und Gebot getan werden sollen, zweifeln wir nicht, dass sie die Natur der Sünde haben.

 

14. Von den überverdienstlichen Werken

Freiwillige Werke neben und über den Geboten Gottes, die man überverdienstliche Werke nennt, können nicht ohne Anmaßung und Gottlosigkeit behauptet werden. Denn dadurch erklären die Menschen, dass sie Gott nicht nur das geben, wozu sie verpflichtet sind, sondern um seinetwillen mehr tun, als sie schuldig sind, wogegen Christus doch deutlich spricht: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte.

 

15. Dass Christus allein ohne Sünde ist

Christus ist in unserer wahren Natur uns in allem gleich geworden, doch ohne Sünde, wovon er völlig rein war im Fleische wie im Geiste. Er kam als das unbefleckte Lamm, das durch seine einmal geschehene Selbstaufopferung die Sünden der Welt trug, und es war, wie Johannes sagt, keine Sünde in ihm. Aber wir anderen, wenn wir auch getauft und in Christus wiedergeboren sind, fehlen doch alle in vielen Stücken, und so wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

 

16. Von der Sünde nach der Taufe

Nicht jede nach der Taufe freiwillig begangene Todsünde ist eine Sünde wider den Heiligen Geist und unvergebbar. Darum darf man denen, die nach der Taufe in Sünden gefallen sind, die Gelegenheit zur Buße nicht versagen. Auch nachdem wir den Heiligen Geist empfangen haben, können wir von der uns gegebenen Gnade abweichen und sündigen, dann aber auch durch die Gnade Gottes wieder aufstehen und unser Leben bessern. Deshalb sind jene zu verwerfen, welche behaupten, dass sie, solange sie hier leben, nicht mehr sündigen können, oder welche denen, die sich wahrhaft bessern, die Möglichkeit der Vergebung absprechen.

 

17. Von der Vorherbestimmung und Erwählung

Die Vorherbestimmung zum Leben ist der ewige Vorsatz Gottes, wodurch er vor Grundlegung der Welt nach seinem uns verborgenen Rate fest beschlossen hat, diejenigen, welche er in Christus aus dem Menschengeschlecht erwählt hat, vom Fluch und Verderben zu befreien und als Gefäße der Ehre durch Christus zur ewigen Seligkeit zu bringen. Daher werden diejenigen, welche mit einer so herrlichen Wohltat Gottes beschenkt sind, durch seinen Geist, der zur rechten Zeit wirkt, nach seinem Vorsatz berufen, sie gehorchen der Berufung durch die Gnade, sie werden dem Bilde seines eingeborenen Sohnes Jesus Christus gleichgemacht sie wandeln heilig in guten Werken und gelangen endlich durch Gottes Barmherzigkeit zur ewigen Seligkeit.

Wie die fromme Betrachtung unserer Vorherbestimmung und Erwählung in Christus voll süßen, angenehmen und unaussprechlichen Trostes ist für die wahrhaft Frommen und für diejenigen, die in sich die Kraft des Geistes Christi fühlen, welche die Handlungen des Fleisches und ihre irdischen Glieder tötet und ihr Gemüt zu himmlischen und hohen Dingen emporzieht, teils weil sie unsern Glauben an die ewige Seligkeit, die wir durch Christus erlangen, sehr festigt und stärkt, teils, weil sie unsere Liebe zu Gott heftig entzündet, so ist auf der andern Seite für neugierige, fleischliche und des Geistes Christi ermangelnde Menschen das ständige Vorhalten der Lehre von der Vorherbestimmung Gottes ein sehr gefährlicher Absturz, wodurch der Teufel sie entweder in Verzweiflung oder in die nicht minder gefährliche Sicherheit eines höchst unreinen Lebens hineinstößt.

Sodann muss man die göttlichen Verheißungen so auffassen, wie sie uns in der Heiligen Schrift im allgemeinen gegeben sind, und Gottes Wille muss in unseren Handlungen so befolgt werden, wie wir ihn im Worte Gottes ausdrücklich geoffenbart vor uns haben.

 

18. Dass nur im Namen Christi auf ewige Seligkeit zu hoffen ist

Auch diejenigen sind zu verdammen, welche zu behaupten wagen, ein jeder solle durch das Gesetz oder die Sekte, wozu er sich bekennt, selig werden, wenn er nur genau hiernach und nach dem natürlichen Licht gelebt habe, während doch die Heilige Schrift nur den Namen Jesu Christi verkündigt, in welchem die Menschen selig werden sollen.

 

19. Von der Kirche

Die sichtbare Kirche Christi ist eine Versammlung von Gläubigen, in welcher das Wort Gottes rein gelehrt wird und die Sakramente in allem, was notwendig dazu gehört, der Einsetzung Christi gemäß recht verwaltet werden.

Wie die jerusalemische, alexandrinische und antiochenische Kirche geirrt hat, so hat auch die römische Kirche geirrt, und zwar nicht nur im Handeln und in den zeremoniellen Riten, sondern auch in Glaubenssachen.

 

20. Von der Vollmacht der Kirche

Die Kirche hat das Recht, Riten festzusetzen, und hat Vollmacht in Glaubensstreitigkeiten. Doch ist es der Kirche nicht erlaubt, etwas anzuordnen, was dem geschriebenen Worte Gottes entgegen ist, und sie darf auch nicht eine Schriftstelle so erklären, dass sie einer andern widerspricht. Obwohl daher die Kirche Zeugin und Bewahrerin der göttlichen Bücher ist, so darf sie doch nichts im Gegensatz zu ihnen beschließen und ebenso auch abgesehen von ihnen nichts als heilsnotwendigen Glaubenssatz aufdrängen.

 

21. Von der Vollmacht der allgemeinen Konzilien

Allgemeine Konzilien können sich nicht ohne Befehl und Willen der Fürsten versammeln. Und wenn sie zusammengekommen sind, so können sie, weil sie aus Menschen bestehen, die nicht alle vom Geist und Wort Gottes geleitet werden, auch irren, und sie haben bisweilen geirrt, sogar in Dingen, die sich auf Gott beziehen. Was darum von ihnen als heilsnotwendig beschlossen wird, hat weder Kraft noch Gültigkeit, wenn nicht gezeigt werden kann, dass es aus der Heiligen Schrift entnommen ist.

 

22. Vom Fegefeuer

Die Lehre der römischen Kirche vom Fegefeuer, von den Ablässen, von der Verehrung und Anbetung der Bilder und Reliquien sowie auch von der Anrufung der Heiligen ist eine nichtige und eitel erdichtete Sache und gründet sich auf keine Zeugnisse der Schrift, sie widerstreitet vielmehr dem Worte Gottes.

 

23. Von der Berufung zum Dienst in der Gemeinde

Niemand darf sich das Amt anmaßen, in der Gemeinde öffentlich zu predigen oder die Sakramente zu verwalten, wenn er nicht vorher zu diesen Verrichtungen rechtmäßig berufen und gesandt ist. Und wir müssen diejenigen als rechtmäßig berufen und gesandt betrachten, welche für dieses Werk durch Menschen, denen die Vollmacht m der Gemeinde gegeben ist, Diener zu berufen und in den Weinberg des Herrn zu senden, hinzugewählt und angenommen worden sind.

 

24. Dass man in der Gemeinde in einer Sprache reden muss, die dem Volke bekannt ist

In einer dem Volke unverständlichen Sprache die öffentlichen Gebete in der Kirche zu verrichten oder die Sakramente zu verwalten, widerstreitet offenbar dem Worte Gottes und dem Brauch der ältesten Kirche.

 

25. Von den Sakramenten

Die von Christus eingesetzten Sakramente sind nicht nur Zeichen, an denen man äußerlich die Christen erkennen kann, sondern vielmehr sichere Zeugnisse und wirksame Zeichen der Gnade und des Wohlwollens Gottes gegen uns, wodurch er selbst unsichtbar in uns wirkt und unsern Glauben an ihn nicht nur erweckt, sondern auch stärkt.

Jene fünf sogenannten Sakramente, nämlich die Firmung, die Buße, die Priesterweihe, die Ehe und die letzte Ölung, sind nicht für evangelische Sakramente zu halten, da sie teils aus einer entarteten Nachfolge der Apostel entsprungen, teils Ordnungen des Lebens sind, die zwar in der Schrift gebilligt werden, aber nicht dieselbe Bedeutung von Sakramenten haben wie die Taufe und das heilige Abendmahl, da sie kein sichtbares Zeichen oder eine von Gott eingesetzte Zeremonie haben.Zwei Sakramente sind von unserem Herrn Christus im Evangelium eingesetzt, nämlich die Taufe und das heilige Abendmahl.

Die Sakramente sind von Christus nicht dazu eingesetzt, um angeschaut oder umhergetragen zu werden, sondern damit wir sie recht gebrauchen. Und sie haben nur in denen, die sie würdig empfangen, eine heilsame Wirkung; diejenigen aber, welche sie unwürdig empfangen, bereiten dadurch sich selbst die Verdammnis, wie Paulus sagt.

 

26. Dass die Unwürdigkeit der Geistlichen die Wirkung des Sakramentes nicht aufhebt

Obwohl in der sichtbaren Kirche die Bösen immer den Guten beigemischt sind und bisweilen dem Predigtamt und der Verwaltung der Sakramente vorstehen, so darf man doch ihren Dienst sowohl beim Hören des Wortes Gottes als auch beim Empfang der Sakramente benützen, da sie nicht in ihrem eigenen, sondern in Christi Namen handeln und nach seinem Auftrage und in seiner Vollmacht ihren Dienst verrichten. Auch wird durch ihre Bosheit die Wirkung der von Christus eingesetzten Handlungen nicht aufgehoben oder die Gnade der Gaben Gottes vermindert bei denen, die gläubig und rechtmäßig die ihnen dargebotenen Sakramente empfangen, welche wegen der Einsetzung Christi und wegen der Verheißung wirksam sind, auch wenn sie von Bösen verwaltet werden.

Jedoch gehört es zur Kirchenzucht, dass unwürdige Geistliche zur Untersuchung gezogen und von denen, die ihre Vergehen kennen, angeklagt und schließlich, wenn sie schuldig befunden sind, durch gerechtes Urteil ihres Amtes entsetzt werden.

 

27. Von der Taufe

Die Taufe ist nicht nur ein Zeichen des Bekenntnisses und ein Merkmal, wodurch sich die Christen von den Nichtchristen unterscheiden, sondern sie ist auch ein Zeichen der Wiedergeburt, wodurch, gleichsam wie durch eine Urkunde, diejenigen, welche die Taufe recht empfangen, der Kirche einverleibt werden, die Verheißungen der Vergebung der Sünden und unserer Annahme zu Kindern Gottes durch den Heiligen Geist sichtbar versiegelt werden, der Glaube gestärkt und die Gnade durch die Kraft der Anrufung Gottes vermehrt wird. Die Kindertaufe muss unter allen Umständen in der Kirche beibehalten werden, da sie mit der Einsetzung Christi aufs beste übereinstimmt.

 

28. Vom heiligen Abendmahl

Das heilige Abendmahl ist nicht nur ein Zeichen des gegenseitigen Wohlwollens der Christen untereinander, sondern es ist vielmehr das Sakrament unserer Erlösung durch den Tod Chrisri. Und so ist denn für die, welche es rechtmäßig, würdig und gläubig empfangen, das Brot, das wir brechen, die Gemeinschaft des Leibes Christi und ebenso der gesegnete Kelch die Gemeinschaft des Blutes Christi.

Die Transsubstantiation oder die Verwandlung der Substanz des Brotes und des Weines im Abendmahl kann aus der Heiligen Schrift nicht bewiesen werden, sondern ist den klaren Worten der Schrift entgegen, verkehrt die Natur des Sakraments und hat zu vielerlei Aberglauben Anlass gegeben.

Der Leib Christi wird im Abendmahl nur in himmlischer und geistlicher Weise gegeben, empfangen und gegessen. Das Mittel aber, wodurch der Leib Christi im Abendmahl empfangen und gegessen wird, ist der Glaube.

Das Sakrament des Abendmahls wurde nach der Einsetzung Christi nicht aufbewahrt, herumgetragen, in die Höhe gehoben und auch nicht angebetet.

 

29. Dass die Gottlosen beim heiligen Abendmahl den Leib Christi nicht essen

Die Gottdosen und die, welche den lebendigen Glauben nicht haben, zerdrücken zwar fleischlich und sichtbar mit den Zähnen, wie Augustin sagt, das Sakrament des Leibes und Blutes Christi, werden aber in keiner Weise Christi teilhaftig, sondern essen und trinken vielmehr das Sakrament oder Sinnbild einer so großen Sache sich selber zum Gericht.

 

30. Von beiderlei Gestalt

Der Kelch des Herrn darf den Laien nicht verweigert werden; denn beide Teile des Sakraments des Herrn müssen nach Christi Einsetzung und Gebot allen Christen gleichmäßig gereicht werden.

 

31. Über das einige, am Kreuz vollbrachte Opfer Christi

Das einmal geschehene Opfer Christi ist die vollkommene Erlösung, Versöhnung und Genugtuung für alle Sünden der ganzen Welt, sowohl für die Erbsünde als auch für die wirklichen Sünden. Und es gibt keine andere Sühne für die Sünden als jene allein. Daher sind die Messopfer, von denen man gewöhnlich sagte, dass darin der Priester zum Erlass der Strafe oder Schuld für Lebende und Tote Christus opfere, lästerliche Erfindungen und verderbliche Betrügereien.

 

32. Von der Priesterehe

Den Bischöfen, Priestern und Diakonen ist es durch kein göttliches Gebot vorgeschrieben, dass sie die Ehelosigkeit geloben oder sich der Ehe enthalten sollen. Es ist also auch ihnen wie allen andern Christen erlaubt, nach ihrem eigenen Gutdünken eine Ehe zu schließen, wenn dieses nach ihrem Urteil der Gottseligkeit förderlicher ist.

 

33. Dass die Exkommunizierten zu meiden sind

Wer durch öffentliche Bekanntmachung der Kirche rechtmäßig aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgestoßen und exkommuniziert ist, der soll von der gesamten Menge der Gläubigen als ein Heide und Zöllner gehalten werden, bis er sich durch Buße nach dem Urteil eines zuständigen Richters öffentlich mit ihr ausgesöhnt hat.

 

34. Von den kirchlichen Überlieferungen

Es ist nicht unter allen Umständen notwendig, dass die Überlieferungen und Zeremonien überall dieselben oder gar ganz gleich sind. Denn sie sind immer mannigfaltig gewesen und können je nach der Verschiedenheit der Länder, Zeiten und Sitten geändert werden, wenn nur nichts im Gegensatz zum Worte Gottes angeordnet wird. Wer die Überlieferungen und Zeremonien, die nicht wider das Wort Gottes streiten und öffentlich angeordnet und bestätigt sind, nach seinem eigenen Willen und Vorsatz öffentlich verletzt, der soll als einer, der gegen die öffentliche Ordnung der Kirche sündigt und das Ansehen der Obrigkeit verletzt und die Gewissen der schwachen Brüder verwundet, zur Abschreckung für die anderen öffentlich gerügt werden.

Jede Partikular- oder Nationalkirche hat die Vollmacht, kirchliche Zeremonien oder Riten einzuführen, zu ändern oder abzuschaffen, welche nur durch menschliche Autorität eingerichtet sind, wenn nur alles zur Erbauung geschieht.

 

35. Von den Homilien

Der zweite Band der Homilien, deren einzelne Überschriften wir diesem Artikel unten angefügt haben, enthält eine gottselige und heilsame Lehre, welche für unsere Zeit nicht minder nötig ist, als der erste Band der Homilien, die zur Zeit Eduards Vl. herausgegeben worden sind. Daher urteilen wir, dass sie in den Kirchen von den Geistlichen fleißig und deutlich – damit sie vom Volke verstanden werden können – vorgelesen werden sollen . . . (Es folgt eine Aufzählung von Homilien)

 

36. Von der Konsekration (Weihe) der Bischöfe und Geistlichen

Das Buch von der Konsekration der Erzbischöfe und Bischöfe und von der Ordination der Priester und Diakonen, das kürzlich zur Zeit Eduards VI. herausgegeben und zur gleichen Zeit vom Parlament bestätigt worden ist, umfasst alles, was zu einer solchen Konsekration und Ordination notwendig ist, und enthält nichts, was an sich abergläubisch oder gottlos wäre. Alle diejenigen also, welche nach den Riten jenes Buches seit dem zweiten Jahr der Regierung des vorgenannten Königs Eduard bis jetzt konsekriert oder ordiniert worden sind oder künftig nach denselben Riten konsekriert oder ordiniert werden, erklären wir für rechtmäßig, ordentlich und gesetzlich konsekriert und ordiniert.

 

37. Von der weltlichen Obrigkeit

Seine Majestät der König hat in diesem Königreich England und in seinen übrigen Herrschaftsgebieten die höchste Gewalt, wozu die oberste Herrschaft in allen Dingen über alle Stände dieses Königreichs, kirchliche wie bürgerliche, gehört, und er ist keiner auswärtigen Jurisdiktion unterworfen und darf es auch nicht sein.

Wenn wir seiner Majestät dem Könige die oberste Herrschaft zuschreiben, eine Bezeichnung, welche, wie wir bemerken, einigen Verleumdern anstößig ist, so geben wir damit unsern Königen nicht die Verwaltung des Wortes Gottes oder der Sakramente, was auch die kürzlich von unserer Königin Elisabeth herausgegebenen Vorschriften aufs deutlichste bezeugen, sondern vielmehr nur das Vorrecht, welches in der Heiligen Schrift von Gott selbst, wie wir sehen, allen frommen Fürsten immer zuerkannt worden ist, das heißt, dass sie alle ihnen von Gott anvertrauten Stände und Klassen, sie seien kirchlich oder bürgerlich, bei ihrer Pflicht erhalten und die Widerspenstigen und Übeltäter durch das weltliche Schwert in Zucht nehmen.

Der römische Papst hat keine Jurisdiktion in diesem Königreich England.

Die Reichsgesetze können die Christen wegen todeswürdiger Verbrechen und schwerer Vergehen mit dem Tode bestrafen.

Den Christen ist es erlaubt, auf Befehl der Obrigkeit Waffen zu tragen und Kriege zu führen.

 

38. Dass die Christen keine Gütergemeinschaft haben

Das Vermögen und die Güter der Christen sind, was Rechtsanspruch und Besitz betrifft, nicht gemeinsam, wie gewisse Wiedertäufer fälschlich behaupten. Doch muss ein jeder von dem, was er besitzt, nach dem Verhältnis seines Vermögens, den Armen gern Almosen geben.

 

39. Vom Eide des Christen

Wie wir bekennen, dass das unnötige und unbesonnene Schwören den Christen von unserem Herrn Jesus Christus und von seinem Apostel Jakobus untersagt worden ist, so halten wir es doch auch keineswegs durch die christliche Religion für verboten, auf Befehl der Obrigkeit in einer Angelegenheit des Glaubens und der Liebe zu schwören, wenn es nur nach der Lehre des Propheten heilig und recht und ohne Heuchelei geschieht.

Bestätigung der Artikel

Dieses Buch der vorstehenden Artikel ist bereits durch Zustimmung und Einwilligung der Allergnädigsten Königin Elisabeth, unserer Herrscherin, von Gottes Gnaden Königin von England, Frankreich und Irland, Beschützerin des Glaubens usw. aufs neue genehmigt worden, und soll demnach beibehalten und im ganzen Königreich England durchgeführt werden. Diese Artikel sind auch im Jahre 1571 in der Konvokation mit Bedacht gelesen und durch die Unterschrift des Herrn Erzbischofs und der Bischöfe des Oberhauses und der ganzen Geistlichkeit des Unterhauses von neuem bestätigt worden.

 

4.Die evangelischen Landeskirchen

 

4.1. Einführung

4.1.1. Name

Die evangelischen Landeskirchen sind Territorialkirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind. Ihre Gebiete erinnern an jene Zeit, als auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands viele kleine Staaten existierten, deren jeweiliger Landesherr über die dort geltende Konfession entschied. Die deutschen evangelischen Kirchen entwickelten sich deshalb innerhalb dieser weltlich regierten Territorien. Nach dem Zusammenbruch des landesherrlichen Kirchenregiments im Jahre 1918 behielten sie ihre Gebiete weitgehend bei, weshalb sie nicht deckungsgleich mit den heutigen Bundesländern sind. Jede Landeskirche ist selbstständig und verfügt über eine eigene Ordnung sowie ein eigenes Bekenntnis, welches entweder lutherisch, reformiert oder uniert ist. Als Dachorganisation fungiert seit 1945 die „Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD).

Die Bezeichnung ‚evangelisch‘ betont dabei das von der Reformation wiederentdeckte Evangelium, dessen Wert und Inhalt man in der katholischen Kirche verdunkelt sah. Wie auch bei den anderen Konfessionsfamilien (katholisch, orthodox) ist diese Bezeichnung nicht exklusiv zu verstehen, sondern drückt den gewählten Schwerpunkt aus. Charakteristisch für alle evangelischen Kirchen ist das sola-scriptura-Prinzip, demzufolge die Heilige Schrift alles für den Glauben Notwendige enthält und keiner Ergänzung durch kirchliche Überlieferungen o.ä. bedarf. Andere typisch evangelische Merkmale wie etwa die Beschränkung auf die evangeliumsgemäßen Sakramente (Taufe und Abendmahl) leiten sich aus diesem Prinzip ab. Dasselbe gilt für die übrigen Prinzipien reformatorischer/evangelischer Theologie: sola fide („allein durch den Glauben“), sola gratia („allein durch Gnade“) und solus Christus („allein Christus“). [2]

 

4.1.2. Staatskirchenverträge

Während Abkommen zwischen der römisch-katholischen Kirche und weltlichen Regierungen durchaus üblich sind (Konkordate), stellen die Staatskirchenverträge zwischen den deutschen Bundesländern und den auf ihrem Gebiete liegenden evangelischen Landeskirchen eine Besonderheit dar, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt.

Im Jahre 1803 wurden im Reichsdeputationshauptschluss die deutschen Fürstentümer, als Ausgleich für die Gebietsabtretungen an Napoleon, unter anderem mit dem Land und dem Vermögen der Kirchen und Klöster entschädigt. Diese Enteignung kirchlichen Vermögens gilt bis heute als Begründung für die Dotationen des Staates an die Landeskirchen, also eine Art Schadenersatz. Diese Regelung gehört zu den umstrittensten Elementen der heutigen Staatskirchenverträge. Darüber hinaus regeln die Verträge (siehe Quelle) Dinge wie den Religionsunterricht an Schulen, die Einrichtung der theologischen Fakultäten an den Hochschulen, die Seelsorge in Krankenhäusern etc.

 

4.1.3. Die lutherischen Landeskirchen

Die lutherischen Kirchen gehören zu den wenigen Konfessionen dieser Welt, die nach ihrem Gründer benannt sind – und das, obwohl Luther selbst dies immer abgelehnt hat. Überhaupt hatten er und seine ersten Mitstreiter gar nicht vor, eine eigene Kirche zu gründen, sondern die bestehende zu reformieren. Es kam anders, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung der Fürsten. Bereits in den Jahren 1526/1527 führten Johann von Sachsen und Philipp von Hessen in ihren Gebieten flächendeckend die ‚neue‘ Lehre sowie eine entsprechende Gottesdienstordnung (in deutscher Sprache) ein. 1530 wurde mit dem Augsburger Bekenntnis noch einmal der Versuch unternommen, die Einheit der Kirche zu retten, doch auch dieser scheiterte. Im Jahre 1555 wurde durch den Augsburger Religionsfrieden schließlich das Prinzip cuius regio, eius religio festgeschrieben, das die landeskirchliche Struktur in Deutschland bis heute geprägt hat (s.o.)

Typisch für die Gottesdienste der lutherischen Kirchen (weltweit) ist ihre Nähe zur katholischen Messe. Im Augsburger Bekenntnis heißt es: „Die Messe ist von den Evangelischen nicht abgeschafft worden, sondern wird mit größerer Andacht als bei den Widersachern gehalten. Die gottesdienstlichen Formen sind nicht merklich geändert worden.“ Auch die Gestaltung des Kirchenraums zeigt eine Kontinuität mit der katholischen Tradition. Was den lutherischen Gottesdienst von der katholischen Messe allerdings stark unterscheidet, ist die Zentralstellung der Predigt, die gegenüber der Feier der Eucharistie enorm aufgewertet wurde.

Innerhalb Deutschlands sind die lutherischen Kirchen in der Vereinigten Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) zusammengeschlossen, die 1948 in Eisenach gegründet wurde. Der VELKD gehören sieben Landeskirchen mit insgesamt 9,5 Millionen Mitgliedern an. Weltweit sind die Lutheraner im Lutherischen Weltbund organisiert. Er wurde 1947 gegründet und zählt inzwischen 148 Mitgliedskirchen in 99 Ländern, denen über 74 Millionen Mitglieder angehören.

 

4.1.4. Die reformierten Landeskirchen

Nur zwei deutsche Landeskirchen haben einen reformierten Bekenntnisstand:

  • die Lippische Landeskirche (ca. 175.000 Mitglieder)
  • die evangelisch-reformierte Kirche (ca. 180.000 Mitglieder) – die einzige Landeskirche der EKD, die nicht über ein geschlossenes Gebiet verfügt.

Weltweit gibt es allerdings mehr reformierte Christen als Lutheraner, die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen umfasst knapp 100 Millionen Mitglieder.

Die reformierten (Landes-)Kirchen gehen auf das Wirken von Zwingli und Calvin in der Schweiz zurück. Zum offiziellen Bruch zwischen Zwingli und Luther kam es über das rechte Verständnis des Abendmahls. Während Luther an der Realpräsenz Christi in Brot und Wein festhielt (wenngleich in Abgrenzung vom römisch-katholischen Verständnis), lehnte Zwingli diese ab und wollte ein reines Gedächtnismahl feiern. Ein weiteres charakteristisches Merkmal reformierter Theologie ist die von Calvin hervorgehobene Prädestinationslehre.

Wie beim Abendmahl ist in der gesamten gottesdienstlichen Praxis der Bruch mit der katholischen Tradition unter Reformierten weitaus stärker als im Luthertum. Reformierte Kirchenräume sind auffallend schlicht gehalten, auf Kirchenschmuck jeglicher Art wird verzichtet, das alttestamentliche Bilderverbort gilt hierbei als maßgeblich. Auch einen Altar findet man in reformierten Kirchen gewöhnlich nicht. Die Predigt steht, wie bei allen evangelischen Konfessionen, im Mittelpunkt des Gottesdienstes, wird allerdings durch den Wegfall nahezu aller übrigen Elemente nochmals besonders hervorgehoben. Die reformierte Predigtkultur ist darüber hinaus stärker intellektualistisch geprägt und spricht den Hörer vor allem über dessen Verstand an.

4.1.5. Die unierten Landeskirchen

Im Jahre 1817, anlässlich des 300. Jubiläums der Reformation, erließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. einen Aufruf zur Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden in seinem Reich. Im Jahre 1821 entstand die (unierte) Evangelische Kirche in Preußen. Da es sich jedoch um eine von oben verordnete Union handelte, kam es nie zu theologischen Einigungsgesprächen und somit auch nie zu einem gemeinsamen Bekenntnis. Die meisten Gemeinden behielten daher ihre konfessionelle Prägung bei, ein uniertes Bewusstsein kam kaum auf. Aufgrund dieser historischen Entwicklung befinden sich noch heute die meisten unierten Landeskirchen auf ehemals preußischem Gebiet. Allerdings gab es auch Unionen ‚von unten‘, etwa in der Pfalz und in Baden.

Die 2003 gegründete Union Evangelischer Kirchen (UEK) fungiert als Dachverband der 12 unierten Landeskirchen und bildet den größten landeskirchlichen Zusammenschluss innerhalb der EKD.

 

4.1.6. Fragwürdige Stellungnahmen

Immer wieder fällt die EKD bzw. eine einzelne Landeskirche durch Stellungnahmen auf, die sich mit der gesunden Lehre der Kirche Jesu Christi nicht vereinbaren lassen. Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit seien hier genannt.

2013 veröffentlichte die EKD die Schrift „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“, mit der das klassisches Ehe- und Familienbild endgültig aufgegeben wurde. In der Schrift heißt es als Begründung:

„Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben. Ein normatives Verständnis der Ehe als ‚göttliche Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“

2018 beschloss die Evangelische Kirche im Rheinland eine Positionsbestimmung „Für die Begegnung mit Muslimen“, in der sie die Missionierung von Muslimen ablehnte:

„Jesus Christus selbst wendet sich unterschiedlichsten Menschen in Liebe zu und ist Christen und Christinnen darin ein Vorbild auch in der Begegnung mit Muslimen und Musliminnen. Die Landessynode ermutigt die Mitglieder der Evangelischen Kirche im Rheinland dazu, ihren eigenen Glauben im Dialog zu erklären und freimütig zur Sprache zu bringen. Der Dialog zielt auf das gegenseitige Kennenlernen, das gemeinsame Handeln, das Aushalten von Differenzen sowie eine vertiefte Wahrnehmung der je eigenen Traditionen, nicht aber auf eine Konversion zur jeweils anderen Religion.“

4.2. Reflexion: Quelle

Vertrag der Evangelischen Landeskirchen in Hessen mit dem Land Hessen 18. Februar 1960

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau,

die Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck,

die Evangelische Kirche im Rheinland,

sämtlich vertreten durch ihre verfassungsmäßigen Vertreter,

und das Land Hessen, vertreten durch den Ministerpräsidenten, geleitet von dem Wunsche, das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Kirchen und dem Land zu fördern und zu festigen und gemäß dem Verfassungsauftrag des Artikels 50 der Hessischen Verfassung einheitlich zu gestalten, sind in Würdigung des in allen zum ehemaligen Freistaat Preußen gehörenden Landesteilen in Geltung stehenden Vertrages mit den Evangelischen Landeskirchen nebst Schlußprotokoll vom 11. Mai 1931 und in Übereinstimmung über die Eigenständigkeit und den Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen übereingekommen, den Vertrag im Sinne freiheitlicher Ordnung fortzubilden und wie folgt zu fassen:

 

Artikel 1. (1) Das Land Hessen gewährt der Freiheit, den evangelischen Glauben zu bekennen und auszuüben, den gesetzlichen Schutz.

(2) Die Kirchen ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der

Schranken des für alle geltenden Gesetzes.

(3) Sie haben das Recht, ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde zu verleihen oder zu entziehen.

(4) Die Kirchen, die Kirchengemeinden und die aus ihnen gebildeten Verbände sind Körperschaften des öffentlichen Rechts; ihr Dienst ist öffentlicher Dienst.

Artikel 2. Die Kirchenleitungen und die Landesregierung werden zur Pflege ihrer Beziehungen regelmäßige Begegnungen anstreben. Sie werden sich vor der Regelung von Angelegenheiten, die die beiderseitigen Interessen berühren, miteinander ins Benehmen setzen und sich jederzeit zur Besprechung solcher Fragen zur Verfügung stellen.

Artikel 3. (1) Kirchliche Gesetze, Notverordnungen und Satzungen, welche die vermögensrechtliche Vertretung der Kirche, ihrer öffentlich-rechtlichen Verbände, Anstalten und Stiftungen betreffen, werden dem Minister für Erziehung und Volksbildung vorgelegt.

(2) Der Minister für Erziehung und Volksbildung kann Einspruch erheben, wenn eine ordnungsgemäße vermögensrechtliche Vertretung nicht gewährleistet ist. Der Einspruch ist bis zum Ablauf eines Monats seit der Vorlage zulässig. Über den Einspruch entscheidet auf Klage der Kirche das zuständige Oberlandesgericht.

Artikel 4. Die Kirchen werden Beschlüsse über die Bildung und Veränderung ihrer Kirchengemeinden und der aus ihnen gebildeten Verbände dem Minister für Erziehung und Volksbildung mitteilen und eine Ausfertigung der Organisationsurkunde vorlegen.

Das Land wirkt bei der Bildung und Veränderung kirchlicher Anstalten und Stiftungen mit eigener Rechtspersönlichkeit nach Richtlinien mit, die mit den Kirchen vereinbart werden.

Artikel 5. 1) Die zur Zeit als Dotation für kirchenregimentliche Zwecke und als Zuschüsse für Zwecke der Pfarrbesoldung und -versorgung gewährten finanziellen Leistungen des Landes an die Evangelischen Kirchen in Hessen sowie die katastermäßigen Zuschüsse werden mit Wirkung vom 1. April 1956 durch einen Gesamtzuschuß (Staatsleistung an die Evangelischen Kirchen) ersetzt.

(2) Die Staatsleistung beträgt 7 950 000 DM. Davon entfallen auf die

Evangelische Kirche inHessen und Nassau 1,8 Millionen DM

Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck 5,9 Millionen DM

Evangelische Kirche im Rheinland 0,25 Millionen DM

(3) Die Staatsleistung ist den Veränderungen der Besoldung der Landesbeamten anzupassen. Sie wird in dem gleichen Verhältnis erhöht oder vermindert, in dem sich die Besoldung der Landesbeamten ab 1. April 1957 erhöht oder vermindert. Berechnungsgrundlage ist die Besoldung der Landesbeamten der Besoldungsgruppe A 2 c 2 (Eingangsgruppe des höheren Dienstes) am 1. Januar 1957. Auszugehen ist von dem Mittel zwischen Anfangs- und Endgrundgehalt der Besoldungsgruppe A 2 c 2, dem Wohnungsgeldzuschuß der Tarifklasse III Ortsklasse B für einen Beamten mit zwei zuschlagpflichtigen Kindern und dem Kinderzuschlag für zwei zuschlagpflichtige Kinder im Alter vom vollendeten 6. bis zum vollendeten 14. Lebensjahr; das sind am 1. Januar 1957 12 510 DM.

(4) Die Staatsleistung wird mit einem Zwölftel des Jahresbetrages jeweils monatlich im voraus an die Kirchen gezahlt. Ein Verwendungsnachweis gemäß § 64 a der Reichshaushaltsordnung wird nicht gefordert.

(5) Für eine Ablösung der Staatsleistung gemäß Artikel 140 des Grundgesetzes für die

Bundesrepublik Deutschland in Verbindung mit Artikel 138 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 bleibt die bisherige Rechtslage maßgebend.

Artikel 6. Das Land überträgt das Eigentum an staatlichen Gebäuden nebst Einrichtungsgegenständen und Grundstücken, die ausschließlich evangelischen ortskirchlichen Zwecken gewidmet sind, den Kirchen, oder, wenn darüber ein Einverständnis zwischen Kirchen und Kirchengemeinden hergestellt ist, den Kirchengemeinden. Bei vorliegenden besonderen Umständen kann im Einzelfalle etwas anderes vereinbart werden. Bei der Eigentumsübertragung nach Satz 1 werden Grunderwerbsteuer, Gerichts- und Vermessungskosten nicht erhoben. Das gleiche gilt für die Weiterübertragung von Kirchen an die Kirchengemeinden, wenn das Eigentum innerhalb von fünf Jahren nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages übergeht.

Artikel 7. 1) Die Kirchen stellen das Land mit Wirkung vom 1. April 1957 von allen) Verpflichtungen zu Geld- und Sachleistungen an die Kirchengemeinden, insbesondere zur baulichen Unterhaltung der nach Artikel 6 übertragenen sowie der Gebäude frei, aus denen das Land aus Patronats- oder anderen Rechtsgründen baulastpflichtig ist. Ausgenommen bleibt die Verpflichtung des Staates zur baulichen Unterhaltung der Elisabethkirche sowie der Universitätskirche in Marburg.

(2) Zur Ablösung der Baulastverpflichtung (Absatz 1) leistet das Land an die Kirchen eine einmalige Kapitalzahlung in Höhe des Friedensneubauwertes der in Betracht kommenden Gebäude. Der Friedensneubauwert ist im Einvernehmen zwischen der staatlichen Hochbauverwaltung und den Kirchen zu ermitteln.

(4) Die Kirchen werden sich bemühen, Verträge mit den Berechtigten zustande zu bringen, durch die das Land aus seinen Verpflichtungen gegenüber den Berechtigten entlassen wird.(3) Das Land darf ohne Zustimmung der Kirchen Verpflichtungen, von denen es freizustellen ist, weder gerichtlich noch außergerichtlich in irgendeiner Weise anerkennen. Wird das Land wegen der genannten Verpflichtung in einen Rechtsstreit verwickelt, so wird es der Kirche alsbald den Streit verkünden und ihr Einsicht in seine Unterlagen über den Prozeßstoff gewähren. Die gerichtlichen und außergerichtlichen Kosten sind dem Land zu erstatten.

Artikel 8. (1) Den Kirchen, den Kirchengemeinden und den aus ihnen gebildeten Verbänden sowie den evangelischen Anstalten und Stiftungen werden ihr Eigentum und andere Rechte an ihrem Vermögen im Umfange des Artikels 140 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in Verbindung mit Artikel 138 Absatz 2 der deutschen Verfassung vom 11. August 19198 gewährleistet.

(2) Die Landesbehörden werden bei der Anwendung enteignungsrechtlicher Vorschriften auf die kirchlichen Belange Rücksicht nehmen. Beabsichtigen die Kirchen in Fällen der Enteignung oder der Veräußerung kirchlicher Grundstücke, gleichwertige Ersatzgrundstücke zu erwerben, werden die Landesbehörden ihnen bei der Erteilung von Genehmigungen, die nach besonderen Vorschriften des Grundstückverkehrs vorgesehen sind, im Rahmen der geltenden gesetzlichen Bestimmungen entgegenkommen.

Artikel 9. (1) In das Amt des leitenden Geistlichen einer Kirche, dessen Besetzung nicht auf einer Wahl oder Berufung durch eine Synode beruht, wird niemand berufen werden, von dem nicht die zuständigen kirchlichen Stellen durch Anfrage bei der Landesregierung festgestellt haben, daß Bedenken politischer Art gegen ihn nicht bestehen. Wird das Amt auf Grund einer Wahl oder Berufung durch eine Synode besetzt, so zeigt die Kirche der Landesregierung die Vakanz an und teilt ihr später die Person des neuen Amtsträgers mit.

(2) Als politische Bedenken im Sinne des Absatz 1 gelten nur staatspolitische, nicht dagegen kirchliche oder parteipolitische Bedenken. Bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten hierüber (Artikel 23) wird die Landesregierung auf Wunsch die Tatsachen angeben, aus denen sie die Bedenken herleitet. Die Feststellung bestrittener Tatsachen wird auf Antrag einer von Kirche und Staat gemeinsam zu bestellenden Kommission übertragen, die zu Beweiserhebungen und Rechtshilfeersuchen nach den für Verwaltungsgerichte geltenden Vorschriften befugt ist.

Artikel 10. (1) Die Kirchen werden einen Geistlichen als Vorsitzenden oder Mitglied einer Behörde der Kirchenleitung oder einer höheren kirchlichen Verwaltungsbehörde, ferner als Leiter oder Lehrer an einer der praktischen Vorbildung der Geistlichen gewidmeten Anstalt nur anstellen, wenn er

  1. a) Deutscher im Sinne des Artikels 116 Absatz 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in der Fassung vom 23. Mai 1949 ist,
  2. b) ein zum Studium an einer deutschen Universität berechtigendes Reifezeugnis besitzt,
  3. c) ein mindestens dreijähriges theologisches Studium an einer deutschen staatlichen Hochschule zurückgelegt hat.

(2) Wird in einem solchen Amt ein Nichtgeistlicher angestellt, so wird die Vorschrift des Absatz 1 zu a) angewandt.

(3) Bei kirchlichem und staatlichem Einverständnis kann von den in Absatz 1 und 2

genannten Erfordernissen abgesehen werden; insbesondere kann das Studium an anderen Hochschulen als den in Absatz 1 zu c) genannten anerkannt werden.

(4) Die Personalien der in Absatz 1 und 2 genannten Amtsträger werden dem Minister

für Erziehung und Volksbildung mitgeteilt.

Artikel 11. Für die Anstellung als Pfarrer gelten die in Artikel 10 Absatz 1 zu a), b) und c) genannten Erfordernisse. Für die Anstellung von Hilfskräften im pfarramtlichen Dienst gilt mindestens das zu a) genannte Erfordernis. Artikel 10 Absatz 3 findet Anwendung.

Artikel 12. (1) Im Verfahren vor den Kirchengerichten und in förmlichen Disziplinarverfahren gegen Geistliche und Kirchenbeamte sind

  1. die Kirchengerichte und die kirchlichen Disziplinarbehörden berechtigt, Zeugen und Sachverständige zu vereidigen,
  2. die Amtsgerichte verpflichtet, Rechtshilfeersuchen stattzugeben.

(2) Dies gilt nicht für Verfahren wegen Verletzung der Lehrverpflichtung.

Artikel 13.(1) Für die wissenschaftliche Vorbildung der Geistlichen bleibt die Evangelisch-Theologische Fakultät an der Philipps-Universität in Marburg/L. bestehen.

(2) Vor der Anstellung eines ordentlichen oder außerordentlichen Professors an einer Evangelisch-theologischen Fakultät wird der kirchlichen Behörde Gelegenheit zu gutachterlicher Äußerung gegeben werden.

(3) Die Bestellung des evangelischen Universitätspredigers an der Philipps-Universität Marburg/L. geschieht durch den Minister für Erziehung und Volksbildung im Einvernehmen mit der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Für die anderen Universitäten des Landes bleibt eine entsprechende Regelung vorbehalten, wenn sie eine theologische Fakultät erhalten.

Artikel 14. (1) An den Hochschulen für Erziehung an den Universitäten und entsprechenden Einrichtungen anderer wissenschaftlicher Hochschulen wird die wissenschaftliche Vorbildung in evangelischer Theologie und in evangelischer Religionspädagogik gewährleistet. Die hauptamtlichen Professoren und Dozenten für evangelische Theologie sind im Benehmen mit der zuständigen Kirche zu berufen. Artikel 13 Absatz 2 findet sinngemäß Anwendung. Der Wechsel von einer Hochschule für Erziehung des Landes zu einer anderen gilt nicht als Anstellung im Sinne dieser Bestimmung.

(2) Zu der ersten Prüfung für das Lehramt an Volks- und Mittelschulen, Berufsschulen, Berufsfachschulen und Fachschulen an den Pädagogischen Instituten ist zu der Prüfung in evangelischer Religion ein Vertreter der zuständigen Landeskirche vom Vorsitzenden des Prüfungsausschusses einzuladen. Bei den Prüfungen in evangelischer Religion vor den wissenschaftlichen Prüfungsämtern werden die Kirchen durch ein Mitglied der Evangelisch-theologischen Fakultät (Marburg/L.) bzw. durch einen Professor oder Lehrbeauftragten für Theologie (Frankfurt/M.) vertreten. Die Lehrbefähigung für den Religionsunterricht wird vom Staat erteilt. Zur Erteilung des Religionsunterrichts sind die Lehrer jedoch erst berechtigt, wenn sie die Bevollmächtigung der Kirche erhalten haben. Widerruft die Kirche die Bevollmächtigung, so endet die Berechtigung, Religionsunterricht zu erteilen.

(3) Für Erweiterungsprüfungen zum Erwerb der Lehrbefähigung im Fach Religion

für das Lehramt an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen gilt Absatz 2 sinngemäß.

(4) Die Studien- und Prüfungsordnungen für das Fach evangelische Religion an allen

Schularten werden im Benehmen mit den Kirchen aufgestellt.

Artikel 15. (1) Die öffentlichen Schulen sind Gemeinschaftsschulen auf christlicher Grundlage. In ihnen werden die Schüler ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Weltanschauung zusammgefaßt. In Erziehung und Unterricht sollen auch die geistigen und sittlichen Werte der Humanität zur Geltung kommen. Auf die Empfindungen Andersdenkender ist Rücksicht zu nehmen.

(2) Der Religionsunterricht ist ordentliches Fach an allen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts haben die Kirchen das Recht, sich durch Einsichtnahme zu vergewissern, daß der Inhalt und die Gestaltung des Religionsunterrichts den Lehren und Ordnungen der Kirche entsprechen.

(3) Für die Geistlichen und die kirchlich ausgebildeten Religionslehrkräfte (Katecheten), denen ihre Kirche die Befähigung zur Erteilung von Religionsunterricht zuerkannt hat, gilt die staatliche Genehmigung zur Übernahme des evangelischen Religionsunterrichtes als erteilt.

(4) Lehrpläne und Lehrbücher für den Religionsunterricht sind im Einvernehmen mit den Kirchen zu bestimmen.

Artikel 16. (1) In Krankenhäusern und Strafanstalten sowie in den sonstigen öffentlichen Anstalten des Landes, in denen eine seelsorgerische Betreuung üblich ist, werden die Kirchen zur Vornahme seelsorgerischer Besuche und kirchlicher Handlungen zugelassen. Wird in diesen Anstalten eine regelmäßige Seelsorge eingerichtet und werden hierfür Pfarrer hauptamtlich angestellt, so wird der Pfarrer von der Kirche im Einvernehmen mit dem Träger der Anstalt oder von dem Träger der Anstalt im Einvernehmen mit der Kirche bestellt.

(2) Bei Anstalten anderer Unternehmen wird das Land dahin wirken, daß die Anstaltspfleglinge entsprechend seelsorgerisch betreut werden können.

(3) Die vom Land bestellten Geistlichen unterstehen unbeschadet der Disziplinargewalt des Landes der geistlichen und disziplinarischen Aufsicht der zuständigen Kirche, soweit es sich um die Ausübung der durch die Ordination erworbenen Rechte handelt. Das Land wird einen Geistlichen, sobald er die durch die Ordination erworbenen Rechte verloren hat, zu pfarramtlichem Dienst in staatlichen Einrichtungen nicht mehr zulassen.

(2) Die Kirchensteuerordnungen und ihre Änderungen und Ergänzungen sowie die Beschlüsse über die Kirchensteuersätze bedürfen der staatlichen Genehmigung.Artikel 17. (1) Die Kirchen und Kirchengemeinden sind berechtigt, nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen auf Grund von Steuerordnungen Kirchensteuern, insbesondere auch Kirchgeld, zu erheben.

(3) Die Kirchen werden sich für die Bemessung der Kirchensteuer als Zuschlag zur Einkommensteuer (Lohnsteuer) über einen einheitlichen Zuschlagsatz verständigen.

(4) Die Beschlüsse über die Kirchensteuersätze gelten als genehmigt, wenn sie den Bedingungen entsprechen, die mit den Kirchenleitungen vereinbart werden. Soweit die Kirchensteuer als einheitlicher Zuschlag zur Einkommensteuer (Lohnsteuer) erhoben wird, werden die Kirchen ihre Beschlüsse über die Kirchensteuersätze dem Minister für Erziehung und Volksbildung anzeigen.

Artikel 18. (1) Auf Antrag der Kirchen ist die Verwaltung der Kirchensteuern, die in Zuschlägen zur Einkommensteuer (Lohnsteuer) und zur Vermögensteuer bestehen, den Finanzämtern zu übertragen. Soweit die Einkommensteuer durch Steuerabzug vom Arbeitslohn in hessischen Betriebsstätten erhoben wird, sind die Arbeitgeber zu verpflichten, auch die Kirchensteuer nach dem genehmigten Steuersatz einzubehalten und abzuführen. Das Land erhält als Entschädigung für die Verwaltung der Kirchensteuern 3 vom Hundert des durch die Finanzkassen vereinnahmten Aufkommens. Die Finanzämter erteilen den von den Kirchen benannten Stellen Auskunft über die ihrer Verwaltung übertragenen Kirchensteuern.

(2) Die Vollstreckung der Kirchensteuern wird auf Antrag der Kirchen den Finanzämtern oder, wenn die Gemeinden (Kreise) zustimmen, diesen übertragen.

Artikel 19. (1) Die Kirchen und ihre Gemeinden sind berechtigt, von ihren Angehörigen freiwillige Gaben für kirchliche Zwecke zu sammeln.

(2) Für jede Kirche gilt alljährlich in ihrem Gebiet eine allgemeine Haussammlung zum Besten ihrer bedürftigen Gemeinden als genehmigt. Die Zeit der Sammlung ist im Benehmen mit dem Hessischen Minister des Innern festzusetzen.

Artikel 20. Die Kirchen werden der Erhaltung und Pflege denkmalswerter Gebäude nebst den dazugehörigen Grundstücken sowie denkmalswerter Gegenstände ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Sie werden Veräußerungen, Umgestaltungen und farbliche Instandsetzungen nur im Benehmen mit den Stellen der staatlichen Denkmalspflege vornehmen. Sie werden dafür sorgen, daß die Kirchengemeinden und sonstigen Verbände entsprechend verfahren. Im übrigen finden auch auf kirchlichem Bereich die Vorschriften eines etwa zu erlassenden Denkmalschutzgesetzes Anwendung.

Artikel 21. Die landesrechtlichen Vorschriften über nicht mit Lasten verbundene Patronate werden, soweit sie staatliche Normen sind, aufgehoben. Dasselbe gilt für die mit Lasten verbundenen Patronate, sobald die Beteiligten sich über die Ablösung der Lasten geeinigt haben, die Ablösung auf Grund landesgesetzlicher Regelung stattfindet oder der Patron von den Lasten freigestellt wird.

Artikel 22. Auf Landesrecht beruhende Gebührenbefreiungen für das Land gelten auch für die Kirchen und ihre öffentlich-rechtlichen Verbände, Anstalten und Stiftungen. Weitergehende Gebührenbefreiungen nach dem Hessischen Justizkostengesetz vom 15. Mai 1958 (GVBI. S. 60) bleiben aufrechterhalten.

Artikel 23. Die Vertragschließenden werden eine etwa in Zukunft zwischen ihnen entstehende Meinungsverschiedenheit über die Auslegung einer Bestimmung dieses Vertrages auf freundschaftliche Weise beseitigen.

Artikel 24. (1) Gleichzeitig mit dem Inkrafttreten dieses Vertrages treten die diesen Bestimmungen entgegenstehenden Gesetze und Übereinkommen außer Kraft, insbesondere das preußische Staatsgesetz betreffend die Kirchenverfassung der Evangelischen Landeskirchen vom 8. April 1924 (GS. S. 221) und die Vereinbarung zwischen dem Hessischen Staat und der Evangelischen Landeskirche in Hessen vom 27. Mai 1930 (RegBl. S. 58) nebst dem hiernach erlassenen Schiedsspruch vom 20. November 1933.

(2) Es verbleibt jedoch bis zu anderweitiger gesetzlicher Regelung in den ehemals preußischen Landesteilen bei der Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden und Verwaltungsgerichte für die Entscheidung über öffentlich-rechtliche Verpflichtungen zur Aufbringung der Baukosten für Neu- und Reparaturarbeiten bei Kirchen-, Pfarr- und Küstergebäuden, wenn die Küsterei mit der Schule nicht verbunden ist, sowie über die Verteilung derselben auf Kirchengemeinden, kirchliche Verbände und Drittverpflichtete gemäß Artikel 17 Absatz 1 bis 4 und 7 des preußischen Staatsgesetzes vom 8. April 1924.

Artikel 25. Dieser Vertrag soll ratifiziert und die Ratifikationsurkunden sollen in Wiesbaden ausgetauscht werden. Er tritt mit dem Tage des Austausches in Kraft.

Zu Urkund dessen ist dieser Vertrag in vierfacher Urschrift unterzeichnet worden.

Geschehen zu Wiesbaden am 18. Februar 1960.

Schlußprotokoll

Bei der Unterzeichnung des am heutigen Tage geschlossenen Vertrages der Evangelischen Landeskirchen mit dem Lande Hessen sind folgende übereinstimmende Erklärungen abgegeben worden, die einen integrierenden Bestandteil des Vertrages bilden.

Zu Artikel 1 Absatz 4: Als öffentlicher Dienst bleibt der kirchliche Dienst im bisherigen Umfang anerkannt.

Zu Artikel 3 Absatz 2: Es besteht Übereinstimmung darüber, daß die in Absatz 1 genannten Vorschriften nicht eher in Kraft gesetzt werden, als die Einspruchsfrist abgelaufen, der Einspruch zurückgenommen oder für unbegründet erklärt worden ist.

Zu Artikel 5 Absatz 5: Das Land wird eine Ablösung ohne Zustimmung der Kirchen nicht durchführen.

Zu Artikel 6: Die Einrichtungsgegenstände werden nach gemeinsam aufzustellenden Inventarverzeichnissen übereignet.

Zu Artikel 5 und 7: Die aus dem Geschäftsbereich des Ministers für Landwirtschaft und Forsten zu erbringenden Leistungen werden von dieser Regelung nicht berührt.

Zu Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe c): (1) Das theologische Studium an den kirchlichen Hochschulen Bethel, Wuppertal, Neuendettelsau und Berlin wird nach Maßgabe der kirchlichen Ausbildungsvorschriften anerkannt.

(2) Das an einer österreichischen staatlichen und an einer deutschsprachigen schweizerischen Universität zurückgelegte theologische Studium wird auf Wunsch der beteiligten Kirchen entsprechend den Grundsätzen, die für andere geisteswissenschaftliche Fächer gelten werden, als dem theologischen Studium an einer deutschen staatlichen Hochschule gleichberechtigt anerkannt.

Zu Artikel 12 Absatz 1: Der den Eid Abnehmende muß die Befähigung zum Richteramt haben.

Zu Artikel 13 Absatz 2: (1) Bevor jemand als ordentlicher oder außerordentlicher Professor an einer evangelisch-theologischen Fakultät erstmalig angestellt werden soll, wird ein Gutachten in Bezug auf Bekenntnis und Lehre des Anzustellenden von der kirchlichen Behörde, in deren Bereich die Fakultät liegt, erfordert werden.

(2) Die der Anstellung vorangehende Berufung, d.h. das Angebot des betreffenden Lehrstuhls durch den Minister für Erziehung und Volksbildung wird in vertraulicher Form und mit dem Vorbehalt der in Absatz 1 vorgesehenen Anhörung geschehen. Gleichzeitig wird die kirchliche Behörde benachrichtigt und um ihr Gutachten ersucht werden, für welches ihr eine ausreichende Frist gewährt werden wird.

(3) Etwaige Bedenken gegen Bekenntnis und Lehre des Anzustellenden werden von der kirchlichen Behörde nicht erhoben werden, ohne daß sie sich mit Vertretern der übrigen Kirchen beraten und festgestellt hat, ob ihre Bedenken überwiegend geteilt werden.

Das Ergebnis wird in dem Gutachten angegeben werden. Die kirchliche Behörde wird, bevor sie in ihrem Gutachten solche Bedenken erhebt, in eine vertrauliche mündliche Fühlungnahme mit der Fakultät eintreten, auf Wunsch der kirchlichen Behörde oder der Fakultät unter Beteiligung eines der evangelischen Kirche angehörenden Vertreters des Ministers für Erziehung und Volksbildung.

(4) Die vorstehenden Bedingungen gelten auch für eine Wiederanstellung, falls der zu Berufende inzwischen die Zugehörigkeit zu einer evangelisch-theologischen Fakultät im Lande Hessen verloren hatte.

Zu Artikel 13 Absatz 3: (1) Die Universitätsprediger werden aus dem Kreis der ordinierten Mitglieder der Fakultät bestellt. Mit ihrer Einführung wird die Kirche einen ihrer obersten Geistlichen beauftragen.

(2) Die Universitätsprediger erhalten eine kirchliche Bestallung. Die Bestallungsurkunde wird bei der Einführung ausgehändigt.

(3) Wird aus besonderen Gründen von der Bestellung eines Universitätspredigers abgesehen, so wird dafür Sorge getragen werden, daß auf Grund besonderer Vereinbarung der evangelisch-akademische Gottesdienst von Mitgliedern der Theologischen Fakultät abgehalten werden kann.

Zu Artikel 14 Absatz 1: (1) Die Bestimmungen des Schlußprotokolls zu Artikel 13 Absatz 2 gelten sinngemäß.

Zu Artikel 14 Absatz 2: (1) Für die Hochschulen für Erziehung bleibt eine Regelung vorbehalten.(2) An den Hochschulen für Erziehung ist Gelegenheit zu kirchenmusikalischer Ausbildung zu geben.

(2) Bei der zweiten Lehrerprüfung bzw. Assessorenprüfung wird gewährleistet, daß  bei dem Prüfungsgespräch über das Fach evangelische Religion der Prüfende außer der Lehrbefähigung für evangelische Religion auch die kirchliche Bevollmächtigung besitzt.

Zu Artikel 14 Absatz 3: Die Regelung gilt sinngemäß auch für Abschlußprüfungen von Ergänzungslehrgängen zum Erwerb der Lehrbefähigung für den evangelischen Religionsunterricht.

Zu Artikel 15 Absatz 2: (1) Die den Kirchen zustehenden Befugnisse werden durch die Organe ausgeübt, die nach den Ordnungen, Gesetzen oder Satzungen der Kirche dafür zuständig sind. Mit der Ausübung dieser Rechte können im Einvernehmen mit den staatlichen Schulaufsichtsbehörden auch die Schulräte und Religionslehrer beauftragt werden.

(2) Im eigenen Pfarrbezirk kann der Ortspfarrer die der Kirche zustehenden Rechte nicht ausüben. Die obersten Kirchenbehörden teilen die Namen der Beauftragten und der Stellvertreter den zuständigen staatlichen Schulaufsichtsbehörden mit.

(3) Wenn der Beauftragte während der planmäßigen Religionsstunden den Unterricht einer Schulklasse besuchen will, so hat er sich rechtzeitig mit der staatlichen Schulaufsichtsbehörde ins Benehmen zu setzen.

Zu Artikel 15 Absatz 3: Im Bedarfsfall kann der evangelische Religionsunterricht auch von Geistlichen oder von kirchlich ausgebildeten Religionslehrern (Katecheten) durchgeführt werden.

Zu Artikel 17 Absatz 2: Das Genehmigungsverfahren richtet sich vorbehaltlich späterer anderweitiger gesetzlicher Regelung nach den Vorschriften des Kirchensteuergesetzes vom 27. April 1950 (GVBI. S. 63) und der Durchführungsverordnung vom 15. Juni 1950 (GVBI. S. 108)

Zu Artikel 17 Absatz 4: (17) Ein Landes- oder Ortskirchensteuerbeschluß, durch den die Steuer als einheitlicher Zuschlag zur Einkommensteuer (Lohnsteuer) erhoben wird, gilt als genehmigt, wenn der Zuschlag den im Vorjahr erhobenen Hundertsatz nicht übersteigt.

(2) Ein Landes- oder Ortskirchensteuerbeschluß, durch den die Steuer als gleichmäßiger Zuschlag zu den Meßbeträgen der Grundsteuer bemessen wird, gilt als genehmigt, wenn der Zuschlag als Landeskirchensteuer und Ortskirchensteuer insgesamt 20 vom Hundert nicht übersteigt. Ändern sich die Meßzahlen der Grundsteuer von land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, so ist der allgemein genehmigte Kirchensteuersatz im Einvernehmen zwischen den Kirchenleitungen und dem Minister für Erziehung und Volksbildung den veränderten Verhältnissen anzupassen. Das gleiche gilt, wenn sich, zum Beispiel durch eine neue Bewertung des Grundbesitzes, die Besteuerungsgrundlage dieser Steuer wesentlich ändert.

(3) Ein Landes- oder Ortskirchensteuerbeschluß, durch den Erhebung eines Kirchgeldes bestimmt wird, gilt als genehmigt, wenn das Kirchgeld sich in einem Rahmen hält, der zwischen dem Minister für Erziehung und Volksbildung und den Kirchenleitungen vereinbart wird.

Zu Artikel 18 Absatz 1: (1) Die Unterlagen, deren die Kirchen und Kirchengemeinden (Gesamtverbände) aus steuerlichen Gründen bedürfen (einschließlich der Angaben über die Konfessionszugehörigkeit), sind ihnen auf Anforderung von den zuständigen Landes- und Gemeindebehörden mitzuteilen.

(2) Für die Mitteilung der Besteuerungsunterlagen sind folgende Verfahren vorgesehen:

  1. a) Die von den Kirchen benannten Stellen erhalten Einsicht in die Veranlagungslisten (V-Listen) und die Lohnsteuerkarten.

b)Die Finanzämter erteilen Auskunft über die Besteuerungsmerkmale der einzelnen Kirchenangehörigen, soweit diese zur Heranziehung von Kirchensteuern von Bedeutung sind.

  1. c) Das Steuergeheimnis ist zu wahren.

(3) Die Gemeindebehörden verfahren für ihre Steuern entsprechend.

Zu Artikel 23: Falls das Land in einer Vereinbarung der katholischen Kirche über den vorliegenden Vertrag hinausgehende weitere oder andere Rechte oder Leistungen gewähren sollte, wird es den Inhalt dieses Vertrages einer Überprüfung unterziehen, so daß die Grundsätze der Parität gewahrt werden.

Zu Artikel 24 Absatz 1: Die Kirchen und das Land werden die nach dieser Vorschrift weiterhin außer Kraft tretenden gesetzlichen Bestimmungen und Übereinkommen im beiderseitigen Einvernehmen bekanntgeben.

Geschehen zu Wiesbaden am 18. Februar 1960.

Quelle: http://www.religion-recht.de/2011/02/vertrag-der-evangelischen-landeskirchen-in-hessen-mit-dem-land-hessen-vom-18-februar-1960/

5. Die evangelischen Freikirchen

5.1.      Einführung

5.1.1.     Name

Der Begriff ‚Freikirchen‘ ist vor allem im deutschen Sprachraum üblich, um diese von den evangelischen Landeskirchen zu unterscheiden, die über Verträge (siehe Kapitel V) mit dem Staat verbunden sind. In den meisten anderen Ländern ist eine derartige Unterscheidung überflüssig, da es dort ausschließlich ‚Freikirchen‘ gibt.

Evangelische Freikirchen teilen in der Regel die theologischen Grundsätze der Reformation (Schriftprinzip, Rechtfertigung aus Glauben etc.). Daher werden in diesem Kapitel nur jene theologischen Charakteristika erwähnt, die eine Eigenart der jeweiligen Kirche darstellen.

Die Anordnung erfolgt chronologisch nach dem Zeitpunkt der jeweiligen Gründung.

 

5.1.2.     Mennoniten

Die Mennoniten haben ihren Ursprung im Täuferreich von Münster. Im Jahre 1534 begannen radikale Anhänger der Reformation, die westfälische Bischofsstadt in ein eschatologisches Regime umzuwandeln, das von Fanatismus und Gewalt geprägt war und ein Jahr später durch Fürstbischof Franz von Waldeck militärisch zerschlagen wurde. Nach dem Zusammenbruch des Täuferreichs gründete der niederländisch-friesische Theologe und frühere katholische Priester Menno Simons (1496-1561), eine neue Täufergruppe, die erst den Namen „Mennisten“ erhielt und sich ab dem 17. Jahrhundert selbst Mennoniten nannte.

Die Mennoniten verfügen über kein eigenes Glaubensbekenntnis, stimmen jedoch den wesentlichen Merkmalen des Täufertums zu, wie sie in den Schleitheimer Artikeln (1527) formuliert wurden. Hierzu gehören insbesondere: Die Glaubenstaufe (Ablehnung der Säuglingstaufe), Gewaltlosigkeit (Ablehnung des Militärdienstes) sowie die Absonderung von der Welt (kein Umgang mit Nichtchristen, keine politischen Ämter). Diese separatistische Tendenz wurde und wird von den Amish People, die sich 1693 von nach Amerika ausgewanderten Mennoniten abspalteten, besonders radikal ausgelebt. Bis heute leben sie von traditioneller Landwirtschaft, lehnen jedwede Technologie ab und sprechen nach wie vor das vom pfälzischen Dialekt herrührende Pennsylvaniadeutsch, in dem auch ihre religiöse Literatur gedruckt ist.

Weltweit gibt es ca. 1,3 Millionen Mennoniten, in Deutschland leben etwa 40.000.

 

5.1.3.     Baptisten

Die erste Baptistengemeinde entstand 1609 in Amsterdam. Gegründet wurde sie von dem ehemaligen anglikanischen Priester John Smyth (ca. 1570-1612) und dem Juristen Thomas Helwys (ca 1550-1616), die aus England ins niederländische Exil geflohen waren. Zum Bruch mit der anglikanischen Kirche kam es vor allem aufgrund des unterschiedlichen Kirchenverständnisses. Smyth und Helwys, beide dem englischen Puritanismus entstammend, lehnten die englische Staatskirche ab und wollten eine ‚reine‘ (pure) Kirche errichten, die nur aus ‚echten‘ Gläubigen besteht. Aus diesem Grund lehnten sie auch die Säuglingstaufe ab und praktizierten ausschließlich die Glaubenstaufe – bis heute ein klassisches Merkmal der Baptisten, aus dem sich auch ihr Name (baptism) ableitet. Die erste Baptistengemeinde in England entstand 1612. Die erste Gemeinde auf deutschem Boden wurde 1834 in Hamburg von Johann Gerhard Oncken (1800-1884) gegründet. Am erfolgreichsten verbreitete sich der Baptismus allerdings in den USA. 1639 gründete Roger Williams (1603-1683) die erste nordamerikanische Baptistengemeinde in Providence (Rhode Island). Heute bilden die Baptisten mit über 30 Millionen Mitgliedern den größten protestantischen Flügel der USA.

Was Baptistengemeinden weltweit verbindet, fassen die „Baptist Principles“ der 1905 gegründeten Baptist World Alliance zusammen:

  • die Bibel als Gottes Wort, daher alleinige Regel und Richtschnur für Glauben und Leben
  • die Gemeinde der Gläubigen, daher die Notwendigkeit von Mission und Evangelisation
  • die Taufe auf das Bekenntnis des Glaubens, daher Verbindung von Taufe und Gemeindemitgliedschaft
  • das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, daher keine Ämterhierarchie (Rangordnung)
  • die Selbständigkeit der Ortsgemeinde, daher Gemeindeleben in eigener geistlicher Verantwortung und gleichzeitig Einbindung in einen Gemeindebund
  • Glaubens- und Gewissensfreiheit, daher Trennung von Kirche und Staat

Während die ersten vier Punkte als typisch evangelisch/evangelikal gelten dürfen, bilden die letzten beiden spezifisch baptistische Positionen. Die Forderung nach Unabhängigkeit und Freiheit machte die baptistische Ekklesiologie insbesondere für die amerikanischen Siedler attraktiv. Roger Williams prägte die Metapher der „Trennwand“ (wall of separation) zwischen Kirche und Staat, die später von Thomas Jefferson aufgegriffen wurde.

Weltweit gibt es ca. 80 Millionen Baptisten, in Deutschland leben ca. 80.000. Berühmte Mitglieder waren u.a. Charles Spurgeon, Martin Luther King und Billy Graham.

 

5.1.4. Methodisten

Die methodistische Kirche geht auf das Wirken des anglikanischen Predigers John Wesleys (1703-1791) zurück, der, ähnlich wie Luther, keine Kirchentrennung anstrebte, sondern vielmehr eine Erweckungsbewegung innerhalb der anglikanischen Kirche seiner Zeit. Das ist auch der Grund für die bis heute bestehenden Ähnlichkeiten mit der anglikanischen Theologie. Unter den hier behandelten Freikirchen ist die methodistische Kirche zweifellos jene, die den ‚traditionellen‘ Kirchen am verwandtesten ist.

Der Name ‚Methodisten‘ war ursprünglich ein Spottname für den Oxforder Studentenkreis, dessen Mitglieder ihr geistliches Leben (Gebet, Bibelstudium etc.) nach strengen ‚methodischen‘ Regeln ausrichteten. Diesem Kreis gehörte auch John Wesley an, der später als Missionar beeindruckende Erfolge erzielte. Der größte Erfolg stellte sich in Nordamerika ein, wo 1784 (nach dem Unabhängigkeitskrieg) die unabhängige Methodist Episcopal Church gegründet und ihr erster Bischof eingesetzt wurde. Im 19. Jahrhundert wurde der Methodismus zur größten religiösen Bewegung des Landes. Heute bilden sie dort mit etwa sieben Millionen Mitgliedern die zweitgrößte protestantische Konfession (hinter den Baptisten). Weltweit gehören etwa 14 Millionen der methodistischen Kirche an, in Deutschland etwa 40.000.

John Wesley und seine Bewegung sind unverkennbar vom deutschen Pietismus geprägt. Der Schwerpunkt der methodistischen Frömmigkeit liegt auf Innerlichkeit und Heiligung. Ebenso charakteristisch ist die praktische Ausrichtung des Glaubens. Als dessen Ausdruck hat sich die methodistische Kirche ein eigenes „soziales Bekenntnis“ gegeben. Darin heißt es: „Wir stehen ein für die Überwindung von Ungerechtigkeit und Not. Wir verpflichten uns zur Mitarbeit am weltweiten Frieden und treten ein für Recht und Gerechtigkeit unter den Nationen. Wir sind bereit, mit den Benachteiligten unsere Lebensmöglichkeiten zu teilen. Wir sehen darin eine Antwort auf Gottes Liebe.“

Abgesehen davon verfügt die methodistische Kirche, wie die meisten Freikirchen, nicht über ein eigenes Bekenntnis. Theologisch orientiert man sich an den Lehrpredigten Wesley sowie an dessen Quadrilateral (Heilige Schrift, Tradition, Erfahrung, Vernunft).

Ekklesiologisch unterscheiden sich die Methodisten am stärksten von den übrigen Freikirchen und zeigen, wie bereits erwähnt, Parallelen zum ursprünglichen Anglikanismus Wesleys. Die Säuglingstaufe wird praktiziert, führt aber nicht automatisch zur Kirchenmitgliedschaft. Hierfür ist ein Bekenntnis als Erwachsener erforderlich. Methodistische Kirchen werden gewöhnlich durch einen Bischof geleitet, der über große exekutive Befugnisse verfügt.

 

5.1.5. Freie evangelische Gemeinden (FeG)

Die erste „Freie evangelische Gemeinde“ in Deutschland wurde durch den Kaufmann Hermann Heinrich Grafe (1818 -1869) gegründet. Grafe lernte während eines beruflichen Aufenthaltes in Lyon die Église évangélique libre kennen. Zurück in Elberfeld, wollte er seine Erlebnisse und Erkenntnisse innerhalb der dortigen reformierten Gemeinde umsetzen, scheiterte jedoch an der landeskirchlichen Realität. Grafe lehnte es ab, gemeinsam mit Menschen in einer Gemeinde zu sein und Abendmahl zu feiern, die er nicht für wahre Gläubige hielt. So entschied er sich, eine eigene Gemeinde nach biblischen Grundsätzen zu bauen, was ihm 1854 gelang. Schnell entstanden in Deutschland weitere Freie Gemeinden, die sich 1874 in Wuppertal zum „Bund Freier evangelischer Gemeinden“ zusammenschlossen. Heute gehören dem Bund über 400 Gemeinden mit etwa 40.000 Mitgliedern an. Die einzelnen Gemeinden verfügen über eine hohe Selbstständigkeit.

Freie evangelische Gemeinden teilen die wesentlichen die Erkenntnisse der Reformation, über eigene Bekenntnisse verfügen sie nicht. Der wesentliche Unterschied zu den Landeskirchen liegt in der besonderen Betonung des persönlichen Glaubenszeugnisses. Nur ‚echte‘ Christen können Mitglieder der Gemeinde werden. Die Säuglingstaufe wird abgelehnt, allerdings wird nicht auf einer erneuten Taufe bestanden.

 

5.1.6. Heilsarmee

Die Heilsarmee wurde 1878 in London durch den Methodistenpfarrer William Booth (1829-1912) gegründet. Sie versteht sich nicht als eigene Kirche, sondern als überkonfessionelle Bewegung. Von den Mitgliedern wird nicht erwartet, dass sie ihre bisherige Kirchenmitgliedschaft (sofern vorhanden) aufgeben. Charakteristisch ist die militärische Nomenklatur. Booth ernannte sich zum ersten „General“ der Heilsarmee. Dieses Amt existiert bis heute. Der General verfügt außerdem über einen Stabschef, unter ihm dienen zahlreiche Offiziere. Das Publikationsorgan erhielt den Namen „Kriegsruf“.

Booth gab der Heilsarmee bei ihrer Gründung 11 Glaubensartikel. Diese entsprechen im Wesentlichen der Theologie der Reformation. Allerdings wird Wert auf die aktive Mitwirkung der Mitglieder gelegt: „Wir glauben, dass Umkehr zu Gott (Buße), Glaube an unseren Herrn Jesus Christus und Wiedergeburt durch den Heiligen Geist zu unserer Errettung notwendig sind.“  Als eine der wenigen Kirchen auf der Welt betrachtet die Heilsarmee weder Taufe noch Abendmahl als heilsnotwendiges Sakrament.

Die Heilssoldaten legen außerdem ein Gelübde ab, durch das sie sich auf eine ihrem Amt entsprechende Lebensführung verpflichten. Darin heißt es unter anderem: „Ich will mich enthalten von alkoholischen Getränken, Tabak, von nicht ärztlich verschriebenen Drogen, dem Glücksspiel, der Pornografie, dem Okkultismus und allem, was meinen Körper, meine Seele oder meinen Geist abhängig machen könnte.“ Diese Haltung geht auf die Ursprünge der Bewegung zurück. Booth wirkte und predigte in den Armenvierteln Londons, arbeitete mit Alkoholikern, Drogenabhängigen, Prostituierten. Karitative Tätigkeiten sind bis heute ein Markenzeichen der Heilsarmee.

Die Heilsarmee ist heute weltweit vertreten und verfügt etwa 1,7 Millionen Soldaten. Das Hauptquartier ist noch immer in London.

5.2. Quelle

Gemeindeordnung der Freien evangelischen Gemeinde

 

1. Name

Die Gemeinde trägt den Namen „Freie evangelische      Gemeinde…………………………… “.

Sie gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden KdöR mit Sitz in Witten/Ruhr.

2. Grundlage und Auftrag

2.1       Verbindliche Grundlage für Glauben und Leben der Gemeinde ist die Bibel als das geoffenbarte Wort Gottes. In ihrer Gestalt und Ordnung richtet sich die Gemeinde nach dem Vorbild der im Neuen Testament beschriebenen Gemeinden.

2.2       Die Gemeinde hat den Auftrag, Gott anzubeten, das Wort Gottes zu verkündigen, Gemeinschaft der Glaubenden zu pflegen und dem Nächsten in missionarisch-diakonischer Verantwortung zu dienen.

 

3. Mitgliedschaft

3.1       Mitglied der Gemeinde kann werden, wer bekennt, dass Jesus Christus sein persönlicher Retter und Herr geworden ist und dass er Vergebung der Sünden empfangen hat. Dies Bekenntnis setzt die Glaubenszuwendung voraus zu dem menschgewordenen, gekreuzigten, auferstandenen, erhöhten und wiederkommenden Sohn Gottes. Erwartet wird, dass Wirkungen dieses Glaubens durch den Heiligen Geist im Leben des Gemeindemitglieds sichtbar werden.

3.2       Der Antrag um Aufnahme in die Gemeinde ist an die Gemeindeleitung zu richten; er wird den Gemeindemitgliedern bekanntgegeben mit einer angemessenen Frist zur Rückäußerung darüber an die Gemeindeleitung. Danach entscheidet die Gemeindeleitung über die Aufnahme. Entsprechend den gesetzlichen Vorschriften über Religionsmündigkeit ist in der Regel eine Mitgliedschaft ab Vollendung des 14. Lebensjahres an möglich.

3.3       Die Mitglieder der Gemeinde sind füreinander verantwortlich. Nach dem Neuen Testament wird versucht, Mitgliedern zurechtzuhelfen, deren Verhalten den biblischen Weisungen widerspricht. Gelingt das nicht, muss der Ausschluss aus der Gemeinde erfolgen.

3.4       Die Mitgliedschaft erlischt außerdem durch schriftliche Erklärung des Mitglieds, durch Überweisung in eine andere Gemeinde oder durch Streichung, wenn das Mitglied trotz der wiederholten Ermahnung seit längerer Zeit nicht mehr am Gemeindeleben teilnimmt, sowie durch den Tod des Mitglieds.

3.5       Über einen notwendig gewordenen Ausschluss oder über die Streichung eines Mitglieds informiert die Gemeindeleitung rechtzeitig die Gemeindemitglieder, damit Fragen und Einsprüche aus der Gemeinde geklärt werden. Danach entscheidet die Gemeindeleitung über den Ausschluss oder die Streichung und informiert anschließend die Gemeinde.

3.6       Die Gemeinde führt ein Verzeichnis ihrer Mitglieder.

Die Freunde der Gemeinde (regelmäßige Besucher der Gemeindeveranstaltungen) werden in einem gesonderten Verzeichnis geführt, um mit ihnen Verbindung halten zu können. In diesem Verzeichnis werden auch die Kinder der Gemeindemitglieder erfasst.

Durch kindgemäße Verkündigung erfahren sie, wie man Christ wird und als Christ zu leben hat. Mitglied der Gemeinde können sie erst dann werden, wenn sie zum persönlichen Glauben gekommen sind und dadurch die Bedingung zur Aufnahme erfüllen.

Die Datenschutzordnung des Bundes findet Anwendung.

 

4. Taufe und Abendmahl

4.1       Die Gemeinde lehrt und praktiziert die Taufe der Glaubenden; diese ist jedoch nicht Bedingung für die Aufnahme in die Gemeinde.

4.2       Die Gemeinde feiert regelmäßig mit ihren Mitgliedern das Abendmahl. Andere Christen können als Gäste daran teilnehmen; die Gemeinde gibt bekannt, unter welchen Voraussetzungen das möglich ist. Alle Teilnehmer müssen in einem Verhältnis zu Gott und ihren Mitmenschen leben, das durch Umkehr, Vergebung und Versöhnungsbereitschaft bestimmt ist.

 

5. Organe der Gemeinde

5.1       Die Gemeinde ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der Verfassung des Bundes.

5.2       Die Organe der Gemeinde sind die Gemeindeleitung und die Gemeinde(mitglieder)-Versammlung.

 

6. Die Gemeindeleitung

6.1       Die Gemeindeleitung (Ältestenkreis, Brüderrat, Gemeinderat o. ä.) besteht aus mehreren volljährigen Gemeindemitgliedern, die dazu von der Gemeindeversammlung in geheimer Wahl für die Dauer von vier Jahren berufen werden und wiederwählbar sind. Pastoren gehören für die Zeit ihres Dienstes in der Gemeinde zur Gemeindeleitung.

6.2       Wer zur Gemeindeleitung gewählt wird, muss den dafür im Neuen Testament genannten persönlichen Voraussetzungen entsprechen und vom Vertrauen der Gemeinde getragen sein. Diese Eigenschaften müssen für die gesamte Dauer der Dienstausübung bestehen.

6.3       Die Gemeindeleitung hat die Gemeinde geistlich, seelsorglich und organisatorisch zu leiten. Das schließt auch ein, die Gemeinde gemeinsam nach außen und gegenüber dem Bund zu vertreten, die laufenden Geschäfte zu führen und das Dienstverhältnis des Pastors und weiterer hauptamtlicher Mitarbeiter zu regeln. Außerdem verantwortet sie die Ausgaben im Rahmen des Finanzbudgets der Gemeinde.

6.4       Die Gemeindeleitung sorgt für eine angemessene Arbeitsstruktur, die von der Gemeindeversammlung bestätigt wird. In dieser Arbeitsstruktur wird beschrieben, wer wem gegenüber verantwortlich ist.

 

7. Die Gemeindeversammlung

7.1  Die Gemeindeversammlung besteht aus sämtlichen Mitgliedern der Gemeinde. Sie ist von der Gemeindeleitung mindestens jährlich zweimal mit Bekanntgabe der Tagesordnung einzuladen sowie immer dann, wenn mindestens zehn vom Hundert der Mitglieder das schriftlich mit Angabe der Gründe beantragen.

7.2       Die Gemeindeversammlung entscheidet über alle für das Gemeindeleben wichtigen Angelegenheiten. Sie entscheidet über die grundsätzliche Ausrichtung der Gemeindearbeit. Sie wählt die Gemeindeleitung und beruft ggf. Mitglieder daraus ab. Sie beruft den Pastor auf Vorschlag der Gemeindeleitung unter Einbeziehung des zuständigen Bundessekretärs. Sie verabschiedet den Jahresetat und genehmigt den Jahresabschluss des Vorjahres und erteilt dem Kassenverwalter Entlastung. Sie beschließt über wichtige Einzelausgaben und nimmt Arbeits- und Rechenschaftsberichte entgegen.

 

8. Beschlussfassung

8.1       Alle Beschlüsse der Gemeinde und ihrer Organe sollen möglichst einstimmig gefasst werden. Nur in Zweifelsfällen soll eine Stimmenmehrheit festgestellt werden. Ergibt sich nicht mindestens eine Zweidrittel-Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen, soll der Beschluss vertagt werden, bis nach weiterem Überlegen und ernstlichem Beten eine eindeutige Mehrheit zu erwarten ist.

8.2       Die in der Gemeindeversammlung gefassten Beschlüsse sind für die Gemeindeleitung und die Arbeitsgruppen verbindlich.

8.3       Beschlüsse und wichtige Verhandlungen werden in Niederschriften festgehalten, die vom Schriftführer und einem weiteren Gemeindemitglied zu unterschreiben sind.

 

9. Vermögensverwaltung

9.1       Die Mitglieder der Gemeinde leisten in Verantwortung vor Gott freiwillig und regelmäßig Beiträge, die ihrem Einkommen angemessen sind.

 

9.2       Die Gemeindekasse wird vom Kassenverwalter geführt. Sämtliche Eingänge und Ausgänge sind übersichtlich und gewissenhaft zu verbuchen. Das in Gemeindeveranstaltungen gesammelte Geld ist von zwei Gemeindemitgliedern zu zählen; der Betrag ist gegenzuzeichnen. Der Kassenverwalter berichtet in der Gemeindeleitung über die laufende Kassenführung. Die Gemeindeleitung kann aus ihrer Mitte ein Mitglied beauftragen, Einsicht in die Kassenführung zu nehmen, auch um Mitglieder ermahnen zu können, die keine angemessenen Beiträge zahlen. Im Übrigen besteht über die Gaben der einzelnen Gemeindemitglieder Schweigepflicht.

9.3       Die Gemeindekasse ist jährlich einmal durch zwei jeweils von der Gemeindeversammlung rechtzeitig zu beauftragende, geeignete Mitglieder zu prüfen. Die Kassenprüfer haben der Gemeindeversammlung über das Prüfungsergebnis zu berichten und mitzuteilen, ob sie Entlastung vorschlagen können.

9.4       Das Grundeigentum der Gemeinde wird durch den Bund Freier evangelischer Gemeinden KdöR verwaltet und ist auf dessen Namen im Grundbuch eingetragen; die Gemeinde bleibt jedoch wirtschaftlich der verfügungsberechtigte Eigentümer.

9.5       Das Grundvermögen ist in Einnahmen und Ausgaben getrennt von der allgemeinen Jahresrechnung der Gemeinde zu verwalten.

 

10. Gemeinnützige Mittelverwendung

10.1      Alle Einnahmen der Gemeinden sind für die in dieser Gemeinde-Ordnung genannten Aufgaben zu verwenden und dienen damit den in der Verfassung des Bundes beschriebenen Zwecken der Religionsgemeinschaft. Die Gemeinde ist selbstlos tätig. Sie verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke.

10.2      Soweit es sich bei den Einnahmen um Spenden handelt, kann unter bestimmten Voraussetzungen darüber eine steuerlich verwertbare Bescheinigung ausgestellt werden.

10.3      Mitglieder der Gemeinde erhalten keinerlei Zuwendungen aus Mitteln der Gemeinde. Möglich ist eine vorübergehende Unterstützung in einer wirtschaftlichen Notlage, die aus Mildtätigkeit an einen Bedürftigen gewährt wird, wie sie auch Nichtmitgliedern gewährt werden kann.

 

10.4      Es darf keine Person durch Ausgaben, die dem Zweck der Gemeinde fremd sind, oder durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigt werden.

10.5      Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln der Kommunen, des Landes oder der Bundesrepublik Deutschland werden nur von Fall zu Fall in Anspruch genommen und nur zur Mitfinanzierung solcher Investitionen oder anderer Zwecke, die auch nichtreligiösen Trägern für staatlich geförderte Aufgaben zustehen. Der Nachweis der Verwendung solcher Mittel ist nach den dafür geltenden gesetzlichen Vorschriften zu führen.

 

11. Zusammenarbeit im Bund

11.1      Durch die Mitgliedschaft im Bund weiß die Gemeinde sich verpflichtet zur Zusammenarbeit mit anderen Freien evangelischen Gemeinden auf Kreis- und Bundesebene.

11.2      Die Gemeinde fördert im Rahmen ihrer Möglichkeiten die gemeinsamen Aufgaben in der Bundesgemeinschaft geistlich, finanziell und praktisch.

 

12. Schlussbestimmungen

12.1      Änderungen dieser Gemeinde-Ordnung und die Auflösung der Gemeinde können von der Gemeindeversammlung nur nach einer mit angemessener Frist vorausgegangenen Bekanntgabe der Tagesordnung und nur mit mindestens Dreiviertel-Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen der anwesenden Mitglieder beschlossen werden. Falls nicht mindestens die Hälfte aller Gemeindemitglieder anwesend ist, muss zu einer zweiten Gemeindeversammlung zu diesem Zweck mit Monatsfrist erneut eingeladen werden; diese Gemeindeversammlung ist in jedem Fall beschlussfähig.

12.2      Eine beabsichtigte Auflösung der Gemeinde ist unter Darlegung des Sachverhalts frühzeitig der Bundesleitung mitzuteilen, um deren Stellungnahme einzuholen.

12.3      Bei Auflösung der Gemeinde oder bei Änderung der Aufgaben der Gemeinde, die den Wegfall der Steuerbegünstigung zur Folge hat, stehen sämtliche Vermögenswerte dem Bund zu, der sie für seine Zwecke als Religionsgemeinschaft verwendet, vorrangig am Sitz der Ortsgemeinde.

 

6. Die Pfingstbewegung

7.1.      Einführung

7.1.1.     Name

Obwohl die Grenzen mitunter fließend sind und terminologisch keineswegs immer eingehalten werden, kann prinzipiell zwischen der klassischen Pfingstbewegung, die im Jahre 1901 in den USA begann, und der allgemeinen charismatischen Erneuerung, die etwa ab 1960 innerhalb der klassischen Konfessionen ihren Anfang nahm, unterschieden werden. Beide Bezeichnungen gehen auf das Wirken des Heiligen Geistes (an Pfingsten bzw. durch die Charismen) zurück, welches in diesen Bewegungen im Mittelpunkt von Theologie und Frömmigkeit steht. Obwohl es im Laufe ihrer Geschichte immer wieder prägende Persönlichkeiten gab, hat sich die Pfingstbewegung nie auf eine bestimmte Gründerpersönlichkeit berufen, wie es andere christliche Gruppen tun.

 

7.1.2.     Verbreitung

Als Geburtsstunde der Pfingstbewegung gilt der Neujahrstag 1901, als Berichten zufolge in der von dem methodistischen Heiligungsprediger Charles Parham (1873-1929) gegründeten Bethel Bible School in Topeka (Kansas) eine Schülerin begann, in Zungen zu reden. Ihren eigentlichen Beginn als weltweite Bewegung erlebten die Pfingstler allerdings erst durch das Azusa Street Revival in Los Angeles (1906-1913), eine Art charismatisches Woodstock. Von dort aus breitete sich die Bewegung in atemberaubendem Tempo aus.

Zugleich rief sie aber auch heftigen Widerstand hervor. Bereits 1909 distanzierten sich 56 führende evangelikale Theologen Deutschlands in ihrer Berliner Erklärung von der neuen Bewegung:

„Eine derartige Bewegung als von Gott geschenkt anzuerkennen, ist uns unmöglich. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß in den Versammlungen die Verkündigung des Wortes Gottes durch die demselben innewohnende Kraft Früchte bringt. Unerfahrene Geschwister lassen sich durch solche Segnungen des Wortes Gottes täuschen. Diese ändern aber an dem Lügencharakter der ganzen Bewegung nichts. (Vergl. 2. Kor. 11, 3.4.14)

Die Gemeinde Gottes in Deutschland hat Grund, sich tief zu beugen darüber, daß diese Bewegung Aufnahme finden konnte. Wir alle stellen uns wegen unserer Mängel und Versäumnisse, besonders auch in der Fürbitte, mit unter dieser Schuld. Der Mangel an biblischer Erkenntnis und Gründung, an heiligem Ernste und Wachsamkeit, eine oberflächliche Auffassung von Sünde und Gnade, von Bekehrung und Wiedergeburt, eine willkürliche Auslegung der Bibel, die Lust an neuen aufregenden Erscheinungen, die Neigung zu Übertreibungen, vor allem aber auch Selbstüberhebung, das alles hat dieser Bewegung die Wege geebnet.

[…]

Wir bitten hiermit alle unsere Geschwister um des Herrn und seiner Sache willen, welche Satan verderben will: Haltet euch von dieser Bewegung fern! Wer aber von euch unter die Macht dieses Geistes geraten ist, der sage sich los und bitte Gott um Vergebung und Befreiung. Verzaget nicht in den Kämpfen, durch welche dann vielleicht mancher hindurchgehen wird. Satan wird seine Herrschaft nicht leichten Kaufes aufgeben. Aber seid gewiß: Der Herr trägt hindurch! Er hat schon manchen frei gemacht und will euch die wahre Geistesausrüstung geben.“

Der Beginn der charismatischen Erneuerung hängt vor allem mit dem Wirken des episkopalen Pfarrers Dennis Bennett (1917-1991) zusammen, der in Van Nuys (Kalifornien) tätig war. Dieser bekannte im Jahre 1960 öffentlich, die Taufe im Heiligen Geist und die Gabe der Zungenrede empfangen zu haben. Bennett wollte jedoch keinerlei Abspaltung von seiner Heimatkirche, sondern strebte eine geistliche Erneuerung innerhalb der bestehenden Kirchen an. In Deutschland entstanden charismatische Erneuerungsgruppen in den evangelischen Landeskirchen, die sich später als „Geistliche Gemeindeerneuerung“ (GGE) organsierten, es folgte eine ähnliche Bewegung im Bereich der römisch-katholischen Kirche („Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche“).

Weltweit bezeichnen sich heute schätzungsweise 500 Millionen Christen als Pfingstler und/oder Charismatiker. Würde es sich um eine eigene, in sich geschlossene Konfession handeln, wäre es die Zweitgrößte nach der römisch-katholischen Kirche. Da sich aber, wie bereits erwähnt, auch zahlreiche Charismatiker innerhalb der traditionellen Konfessionen befinden, wäre eine solche Zählung irreführend.

Im deutschsprachigen Raum fallen die Zahlen eher niedrig aus. Die größte Gemeinschaft in Deutschland, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), hat nach eigenen Angaben ca. 49.000 Mitglieder. Der BFP ist Mitglied der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und seit 2010 Mitglied im Gaststatus der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).

Obwohl die pfingstlerische Frömmigkeit in Afrika, Asien und Südamerika weitaus bessere kulturelle Anknüpfungsmöglichkeiten vorfindet, wirkt sie in den westlichen Industrienationen gerade aufgrund ihres Protests gegen ein geheimnisleeres Wirklichkeitsverständnis und ein Glaubensverständnis, das die Dimension des Wunders und des Wunderbaren ausschließt, attraktiv. Mit ihren Erfahrungsangeboten bieten enthusiastische Bewegungen einen Antwortversuch auf die Vergewisserungssehnsucht der Menschen. Die Vergewisserung wird in sichtbaren Geistmanifestationen gesucht, die als Zeichen, manchmal als Beweise göttlicher Gegenwart angesehen werden.

7.1.3.     Charakteristika

Nach einem berühmten Ausspruch des norwegischen Pfingstpredigers Thomas Barratt (1862-1940) sind Pfingstler in ihrem Verständnis der Erlösung Lutheraner, in ihrem Taufverständnis Baptisten, in ihrem Heiligungsverständnis Methodisten, in ihrer Evangelisationspraxis Heilsarmisten, in ihrem Verständnis der Geistestaufe jedoch Pfingstler. Es ist an dieser Stelle unnötig, jeden einzelnen Punkt dieser Aussage im Detail zu betrachten. Wichtig ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Pfingstbewegung keine wirklich neue Theologie bietet, sondern in vielen Bereichen den bereits bestehenden Gruppierungen ähnelt, insbesondere den evangelikalen Christen.

Das Bibelverständnis ist meist fundamentalistisch im Sinne der Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift. Zu regelmäßigen Debatten führt allerdings die Frage, ob Pfingstler das sola-scriptura-Prinzip bejahen. Obwohl viele dies von sich selbst behaupten, werfen ihnen insbesondere evangelikale Christen oft vor, sich gerade nicht mit der Offenbarung der Bibel zu begnügen, sondern stattdessen auf weitere Offenbarungen durch den Geist zu vertrauen.

Gottesdienste sind enthusiastisch geprägt, es geht es um eine Frömmigkeit mit Begeisterung, um die „Enttabuisierung der Glaubensemotion“ (Heribert Mühlen). Im Zentrum stehen neben der Predigt Lobpreis, Segenshandlungen, ein Siegesbewusstsein im Kampf gegen die Mächte des Bösen. Hervorgehoben wird das Wirken des göttlichen Geistes in Visionen und Träumen, in Eindrücken, Bildern und Liedern. Betont werden eher Symbolik als Logik, eher Fantasie als Vernunft, eher Gefühl als Reflexion.Eine einheitliche Ekklesiologie findet sich in der Pfingstbewegung nicht, vielmehr gibt es zahlreiche unterschiedliche Organisationsformen. Ebenso herrscht Uneinigkeit zu bestimmten Fragen (Frauenordination etc.). Eine besondere Betonung der Institution Kirche, insbesondere in der Form, wie wir sie bei der römisch-katholischen oder der orthodoxen Kirche vorfinden, ist hingegen untypisch. Die apostolische Tradition, die für die soeben genannten Kirchen von großer Bedeutung ist, wird in der Pfingstbewegung durch das unmittelbare Wirken des Geistes ersetzt.

In der Taufpraxis ähneln die Charismatiker, wie bereits erwähnt, den Baptisten. Wie Letztere praktizieren auch sie ausschließlich die Gläubigentaufe. Nicht zu verwechseln mit der Betonung der Wassertaufe der Gläubigen ist allerdings die Bedeutung der Geisttaufe innerhalb der charismatischen Bewegung. Dieser besondere Moment, der ohne ein bestimmtes äußerliches Ritual geschieht, wird in einem Grundlagenpapier der „Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche“ (s.o.) wie folgt beschrieben: „Der Ursprung und die Kraft der Charismatischen Erneuerung liegen in zahlreichen, oft voneinander unabhängigen Gotteserfahrungen einzelner Christen. Sie sind häufig geprägt von einer Erfahrung der Gegenwart des Herrn (‚Du-Erfahrung‘), die für diese Menschen neu ist. Oft ist damit das Geschenk von Geistesgaben verbunden, die Lukas im Pfingstbericht beschreibt. Manche sehen sich gleichsam ‚eingetaucht‘ in einem Strom geistlicher Liebe und Freude und lesen nun die Verheißung, dass die Jünger Christi ‚im Geist getauft werden‘ (Mk 3,11), mit anderen Augen. Sie bezeichnen eine solches ‚Durchbrucherlebnis‘ darum gerne als Pfingsterfahrung. Damit leugnen sie nicht den Empfang des Heiligen Geistes in ihrem bisherigen Leben und wollen ihn auch anderen Christen nicht absprechen.“

Ein weiteres typisches und für viele entscheidendes Merkmal der Pfingstbewegung stellen die Geistesgaben (Charismen) dar. Hierzu zählen insbesondere die Zungenrede (s.o.), die Prophetie sowie die Heilung, die besonders hervorgehoben wird. Sie wird sogar eigens im Glaubensbekenntnis des BFP erwähnt: „Die Teilhabe an Jesus ihrem Herrn schließt besonders die Heiligung und die glaubensvolle Erwartung auf Heilung und Wiederherstellung des ganzen Menschen ein.“ Nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Heilungsgottesdienste ist dieser Aspekt oft derjenige, den Außenstehen als erstes mit der charismatischen Bewegung in Verbindung bringen.

[1] Russ. tjagoténie, wörtl. Schwerkraft, Anziehungskraft (Gravitation); übtr. Neigung, Hang, Verlangen, Anziehung (Übers.).

[2] Die Grundelemente reformatorischer Theologie werden in andere Kursen ausführlich behandelt, daher werden sie hier nur angedeutet.

Quelle

John Wesley

Predigt: Das Wesen des Fanatismus[1]

 

Festus rief mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen!

Apg 26, 24

  1. So redet alle Welt, so reden die Menschen, die Gott nicht kennen, über diejenigen, die dieselbe Religion haben wie Paulus, über jeden, der Paulus so nachfolgt, wie er Christus nachfolgte. Wahr ist: Es gibt eine Religion – sie wird auch Christentum genannt – die ohne solche Unterstellung praktiziert wird und der man zugesteht, dass sie mit gesundem Menschenverstand vereinbar sei. Damit meint man eine Religion der Form, eine Reihe äußerer Pflichten, die angemessen und pünktlich erfüllt werden. Man kann noch Rechtgläubigkeit dazu nehmen, ein System richtiger Meinungen, ja sogar eine gewisse Portion heidnischer Moral. Und doch werden dann nicht viele behaupten, dass „viel Religion dich um den Verstand gebracht“ hat.[2] Aber wenn du nach der Religion des Herzens strebst, wenn du von Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist redest, dann wird es nicht lange dauern, bis dir das Urteil gesprochen wird: „Du bist von Sinnen.“
  2. Es ist kein Kompliment, das die Weltmenschen dir damit machen. Diesmal meinen sie, was sie sagen. Sie behaupten nicht nur, sondern glauben von Herzen, dass jeder Mensch von Sinnen ist, der sagt, die Liebe Gottes sei ihm in sein Herz gegossen durch den Heiligen Geist, der ihm gegeben ist, und dass Gott ihn befähigt habe, sich in Christus zu freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. Wenn einer tatsächlich für Gott lebt und allem Irdischen hier unten gestorben ist, wenn er fortgesetzt ihn sieht, der unsichtbar ist, und darum im Glauben lebt und nicht im Schauen, dann ist für sie unbestreitbar klar, dass „viel Religion ihn um den Verstand gebracht hat“.
  3. Man kann leicht feststellen, was genau die Welt für Verrücktheit hält, nämlich die äußerste Verachtung aller zeitlichen Dinge, das beständige Streben nach ewigen Dingen, das gottgeschenkte Überzeugtsein von unsichtbaren Dingen, das Frohlocken über Gottes Gunst, die glückliche, heilige Liebe zu Gott und das Zeugnis seines Geistes mit unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Das ist in Wahrheit der ganze Geist, das ganze Leben und die ganze Kraft der Religion Jesu Christi.
  1. Sie geben freilich zu, dass der betreffende Mensch in anderer Beziehung wie einer handelt und redet, der bei Verstand ist. In andern Dingen ist er ein vernünftiger Mensch, nur in den genannten Fällen ist sein Kopf verwirrt. Deshalb gesteht man ihm zu, dass die Verrücktheit, an der er leidet, von einer besonderen Art ist. Und folglich unterscheidet man sie gewöhnlich mit dem besonderen Begriff Enthusiasmus.[3]
  2. Dies ist ein Begriff, der außerordentlich häufig gebraucht wird, der im Munde einiger Leute selten fehlt. Und doch wird er außergewöhnlich selten verstanden, selbst von denen, die ihn am häufigsten gebrauchen. Deshalb ist es für ernsthafte Menschen, für alle, die zu verstehen wünschen, was sie sagen oder hören, vielleicht nicht inakzeptabel, wenn ich mich bemühe, die Bedeutung dieses Begriffes zu erklären und zu zeigen, was „Enthusiasmus“ ist. Das könnte für diejenigen eine Ermutigung sein, die zu Unrecht des Enthusiasmus beschuldigt werden. Vielleicht ist es aber auch hilfreich für einige, denen sie zu Recht vorgehalten wird, oder wenigstens für andere, denen das geschähe, wären sie nicht davor gewarnt worden.
  3. Was das Wort als solches anbelangt, so wird gewöhnlich eine griechische Herkunft angenommen. Aber wovon das griechische Wort ἐνθουσιασμός abgeleitet ist, hat bisher noch niemand zeigen können. Einige haben sich bemüht, es von ἐν Θεῷ, „in Gott“, abzuleiten, weil aller Enthusiasmus sich auf ihn bezieht. Aber das ist ziemlich gekünstelt, weil es nur wenig Ähnlichkeit zwischen dem abgeleiteten Wort und den Wörtern gibt, von denen sie es ableiten möchten. Andere möchten es ableiten von ἐν θυσίᾳ, „im Opfer“, weil viele der Enthusiasten früherer Zeiten während der Opferhandlung in heftigste Erregung gerieten. Vielleicht ist es auch ein erfundenes Wort, lautmalend, entstanden im Anklang an den Lärm, den einige der so Erregten machten.
  1. Ein Grund dafür, dass sich dieses seltsame Wort in so vielen Sprachen erhalten hat, liegt möglicherweise gerade darin, dass man über seine Bedeutung keine größere Übereinstimmung erzielte als über seine Ableitung. So übernahm man das griechische Wort, weil man es nicht verstand; man übersetzte es nicht in die eigene Sprache, weil man nicht wusste, wie man es übersetzen sollte; und so war es immer ein Wort mit ungenauer, schwankender Bedeutung, mit dem kein klar umrissener Sinn verbunden war.
  2. Deshalb überrascht es ganz und gar nicht, dass es heute so unterschiedlich gebraucht wird und verschiedene Leute ihm verschiedene Bedeutungen beilegen, die ziemlich unvereinbar sind. Einige verwenden es in gutem Sinne für einen Impuls oder eine Einwirkung von Gott, die stärker ist als alle natürlichen Fähigkeiten und die zeitweilig den Verstand und die Sinne ganz oder teilweise außer Funktion setzt. In dieser Bedeutung des Wortes waren sowohl die einstigen Propheten als auch die Apostel echte „Enthusiasten“, die zu verschiedenen Zeiten so mit dem Geist erfüllt waren und so von dem beeinflusst, der in ihren Herzen wohnte, dass der Gebrauch ihrer eigenen Vernunft, ihrer Sinne und all ihrer natürlichen Fähigkeiten aufgehoben war und sie, völlig von der Kraft Gottes bewegt, nur „gesagt haben, wozu sie vom Heiligen Geist getrieben wurden“.
  3. Andere verwenden das Wort in einem unbestimmten Sinn, in dem es moralisch weder Gutes noch Böses bezeichnet. So sprechen sie vom Enthusiasmus der Dichter, vor allem bei Homer und Vergil. Diese Bedeutung weitet ein kürzlich verstorbener angesehener Schriftsteller so aus, dass er behauptet, es gebe keinen Menschen, der in seinem Beruf, welcher das auch sei, herausragte, zu dessen Charakter nicht ein ordentlicher Schuss Enthusiasmus gehörte. Unter Enthusiasmus scheinen diese Leute eine ungewöhnliche Kraft des Denkens, eine besondere Leidenschaft des Geistes, eine Lebendigkeit und Stärke zu verstehen, die bei gewöhnlichen Menschen nicht zu finden sind und die die Seele zu größeren und höheren Dingen emporheben, als ein kühler Verstand sie erreicht hätte.
  4. Aber keines von beiden trifft die Bedeutung, in der das Wort Fanatismus meistens verstanden wird. Allgemein stimmen die Leute mindestens soweit überein, dass sie ihn für etwas Schlechtes halten; und das ist offenkundig die Meinung all derer, die die Religion des Herzens „Enthusiasmus“ nennen[4]. Entsprechend werde auch ich auf den folgenden Seiten ihn als ein Übel betrachten, als ein Unglück, wenn nicht gar einen Fehler.[5]
  1. Das Wesen des Fanatismus ist ohne Zweifel eine Verwirrung des Denkens, die den Gebrauch des Verstandes weitgehend behindert. Ja manchmal setzt sie ihn ganz außer Funktion, sie trübt nicht nur, sondern verschließt die Augen des Verstandes. Deshalb kann man sie sehr wohl als eine Art Verrücktheit ansehen, Verrücktheit eher als Dummheit, wenn man sieht, dass ein Dummer eigentlich jemand ist, der falsche Schlüsse aus richtigen Voraussetzungen zieht, während ein Verrückter richtige Schlüsse zieht, aber leider aus falschen Voraussetzungen. Und genau das tut ein Fanatiker. Angenommen, seine Voraussetzungen wären richtig, so wären auch seine Schlüsse mit Notwendigkeit richtig. Aber genau hier liegt sein Irrtum: Seine Voraussetzungen sind falsch. Er bildet sich ein, jemand zu sein, der er nicht ist. Und weil er falsch beginnt, gerät er, je weiter er geht, umso mehr vom Wege ab.
  2. Daher ist jeder Fanatiker eigentlich ein Verrückter. Doch seine Verrücktheit ist keine gewöhnliche, sondern eine religiöse. Mit religiös meine ich freilich nicht, dass diese Verrücktheit irgendwie zur Religion gehört. Genau das Gegenteil: Religion ist der Geist eines gesunden Verstandes und steht folglich in direktem Gegensatz zu jeder Art von Verrücktheit. Ich meine aber, sie hat die Religion als ihren Gegenstand; sie ist mit Religion vertraut. Und wenn der Fanatiker von Religion, von Gott und göttlichen Dingen spricht, tut er das in einer solchen Weise, dass jeder vernünftige Christ die Verwirrung seines Denkens erkennen kann. Deshalb kann man den Fanatismus allgemein so beschreiben: Er ist eine religiöse Verrücktheit, die ihren Ursprung in einer fälschlich angenommenen Beeinflussung oder Inspiration durch Gott hat, wenigstens dadurch, dass sie Gott etwas zuschreibt, was man ihm nicht zuschreiben sollte, oder etwas von Gott erwartet, was man nicht von ihm erwarten sollte.
  1. Es gibt unzählige Arten von Fanatismus. Die verbreitetsten und deshalb auch gefährlichsten versuche ich, unter einigen allgemeinen Gesichtspunkten zusammenzufassen, so dass sie leichter verstanden und gemieden werden können. Die erste Art von Fanatismus, die ich erwähnen will, betrifft Leute, die sich einbilden, die Gnade zu haben, die sie nicht haben. So meinen manche, sie hätten die „Erlösung“ durch Christus, „eben die Vergebung der Sünden“, obwohl das nicht so ist. Gewöhnlich sind sie wie die, die „keine Wurzel in sich haben“, keine tiefe Reue, kein echtes Schuldbewusstsein. „Deshalb nehmen sie das Wort mit Freuden an.“ Und „weil sie keine tiefe Erde haben“, weil keine tiefreichende Arbeit in ihren Herzen geschieht, deshalb „keimt der Same sofort auf“. Es gibt schnell eine oberflächliche Veränderung, verbunden mit der unbeschwerten Freude, die mit dem Stolz ihres unzerbrochenen Herzens und ihrer übermäßigen Selbstliebe aufkommt und sie locker davon überzeugt, dass sie „das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt schon geschmeckt haben“.
  1. Das ist ein passendes Beispiel für die erste Art von Fanatismus; er ist eine Art von Verrücktheit, die aus der Einbildung entsteht, dass sie die Gnade hätten, die sie in Wahrheit nicht haben, so dass sie nur ihre eigene Seele täuschen. Das kann man zu Recht Verrücktheit nennen, denn die Schlussfolgerungen dieser armen Leute wären richtig, wenn ihre Voraussetzungen gut wären; die aber sind bloße Geschöpfe ihrer eigenen Einbildung, und darum fällt alles, was sie auf ihnen errichten, in sich zusammen. Das Fundament all ihrer Träumereien ist dieses: sie bilden sich ein, den Glauben an Christus zu haben. Hätten sie ihn wirklich, dann wären sie „Könige und Priester vor Gott“ und besäßen „ein unerschütterliches Reich“. Aber sie haben ihn nicht. Folglich ist ihr ganzes Verhalten so weit von Wahrheit und Nüchternheit entfernt wie das des gewöhnlichen Verrückten, der sich für einen irdischen König hält und wie ein solcher spricht und handelt.
  2. Es gibt viele andere Arten von Fanatismus. Da ist der feurige Eiferer für die Religion oder (wahrscheinlich eher) für seine Ansichten über Religion und Formen von Gottesdienst, die er mit dieser Bezeichnung würdigt. Auch er bildet sich ernsthaft ein, er sei ein an Jesus Glaubender, ja ein Kämpfer für den Glauben, der einst den Heiligen anvertraut wurde. Entsprechend ist sein ganzes Auftreten von dieser Einbildung geprägt. Wenn seine Annahme zuträfe, wäre das in etwa ein akzeptabler Grund für sein Verhalten, so aber ist es offensichtlich die Wirkung eines verwirrten Kopfes und verstörten Herzens.
  1. Doch die am weitesten verbreiteten Fanatiker dieser Art sind jene, die sich selbst für Christen halten und es nicht sind. Sie gibt es zahlreich nicht nur in allen Teilen unseres Landes, sondern fast überall auf der bewohnten Erde. Dass sie keine Christen sind, ist klar und nicht zu leugnen, wenn wir dem Wort Gottes glauben. Denn Christen sind heilig, diese sind unheilig. Christen lieben Gott, diese lieben die Welt. Christen sind demütig, diese sind stolz. Christen sind sanftmütig, diese sind hitzig. Christen sind gesinnt, wie Christus es war, diese sind unermesslich weit davon entfernt. Folglich sind sie ebenso wenig Christen, wie sie Erzengel sind. Doch sie bilden sich ein, sie wären es, und sie können sogar einige Gründe dafür anführen: Sie wurden, solange sie denken können, immer so genannt. Sie sind vor vielen Jahren durch die Taufe „zu Christen“[6] gemacht worden, sie vertreten die „christlichen Meinungen“, die gewöhnlich christlicher oder katholischer[7] Glaube genannt werden. Sie halten „christliche Gottesdienste“ wie ihre Väter vor ihnen. Sie führen ein sogenanntes gutes „christliches Leben“ wie all ihre Nachbarn. Wer sollte sich da anmaßen, zu denken oder zu sagen, diese Leute seien keine Christen? Obwohl ohne ein Körnchen wahren Glaubens an Christus oder wirklicher, innerer Heiligkeit! Ohne dass sie die Liebe Gottes geschmeckt oder „Anteil am Heiligen Geist bekommen“ hätten!
  2. Ihr Armen, wie täuscht ihr euch doch selbst! Christen seid ihr nicht. Nein, ihr seid Fanatiker hohen Grades. Ärzte, heilt euch selbst! Vorher aber erkennt eure Krankheit: Euer ganzes Leben ist Fanatismus, denn alles wird von der Einbildung bestimmt, dass ihr die Gnade Gottes erhalten hättet, die ihr nicht erhalten habt. In Folge dieses grandiosen Irrtums pfuscht ihr Tag für Tag weiter, weil ihr euch in eurem Reden und Handeln ein Profil anmaßt, das euch in keiner Weise gehört. Daraus entsteht jene mit Händen zu greifende, eklatante Widersprüchlichkeit, die euer ganzes Verhalten durchzieht, diese groteske Mischung von echtem Heidentum und eingebildetem Christentum. Freilich, solange ihr eine so überwältigende Mehrheit auf eurer Seite habt, werdet ihr immer noch auf Grund der bloßen Zahlen dabei bleiben, dass ihr die einzigen Menschen mit Verstand seid, alle anderen aber, die nicht so sind wie ihr, geistig verwirrt. Nur ändert das nichts an der Natur der Sache. In Gottes Augen und denen seiner heiligen Engel, ja auch aller Kinder Gottes auf der Erde seid ihr alle bloß Verrückte, bloß Fanatiker! Seid ihr’s nicht? „Lebt“ ihr nicht „wie in einem dunklen Schatten“, einem Schatten von Religion, einem Schatten von Glück? „Macht“ ihr euch nicht „viel vergebliche Unruhe“ um Nichtigkeiten, um Missgeschicke, die genauso eingebildet sind wie euer Glück oder eure Religion? Haltet ihr euch nicht selbst für groß und gut? Für hochgebildet und sehr weise? Wie lange? Vielleicht bis der Tod euch wieder zur Vernunft bringt und ihr eure Torheit immer und ewig beklagt!
  1. Eine zweite Art von Fanatismus findet sich bei denen, die sich einbilden, Gaben von Gott bekommen zu haben, die sie gar nicht besitzen. So haben sich einige eingebildet, sie seien mit der Kraft ausgestattet, Wunder zu bewirken, Kranke durch ein Wort oder eine Berührung zu heilen, Blinden die Sehkraft wiederzugeben, ja sogar Tote aufzuwecken – dafür gibt es einen bekannten Fall in unserer jüngsten Vergangenheit[8]. Andere haben angefangen zu prophezeien, kommende Ereignisse vorherzusagen, und das mit äußerster Gewissheit und Genauigkeit. Aber schon nach kurzer Zeit sind diese Eiferer in der Regel verstummt. Wenn klare Fakten ihren Vorhersagen zuwider laufen, dann vollbringt die Erfahrung, was der Verstand nicht konnte, und bringt sie wieder zur Besinnung.
  2. Zu derselben Art gehören jene, die sich beim Predigen oder Beten einbilden, vom Geist Gottes so beeinflusst zu sein, wie sie es faktisch nicht sind. Ich bin mir wohl bewusst, dass wir ohne ihn nichts tun können, gerade in unserem öffentlichen Amt; dass all unser Predigen ohne das Hinzukommen seiner Kraft völlig vergeblich ist und ebenso unser Beten, wenn sein Geist nicht unserer Schwachheit aufhilft. Ich weiß: Wenn wir nicht im Geist predigen und beten, ist beides nur verlorene Mühe, denn wir wissen, dass jede Hilfe, die auf der Erde geschieht, von ihm getan wird, der alles in allen wirkt. Aber das betrifft nicht den vor uns liegenden Fall. Wie es einen wirklichen Einfluss des Geistes Gottes gibt, so gibt es auch einen eingebildeten und viele verwechseln den einen mit dem anderen. Viele nehmen an, dass sie selbst unter diesem Einfluss stehen, obwohl es nicht so ist, obwohl sie weit entfernt von ihm sind. Und viele andere nehmen an, dass sie selbst stärker unter diesem Einfluss stehen, als es wirklich der Fall ist. Zu ihnen zählen, fürchte ich, all jene, die sich einbilden, dass Gott ihnen alle Worte, die sie sprechen, genau diktiere, und dass es ihnen darum unmöglich ist, etwas dem Inhalt oder der Art nach Falsches zu sagen. Es ist wohlbekannt, wie viele Fanatiker dieser Art schon im gegenwärtigen Jahrhundert aufgetreten sind, von denen einige in einer weit größeren autoritativen Weise reden als Paulus oder irgendein anderer Apostel.
  1. Dieselbe Art von Fanatismus findet man häufig, wenn auch in geringerem Maße, bei eher zurückhaltenden Menschen. Auch sie mögen sich einbilden, vom Geist beeinflusst und geleitet zu sein, obwohl das nicht zutrifft. Ja, es stimmt: „Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm“; und wann immer wir richtig denken, reden oder handeln, geschieht das nur mit dem Beistand dieses gepriesenen Geistes. Aber wie viele Menschen schreiben ihm Dinge zu oder erwarten Dinge von ihm ohne jeden vernünftigen oder biblischen Grund! Das sind die, die sich einbilden, jetzt oder in Zukunft „besondere Anweisungen“ von Gott zu empfangen, und das nicht nur in wichtigen Dingen, sondern auch in Angelegenheiten ohne Belang, in höchst unbedeutenden Lebenslagen. Dabei hat Gott uns für solche Fälle unseren eigenen Verstand als Ratgeber geschenkt, ohne dass der „geheime Beistand“ seines Geistes jemals ausgeschlossen wäre.
  2. Für diese Art Fanatismus sind vor allem solche Menschen anfällig, die in geistlichen Angelegenheiten wie im gewöhnlichen Leben erwarten, von Gott auf eine – wie man richtig sagt – außergewöhnliche Weise geleitet zu werden. Ich meine durch Visionen oder Träume, durch starke Eindrücke oder plötzliche Denkanstöße. Ich leugne nicht, dass Gott in alter Zeit seinen Willen auf diese Weise bekannt gemacht hat oder dass er es auch jetzt tun kann. Ja ich glaube sogar, dass er es in einigen sehr seltenen Fällen tut. Aber wie häufig irren sich Menschen darin! Wie werden sie durch Stolz und lebhafte Einbildung so irregeführt, dass sie auch solche Anstöße und Eindrücke, Träume oder Visionen Gott zuschreiben, die seiner höchst unwürdig sind! Das alles ist reine Fantasterei, ebenso weit von Religion entfernt wie von Wahrheit und Besonnenheit.
  1. Einige könnten fragen: „Sollten wir denn nicht in allem danach fragen, was Gottes Wille ist? Sollte sein Wille nicht der Maßstab unserer Lebenspraxis sein?“ Ohne Frage sollte das so sein. Aber wie sollte ein ernsthafter Christ diese Frage stellen? Woher sollte er wissen, was der „Gottes Wille“ ist? Nicht dadurch, dass er auf übernatürliche Träume wartet. Nicht dadurch, dass er von Gott erwartet, ihn in Visionen zu offenbaren. Nicht dadurch, dass er auf „besondere Eingebungen“ oder plötzliche Denkanstöße wartet. Nein, sondern dadurch, dass er Gottes Wort konsultiert. „Die Weisung und das Zeugnis“. Das ist der übliche Weg, um zu erfahren, was „der heilige Wille Gottes“ ist und was ihm gefällt.
  2. „Aber wie soll ich erkennen, was der Wille Gottes in diesem und jenem besonderen Fall ist? Was anliegt, ist an sich indifferent und auch in der Schrift nicht entschieden.“ Ich antworte: Die Schrift gibt dir eine allgemeine Regel, die auf alle besonderen Fälle anwendbar ist: „Der Wille Gottes ist unsere Heiligung.“ Sein Wille ist es, dass wir innerlich und äußerlich heilig sein sollen, dass wir in jeder Weise und in dem höchsten uns möglichen Maß gut sein und gut handeln sollen. So stehen wir auf festem Grund. Das ist so klar wie das Licht der Sonne. Um den Willen Gottes in einem besonderen Fall zu erkennen, brauchen wir nur diese allgemeine Regel anzuwenden.
  3. Nehmen wir zum Beispiel an, einem vernünftigen Mann stehe bevor, zu heiraten oder in eine neue Beschäftigung einzutreten. Um zu wissen, ob dies der Wille Gottes ist, und mit der Gewissheit, es ist der Wille Gottes für mich, so heilig zu sein und so viel Gutes zu tun, wie ich kann“, braucht er nur zu fragen: „In welchem Stand kann ich möglichst heilig sein und am meisten Gutes tun?“ Das muss zum Teil durch Vernunft, zum Teil durch Erfahrung entschieden werden. Die Erfahrung sagt ihm, welche guten Gelegenheiten er in seinem gegenwärtigen Stand hat, gut zu sein und gut zu handeln; und die Vernunft muss ihm zeigen, welche er gewiss oder wahrscheinlich in dem Stand hat, in den er eintreten will. Wenn er das miteinander vergleicht, muss er entscheiden, welcher von beiden am ehesten dazu beiträgt, gut zu sein und Gutes zu tun. Und soweit er das weiß, soweit ist er gewiss, was der Wille Gottes ist.
  4. Dabei ist vorausgesetzt, dass Gottes Geist ihm während des Nachdenkens über diese Frage zur Seite steht. Dabei ist es nicht einfach zu beschreiben, auf wie vielfältige Weise dieser Beistand gewährt wird. Es mag sein, dass er uns viele Situationen in Erinnerung ruft, andere in ein helleres und klareres Licht rückt, unseren Sinn unmerklich für eine Überzeugung öffnet und diese in unserem Herzen festigt. Viele derartige Umstände können so zu der Erkenntnis dessen führen, was seinen Augen wohlgefällt; dann kann er so einen unaussprechlichen inneren Frieden und ein so ungewöhnliches Maß seiner Liebe dazugeben, dass wir nicht mehr daran zweifeln können: dies, genau dies, ist sein Wille für uns.
  1. Das ist der einfache, biblische und vernünftige Weg, den Willen Gottes in einem konkreten Fall zu erkennen. Wenn wir jedoch bedenken, wie selten dieser Weg benutzt wird und welche Flut von Fanatismus sich deshalb über die ergießen muss, die sich anschicken, Gottes Willen auf unbiblische und unvernünftige Weise zu erkennen, wäre es wünschenswert, dieser Ausdruck würde viel seltener verwendet. Ihn, wie manche es tun, auf trivialste Anlässe anzuwenden, ist eine klare Verletzung des dritten Gebotes. Es ist grober Missbrauch des Namens Gottes und verrät große Unehrerbietigkeit gegen ihn. Wäre es nicht weit besser, dafür andere Ausdrücke zu verwenden, die keine solchen Einwände hervorrufen? Zum Beispiel: Statt in einer bestimmten Situation zu sagen: „Ich möchte wissen, was der Wille Gottes ist“, wäre es nicht besser zu sagen: „Ich möchte wissen, was mich am meisten voranbringt und was mir am meisten nützt“? Das ist klar und einwandfrei formuliert. So wird eine einfache biblische Frage gestellt, und das ohne jede Gefahr von Fanatismus.
  2. Eine dritte sehr verbreitete Art von Fanatismus (wenn sie sich nicht mit der vorhergehenden deckt) findet sich bei denen, die ein Ziel erreichen wollen, ohne die Mittel zu gebrauchen, also durch die unmittelbare Kraft Gottes. Würden ihnen diese Mittel tatsächlich durch göttliche Vorsehung vorenthalten, dann würde dieser Vorwurf ihnen nicht gelten. Gott kann in solchen Situationen seine eigene, unmittelbare Kraft anwenden und manchmal tut er es. Wer dies jedoch erwartet, ohne die Mittel zu gebrauchen, die ihm zur Verfügung stehen, der ist wirklich ein Fanatiker. Dazu gehören die Leute, die die Heilige Schrift zu verstehen meinen, ohne sie zu lesen und zu meditieren, ja, ohne all die Hilfsmittel zu gebrauchen, die ihnen zur Verfügung stehen und wahrscheinlich zu diesem Ziel führen. Dazu gehören des Weiteren die Leute, die mit Vorsatz in der öffentlichen Versammlung reden, ohne sich vorbereitet zu haben. Ich sage „mit Vorsatz“, weil es Umstände geben kann, die ein spontanes Reden erfordern. Wer aber das großartige Mittel eines konstruktiven Redebeitrags verachtet, ist insofern ein Fanatiker.
  3. Vielleicht erwartet man, dass ich auch davon spreche, was manche als vierte Art von Fanatismus ansehen, nämlich die Vorstellung, auch das der Vorsehung Gottes zuzuschreiben, was nichts mit ihr zu tun hat. Aber ich bin im Zweifel. Ich weiß nicht, was das ist, das mit der Vorsehung Gottes nichts zu tun hat, was nicht von seiner ordnenden oder jedenfalls seiner lenkenden Macht unmittelbar oder mittelbar betroffen ist. Ich sehe nichts außer der Sünde; und selbst in den Sünden anderer sehe ich Gottes Vorsehung für mich! Ich sage nicht seine allgemeine Vorsehung; denn ich meine, dieser Ausdruck klingt gut, bedeutet aber nichts. Wenn es aber eine besondere Vorsehung gibt, dann muss sie sich über alle Personen und alle Dinge erstrecken. So hat unser Herr sie verstanden, sonst hätte er niemals sagen können: „Sogar die Haare auf eurem Kopf sind alle gezählt“ und „kein Spatz fällt auf die Erde“ ohne „den Willen eures Vaters im Himmel.“ Wenn es aber so ist, dass Gott herrscht universis tanquam singulis, et singulis tanquam universis[9] – über alle wie über jeden einzelnen und über jeden einzelnen wie über alle – was gibt es dann (unsere eigene Sünde ausgenommen), das wir nicht der Vorsehung Gottes zuschreiben sollten? Deshalb kann ich nicht sehen, dass es hier einen Raum für den Vorwurf des Fanatismus gäbe.
  1. Wenn gesagt wird, die Anschuldigung laute: „Wenn du dies der Vorsehung zuschreibst, dann hältst du dich selbst für einen besonderen Günstling des Himmels“, antworte ich: Du hast einige Worte vergessen, die ich gerade gesagt habe: Praesidet universis tanquam singulis – seine Vorsehung ist über allen Menschen in der Welt genauso wie über jeder einzelnen Person. Siehst du nicht, dass jeder, der glaubt, alles, was ihm begegnet, sei der Vorsehung zuzuschreiben, sich damit zu keinem größeren Liebling des Himmels macht, als er es von jedem anderen Menschen unter dem Himmel annimmt? Darum hast du kein Recht, ihn des Fanatismus zu beschuldigen.
  2. Vor all diesen Formen von Fanatismus müssen wir uns mit größter Sorgfalt hüten, indem wir uns bewusst machen, welche schlimmen Folgen er oft hervorgebracht hat und welche tatsächlich aus seinem Wesen hervorgehen. Sein unmittelbarer Sprössling ist der Stolz; stetig vergrößert er die Quelle, aus der er fließt, und entfremdet uns damit mehr und mehr der Gunst und dem Leben Gottes. Die wahren Quellen des Glaubens und der Liebe, der Gerechtigkeit und der wahren Heiligkeit, die alle der Gnade entspringen, trocknet er aus. Doch „Gott widersteht den Stolzen und gibt Gnade“ allein „den Demütigen“.
  1. Mit dem Stolz wird naturgemäß ein unbelehrbarer und uneinsichtiger Geist aufwachsen, so dass, in welchen Irrtum oder Fehler der Fanatiker auch fällt, wenig Hoffnung auf Genesung besteht. Denn Vernunft wiegt wenig bei ihm (wie man richtig und oft beobachtet hat), der sich einbildet, von einer höheren Führerin, der Weisheit Gottes selbst, geleitet zu werden. Und wie sein Stolz wächst, so wachsen auch seine Unbelehrbarkeit und Halsstarrigkeit. Er wird unweigerlich weniger und weniger fähig sein, sich überzeugen zu lassen, weniger empfänglich für andere Argumente, mehr und mehr an sein eigenes Urteil und seinen eigenen Willen gebunden, bis er ganz und gar festgelegt und unbeweglich ist.
  2. Wenn sich jemand so gegen Gottes Gnade und gegen allen Rat und alle Hilfe von Menschen verschanzt, bleibt er ganz der Führung durch sein eigenes Herz und durch den König der Kinder des Stolzes ausgeliefert. So ist es kein Wunder, dass er von Tag zu Tag stärker in Menschenverachtung, wilde Wut, unleidliche Stimmungen aller Art und irdische wie teuflische Launen versinkt. Auch über die schrecklichen äußeren Wirkungen brauchen wir uns nicht zu wundern, die eine solche innere Verfassung zu allen Zeiten hervorgebracht hat: alle Arten von Bosheit, alle Werke der Finsternis, von solchen getan, die sich selbst Christen nennen, während sie gierig Dinge tun, die selbst unter Heiden kaum einmal erwähnt werden. Das ist das Wesen, das sind die furchtbaren Wirkungen dieses vielköpfigen Monsters[10] Fanatismus! Aus diesen Betrachtungen wollen wir nun einige einfache Folgerungen in Hinsicht auf unsere eigene Praxis ziehen.
  1. Erstens: Wenn Fanatismus ein Begriff ist, der zwar häufig gebraucht, aber selten verstanden wird, so hüte du dich, von etwas zu reden, was du nicht kennst. Gebrauche das Wort nicht, bevor du es verstehst! Lerne, wie überhaupt, so auch hier, erst zu denken, bevor du redest. Erst musst du die Bedeutung dieses schwierigen Wortes kennen, dann gebrauche es, wenn es nötig ist.
  2. Wenn so wenige unter den Gebildeten und Gelehrten und erst recht unter den normalen Leuten dieses dunkle, mehrdeutige Wort verstehen oder irgendeine fixe Vorstellung von seiner Bedeutung haben, dann hüte dich, zweitens, jemanden aufgrund von allgemeinem Gerede für einen Fanatiker zu halten oder ihn so zu nennen! Das ist nämlich keinesfalls ein ausreichender Grund, jemandem einen solchen Schimpfnamen zu geben. Je schlimmer eine solche Bezeichnung ist, desto vorsichtiger solltest du sein, sie auf jemanden anzuwenden und ohne klaren Beweis einen so schweren Vorwurf zu erheben; das verträgt sich weder mit Gerechtigkeit noch mit Barmherzigkeit.
  1. Wenn aber der Fanatismus ein so großes Übel ist, dann achte darauf, dass du nicht selbst hineingerätst! Wache und bete, dass du nicht in diese Anfechtung fällst! Sie überfällt leicht solche Menschen, die Gott fürchten und lieben. Denke nicht höher von dir, als du denken solltest! Bilde dir nicht ein, du habest eine Gnade von Gott bekommen, die du nicht bekommen hast. Du magst große Freude haben, du magst ein gewisses Maß an Liebe haben – und doch keinen lebendigen Glauben! Rufe zu Gott, er möge nicht zulassen, dass du, blind wie du bist, den Weg verlässt, dass du dich jemals für einen Christusgläubigen hältst, ehe Christus in dir offenbart ist und sein Geist mit deinem Geist bezeugt, dass du ein Kind Gottes bist!
  2. Hüte dich davor, ein flammender Fanatiker zu werden, der andere verfolgt! Bilde dir nicht ein, Gott hätte (ganz im Gegensatz zum Geist dessen, den du deinen Meister nennst) dich berufen, Menschenleben zu verderben, statt sie zu retten! Träume niemals davon, Menschen auf Gottes Weg zu zwingen! Denke selbst und lass andere denken! Übe in Angelegenheiten des Glaubens keinen Zwang aus! „Nötige“ auch die vom Weg Gottes am weitesten Entfernten nie mit anderen Mitteln „hereinzukommen“ als mit Vernunft, Wahrheit und Liebe!
  3. Hüte dich davor, mit der Herde der Fanatiker mitzulaufen, indem du dir einbildest, ein Christ zu sein, obwohl du keiner bist! Maße dir nicht an, diesen ehrenvollen Namen zu tragen, ohne dass du einen klaren, biblischen Anspruch darauf hast, ohne dass du die Gesinnung hast, die Christus hatte, und dein Leben so führst wie er.
  4. Hüte dich davor, der zweiten Art von Fanatismus zu verfallen und dir einzubilden, du habest Gaben von Gott, die du gar nicht hast! Verlass dich nicht auf Visionen oder Träume, auf plötzliche Eindrücke oder irgendwelche starken Impulse! Bedenke: Nicht durch sie sollst du „Gottes Willen“ in besonderen Situationen erkennen, sondern durch die Anwendung der klaren biblischen Regel mithilfe von Erfahrung und Vernunft und unter dem ständigen Beistand des Geistes Gottes! Nimm den Namen Gottes nicht leichtfertig in den Mund: Sprich nicht bei jedem geringfügigen Anlass von „Gottes Willen“. Lass vielmehr deine Worte wie deine Handlungen von Ehrerbietung und Gottesfurcht bestimmt sein.
  5. Hüte dich schließlich vor der Einbildung, du könntest das Ziel erreichen, ohne die Mittel zu gebrauchen, die dazu dienen. Gott kann dich ohne alle Mittel das Ziel erreichen lassen, aber du hast keinen Grund anzunehmen, dass er es tun werde. Deshalb nimm stetig und sorgsam alle jene Mittel in Anspruch, die er als Kanäle seiner Gnade eingesetzt hat! Gebrauche jedes Mittel, das die Vernunft oder die Schrift dir empfehlen, weil es (durch Gottes freie Liebe in Christus) zum Empfang oder zur Vermehrung jeder Gabe Gottes führen kann. So erwarte ein tägliches Wachsen in der reinen heiligen Religion, die die Welt stets Fanatismus nannte und immer nennen wird, die aber für alle, vom wirklichen Fanatismus (vom bloßen Namenschristentum) Befreiten „Gottes Weisheit und Gottes Kraft“ ist, das herrliche Bild des Höchsten, Gerechtigkeit und Frieden, eine Quelle lebendigen Wassers, das ins ewige Leben sprudelt!

Quelle: John Wesley, Lehrpredigten, herausgegeben von Manfred Marquardt, Göttingen: Edition Ruprecht, 2016.


7.
Die ökumenische Bewegung

7.1.      Einführung

7.1.1.     Name

Die ökumenische Bewegung (griech. oikoumene = Erdkreis, die ganze bewohnte Erde) ist eine Bewegung im Christentum, die eine weltweite Einigung bzw. Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen anstrebt.

 

 

7.1.2.     Innerprotestantische Ökumene

Unter den drei großen Konfessionsfamilien ist der Protestantismus diejenige, die auch untereinander in viele einzelne Gruppen aufgeteilt ist. Es ist daher verständlich, dass ökumenische Bestrebungen zunächst innerhalb dieser Familie entstanden sind, bevor man sich an die familienübergreifenden Projekte wagte. Die Unionsbewegung innerhalb der deutschen Kirchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde bereits angesprochen (siehe IV.1.5)

1846 wurde in London die Weltweite Evangelische Allianz gegründet, die heute über 600 Millionen Mitglieder umfasst. Bei der Gründungsversammlung nahmen knapp 1000 Angehörige von 52 protestantischen Kirchen aus 12 Staaten teil, wobei die überwiegende Mehrheit (über 80%) aus Großbritannien stammte. Man verständigte sich auf folgende Punkte als gemeinsame Basis des Glaubens:

  1. The Divine inspiration, authority, and sufficiency of the Holy Scriptures.
  2. The right and duty of private judgment in the interpretation of the Holy Scriptures.
  3. The Unity of the Godhead, and the Trinity of the persons therein.
  4. The utter depravity of human nature in consequence of the Fall.
  5. The incarnation of the Son of God, his work of atonement for the sins of mankind, and his mediatorial intercession and reign.
  6. The justification of the sinner by faith alone.
  • The work of the Holy Spirit in the conversion and sanctification of the sinner.
  1. The immortality of the soul, the resurrection of the body, the judgment of the world by our Lord Jesus Christ, with the eternal blessedness of the righteous, and the eternal punishment of the wicked.
  2. The divine institution of the Christian ministry, and the obligation and perpetuity of the ordinances of Baptism and the Lord’s Supper.

 

Die aktuelle Fassung (2018) der Deutschen Evangelischen Allianz, die sich 1851 gründete, lautet:

Wir glauben an den dreieinen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er hat die Welt erschaffen, er liebt sie und erhält sie. Darin zeigt er seine Souveränität und Gnade.

Der Mensch besitzt als Ebenbild Gottes eine unverwechselbare Würde. Er ist als Mann und Frau geschaffen. Er ist durch Sünde und Schuld von Gott getrennt.

Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.

Jesus Christus, durch Gott von den Toten auferweckt, ist der einzige Weg zu Gott. Der Mensch wird allein durch den Glauben an ihn durch Gottes Gnade gerecht gesprochen.

Durch den Heiligen Geist erkennen Menschen Gott. Der Heilige Geist schafft durch die Wiedergeburt neues Leben und befähigt die Gläubigen, nach Gottes Willen zu leben. Er schenkt ihnen Gaben zum Dienen.

Jesus Christus baut seine weltweite Gemeinde. Er beruft und befähigt die Gläubigen, das Evangelium zu verkündigen und liebevoll und gerecht zu handeln.

Jesus Christus wird für alle sichtbar in Macht und Herrlichkeit wiederkommen, die Lebenden und die Toten richten und das Reich Gottes vollenden. Er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.

Die evangelische Allianz versteht sich seit jeher nicht als Kirchengemeinschaft, sondern als ein Bündnis von Einzelpersonen. Die innerprotestantische Kirchengemeinschaft wurde, zumindest für Europa, im Jahre 1973 erreicht, als Vertreter unterschiedlicher reformatorischer Kirchen auf dem Leuenberg bei Basel die Leuenberger Konkordie unterzeichneten (siehe Quelle). In dieser Konkordie wurden die Lehrunterschiede zwischen den reformatorischen Kirchen für beendet erklärt, jedenfalls in dem Sinne, dass sie nicht mehr kirchentrennend sind. 2003 benannte sich die Leuenberger Kirchengemeinschaft in Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) um. Mittlerweile gehören 105 Kirchen aus nahezu allen Ländern Europas zu dieser Gemeinschaft. Dennoch lehnen einige Kirchen die Mitgliedschaft nach wie vor ab, unter anderem die Baptisten, die auf ihrem Taufverständnis beharren, und die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, die ihr Abendmahlsverständnis nicht aufgeben will.

Ihr Kirchenverständnis beschreibt die GEKE wie folgt:

„Die ‚Leuenberger Kirchengemeinschaft‘ wurde möglich, weil die reformatorische Theologie zwischen dem Grund, der Gestalt und der Bestimmung der Kirche unterscheidet. Der Grund der Kirche ist das Handeln Gottes zur Erlösung der Menschen in Jesus Christus. Subjekt dieses Grundgeschehens ist Gott selbst, und folglich ist die Kirche Gegenstand des Glaubens. Weil Kirche Gemeinschaft der Glaubenden ist, gewinnt ihre Gestalt geschichtlich vielfältige Formen. Die eine geglaubte Kirche (Singular) ist in unterschiedlich geprägten Kirchen (Plural) verborgen gegenwärtig. Die Bestimmung der Kirche ist ihr Auftrag, der ganzen Menschheit das Evangelium vom Anbruch des Reiches Gottes in Wort und Tat zu bezeugen. Für die Einheit der Kirche in der Vielfalt ihrer Gestalten genügt es, ‚daß da einträchtig nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden‘ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 7).“

2.1.3. Der ökumenische Rat der Kirchen

Als Geburtsstunde der ökumenischen Bewegung gilt die Weltmissionskonferenz von Edinburgh (1910). Allerdings war diese Konferenz eine rein protestantische Veranstaltung, Vertreter der römisch-katholischen oder der orthodoxen Kirche waren nicht eingeladen worden. Für die Protestanten, die sich ja bereits einige Jahrzehnte zuvor in der Allianz zusammengefunden hatten (s.o.), bedeutete dieses Treffen einen gewaltigen Aufbruch. Zugleich unterstreicht es, dass die Mission im Herzen der ökumenischen Bewegung steht. Es galt, Hindernisse im gemeinsamen Zeugnis für die Welt aus dem Weg zu räumen.

Im Anschluss an die Konferenz entstanden zwei neue Bewegungen, aus denen später der ökumenische Rat der Kirchen entstehen sollte. Die Bewegung für praktisches Christentum (Life and Work) setzte ihren Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit unterschiedlicher Kirchen für eine soziale Verbesserung der Gesellschaft. 1925 fand in Stockholm die Weltkonferenz für praktisches Christentum statt, unter Leitung des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom (1866-1931), der 1930 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhielt. Gleichsam als theologisches Pendant zu dieser Bewegung entstand die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung, die 1948 als „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ in den ÖRK integriert wurde.

Die Mitgliederbasis des ÖRK umfasst mehr als 500 Millionen Christen in Kirchen, Denominationen und kirchlichen Gemeinschaften in aller Welt: zu ihnen zählen die Mehrzahl der orthodoxen Kirchen, zahlreiche anglikanische, baptistische, lutherische, methodistische und reformierte Kirchen, sowie viele vereinigte und unabhängige Kirchen. Während die meisten ÖRK-Gründungsmitglieder europäische und nordamerikanische Kirchen waren, setzt sich die heutige Mitgliedschaft vorwiegend aus Kirchen in Afrika, Asien, der Karibik, Lateinamerika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie dem pazifischen Raum zusammen. Der ÖRK zählt derzeit 350 Mitgliedskirchen.

7.2.Reflexion: Quelle

Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie)

Vom 12.-16. März 1973 wurde auf dem Leuenberg bei Basel der endgültige Text der Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie erarbeitet und den beteiligten Kirchen übergeben. Damit wurde die Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen, reformierten und den aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen sowie den ihnen verwandten vorreformatorischen Kirchen der Waldenser und der Böhmischen Brüder ermöglicht.

Mit der Leuenberger Konkordie haben lutherische, reformierte und unierte Kirchen Europas in der Bindung an die sie verpflichtenden Bekenntnisse und unter Berücksichtigung ihrer Traditionen die theologischen Grundlagen ihrer Kirchengemeinschaft dargelegt und einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewährt. Dies schließt Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und die gegenseitige Anerkennung der Ordination ein. Die Leuenberger Konkordie ist als Dokument ökumenischer Gemeinschaft von allen Kirchen angenommen worden.

 

Die dieser Konkordie zustimmenden lutherischen, reformierten und aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen sowie die ihnen verwandten vorreformatorischen Kirchen der Waldenser und der Böhmischen Brüder stellen aufgrund ihrer Lehrgespräche unter sich das gemeinsame Verständnis des Evangeliums fest, wie es nachstehend ausgeführt wird. Dieses ermöglicht ihnen, Kirchengemeinschaft zu erklären und zu verwirklichen. Dankbar dafür, daß sie näher zueinander geführt worden sind, bekennen sie zugleich, daß das Ringen um Wahrheit und Einheit in der Kirche auch mit Schuld und Leid verbunden war und ist.

Die Kirche ist allein auf Jesus Christus gegründet, der sie durch die Zuwendung seines Heils in der Verkündigung und in den Sakramenten sammelt und sendet. Nach reformatorischer Einsicht ist darum zur wahren Einheit der Kirche die Übereinstimmung in der rechten Lehre des Evangeliums und in der rechten Verwaltung der Sakramente notwendig und ausreichend. Von diesen reformatorischen Kriterien leiten die beteiligten Kirchen ihr Verständnis von Kirchengemeinschaft her, das im folgenden dargelegt wird.

 

  1. Der Weg zur Gemeinschaft

Angesichts wesentlicher Unterschiede in der Art des theologischen Denkens und des kirchlichen Handelns sahen sich die reformatorischen Väter um ihres Glaubens und Gewissens willen trotz vieler Gemeinsamkeiten nicht in der Lage, Trennungen zu vermeiden. Mit dieser Konkordie erkennen die beteiligten Kirchen an, daß sich ihr Verhältnis zueinander seit der Reformationszeit gewandelt hat.

 

  1. Gemeinsame Aspekte im Aufbruch der Reformation

Aus dem geschichtlichen Abstand heraus läßt sich heute deutlicher erkennen, was trotz aller Gegensätze den Kirchen der Reformation in ihrem Zeugnis gemeinsam war: Sie gingen aus von einer neuen befreienden und gewißmachenden Erfahrung des Evangeliums. Durch das Eintreten für die erkannte Wahrheit sind die Reformatoren gemeinsam in Gegensatz zu kirchlichen Überlieferungen jener Zeit geraten. Übereinstimmend haben sie deshalb bekannt, daß Leben und Lehre an der ursprünglichen und reinen Bezeugung des Evangeliums in der Schrift zu messen sei. Übereinstimmend haben sie die freie und bedingungslose Gnade Gottes im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für jeden, der dieser Verheißung glaubt, bezeugt. Übereinstimmend haben sie bekannt, daß Handeln und Gestalt der Kirche allein von dem Auftrag her zu bestimmen sind, dieses Zeugnis in der Welt aufzurichten, und daß das Wort des Herrn jeder menschlichen Gestaltung der christlichen Gemeinde überlegen bleibt. Dabei haben sie gemeinsam mit der ganzen Christenheit das in den altkirchlichen Symbolen ausgesprochene Bekenntnis zum dreieinigen Gott und der Gott-Menschheit Jesu Christi aufgenommen und neu bekannt.

 

  1. Veränderte Voraussetzungen heutiger kirchlicher Situation

In einer vierhundertjährigen Geschichte hat die theologische Auseinandersetzung mit den Fragen der Neuzeit, die Entwicklung der Schriftforschung, die kirchlichen Erneuerungsbewegungen und der wiederentdeckte ökumenische Horizont die Kirchen der Reformation zu neuen, einander ähnlichen Formen des Denkens und Lebens geführt. Sie brachten freilich auch neue, quer durch die Konfessionen verlaufende Gegensätze mit sich. Daneben wurde immer wieder, besonders in Zeiten gemeinsamen Leidens, brüderliche Gemeinschaft erfahren. All dies veranlaßte die Kirchen in neuer Weise, das biblische Zeugnis wie die reformatorischen Bekenntnisse, vor allem seit den Erweckungsbewegungen, für die Gegenwart zu aktualisieren. Auf diesen Wegen haben sie gelernt, das grundlegende Zeugnis der reformatorischen Bekenntnisse von ihren geschichtlich bedingten Denkformen zu unterscheiden. Weil die Bekenntnisse das Evangelium als das lebendige Wort Gottes in Jesus Christus bezeugen, schließen sie den Weg zu dessen verbindlicher Weiterbezeugung nicht ab, sondern eröffnen ihn und fordern auf, ihn in der Freiheit des Glaubens zu gehen.

 

  1. Das gemeinsame Verständnis des Evangeliums

Im Folgenden beschreiben die beteiligten Kirchen ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums, soweit es für die Begründung einer Kirchengemeinschaft erforderlich ist.

 

  1. Die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft von der freien Gnade Gottes

Das Evangelium ist die Botschaft von Jesus Christus, dem Heil der Welt, in Erfüllung der an das Volk des Alten Bundes ergangenen Verheißung.

Sein rechtes Verständnis haben die reformatorischen Väter in der Lehre von der Rechtfertigung zum Ausdruck gebracht.

In dieser Botschaft wird Jesus Christus bezeugt als der Menschgewordene, in dem Gott sich mit dem Menschen verbunden hat; als der Gekreuzigte und Auferstandene, der das Gericht Gottes auf sich genommen und darin die Liebe Gottes zum Sünder erwiesen hat, und als der Kommende, der als Richter und Retter die Welt zur Vollendung führt.

Gott ruft durch sein Wort im Heiligen Geist alle Menschen zu Umkehr und Glauben und spricht dem Sünder, der glaubt, seine Gerechtigkeit in Jesus Christus zu. Wer dem Evangelium vertraut, ist um Christi willen gerechtfertigt vor Gott und von der Anklage des Gesetzes befreit. Er lebt in täglicher Umkehr und Erneuerung zusammen mit der Gemeinde im Lobpreis Gottes und im Dienst am anderen in der Gewißheit, daß Gott seine Herrschaft vollenden wird. So schafft Gott neues Leben und setzt inmitten der Welt den Anfang einer neuen Menschheit.

Diese Botschaft macht die Christen frei zu verantwortlichem Dienst in der Welt und bereit, in diesem Dienst auch zu leiden. Sie erkennen, daß Gottes fordernder und gebender Wille die ganze Welt umfaßt. Sie treten ein für irdische Gerechtigkeit und Frieden zwischen den einzelnen Menschen und unter den Völkern. Dies macht es notwendig, daß sie mit anderen Menschen nach vernünftigen, sachgemäßen Kriterien suchen und sich an ihrer Anwendung beteiligen. Sie tun dies im Vertrauen darauf, daß Gott die Welt erhält, und in Verantwortung vor seinem Gericht.

Mit diesem Verständnis des Evangeliums stellen wir uns auf den Boden der altkirchlichen Symbole und nehmen die gemeinsame Überzeugung der reformatorischen Bekenntnisse auf, daß die ausschließliche Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Mitte der Schrift und die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft von der freien Gnade Gottes Maßstab aller Verkündigung der Kirche ist.

 

  1. Verkündigung, Taufe und Abendmahl

Das Evangelium wird uns grundlegend bezeugt durch das Wort der Apostel und Propheten in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Die Kirche hat die Aufgabe, dieses Evangelium weiterzugeben durch das mündliche Wort der Predigt, durch den Zuspruch an den einzelnen und durch Taufe und Abendmahl. In der Verkündigung, Taufe und Abendmahl ist Jesus Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig. So wird den Menschen die Rechtfertigung in Christus zuteil, und so sammelt der Herr seine Gemeinde. Er wirkt dabei in vielfältigen Ämtern und Diensten und im Zeugnis aller Glieder seiner Gemeinde.

 

Taufe

Die Taufe wird im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser vollzogen. In ihr nimmt Jesus Christus den der Sünde und dem Sterben verfallenen Menschen unwiderruflich in seine Heilsgemeinschaft auf, damit er eine neue Kreatur sei. Er beruft ihn in der Kraft des Heiligen Geistes in seine Gemeinde und zu einem Leben aus Glauben, zur täglichen Umkehr und Nachfolge.

Abendmahl

Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er läßt uns neu erfahren, daß wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen.

Wenn wir das Abendmahl feiern, verkündigen wir den Tod Christi, durch den Gott die Welt mit sich selbst versöhnt hat. Wir bekennen die Gegenwart des auferstandenen Herrn unter uns. In der Freude darüber, daß der Herr zu uns gekommen ist, warten wir auf seine Zukunft in Herrlichkeit.

 

III. Die Übereinstimmung angesichts der Lehrverurteilungen der Reformationszeit

Die Gegensätze, die von der Reformationszeit an eine Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen und reformierten Kirchen unmöglich gemacht und zu gegenseitigen Verwerfungsurteilen geführt haben, betrafen die Abendmahlslehre, die Christologie und die Lehre von der Prädestination. Wir nehmen die Entscheidung der Väter ernst, könne aber heute folgendes gemeinsam dazu sagen:

 

  1. Abendmahl

Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. So gibt er sich selbst vorbehaltlos allen, die Brot und Wein empfangen; der Glaube empfängt das Mahl zum Heil, der Unglaube zum Gericht.

Die Gemeinschaft mit Jesus Christus in seinem Leib und Blut können wir nicht vom Akt des Essens und Trinkens trennen. Ein Interesse an der Art der Gegenwart Christi im Abendmahl, das von dieser Handlung absieht, läuft Gefahr, den Sinn des Abendmahls zu verdunkeln.

Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.

 

  1. Christologie

In dem wahren Menschen Jesus Christus hat sich der ewige Sohn und damit Gott selbst zum Heil in die verlorene Menschheit hineingegeben. Im Verheißungswort und Sakrament macht der Heilige Geist und damit Gott selbst uns Jesus als Gekreuzigten und Auferstandenen gegenwärtig.

Im Glauben an diese Selbsthingabe Gottes in seinem Sohn sehen wir uns angesichts der geschichtlichen Bedingtheit überkommener Denkformen vor die Aufgabe gestellt, neu zur Geltung zu bringen, was die reformierte Tradition in ihrem besonderen Interesse an der Unversehrtheit von Gottheit und Menschheit Jesu und was die lutherische Tradition in ihrem besonderen Interesse an seiner völligen Personeinheit geleitet hat.

Angesichts dieser Sachlage können wir heute die früheren Verwerfungen nicht nachvollziehen.

 

  1. Prädestination

Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiß sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden.

Der Glaube macht zwar die Erfahrung, daß die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluß Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.

Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.

 

  1. Folgerungen

Wo diese Feststellungen anerkannt werden, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse zum Abendmahl, zur Christologie und zur Prädestination den Stand der Lehre nicht. Damit werden die von den Vätern vollzogenen Verwerfungen nicht als unsachgemäß bezeichnet, sie sind jedoch kein Hindernis mehr für die Kirchengemeinschaft.

Zwischen unseren Kirchen bestehen beträchtliche Unterschiede in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen. Diese Unterschiede werden in den Gemeinden oft stärker empfunden als die überkommenen Lehrgegensätze. Dennoch vermögen wir nach dem Neuen Testament und den reformatorischen Kriterien der Kirchengemeinschaft in diesen Unterschieden keine kirchentrennenden Faktoren zu erblicken.

 

  1. Erklärung der Verwirklichung der Kirchengemeinschaft

Kirchengemeinschaft im Sinne dieser Konkordie bedeutet, daß Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes aufgrund der gewonnenen Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren und eine möglichst große Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst an der Welt erstreben.

 

  1. Erklärung der Kirchengemeinschaft

Mit der Zustimmung zu der Konkordie erklären die Kirchen in der Bindung an die sie verpflichtenden Bekenntnisse oder unter Berücksichtigung ihrer Traditionen:

Sie stimmen im Verständnis des Evangeliums, wie es in den Teilen II und III Ausdruck gefunden hat, überein.

Die in den Bekenntnisschriften ausgesprochenen Lehrverurteilungen betreffen entsprechend den Feststellungen des Teils III nicht den gegenwärtigen Stand der Lehre der zustimmenden Kirchen.

Sie gewähren einander Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Das schließt die gegenseitige Anerkennung der Ordination und die Ermöglichung der Interzelebration ein.

Mit diesen Feststellungen ist Kirchengemeinschaft erklärt. Die dieser Gemeinschaft seit dem 16. Jahrhundert entgegenstehenden Trennungen sind aufgehoben. Die beteiligten Kirchen sind der Überzeugung, daß sie gemeinsam an der einen Kirche Jesu Christi teilhaben und daß der Herr sie zum gemeinsamen Dienst befreit und verpflichtet.

 

  1. Verwirklichung der Kirchengemeinschaft

Die Kirchengemeinschaft verwirklicht sich im Leben der Kirchen und Gemeinden. Im Glauben an die einigende Kraft des Heiligen Geistes richten sie ihr Zeugnis und ihren Dienst gemeinsam aus und bemühen sich um die Stärkung und Vertiefung der gewonnenen Gemeinschaft.

 

Zeugnis und Dienst

Die Verkündigung der Kirchen gewinnt in der Welt an Glaubwürdigkeit, wenn sie das Evangelium in Einmütigkeit bezeugen. Das Evangelium befreit und verbindet die Kirchen zum gemeinsamen Dienst. Als Dienst der Liebe gilt er dem Menschen mit seinen Nöten und sucht deren Ursachen zu beheben. Die Bemühung um Gerechtigkeit und Frieden in der Welt verlangt von den Kirchen zunehmend die Übernahme gemeinsamer Verantwortung.

 

Theologische Weiterarbeit

Die Konkordie läßt die verpflichtende Geltung der Bekenntnisse in den beteiligten Kirchen bestehen. Sie versteht sich nicht als ein neues Bekenntnis. Sie stellt eine im Zentralen gewonnene Übereinstimmung dar, die Kirchengemeinschaft zwischen Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes ermöglicht. Die beteiligten Kirchen lassen sich bei der gemeinsamen Ausrichtung von Zeugnis und Dienst von dieser Übereinstimmung leiten und verpflichten sich zu kontinuierlichen Lehrgesprächen untereinander.

Das gemeinsame Verständnis des Evangeliums, auf dem die Kirchengemeinschaft beruht, muß weiter vertieft, am Zeugnis der Heiligen Schrift geprüft und ständig aktualisiert werden.

Es ist Aufgabe der Kirchen, an Lehrunterschieden, die in und zwischen den beteiligten Kirchen bestehen, ohne als kirchentrennend zu gelten, weiterzuarbeiten. Dazu gehören:

  • hermeneutische Fragen im Verständnis der Schrift, Bekenntnis und Kirche,
  • Verhältnis von Gesetz und Evangelium,
  • Taufpraxis,
  • Amt und Ordination,
  • Zwei-Reiche-Lehre und Lehre von der Königsherrschaft Jesu Christi,
  • Kirche und Gesellschaft.

Zugleich sind auch Probleme aufzunehmen, die sich im Hinblick auf Zeugnis und Dienst, Ordnung und Praxis neu ergeben.

Aufgrund ihres gemeinsamen Erbes müssen die reformatorischen Kirchen sich mit den Tendenzen theologischer Polarisierung auseinandersetzen, die sich gegenwärtig abzeichnen. Die damit verbundenen Probleme greifen zum Teil weiter als die Lehrdifferenzen, die einmal den lutherisch-reformierten Gegensatz begründet haben.

 

Es wird Aufgabe der gemeinsamen theologischen Arbeit sein, die Wahrheit des Evangeliums gegenüber Entstellungen zu bezeugen und abzugrenzen.

 

Organisatorische Folgerungen

Durch die Erklärung der Kirchengemeinschaft werden kirchenrechtliche Regelungen von Einzelfragen zwischen den Kirchen und innerhalb der Kirchen nicht vorweggenommen. Die Kirchen werden jedoch bei diesen Regelungen die Konkordie berücksichtigen.

Allein gilt, daß die Erklärung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und die gegenseitige Anerkennung der Ordination die in den Kirchen geltenden Bestimmungen für die Anstellung im Pfarramt, die Ausübung des pfarramtlichen Dienstes und die Ordnungen des Gemeindelebens nicht beeinträchtigen.

Die Frage eines organisatorischen Zusammenschlusses einzelner beteiligter Kirchen kann nur in der Situation entschieden werden, in der diese Kirchen leben. Bei der Prüfung dieser Frage sollten folgende Gesichtspunkte beachtet werden:

Eine Vereinheitlichung, die die lebendige Vielfalt der Verkündigungsweisen, des gottesdienstlichen Lebens, der kirchlichen Ordnung und der diakonischen wie gesellschaftlichen Tätigkeit beeinträchtigt, würde dem Wesen der mit dieser Erklärung eingegangenen Kirchengemeinschaft widersprechen. Andererseits kann aber in bestimmten Situationen der Dienst der Kirche um des Sachzusammenhanges von Zeugnis und Ordnung willen rechtliche Zusammenschlüsse nahelegen. Werden organisatorische Konsequenzen aus der Erklärung der Kirchengemeinschaft gezogen, so darf die Entscheidungsfreiheit der Minoritätskirchen nicht beeinträchtigt werden.

 

Ökumenische Aspekte

Indem die beteiligten Kirchen unter sich Kirchengemeinschaft erklären und verwirklichen, handeln sie aus der Verpflichtung heraus, der ökumenischen Gemeinschaft aller christlichen Kirchen zu dienen.

Sie verstehen eine solche Kirchengemeinschaft im europäischen Raum als einen Beitrag auf dieses Ziel hin. Sie erwarten, daß die Überwindung ihrer bisherigen Trennung sich auf die ihnen konfessionell verwandten Kirchen in Europa und in anderen Kontinenten auswirken wird, und sind bereit, mit ihnen zusammen die Möglichkeit von Kirchengemeinschaft zu erwägen.

 

Diese Erwartung gilt ebenfalls für das Verhältnis des Lutherischen Weltbundes und des Reformierten Weltbundes zueinander.

Ebenso hoffen sie, daß die Kirchengemeinschaft der Begegnung und Zusammenarbeit mit Kirchen anderer Konfessionen einen neuen Anstoß geben wird. Sie erklären sich bereit, die Lehrgespräche in diesen weiteren Horizont zu stellen.

 

Quelle: https://archiv.ekd.de/glauben/grundlagen/leuenberger_konkordie.html

8. Christliche Sondergemeinschaften

8.1.      Einführung

Als christliche Sondergemeinschaften werden Vereinigungen bezeichnet, die zwar christliche Elemente aufweisen, aber gleichzeitig durch stark ausgeprägte Sonderlehren auffallen, sodass sie von Ökumenischen Rat der Kirchen (s. Kapitel VII) nicht als christliche Kirchen anerkannt werden. Im Folgenden werden drei der bedeutendsten Sondergemeinschaften näher beschrieben, geordnet nach der Zeit ihrer Entstehung. Für gewöhnlich zeigen diese Sondergemeinschaften aufgrund ihres ausgeprägten Exklusivitätsverständnisses keinerlei Interesse an ökumenischen Beziehungen.

 

8.1.1.     Mormonen

Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (HLT), umgangssprachlich „Mormonen“ genannt, verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 15 Millionen Mitglieder. Begründet wurde sie durch Joseph Smith (1805 – 1844), der 1820 von seiner ersten Gotteserscheinung berichtete. Gott habe ihn angewiesen, eine neue Kirche zu gründen, da die Bekenntnisse der übrigen Kirchen falsch seien. Ein paar Jahre später habe ein Engel dem jungen Joseph jahrhundertealte goldene Platten gegeben, die er niemandem zeigen dürfe. Da Smith kaum lesen und schreiben konnte, geschweige denn fremde Sprachen beherrschte, erhält er zusätzlich magische Kristalle als „Prophetenbrille“, die er sich vor Augen hält und so die Platten übersetzen kann, indem er sie, hinter einem Vorhang verborgen, einem Freund diktiert. So entsteht die Offenbarungsschrift „Das Buch Mormon“, von dem die Mormonen ihren Namen haben, und das als weitere Offenbarungsquelle neben der Bibel betrachtet wird. Smith achtete sehr darauf, dass niemand die Tafeln je zu Gesicht bekam, während er sie übersetzte. Nachdem der mit der Übersetzung fertig war, gab er sie dem Engel zurück.

 

Auf dieser Grundlage gründete sich am 6. April 1830 die neue Gemeinde. Mormonen sehen darin die „Wiederherstellung“ der untergegangenen Urkirche in den „letzten Tagen“ vor der Wiederkunft Christi. Besonders attraktiv erschien vielen Anhängern die besondere Verbindung zu ihrer nationalen Identität. Laut dem Buch Mormon waren einige Israeliten im 6. Jahrhundert v. Chr. nach Amerika gekommen und hatten sich dort niedergelassen. Später erschien ihnen Jesus (nach seiner Himmelfahrt), predigte das Evangelium, bestimmte zwölf Apostel und fuhr ein zweites Mal gen Himmel. In Amerika hatte auch der Garten Eden gelegen, und hier sollte die Wiederkunft Christi stattfinden.

Im Laufe der nächsten Jahre zogen die Mormonen, die nicht selten in Konflikt mit der übrigen Bevölkerung standen, immer weiter nach Westen. 1847 errichten sie mitten in der Wüste die Stadt Salt Lake City und gründeten den späteren Staat Utah. Besonders problematisch war, dass Smith die Polygamie lehrte, die in den USA unter Strafe stand. Erst 1890 wurde diese Lehre aufgegeben, so dass Utah ein US-Bundesstaat werden konnte. Bis heute bildet Utah das Zentrum des weltweiten Mormonentums.

Ein auffälliges Element mormonischer Glaubenspraxis stellen die Jenseitsrituale dar. So praktiziert die HLT beispielsweise die stellvertretende Taufe für die Toten. Da es nach mormonischem Verständnis zwischen der Urkirche und ihrer Wiederherstellung im Jahre 1830 keine heilsvermittelnde Kirche gab, wird diese Taufe als für jene notwendig erachtet, die in dieser Zeit lebten. Sie wird stellvertretend an einem Nachfahren vollzogen.

Die mormonische Anthropologie trägt eine unverkennbar gnostische Prägung. Menschen leben vor ihrer Geburt als Geistwesen bei Gott. Die vorübergehende Existenzform auf Erden dient der Bewährung unter den Bedingungen der Leiblichkeit, bei der man durch Gesetzesgehorsam Fortschritte erzielen kann. Diese Entwicklung des Einzelnen ist Teil des ewigen Fortschritts, den die ganze Schöpfung und auch Gott selbst durchlaufen. Dieser Fortschritt des Menschen geht nach dem Tod weiter. Im Endgericht entscheidet der Entwicklungsstand darüber, in welche von drei Stufen der Herrlichkeit man eingehen wird. Theoretisch kann der Mensch diese Fortschrittsentwicklung sogar fortsetzen, bis er selbst zum Gott wird – so wie sich auch der Gott der Bibel auf diese Weise einst aus einem Menschen entwickelte. „Wir glauben an einen Gott, … dessen Vollkommenheit im ewigen Fortschritt besteht, an ein Wesen, das Seinen erhöhten Stand erreicht hat auf einem Wege, auf dem jetzt seine Kinder vorwärts schreiten dürfen … Wie der Mensch jetzt ist, war einst Gott; und wie Gott jetzt ist, kann der Mensch einst werden.“

In ethischer Hinsicht zeichnen sich Mormonen durch eine strenge Askese aus (kein Kaffee, Tee, Alkohol, Tabak, kein Sex vor der Ehe). Zentral ist außerdem die Betonung der Familie: Für Männer ist Familiengründung religiöse Pflicht, und jeden Montag ist weltweit Familienabend, d. h. die ganze Familie soll Zeit zusammen verbringen. Mormonen sind (in den USA) überdurchschnittlich gebildet und werden unterdurchschnittlich oft kriminell. Sie leben in einer Atmosphäre des Wertkonservatismus und Fortschrittsoptimismus.

 

8.1.2.     Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas verfügen nach eigenen Angaben über 8,3 Millionen (2016) Mitglieder, in Deutschland sind es ca. 166.000. Die Zentrale befindet sich in Warwick (New York). Ihr Name leitet sich aus dem Buch Jesaja (43,10) ab.

Die Zeugen Jehovas gehen auf Charles Taze Russell (1852–1916) zurück, der von dem unmittelbar bevorstehenden Weltende überzeugt war. Zunächst erwarteten er und seine Anhänger das Weltende für 1872/73. Als dieser Zeitpunkt verstrichen war, legte man sich auf das Jahr 1874 fest. Nachdem sich die Wiederkunft Christi auch dann nicht ereignet hatte, gründete Russell einen eigenen Bibelstudienkreis. Ab 1879 gab er eine Zeitschrift heraus, die später den Namen „Wachtturm“ erhielt. Es entstanden erste Lesezirkel („Ernste Bibelforscher“). Russell wollte überkonfessionell wirken und plante, etwa im Gegensatz zu Joseph Smith, keine neue Kirchengründung. Er steckte sein nicht geringes Vermögen in das von ihm gegründete Verlags- und Missionswerk, den Vorläufer der heutigen „Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania“, die Wachtturm-Gesellschaft (WTG).

Nach Russells Tod übernahm Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) die Leitung der Bewegung und machte sie zu dem, was wir heute als die Zeugen Jehovas kennen. Er zwängte die nur lose miteinander verbundenen Versammlungen in eine straff geführte Organisation, die ursprünglichen demokratischen Strukturen wurden aufgelöst. Rutherford perfektionierte auch die bekannten Besuche von Haus zu Haus. Die Erwartung des Weltendes gehört bis heute zu den Grundfesten der Bewegung. Ein Überleben des Weltendes wird einzig den eigenen Anhängern verheißen, die sich durch fortwährende Mitarbeit zu bewähren haben.

Grundlage der Lehre bildet die Heilige Schrift in der von der WTG genehmigten Auslegung. 1950 legte die WTG erstmals eine eigene, englischsprachige Übertragung der biblischen Texte vor, die „Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift“ (NWÜ). Die mittlerweile über 73 kompletten Übersetzungen der NWÜ in andere Sprachen gehen dabei nicht von den biblischen Urschriften aus, sondern von deren englischer Übertragung. Eine der gravierendsten Änderungen in dieser Fassung besteht darin, dass an 237 Stellen der (angebliche) Gottesname „Jehova“ in den Text des Neuen Testaments aufgenommen wurde, obwohl dieses Wort im Urtext nicht vorkommt.

Die Zeugen Jehovas verstehen sich selbst als die einzig legitime „christliche, theokratische Organisation“, weshalb sie Kontakt zu Außenstehenden meist ablehnen. Umgang mit Menschen, die keine Zeugen Jehovas sind, ist für Mitglieder in der Regel untersagt. Die Lektüre kritischer Bücher gilt als verwerflich. Viele Feste (Weihnachten, Geburtstage etc.) werden als heidnisch abgelehnt. Über viele Jahrzehnte haben Jehovas Zeugen nicht an Wahlen teilgenommen, in jüngster Zeit zeigt man in hier allerdings eine gewisse Kompromissbereitschaft. Ehe und Familie werden in einer traditionell-patriarchalischen Form gelebt und geschätzt. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, das Zusammenleben ohne Trauschein und Homosexualität können zum Gemeinschaftsentzug führen. Von Eheschließungen mit Personen, die keine Zeugen sind, wird abgeraten.

Die Zeugen Jehovas sind missionarisch äußerst engagiert und verlangen diese Tätigkeit von allen ihren Mitgliedern. Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, an dem nicht missioniert wird. Auch publizistisch sind sie überaus aktiv. Die Septemberausgabe 2017 des Wachtturms beispielsweise wurde in 303 Sprachen übersetzt und in insgesamt 61 Millionen Exemplaren gedruckt. „Der Wachtturm“ ist somit die auflagenstärkste religiöse Zeitschrift der Welt.

 

8.1.3.      Neuapostolische Kirche

Die Anfänge der Neuapostolischen Kirche (NAK) gehen auf die amerikanische Erweckungsbewegung zurück, doch erfolgte die eigentliche Gründung der heutigen Organisation in Hamburg im Jahre 1863. Bis heute stammt ein Großteil des Leitungspersonals sowie der Finanzierung aus Deutschland, obwohl mittlerweile etwa 80% der Mitglieder in Afrika leben. Insgesamt hat die NAK über 10 Millionen Mitglieder, in Deutschland etwa 350.000.

Ähnlich wie die Mormonen sieht sich die NAK als Wiederherstellung der Urkirche und vertritt dementsprechend einen gewissen Exklusivitätsanspruch. In jüngerer Zeit sucht sie jedoch, anders als die beiden anderen hier genannten Gruppen, verstärkt nach Anerkennung durch die ökumenische Gemeinschaft. Einige Sonderlehren werden allerdings nach wie vor kritisch gesehen. Hierzu gehört insbesondere die Bedeutung des Apostelamtes, das im Zentrum neuapostolischer Theologie steht und der Kirche zugleich ihren Namen verleiht. Anhänger der NAK sehen das urchristliche Apostelamt in ihrer Kirche wiederhergestellt. Gegenwärtige Apostel sind demnach den biblischen Aposteln gleichgestellt und heilsnotwendig, um die Gemeinde auf die Wiederkunft Christi, die in naher Zukunft erwartet wird, vorzubereiten. Die „Versiegelung“ durch einen Apostel wird neben Taufe und Abendmahl als drittes Sakrament angesehen. Nur, wer durch einen Apostel „versiegelt“ ist, darf sich seines Heils sicher sein. Ferner verfügen die heutigen Apostel über Wissen, das den ursprünglichen Apostel noch unbekannt war. Hierzu heißt es im Katechismus der NAK:

„Darüber hinaus vermittelt der Heilige Geist dem Apostolat neue Einsichten über Gottes Wirken und seinen Heilsplan, die in der Heiligen Schrift zwar angedeutet, aber noch nicht vollständig enthüllt sind. Als wichtiges Beispiel dafür ist die Lehre von der Heilsvermittlung für Entschlafene zu nennen.“

 

Über die „Heilsvermittlung für Entschlafene“ (auch hier eine Parallele zu den Mormomen) heißt es:

„Den Auftrag Jesu, das Evangelium zu verkündigen, die Sünden zu vergeben und die Sakramente zu spenden, erfüllen die Apostel an Lebenden wie an Toten. Sie handeln an Christi statt und in seinem Namen. Wie Jesus Christus sein Opfer auf Erden brachte, so geschieht auch Heilsvermittlung durch die Apostel auf Erden. Da Sakramente stets eine sichtbare Seite haben, können sie auch nur im Bereich des Sichtbaren vollzogen werden. Die Wirkung der Sakramente als wesentliche Elemente der Heilsvermittlung ist für Lebende und Tote gleich.

Die Spendung der Heiligen Wassertaufe, der Heiligen Versiegelung und des Heiligen Abendmahls für Entschlafene geschieht, indem die jeweilige sichtbare Handlung an Lebenden vorgenommen wird. Die Heilswirkung kommt hierbei nicht den Lebenden, sondern einzig den Entschlafenen zugute.“

8.2. Quelle

Ein Auszug aus dem Buch Mormon:

 

Das Erste Buch Nephi

  1. Kapitel

Das Schiff wird fertiggestellt—Die Geburt Jakobs und Josephs wird erwähnt—Die Gruppe beginnt die Überfahrt zum verheißenen Land—Die Söhne Ischmaels und ihre Frauen beteiligen sich an Zügellosigkeit und Auflehnung—Nephi wird gebunden, und das Schiff wird von einem schrecklichen Unwetter zurückgetrieben—Nephi wird befreit, und durch sein Gebet wird der Sturm gestillt—Die Ankunft der Menschen im verheißenen Land. Um 591–589 v. Chr.

 

1 Und es begab sich: Sie beteten den Herrn an und gingen mit mir hin; und wir bearbeiteten Holzstämme auf eine gediegene Machart. Und der Herr zeigte mir von Zeit zu Zeit, wie ich die Holzstämme für das Schiff bearbeiten sollte.

2 Nun bearbeitete ich, Nephi, die Holzstämme nicht auf die Weise, wie die Menschen es lernen, noch baute ich das Schiff auf die Weise der Menschen; sondern ich baute es auf die Weise, die der Herr mir gezeigt hatte; darum war es nicht nach der Weise der Menschen.

3 Und ich, Nephi, stieg oft auf den Berg, und ich betete oft zum Herrn; darum zeigte der Herr mir Großes.

4 Und es begab sich: Nachdem ich das Schiff gemäß dem Wort des Herrn vollendet hatte, sahen meine Brüder, daß es gut war und daß dessen Machart überaus sorgfältig war; darum demütigten sie sich abermals vor dem Herrn.

5 Und es begab sich: An meinen Vater erging die Stimme des Herrn, wir sollten uns aufmachen und in das Schiff hinabsteigen.

6 Und es begab sich: Am nächsten Tag, nachdem wir alles bereitet hatten, viel Früchte und Fleisch aus der Wildnis und reichlich Honig sowie Vorräte gemäß dem, was der Herr uns geboten hatte, stiegen wir in das Schiff hinab mit unserer ganzen Ladung und unseren Samen und allem, was wir mitgebracht hatten, ein jeder nach seinem Alter; und so stiegen wir alle mit unseren Frauen und unseren Kindern in das Schiff hinab.

7 Und nun hatte mein Vater in der Wildnis zwei Söhne gezeugt; der ältere hieß Jakob und der jüngere Joseph.

8 Und es begab sich: Nachdem wir alle in das Schiff hinabgestiegen waren und unsere Vorräte und alles, was uns geboten worden war, mit uns genommen hatten, begaben wir uns hinaus auf die See und wurden von dem Wind zum verheißenen Land hin getrieben.

9 Und nachdem wir für den Zeitraum vieler Tage von dem Wind getrieben worden waren, siehe, da fingen meine Brüder und die Söhne Ischmaels und auch ihre Frauen an, sich zu belustigen, so daß sie anfingen, zu tanzen und zu singen und sehr rohe Reden zu führen; ja, sie vergaßen sogar, durch welche Macht sie bis hierher gebracht worden waren; ja, sie wurden überheblich bis zu äußerster Roheit

10 Und ich, Nephi, fing an, überaus zu fürchten, der Herr werde zornig auf uns sein und uns wegen unseres Übeltuns schlagen, so daß wir von den Tiefen des Meeres verschlungen würden; darum fing ich, Nephi, an, mit großer Ernsthaftigkeit zu ihnen zu reden; aber siehe, sie waren zornig auf mich und sprachen: Wir wollen nicht, daß unser jüngerer Bruder Herrscher sein soll über uns.

11 Und es begab sich: Laman und Lemuel ergriffen mich und banden mich mit Stricken, und sie behandelten mich mit großer Härte; doch ließ der Herr es zu, damit er seine Macht zeigen könne, auf daß sein Wort erfüllt werde, das er in bezug auf die Schlechten gesprochen hatte.

12 Und es begab sich: Nachdem sie mich so fest gebunden hatten, daß ich mich nicht bewegen konnte, hörte der Kompaß, den der Herr bereitet hatte, zu arbeiten auf.

13 Darum wußten sie nicht, wohin sie das Schiff steuern sollten; daraufhin erhob sich ein großer Sturm, ja, ein großes und schreckliches Unwetter, und wir wurden für den Zeitraum von drei Tagen auf den Wassern zurückgetrieben; und sie fingen über die Maßen zu fürchten an, sie könnten im Meer ertrinken; trotzdem banden sie mich nicht los.

14 Und am vierten Tag, da wir zurückgetrieben wurden, fing das Unwetter an, überaus heftig zu werden.

15 Und es begab sich: Wir waren nahe daran, von den Tiefen des Meeres verschlungen zu werden. Und nachdem wir für den Zeitraum von vier Tagen auf den Wassern zurückgetrieben worden waren, fingen meine Brüder an einzusehen, daß die Strafgerichte Gottes über sie gekommen waren und daß sie zugrunde gehen mußten, wenn sie von ihren Übeltaten nicht umkehrten; darum kamen sie zu mir und lösten die Fesseln, die um meine Handgelenke waren; und siehe, sie waren über die Maßen angeschwollen; und auch meine Knöchel waren sehr geschwollen, und sie schmerzten sehr.

16 Dennoch schaute ich zu meinem Gott auf, und ich pries ihn den ganzen Tag lang; und ich murrte nicht gegen den Herrn wegen meiner Bedrängnisse.

17 Nun hatte mein Vater Lehi zu ihnen und auch zu den Söhnen Ischmaels vieles gesprochen; aber siehe, sie stießen viele Drohungen gegen einen jeden aus, der für mich eintreten würde; und da meine Eltern vom Alter gebeugt waren und wegen ihrer Kinder viel Kummer erlitten hatten, wurden sie niedergeworfen, ja, selbst auf das Krankenlager.

18 Wegen ihres Kummers und vieler Sorgen und der Schlechtigkeit meiner Brüder waren sie nahe daran, aus diesem Leben zu scheiden und vor ihren Gott zu treten; ja, es war beinah so weit, daß ihre grauen Haare in den Staub gelegt wurden; ja, sie waren sogar nahe daran, voll Kummer in ein nasses Grab geworfen zu werden.

19 Und auch Jakob und Joseph, die jung waren und viel Nahrung brauchten, waren wegen der Bedrängnisse ihrer Mutter betrübt; und auch meine Frau mit ihren Tränen und Gebeten und auch meine Kinder erweichten meinen Brüdern das Herz nicht, so daß sie mich losbinden würden.

20 Und es gab nichts, außer die Macht Gottes, die ihnen mit Vernichtung drohte, konnte ihnen das Herz erweichen; darum, als sie sahen, daß sie daran waren, von den Tiefen des Meeres verschlungen zu werden, kehrten sie von dem um, was sie getan hatten; deshalb banden sie mich los.

21 Und es begab sich: Nachdem sie mich losgebunden hatten, siehe, da nahm ich den Kompaß, und er arbeitete, wie ich es wünschte. Und es begab sich: Ich betete zum Herrn; und nachdem ich gebetet hatte, legte sich der Wind, und der Sturm legte sich, und es war eine große Stille.

22 Und es begab sich: Ich, Nephi, lenkte das Schiff, so daß wir wieder nach dem verheißenen Land segelten.

23 Und es begab sich: Nachdem wir für den Zeitraum vieler Tage gesegelt waren, erreichten wir das verheißene Land; und wir gingen an Land und bauten unsere Zelte auf; und wir nannten es das verheißene Land.

24 Und es begab sich: Wir fingen an, den Boden zu bebauen, und wir fingen an, Samen zu säen; ja, wir legten all unseren Samen, den wir aus dem Land Jerusalem mitgebracht hatten, in die Erde. Und es begab sich: Er wuchs über die Maßen; und so waren wir reichlich gesegnet.

25 Und es begab sich: Als wir durch die Wildnis reisten, sahen wir, daß es in dem verheißenen Land Tiere jeder Art in den Wäldern gab, sowohl die Kuh als auch den Ochsen und den Esel und das Pferd und die Ziege und die Wildziege und allerart wilde Tiere, die dem Menschen nützlich sind. Und wir entdeckten allerart Erz, sowohl Gold als auch Silber und Kupfer.

Quelle: www.lds.org

 

9. Anhang

9.1.      Syllabus

 

9.1.1.     Kursbeschreibung

Grundlegende Kenntnisse der verschiedenen christlichen Konfessionen sind unabdingbar für die pastorale Ausbildung. Zum einen sind sie für den ökumenischen Dialog und das interkonfessionelle Miteinander notwendig. Zum anderen ist es aber auch wichtig, dass sich angehende Pastoren über Theologie und Geschichte ihrer eigenen Konfession im Klaren sind. Dieser Kurs soll beiden Zielen dienlich sein.

 

9.1.2.     Kursziele

Die Studierenden sollen

  • die unterschiedlichen Konfessionsfamilien kennen und verstehen lernen
  • Ansätze ökumenischer Theologie begreifen
  • ihre eigene konfessionelle Identität verinnerlichen

 

9.1.3.     Vorbereitende Aufgaben für den Studierenden

Lektüre der Pflichtliteratur

 

9.1.4.     Inhalte des Kurses

  1. Dierömisch-katholischeKirche
  2. Die orthodoxe Kirchen
  3. Evangelische Landeskirchen
  4. Evangelische Freikirchen
  5. Anglikanische Kirche/Altkatholische Kirche/Altlutherische Kirche
  6. Die charismatische Bewegung
  7. Fragender Ökumene

9.1.5. Leistungsnachweis

Klausur

9.1.6.     Pflichtlektüre

Johannes Oeldemann (Hrsg.), Konfessionskunde, Paderborn: Bonifatius, 2015.

 

9.1.7.     Weiterführende Lektüre

  • Hennecke, Christian, Konfession: katholisch. Eine Liebeserklärung, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2016.
  • Hülsmann, Matthias, Konfession: evangelisch. Basiswissen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 52009.
  • Körtner, Ulrich, Ökumenische Kirchenkunde, Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, 2018.
  • Larentzakis, Grigorios, Die orthodoxe Kirche: Ihr Leben und ihr Glauben, Münster: LIT Verlag,
  • McKenzie, Thomas, The Anglican Way, Nashville: Colony Catherine, 2014.
  • Zimmerling, Peter, Charismatische Bewegungen, Stuttgart: UTB, 22108.

 

9.1.8.     Zusammensetzung der Endnote

Klausur (100%)

[1] The Nature of Enthusiasm. Die deutsche Wortgruppe „schwärmen/Schwärmerei“ ist zu einem überwiegend positiven Ausdruck geworden. Der Begriff „Fanatismus“ entspricht dem von Wesley beschriebenen Phänomen.

[2] Der letzte Teil von Apg 26,24 lautet: „Das große Wissen hat dich um den Verstand gebracht.“

[3] Samuel Johnson definiert in seinem Dictionary of the English Language (London 1755) „enthusiasm“ als „A vain belief of private revelation, a vain confidence of divine favour or communication.“ („Ein eingebildeter Glaube an eine persönliche Offenbarung, ein eingebildetes Vertrauen auf eine göttliche Gunst oder Mitteilung.“) Er zitiert John Locke: „Enthusiasm is founded neither on reason nor divine revelation but rises from the conceits of a warmed or overweening brain.“ („Enthusiasmus ist weder auf Vernunft noch göttliche Offenbarung gegründet, sondern entsteht vielmehr aus den Täuschungen eines überhitzten oder überheblichen Gehirns.“), zitiert nach Albert Outler, WJW 2, 47, Anm. 11.

[4] Im Folgenden wird, um den pejorativen Gebrauch des Begriffs „Enthusiasmus“ anzuzeigen, die deutsche Übersetzung durchgehend den Begriff „Fanatismus“ (bzw. „Fanatiker“) verwenden.

[5] Martin Luther hat den Begriff „Schwärmer“ vor allem im Kampf gegen die Zwickauer Propheten, Thomas Müntzer und Andreas Karlstadt, aber auch gegen andere Spiritualisten verwendet, weil sie unter Berufung auf direkte Inspirationen durch den Heiligen Geist das „extra nos“ des Heils missachteten. Vgl. Volker Leppin, Art. Schwärmerei, TRE 30, 1999, 628f., und oben Anm. 4. Auch die Confessio Augustana (1530) verwirft in ihrem 5. Artikel diejenigen, „die lehren, dass wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene Vorbereitung, Gedanken und Werke erlangen“. – Wir wählen hier, wie gesagt, den Begriff „Fanatismus“.

[6] Im Englischen kann „taufen“ auch „to christen“ heißen, so steht hier: „they were christened“.

[7] Das Attribut „catholic“ ist hier nicht im konfessionellen Sinn gemeint, sondern als Bezeichnung für den „allgemeinen“, seit der Zeit der alten Kirche überlieferten Glauben, wie ihn auch die Kirche von England vertrat

[8] Wahrscheinlich meint Wesley damit den Fall von Dr. Thomas Emes, der ein großer Parteigänger der Bewegung der „French Prophets“ war und unter den Armen in Moorfields wirkte. Er war im Dezember 1707 gestorben und auf den Bunhill Fields, einem Friedhof für Nonkonformisten, beigesetzt worden. Im Mai 1708 prophezeiten einige seiner Freunde, er werde in einem neuen Leib sichtbar aus dem Grab erstehen, woraufhin Tausende an dem genannten Tag zum Friedhof kamen; doch es geschah nichts (weitere Quellen sind in WJW 2, 52f., Anm. 31 genannt).

[9] Vgl. Augustin: Bekenntnisse, 3. Buch, Kap. 11, 19 (Monikas Traum): „O du Gütiger, du Allmächtiger, der du Sorge trägst um jeden von uns, als sorgtest du nur für den einen, und Sorge trägst um alle, als wären sie nur einer.“ (Übersetzung von Joseph Bernhart (Hg.): Augustinus. Confessiones – Bekenntnisse. Lat./dt., Hamburg 1955)

[10] Der Ausdruck geht vielleicht auf Horaz (Epistel, I,1,76) zurück: „Belua multorum est capitum“. Wesley erwähnt das „many-headed beast“ im Tagebuch vom 26.10.1740 (WJW 19, 172). Siehe auch Anm. 49 in WJW 2,

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